Prolog

Komm, mein goldenes Seelchen.

Es ist Zeit, der Welt ins Gesicht zu sehen.


Verdammt, sie fressen mich bei lebendigem Leibe auf!

Dies war ihr einzig klarer Gedanke, der sich noch einen Weg durch die schier unerträgliche Hitze des lodernden Feuers zu kämpfen vermochte, dessen rotgolden glühendes Flackern längst die ganze Welt um sie herum verschlungen zu haben schien. Doch hungrig war es noch immer, und offenbar hatte es sich seine nächste Mahlzeit bereits ausgesucht: Es wollte sie!

Leckend kosteten die Flammen ihre Haut und waren höchst zufrieden mit ihrer Wahl, fanden von Sekunde zu Sekunde immer mehr Gefallen an ihr. Tiefer und tiefer gruben sie ihre scharfen, glimmenden Zähne in ihr Fleisch, begannen zu nagen und zu reißen. Voller Verzweiflung warf sie sich hin und her, wollte den brennend-kochenden Kannibalen von sich schütteln, der sich ihren Körper vollends einzuverleiben begann, wollte schreien und kreischen, um ihn in die Flucht zu schlagen, doch allesamt war es vergebens. Sie wurde es nicht los. Nein, ganz im Gegenteil krallten sich die Flammen nur noch stärker an ihr fest, je mehr sie sich ihnen verwehrte, und wirkten eisern entschlossen, die einmal gefasste Beute nicht eher wieder herzugeben, bis am Ende nur noch Asche von ihr übrig war.

Der beißende Gestank brennenden Haares und verkohlenden Fleisches kroch nach und nach in ihr Bewusstsein, und als ihr gewahr wurde, dass es ihr eigenes, schwelendes Leben war, das sich stinkend vor ihr in Rauch auflöste, entrang sich ein zitternd erstickter Schrei ihrer Kehle, der jedoch mehr einem lebendig gewordenen Röcheln gleich war denn einem echten Ton. Sie schrie, bis ihre Stimmbänder im Feuer verglühten, und mitsamt ihrer Stimme verabschiedete sich auch ihr Verstand, stob einem aufgescheuchten Schwarm schwarzer Krähen gleich davon, der sich vor einer glutroten Sonne gen Himmel erhob, um für immer in düsterem Nichts zu verschwinden.

Schon lange wusste sie nicht mehr zu sagen, wo oben und wo unten war, fühlte sich gleichsam durch tonnenschwere Lasten zu Boden gedrückt und mit Leichtigkeit in die Luft geschleudert. Zeitgleich nahm ihr dicker, schwarzer Qualm endgültig den Atem. Die kochende Luft bahnte sich zäher Lava gleich den Weg hinab in ihre Lungen und erfüllte diese mit nichts als Schmerz. Die grelle Hitze hatte sie blind gemacht, das tosende Knistern des wütenden Loderns sie taub werden lassen. Es führte kein Weg daran vorbei, die unaufhaltsame Gier des durch und durch hungrigen Feuers fraß sie voll und ganz auf, zerkaute sie zu dunklem Rauch und würde in Bälde ihre spärlichen Überreste in Form kleinster, glimmender Kohlen in die rußschwarze Nacht hinausspucken.

Eine letzte, nicht enden wollende Sekunde, in der ihr Körper von bohrender, alles zerreißender Pein geschüttelt wurde, verging schließlich doch, und mit einem Mal war plötzlich nichts mehr. Alle Qual, alles Sterben, alles unnachgiebige Auslöschen jeglichen Lebensfunkens wurde völlig unvermittelt und wie von fremder Hand ausgeblendet, woraufhin sie eine erlösende, beinahe körperlich fühlbare Stille umfing, in der jene rettende Macht sie einsam schwebend sich selbst überließ. Irgendwann - ob inzwischen Ewigkeiten oder Augenblicke vergangen waren, wagte sie nicht einmal zu vermuten - tauchte ein winziges weißes Licht vor ihr auf und blendete ihre zuvor leblosen Augen. Sie blinzelte verwundert, betrachtete voller Neugier das stecknadelgroße, friedvolle Glimmen und sah zu, wie es nach einer Weile erst langsam und dann immer schneller zu wachsen begann. Es wurde größer und größer, streckte seine sanft strahlenden Finger nach ihr aus, und als es sie endlich erreichte, sie mit seiner milden Kühle berührte, stürzte sie jäh in die Tiefen des urreinen Scheins hinab und damit hinein in einen rasenden Strudel jahrtausendealter Erinnerungen.

Plötzlich wusste sie alles.

Und wusste nichts.

Derweil wurde das weiße Glühenstetig greller, und sein rhythmisches Pulsieren nahm mehr und mehr zu, bis esam Ende schweigend explodierte. Nur Sekundenbruchteile später spürte sie, wiesie auf etwas Hartem aufschlug, aber so durchdringend die Wucht ihres Aufprallsauch war, sie durchlebte nicht einmal mehr den geringsten Schmerz. Sie hatte esendlich hinter sich. Es war ganz und gar vorbei.


Kommentare

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    Ich bedanke mich jetzt mal bei allen! ;-) Also, ganz vielen lieben Dank an euch! Erstens für die lieben Willkommensworte und zweitens für euer Lob zum Prolog. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr mich das freut, dass er euch so gut gefällt. :-D Dann werde ich jetzt mal losziehen und ein Stück vom ersten Kapitel nachlegen ...

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    Auch wenn das nicht so ganz mein Genre ist: Es ist toll geschrieben! Guter Stil! Schön, dass du zu uns gefunden hast! Willkommen auf Belletristica! 5/5

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    Kann mich den vorigen Kommentaren nur anschließen. Dein Schreibstil ist echt super!

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    Bitte mehr! Das war auf jeden Fall ein gelungener Einstig hier. Herzlich Willkommen auch noch von meiner Seite aus. Ich bin schon richtig gespannt wie es weiter geht :)

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    Wow! Das ist wirklich toll geschrieben! Ich war vom ersten Augenblick an gefesselt! Bin gespannt auf mehr! Herzlich willkommen bei uns! :-)

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    Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal eine so bildhafte Beschreibung des Verbrennens bei lebendigem Leibe lesen würde :D Ich bin jetzt auf jeden Fall für mehr von dir angefixt ;-)

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    "Verdammt, sie fressen mich bei lebendigem Leibe auf!", selten so einen spannenden Einstieg gelesen, und auch sonst hast du einen tollen Stil! Ganz herzlich willkommen bei uns :D Ich hoffe wir kriegen noch mehr solcher Leckerbissen von dir :)

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