Prolog

Er, dieses kleine Kind im Altmännerkörper, das vor Ewigkeiten losgezogen war, das Fürchten zu lehren mit geschenktem Kompass in Knickerbockerhosen, von Vanilleeis verklebten Patschehändchen, forscherernsten Zahnlückenmund. Nur vor dem Essen zurück und losgestürmt. Er würde es wohl diesmal nicht rechtzeitig schaffen. Ob es gerade Viertel nach Acht war oder nicht konnte er nicht sagen. Er wusste nicht einmal ob es gerade oder gerade eben war. Heute, gestern oder morgen. Finsteres Mittelalter, ob es Computer gab oder schon wieder ein neues technisches Wunder. Er war den Tränen so nahe, dass sie ihm schon, Wasser an einem Staudamm gleich, in den Augen standen.

War es nun Viertel nach Acht? Er wollte doch Fernsehen. Ein Blockbuster zur besten Uhrzeit. Nein, nicht Er. Sie. Er krümmte sich auf dem Boden zusammen und hoffte auf Wunder. Es gibt kein Viertel nach Acht.

Sie ist alt ungefähr 80 und will ihre Lieblingsserie sehen. Der Röhrenbildschirm knistert. Der Tee ist fertig. Während sie die Intromusik mitsummt, vergisst er seinen ersten Kuss, während sie über einen brillianten Schlagabtausch im Dialog lacht, verliert er seinen Hund zum zweiten mal, sie himmelt den Doctor an, Er weiß nicht mehr, dass er krank ist. Sie löscht alles. Er heißt Violett. Sie. Violett sitzt in ihrem Sessel, es ist 1968. Heute: The Web of Fear. Eine ihrer Freuden. Draußen grüßen sich Nachbarn. Eine der guten Episoden. Der Zucker ist leer, Violett angelt nach einem Notizblock und notiert in geschwungener Handschrift, er zuckt. Violett schreckt hoch. Er hat so Angst. Etwas hat sich verändert. Da kauert etwas in der Ecke. Die alte Dame trippelt zum Lichtschalter, doch das fade Licht vom Fernseher reicht nicht aus. Es steht halb auf. Der Plattenspieler neben der Tür nimmt Schaden. Violett am Schalter, er an der Vitrine.

Ein Mädchen im Cottage.

Es hockt in der Ecke, Blut fließt auf den Teppich. Sie rappelt sich hoch. Sie geht vorsichtig auf Violett zu. Violett ist friedlebend. Violett hat zu viel Tod gesehen um zu wüten. Sie ist nicht in Gefahr. Sie war. Er zittert. Das Mädchen strauchelt. Warum ist es verletzt? Er weiß es nicht. Violett kennt das Mädchen nicht. Es kriecht an Violett vorbei, also treten er und Violett beiseite. Da ist ein Junge. Der Junge hilft. Violett drückt sich an die Wand. Der Junge hat eine Kapitänsmütze auf. Violett will gehen. Besser jetzt, wo die Chancen besser sind, sonst sinkt alles mit ihr.

Der Rothaarige stützt das Mädchen. Es betritt die Küche. Er weint jetzt doch. Er weiß nichts, nur was kommt. Er ist hier. Er ist im jetzt. Violett ist Geschichte. Violett blickt den Jungen flehend an. Fixiert die zerkratzten Sterne auf der Mütze. Er verhindert es sicher. Das Blutmädchen verschwindet in ihrer Küche. Violett weint. Warum? Sie hat keine Angst, aber er. Das Mädchen hat das Messer aus dem Küchenblock genommen. Sie kommt auf Violett zu. Er kann nicht fliehen. Er konnte nie. Er sah das Mädchen an, sie blickte zurück und warf das Messer, er war im jetzt, er war überall, im Mittelalter, bei Computern und abgelenkt. Alles wurde hell. Violett sitzt in ihrem Sessel, trinkt Tee und sie kichert ein bisschen über ihre Serie.

Er sieht Licht. Und geht darin auf. Und mit allem anderen vergeht auch sein letzter Gedanke, der seinem Enkel gilt, die Erinnerung an seine Reise und all der Schmerz.

Er ist nun nicht mehr.

Kommentare

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    Das ist mal was anderes. Bin gespannt wie du es fortfürst (falls du dies machst) :)

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    schonmal interessant! bin gespannt auf mehr

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Feenstaub

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