Prolog

Der Regen plätschert hart gegen das Glas meines Fensters. Ich öffne es und blicke hinaus. Ich liebe Regen. Das Geräusch das entsteht, wenn die Tropfen auf den Boden treffen ist herrlich und die Berührung der Nässe auf meiner Haut ist berauschend. Irgendwie scheint mich der Regen auch zu mögen. Jedes Mal wenn ich traurig bin, beginnt es zu regnen und die belebenden Tropfen geben mir wieder Energie für das was mir bevor steht.

Ich setze mich auf die Fensterbank und strecke meine Hand nach draußen. Meinen Kopf stütze ich auf meinen Knien ab. Das ist der einzige Ort im Heim, an dem ich gerne bin. Hier bin ich nicht so unerwünscht wie an anderen Orten.

Ich hasse es hier im Waisenhaus. Ich bin nur hier gelandet, weil keiner mich haben wollte. Nicht mal meine Familie und genauso fremden Menschen. Immer muss ich zu sehen wie meine Freundinnen adoptiert werden, während ich schon lange hier bin.

Schon seit dem meine Eltern tot sind, bin ich hier. Meine Eltern wurden kaltblütig vor meinen Augen ermordet und keiner aus meiner Familie wollte mich haben. Nicht einmal, nachdem sie erfahren haben, was mit meinen Eltern geschehen ist. Keiner von ihnen hat sich für mich interessiert. Sie haben mich hier mit vier Jahren alleine vor die Tür gesetzt und geklingelt. Dann sind sie einfach verschwunden. Sie haben nicht einmal gewartet bis Jemand kommt. Sie haben einfach geklingelt und sind dann wieder abgehauen.

Hier im Waisenhaus wurde mein Leben aber auch nicht besser. Die Erwachsenen hier behandeln mich wie Dreck und geben mir das Gefühl auch nichts anderes zu sein. Sie behalten mich nur hier, weil sie dafür Geld von der Stadt bekommen. Pro Kind bekommen sie nämlich Geld. Wenn sie wenige Kinder im Heim haben, bekommen sie auch weniger Geld.

Auch der heutige Tag hat sich kaum von den anderen unterschieben, obwohl es anders sein sollte. Heute ist nämlich ein Ball im Tanzsaal des Heimes und es gab sogar einen Jungen, der mit mir dahin gehen würde, doch er hat mich einfach sitzen lassen, was die anderen natürlich merkten. Sie hatten alle eine Begleitperson, nur ich war wie immer alleine. Somit wurde ich wie immer von jedem gemobbt. So ist es jeden einzelnen Tag in meinem Leben.

Vielleicht sollte ich einfach meine Sachen packen und verschwinden, sodass es keiner merkt und mich keiner finden kann. Ich bin nämlich ausgezeichnet im Verstecken. Wieso tue ich das denn nicht einfach? Schließlich habe ich schon oft darüber nachgedacht! Ich könnte einfach aus dem Fenster klettern. Keiner würde irgendwas bemerken und der Regen würde meine Spuren verwischen und selbst wenn ich irgendwann gefunden werden würde, hatte ich wenigstens einige Tage für mich alleine. Ja, so mache ich das. Ich habe zwar Angst, dass mich irgendwer findet, aber ich muss jetzt stärker als meine Angst sein.

Ich klettere von der Fensterbank herunter und sehe mich im Raum. Was kann ich benutzen, um aus dem Fenster zu klettern? Mein Blick fällt auf das Laken meines Bettes. Auch die anderen Betten haben weiße Laken. Ich könnte sie zusammen binden und als Seil benutzen. Ja, die Idee klingt gut.

Schnell laufe ich zu meinem Schrank und nehme meinen langen Kapuzenmantel aus dem Schrank, den ich mir mit den anderen Kindern im Zimmer teile. Der Mantel ist glücklicherweise schwarz, sodass ich nicht sofort auffallen werde, wenn ich mich in der Öffentlichkeit bewege. Ich werfe den Mantel über meine Schultern und gehe als Erstes zu meinem eigenen Bett. Ich reiße das Laken hinunter und werfe es in Richtung Fensters. Das tue ich auch mit den Laken der Betten.

