Prolog

23.07.2012

Das verliebte Paar war mit sich selbst beschäftigt und beachtete keine der anderen Personen, welche um sie herumstanden. Tränen liefen über die Wangen der jungen Frau, die ein Kopftuch trug, um ihre Glatze verbergen zu können. Ihr Gesicht war übersät von roten Flecken, die sich immer bildeten, wenn sie weinte. Wie ein Schraubstock hatte sie sich an den Arm des jungen Mannes neben ihr gekrallt. Er hatte sie halb umarmt, halb blickte er zu seinem Chef, dem Bataillonsführer, der seinen wachsamen Blick über seine Kameraden schweifen ließ. Der Bataillonsführer hasste es die Familien zu trennen. Er hasste es den traurigen Blick seiner Soldaten zu sehen, mit dem sie aus den Fenstern des Busses sahen. Er hasste die Tränen auf den Gesichtern der zurückbleibenden Familien zu sehen. Vor Jahren hatte er sich von seiner Frau scheiden lassen, damit sie nicht immer wieder die sechs Monate voller Angst um ihn durchleben musste. Am meisten aber hasste er die Tatsache, dass er selbst aus diesem Kreislauf nicht rauskam.

„Sir? Wir sind vollständig. Es kann losgehen.“ Der junge Leutnant neben ihm salutierte, als der Kommandoführer ihn ansah und nickte. Einmal noch atmete er tief durch, bevor er seine Stimme über den Platz erhob:

„Kameraden, die Zeit ist gekommen. Der Bus wartet und wir wollen unsere Kameraden dort hinten nicht länger warten lassen. Verabschiedet euch und dann auf in den Bus.“ Es wurde salutiert und dann stürmten die ersten in den Bus. Es waren die jungen Soldaten, die sich nichts Besseres vorstellen konnten, als in den Krieg zu fahren und ihrem Land zu dienen, wie es ihre Väter und Großväter getan hatten. Sie hatten sich freiwillig gemeldet und waren ganz erpicht auf das große Abenteuer, welches sie erwarten würde. Der Bataillonsführer schüttelte den Kopf über so viel Naivität. Er mochte es nicht, solche Grünschnäbel mitzunehmen, denn es würde schwer werden sie zu beschützen. Auch wenn er noch nie einen seiner Soldaten drüben verloren hatte, so war es doch immer eine Herausforderung gerade die jungen Kameraden davor zu bewahren ihr Leben leichtfertig hinzuwerfen. Man brauchte nur einen Moment nicht hinzuschauen und schon liefen sie kreuz und quer über Minenfelder ohne darüber nachzudenken. Es war beinahe wie mit kleinen Kindern. Der Bataillonsführer musste bei diesem Gedanken schmunzeln. Er fühlte sich in der Tat manchmal wie der Truppenvater.

„Chris! Kommst du bitte?“, rief er dem Mann zu, der seiner Freundin beruhigt über den Rücken strich. Dem Kommandoführer war nicht entgangen, dass es Sophia schlechter ging, als noch vor ein paar Wochen, als er sie das letzte Mal gesehen hatte. Ihr Verlobter Christopher war sein bester Mann. Bereits vor zwei Jahren war er mit ihm im Einsatz gewesen. Damals war Christopher genauso ein naiver junger Bursche gewesen, wie nun die Anderen. Innerhalb der sechs Monate, die sie dort verbracht hatten, war er allerdings über sich hinausgewachsen. Der Kommandoführer hatte ihn zu schätzen gelernt und schnell war Christopher zu seiner rechten Hand geworden. Zwar war er nicht erfreut, dass Christopher nun wieder zurückmusste, aber er war etwas beruhigt. Wenn Christopher dabei war, dann würde er es schaffen alle seine Soldaten wieder heil zurückzubringen.

Gemeinsam mit der jungen Frau ging Christopher zum Bataillonsführer und sah ihn mit dem typischen Funkeln in seinen blauen Augen an.

„Sophia, wie geht es dir?“, fragte der Kommandoführer sofort und sah die junge Frau besorgt an. Diese verdrehte die Augen und schaffte es ein kleines Lächeln zustande zu bringen.

„Wie soll es mir schon gehen, Luke?“ Der Bataillonsführer seufzte. Er verstand sie nur zu gut. Wie oft hatte seine Ex-Frau ihm dasselbe gesagt. Wie oft hatte er ihr versichern müssen, dass es das letzte Mal war, dass es ihn in den Krieg zog. Es war jedes Mal eine Lüge gewesen. Der Krieg zog Luke magisch an, das Adrenalin, welches sechs Monate lang durchgängig durch seine Adern strömte, ließ ihn stärker werden, als er es sich jemals erhofft hatte. Er wuchs über sich hinaus und spannte seine körperlichen Grenzen immer weiter. Weiter, als er es je zu träumen gewagt hätte. Jedes Mal, wenn er zurückkam, wusste er, dass ihm etwas fehlte. Es fehlten ihm nicht die Gewehre oder die geheimen Operationen, die sie durchführten, um Terroristen hochgehen zu lassen. Nein, es fehlte ihm der Zusammenhalt der Truppe. Es fehlte ihm das Adrenalin, welches er selbst im Schlaf spürte und welches ihn dazu brachte über seine Grenzen zu gehen. Luke war ein Soldat mit Leib und Seele. Es war schon bei seiner Hochzeit nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er seinen Beruf, welcher für ihn wie eine Berufung war, über seine Ehefrau stellen würde.

