Prolog

Versteinert saß Hermine neben dem Krankenbett und hielt Rons Hand. Harry hatte sie alleine gelassen, nachdem Lavender zuvor wütend davon marschiert war. Die leise gemurmelten Worte von Ron, sein unterbewusstes, verzweifeltes Rufen nach ihr hatte Hermine auf den Boden der Realität zurückgeholt. Ihr war, als hätte sie seit den Weihnachtsferien in einem Traum gelebt. Draco Malfoy und sie? Ein Paar? Wo hatte sie nur ihren Verstand gelassen?

Ihr Herz krampfte sich zusammen bei dem Gedanken, dass es indirekt ihre Schuld war, dass die Flasche mit dem vergifteten Alkohol noch immer in Professor Slughorns Büro gestanden hatte. Wenn Harry nicht so geistesgegenwärtig gewesen wäre, wäre Ron jetzt tot. Und es wäre ihre Schuld gewesen. Ihre Schuld, weil sie Draco geholfen hatte, den Alkohol in das Büro zu schmuggeln. Ihre Schuld, weil sie aus den Augen verloren hatte, die Flasche zeitnah zurückzuholen.

Vor allem aber war es Dracos Schuld. Dies war nun das zweite Mal, dass sein Mordversuch gegen Dumbledore Opfer unter den Schülern gefordert hatte. Er konnte noch so sehr darauf beharren, dass er keine andere Wahl hatte, dass ihm selbst Todesgefahr drohte, sein Handeln hatte andere Menschen in Gefahr gebracht – und unter anderem ihren besten Freund. Sie schämte sich, dass es erst ein Opfer in ihrem Freundeskreis gebraucht hatte, damit ihr aufging, wie wahnsinnig sie eigentlich war. Doch nun waren ihre Augen offen, sie konnte endlich wieder klar schauen. Sie wusste genau, was sie zu tun hatte.

oOoOoOo

Mit unruhigen Schritten lief Draco im Raum der Wünsche hin und her. In seiner geballten Faust war ein zerknittertes Stück Pergament, der kurze Brief, den er am Mittag von Hermine erhalten hatte. Sie hatte sich kurz gehalten mit ihrer Aufforderung, dass sie sich heute Abend hier treffen sollten. Auffällig kurz. Ihm schwante Furchtbares. Natürlich hatte er mitbekommen, dass Weasley irgendwie einen Liebestrank zu sich genommen hatte, dass Potter ihn zu Slughorn gebracht hatte – und dort ausgerechnet die Flasche mit dem vergifteten Alkohol geöffnet worden war. Er hatte sofort gewusst, dass das nicht gut war. Gar nicht gut.

Die Tür wurde schwungvoll aufgestoßen und eine offensichtlich aufgebrachte Hermine Granger trat ein. Draco versuchte gar nicht erst, sie freundlich anzulächeln.

„Ich muss wahnsinnig gewesen sein!“, fuhr sie ihn ohne Umstände an, während sie sich mit in die Hüfte gestemmten Fäusten vor ihm aufbaute. Es war erstaunlich, wie eine Frau, die so viel kleiner war als er, es trotzdem schaffte, ihn von oben herab anzuschauen.

„Hermine…“, setzte er vorsichtig an, doch sofort wurde er unterbrochen.

„Halt die Klappe, Malfoy“, schnappte sie: „Weißt du eigentlich, was du hier im Schloss anrichtest? Hier geht es nicht mehr um Dumbledore, hier geht es um einfache Schüler, die nichts mit dem Krieg zu tun haben. Deine halbherzigen Versuche, deinen Auftrag auszuführen, bringen uns alle in Gefahr. Merkst du das eigentlich?“

Frustriert ließ sich Draco rückwärts gegen die Wand fallen, die Arme vor der Brust verschränkt: „Was willst du hören? Ich habe dir mehr als einmal erklärt, wie meine Situation aussieht. Du wusstest doch von Anfang an, wo ich stehe und was ich tun muss.“

„Jetzt bin ich selbst schuld, oder was?“, Hermine schrie beinah, als sie dicht vor ihn trat: „Ich habe versucht, dir zu helfen, Malfoy. Ich habe dir die Hand hingehalten, damit du aus deinem Schlamassel rauskommst. Aber du hast sie weggeschlagen. Das warst du ganz alleine.“

„Mir die Hand hingehalten?“, erwiderte Draco verächtlich. Er konnte nicht glauben, dass Hermine ihm einen Strick aus der Sache mit Weasley drehte. Sicher, er hatte es verursacht, aber sie hatte doch von Anfang an gewusst, wo er stand. Was war jetzt das Problem? Bevor er wusste, was er da sagte, fuhr er sie wütend an: „Du hast mit mir geschlafen, mehr nicht. Ich habe nicht viel von irgendeiner Hand gesehen.“

Er bereute seine Worte sofort, doch es war zu spät. Einen Augenblick lang starrte Hermine ihn nur mit offenem Mund an, dann holte sie aus und verpasste ihm eine Ohrfeige, die definitiv einen Abdruck hinterlassen würde.

„Du bist ein Arschloch, Draco Malfoy! Sei froh, dass Ron nicht wirklich was passiert ist, sonst würde ich jetzt direkt zu Dumbledore gehen!“

Langsam senkte Draco seinen Blick. Er wusste nur zu genau, was hier gerade geschah. Hermine Granger war kurz davor, ihm den Rücken zuzukehren, ihn zu verlassen, ihn aufzugeben. Und er wusste genauso, dass er das nicht hinnehmen konnte. Er brauchte sie. Der Gedanke, dass er sie nie wieder sehen würde, zumindest nicht unter vier Augen in diesem vertrauten Kontext, schmerzte beinahe körperlich. Sein Atem beschleunigte sich. Er brauchte sie. Er brauchte ihren unerschütterlichen Glauben an ihn.

„Geh nur zu deinem geliebten Wiesel, den wolltest du doch eh haben, nicht wahr? Oder lieber Potter? Oder beide? Hauptsache, es ist ein Held in strahlender Rüstung, nicht wahr? Ein Gryffindor, der niemals vom Weg der Tugend abweicht. Ich wette, die beiden wären nur zu bereit, dich zu teilen“, ätzte er voller giftiger Verachtung. Wo kamen diese Worte nur her? Das war nicht, was er sagen wollte. Ganz im Gegenteil!

Tränen erschienen in Hermines Gesicht, doch sie verlor nichts von ihrem Zorn: „Werd‘ erwachsen, Malfoy.“

Mit diesen Worten drehte sie sich tatsächlich um und stampfte wütend auf den Ausgang zu. Er musste sie aufhalten, er musste das grade rücken, sonst wäre alles für immer verloren.

„Hermine, warte! Bitte!“

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