Prolog

Das Telefon klingelte schon eine ganze Weile, bevor die Gestalt im zerwühlten Bett sich endlich regte. Sie gab ein dumpfes Stöhnen von sich, gefolgt von einem gemurmelten Fluch und richtete sich in Zeitlupe auf. Zu Tage kam ein großer, kräftiger Mann mit zerzausten, schulterlangen pechschwarzen Haaren, einem seit mindestens vier Tagen nicht mehr rasierten Gesicht und dem verquollenen Aussehen eines Menschen, der seit geraumer Zeit die Nacht zum Tage gemacht hatte und dessen Kondition nun am Ende war. Der ehemals dunkle gesunde Hautton eines Südeuropäers war zu einem fahlen Grau verblasst. Selbst die schwarzen Haare auf der breiten, muskulösen Brust wirkten ausgeblichen und ließen die Goldkette, die verdreht um den Hals hing und sich in den Haaren verfangen hatte, wie ein Überbleibsel aus besseren, gesünderen Zeiten wirken.

Der Mann fluchte nach wie vor und tastete nach dem Telefon, verzog dabei schmerzvoll das Gesicht und ließ das Schrillen doch noch ein paar Atemzüge über sich ergehen. Der Schmerz in seinen Eingeweiden war einfach zu stark, immer noch, nach so vielen Tagen. Diesmal hatte man ihn wirklich übel erwischt und er schwor zwischen allem Ächzen und Stöhnen Rache. Dann konzentrierte er sich wieder auf das Telefon und unterdrückte den Ärger, der nun ihm aufstieg, da der Anrufer es wagte, seit bestimmt vier Minuten nicht aufzulegen. Die roten Ziffern seines Weckers zeigten 04:51 an.

Mit einem dunklen Ächzen hob er den Hörer ab und ließ sich zurück ins Bett fallen. Geistesabwesend kratzte er sich im Schritt, schnaufte ins Telefon und signalisierte dem Anrufer damit, dass abgenommen worden war.

»Nicholas?«

Wach auf, befahl er seinem Hirn, wach auf!

Die Stimme, eine Frauenstimme, redete schnell weiter, bevor er auch nur irgendetwas sagen konnte. Es schien wichtig zu sein, Sprachgeschwindigkeit und Intonation verrieten es ihm, ohne dass er bewusst drauf achtete - und sein Unterbewusstsein schien schneller zu sein als er. Mit einem plötzlichen Adrenalinschub wurde er hellwach, richtete sich auf, schwang die Beine herum und presste den Hörer fester ans Ohr.

»Linda?« Das tiefe Atmen am anderen Ende der Leitung bestätigte ihn in seiner Vermutung. Die Frau hatte sich seit Jahren nicht mehr bei ihm gemeldet. Er war tatsächlich überrascht, dass sie diese Nummer kannte, doch er wusste gut, wie hartnäckig sie sein konnte, wenn sie etwas bekommen wollte, und wenn es nur seine private Telefonnummer gewesen war.

Sein Körper fing an zu kribbeln, die Schmerzen wurden verdrängt, die Helligkeit der Lampe, die er mit einem ungezielten Patschen anschaltete, tat das Übrige.

»Jetzt noch mal langsam – was willst du, Linda?«

»Oh, ich … Wie geht es dir?«, fragte sie gekünstelt fröhlich, und er konnte sich ihr angespanntes Gesicht plötzlich wieder bildlich vorstellen, als würde allein ihre Stimme Bilder und Erinnerungen in ihm hochspülen: Das nervöse Kratzen an der Nase, die sonst so strahlenden blaugrünen Augen klein und verkniffen, die freie Hand unruhig zappelnd.

»Lin, du hast mich nicht deshalb angerufen, also – was ist los?«

Die Frau lachte nervös. Irgendetwas fiel herunter und sie fluchte laut und vulgär, schien nach dem Ding zu treten, das heruntergefallen war und hielt hörbar die Luft an, als müsse sie sich zwingen, wieder zur Ruhe zu kommen.