Als ich fertig bin, nehme ich die Laken und knote sie fest aneinander. Ich hoffe, dass die Laken mein Gewicht aushalten werden. Ich richte meinen Blick gen Himmel. Mittlerweile hat es auch angefangen zu Gewittern und hin und wieder erleuchten blaue Blitze den Himmel.

Schnell werfe ich das eine Ende des Lakenseils aus dem Fenster, während ich das andere an einem Fuß meines Bettes fest knote. Hoffentlich öffnet sich der Knoten nicht oder eines der Laken reist. Dann bin ich mausetot.

Bevor ich es mir doch anderes überlege, steige ich auf die Fensterbank und blicke hinab. Verdammt! Das ist höher als gedacht! Das Seil aus Laken reicht nicht einmal ganz bis auf den Boden, das heißt, dass ich den letzten Rest springen muss. Wenn das Glück dabei auf meiner Seite ist, schaffe ich es mir nicht alle Knochen zu brechen. Wahrscheinlich würde selbst dann nicht mal jemand kommen, um nachzusehen, ob es mir gut geht.

Ich setze mich auf die Fensterbank und lege meine Hände um das selbstgemachte Seil. Ein letztes Mal atme ich tief durch und stoße mich dann vom Fenstersims.

Schnell schlinge ich meine Hände um das Laken, sodass ich nicht ungehindert in die Tiefe stürze und mir das Genick breche. Etwa auf der Hälfte der Strecke, also etwa im ersten Stock, bleibe ich, an das Laken geklammert, in der Luft hängen.

Schnell drücke ich meine Füße gegen die Steinfassade des Hauses und klettere mithilfe des Lakens die Wand hinunter, bis das Lakenseil zu Ende ist. Noch etwa ein Meter trennt mich jetzt nur noch vom Boden.

Ich lasse das Seil los und springe hinab. Das war einfacher als erwartet. Endlich spüre ich wieder festen Boden unter meinen Füßen.

Das Leben im Waisenhaus beinhaltet nicht gerade viel Freizeit in der Natur. Eigentlich gar keine.

Der Regen durchnässt meine Kleidung in Sekundenschnelle und das laute Geräusch eines Blitzes, der irgendwo in der Nähe einschlägt, sensibilisiert meine Ohren. Schnell setze ich die Kapuze auf und schaue mich um.

Ich bin von Bäumen umgeben. Ich weiß, dass es eigentlich nicht viele sein können, doch jetzt in der Nacht, in der ich sowieso nicht so gut sehen kann wie am Tag, wirken sie viel größer und bedrohlicher. Wo soll ich jetzt hin? Ich sollte mich vielleicht in Richtung Stadt bewegen. Dort bin ich wenigstens vor Entführungen sicherer.

Früher habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, dass ich entführt werden könnte, doch in letzter Zeit häufen sich Entführungen von Jugendlichen in meinem Alter erheblich und von der Regierung wird davor gewarnt die Jugendlichen nachts alleine draußen herum laufen zu lassen. Eigentlich höre ich auf sowas nicht, da man mich ja nicht zu entführen braucht, wenn man mich wollen würde. Man könnte einfach ins Waisenhaus spazieren und mich abholen. Dieser Gedanke jagt mir einen Schauer über den Rücken. Was wenn einer der Entführer einen meiner Freundinnen aus dem Waisenhaus einfach mitgenommen hat? Ich sollte lieber aufhören darüber nachzudenken, sonst mache ich mir nur unnötige Sorgen.

Ohne weiter zu überlegen, hebe ich mein blaues Ballkleid vorne ein wenig hoch und renne in den Wald. Ich will ja nicht, dass mich jemand bemerkt. Die Abdrücke, die meine nackten Füße hinterlassen, verwischt der Regen sofort. Dafür bin ich dem Regen heute ziemlich dankbar.

Ich laufe immer weiter in den Wald hinein, zwischen den dunklen und bedrohlichen Bäumen her.

Dass mich meine Flucht in riesige Schwierigkeiten bringen würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wissen.

Brand neu für euch mein neues Buch "Water"! Lasst gerne Kommentare mit Verbesserungsvorschlägen da. Schreibt mir auch gerne eure Gedanken, die euch bei diesem Kapitel gekommen sind. 

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media