„Musst du ihn wirklich mitnehmen?“, fragte Sophia Luke zum bestimmt tausendsten Mal. Christopher sah zu seiner Freundin und schüttelte den Kopf. Sie würdigte ihn keines Blickes, sondern verhakte ihn mit dem Chef ihres Verlobten. Dieser wandte den seinen leicht ab. Er hatte noch nie gut den Blicken selbstbewusster Frauen standhalten können.

„Ich meine es Ernst, Luke. Ich weiß nicht, wie lange ich noch habe. Die Ärzte sagen, dass er sich ausbreitet und dass es schneller vorbei sein könnte, als mir lieb ist. Musst du ihn wirklich mitnehmen?“ Luke konnte sie nicht ansehen. Er wusste, dass er der Traurigkeit und der Resignation in ihren Augen nicht standhalten könnte.

„Ich brauche ihn dort, Sophia. Ich wünschte ich könnte auf ihn verzichten, aber das kann ich diesmal nicht.“ Er versuchte ihr zu erklären, wie unentbehrlich Christopher für ihn war. Wie wichtig es war, dass er mitkam. Dieses Mal hatte er mehr Jungspunde dabei, als sonst. Er brauchte Christopher um diese im Zaum zu halten. Um sie alle gesund und munter wieder nach Hause zu bringen. Wobei gesund und munter schon ein Plus wäre.

„Süße, du hältst durch, ja? Bitte versprich es mir! Ich schreibe dir. Wir bekommen das hin. Nur du musst durchhalten!“ Christopher sah seine Freundin ernst an und sie wandte den Blick ab. Luke entfernte sich von den Beiden. Eigentlich hatte er mit Christopher die Reise durchsprechen wollen, aber er konnte dem jungen Paar nicht die letzten Minuten rauben, die sie für sechs Monate haben würden. Oder gar für immer, wenn Sophia den Krebs nicht besiegen würde.

„Christopher ich kann das nicht ohne dich. Es ist mir egal, ob Luke dich braucht. Ich brauche dich auch! Zählt das etwa gar nicht?“ Ihre Stimme klang verzweifelt und tränenerstickt. Sie schniefte und Christopher umarmte sie einmal mehr. Ihre Tränen tropften auf seine Uniform und hinterließen dort ihre Flecken, die jedoch auf dem Army-Muster nicht weiter auffielen.

„Sophia, ich muss gehen. Ich kann mich nicht weigern und das würde ich nie tun. Es ist mein Beruf.“ Er wollte die endlose Diskussion nicht erneut eingehen, weswegen er ihr einen Kuss auf das Haar drückte.

„Du fehlst mir jetzt schon“, murmelte er und umarmte sie so fest er konnte. Um nichts in der Welt wollte er sie loslassen. In solchen Momenten zweifelte er an seinem Beruf. Aber insgeheim wusste er, dass er nie etwas anderes würde tun wollen. Nichts würde ihn so glücklich und zufrieden machen, wie die Möglichkeit Soldat zu sein. Wie die Ehre seinem Land dienen zu können.

„Ich rufe dich so oft es mir nur möglich ist an, okay?“ Sophia nickte. Ihre Stimme würde brechen, würde sie versuchen etwas zu sagen. Sie atmete den Duft ihres Verlobten ein und holte schließlich das kleine Lederarmband aus ihrer Handtasche hervor. Sie reichte es Christopher ohne ein Wort zu sagen. Ihre Lippen bebten ohnehin schon. Ihre braunen Augen beobachteten wachsam, wie er den kleinen Herzanhänger in seiner Hand drehte und schließlich die Hand darum schloss.

„Danke dir vielmals!“ Seine Stimme stockte und eine einzelne Träne löste sich aus seinem Auge und rollte die Wange hinunter. Sophia strich sie weg und öffnete seine Hand, um das Armband umbinden zu können.

„Los. Geh.“ Mehr sagte sie nicht. Kein Wort des Abschieds. So wie sie es vereinbart hatten. Denn Abschiedsworte würden nur die Angst zeigen, sich nicht wiederzusehen. Abschiedsworte würden nichts bringen außer Schmerz und Angst. Abschiedsworte waren der Mörder einer jeden Fernbeziehung. Besser war es sich nicht zu verabschieden, sondern einfach zu gehen. Christopher beugte sich hinunter und küsste seine Verlobte kurz, bevor er seinen Platz im Bus einnahm. Er saß vorne neben Luke. Dieser warf ihm einen mitleidigen Blick zu und versuchte ihn zu trösten. Sophia hingegen stand zwischen all den anderen Frauen, zwischen den Kindern und ein paar Männern, die alle den gleichen Gedanken wie sie hatten Bitte komm zurück!

Sophia stand noch lange auf dem Platz in Colchester und sah auf die Straße. In die Ferne, in die der Bus verschwunden war. Sie verbot es sich an Christopher zu denken und an all die Gefahren. Erst zu Hause in ihrer Wohnung würde sie sich gehen lassen. Und morgen würde sie in die Universität gehen, sich die Vorlesung über Strafrecht anhören und anschließend in die Klinik gehen. Dann würde sie hoffen, dass der Onkologe gute Neuigkeiten hatte und in einem Monat die neue Chemotherapie beginnen. Sie würde ihr Leben versuchen zu leben und auf einen Anruf von Christopher warten. Wohlwissend, dass es lange dauern konnte, bis er sich das erste Mal melden würde. Sie würde ihm nach zwei Wochen einen Brief schreiben und von dem Studium erzählen. Er würde antworten und hoffen, dass seine Verlobte durchhielt. Beide würde nur die stumme Hoffnung verbinden, dass der andere überleben würde. Der Eine den Krieg und die Andere den Krebs.

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