Nicholas war von einer Sekunde zur anderen wie elektrisiert. Alle seine Sinne schienen gleichzeitig wach zu werden, denn Linda war kein Typ, der sich durch Kleinigkeiten aus dem Konzept bringen ließ. Das hatte sie sich im Laufe vieler, vieler Jahre abgewöhnt. Er strich sich seine dunklen Haare aus dem Gesicht und stellte fest, dass die Delle an seinem Schädel kaum mehr zu spüren war.

»Linda, komm schon, was ist los?«, zischte er und fragte sich, warum er mit einem Mal selbst so nervös war.

Schließlich fing die Frau an zu sprechen und an dem tiefen Atmen, als hole sie verdammt viel Luft für verdammt viel Gerede, ahnte Nicholas, dass seine Nacht wohl vorbei war.

»Ich … Nicholas, ich war unvorsichtig. Ich dachte, nach so langer Zeit hätte man mich aus den Augen verloren, aber … Ich habe Angst.«

Nicholas schnaubte trocken. »Du? Angst? Wenn dich jemand verfolgt, mach ihn fertig! Da weiß wohl jemand nicht, mit wem er sich angelegt hat!«

Seine Freundin antwortete ein paar Atemzüge lang nicht. Schließlich kam ein tiefer Seufzer, der seine Alarmglocken schrillen ließ. Er wusste, dass er keine große Begabung fürs Hellsehen hatte, mal eine flüchtige Ahnung hier und da, doch nun schien sich eine dunkle Wolke direkt über ihm zusammenzubrauen. Das Licht wurde schwächer, er fröstelte und sein Herz schlug unnatürlich laut. Er schüttelte sich unbehaglich und konzentrierte sich lieber aufs Gespräch.

»Ich meine es ernst, Nicholas. Ich brauche deine Hilfe und zwar schnell. Setz dich in dein Auto und komm her. Ich werde dir meinen größten Schatz übergeben und du wirst ihn hüten. Mehr verlange ich nicht.«

»Schon mal an ein Bankschließfach gedacht? Schließ ihn ein!«»Sie, Nicholas. Es ist eine sie

Er schnappte nach Luft. »Ich soll auf eine Person aufpassen? Bist du wahnsinnig? Wenn die Frau dein größter Schatz ist, warum taucht deine Geliebte dann nicht mit dir zusammen unter? Himmel, Linda, du gehst mir allmählich auf den Geist!« 4

 

»Nein, es ist nicht … Nicht wie damals … Verdammt, Nicholas, ich habe ein Kind.«

Ein ungläubiges Ploppen entwich aus seinem Mund. »Ein Kind? Du?« Er sprang auf, trat nach seiner Bettdecke, die sich um seine Füße gewickelt hatte und lief auf und ab, während er versuchte, eine Wasserflasche mit einer Hand aufzudrehen und unaufhörlich murmelte, dass er Linda nicht für ganz dicht hielt.

»Wem hast du es gestohlen, Linda? Welche Mutter hast du unglücklich gemacht?« Er konnte nicht verhindern, dass er sie fast anschrie. Dazu kannte er Linda zu lange und zu gut, um zu wissen, zu was sie fähig war.

»Nein, Nicholas, so ist es nicht … Ich kann es dir nicht am Telefon erzählen. Komm her, bitte!«

»Um dann was genau zu tun? Das Kind mitzunehmen, damit du ungestört untertauchen kannst?«

Lindas Stimme wurde schlagartig ruhig, beinahe eiskalt, als sie weitersprach. »Wie gut, dass du mir noch etwas schuldig bist. Setz dich in dein Auto und fahr los. Triff uns da, wo wir unseren letzten Sommer verbracht haben, okay?«

Nicholas atmete ein paarmal tief ein und aus, trank einen Schluck aus der besiegten Wasserflasche und wog seine Chancen ab, aus der Sache rauszukommen. Er konnte einfach auflegen und ihr ein schönes Leben wünschen, doch Linda würde sich damit nicht abspeisen lassen. Wenn diese Frau eine Schuld einforderte, meinte sie es ernst. So war es schon immer gewesen.

»Ich werde etwa fünf Stunden brauchen. Und wenn ich ankomme, will ich ein ordentliches Frühstück haben.«

Fünf Stunden und zwanzig Minuten später parkte er seinen altersschwachen Ford vor einem unauffälligen Bungalow mit kleinem Garten, direkt hinterm Deich und etwa sieben Gehminuten vom Strand entfernt. Das Haus stand am Rand eines winzigen Örtchens gegenüber der Ostfriesischen Inseln: Im Sommer von Touristen überschwemmt und ab Herbst ausgestorben. Genau diese Jahreszeit kündigte sich an und so fand er ohne Probleme einen Parkplatz, ging betont entspannt über den mit hässlichem Waschbeton ausgelegten Weg zur Haustür, klingelte und stand seit sechs Jahren zum ersten Mal wieder der Frau gegenüber, die ihn noch kurz zuvor aus dem Schlaf gerissen hatte.

»Linda.«

»Komm rein!«, lächelte sie ihn freundlich an und trat zur Seite. »Du siehst gut aus!«, verteilte sie Komplimente und Nicholas gab es ebenso zurück, denn es stimmte: Linda war eine schöne Frau, die nicht viel Aufhebens drum machte. Ihre braunen Haare trug sie zum Pferdeschwanz gebunden, so dass ihr feines Profil zur Geltung kam. Sie hatte blaugrüne Augen, die ihn anstrahlten, und Nicholas vergaß für einen Moment, dass er mit einem mehr als unguten Gefühl hierher gefahren war.

»Tim?«, rief sie und ein unglaublich großer Mann kam gebückt durch die Gartentür herein. Er hatte perfekte weiße Zähne, blonde Locken und einen sauber gestutzten Dreitagebart – und Nicholas fühlte sich kurz wie ein hässlicher kleiner Gnom, auch wenn er an sich keinen Grund mehr dazu hatte. Der angegraute, schmuddelige Typ war gleich nach dem Aufstehen im Abfluss der Dusche verschwunden. Seine Haare waren mit Pomade zurückgekämmt und glänzten blauschwarz, sein Bart war sauber in Form gestutzt, sein Körpergeruch verschwunden und durch teures Aftershave ersetzt, seine Kleidung war sauber und ordentlich. Lediglich sein eigenes Körperempfinden war noch nicht hinterhergekommen und auch die fahle Haut verriet, dass er einen nicht allzu gesunden Lebensstil gepflegt hatte.

»Sie müssen Nicholas sein? Linda sagte, Sie seien zufällig in der Gegend und hätten sich spontan dazu entschlossen, uns zu besuchen? Willkommen!«

Nicholas erwiderte den Gruß, stellte irritiert fest, dass er zu dem großen blonden Mann aufsehen musste, versuchte den Strahlemann sympathisch zu finden und tauschte einen schnellen Blick mit Linda, die ihm damit bestätigte, was er vermutete – Tim wusste von nichts. Von gar nichts.

»Schatz, ich muss noch mal los, es gibt irgendein Problem an den Rohrleitungen zum Hafen. Bin in zwei Stunden zurück.«

Linda lächelte ihren Mann an, küsste ihn lange und wie Nicholas fand, deutlich zum Abschied und winkte ihm an der Tür hinterher.

»Hübscher Kerl!«, bemerkte er, als Tim weg war und betrachtete Linda eingehend. Ein paar müde Fältchen um die Augen herum, ein hektisches Flackern in den Augen … »Und jetzt sag mir, was los ist. Ich bin nicht über fünf Stunden gefahren, um hier Smalltalk zu halten.«

Linda seufzte. »Natürlich nicht.« Sie deute mit dem Kopf zur Gartentür. »Komm mit. Sie ist draußen.«

Sprachlos ließ er sich eine halbe Minute später im Gartenstuhl nieder, griff zur Kaffeekanne, schenkte sich ein und trank. Dabei konnte er das Kind nicht aus den Augen lassen, zu sehr faszinierte und gruselte ihn die Tatsache, dass es schlicht da war. Seit er das Mädchen gesehen hatte, war er sich sicher, den Grund zu kennen, aus dem Linda in Schwierigkeiten war. Dieselben blaugrünen Augen, deren Form, die Nase, die ganze Gesichtsform. Den Mund hatte sie ganz eindeutig von ihrem Schönlingsvater, auch die blonden Locken, nicht ganz so hell wie die ihres Erzeugers, waren nicht von Linda. Trotzdem war das Verwandtschaftsverhältnis deutlich, viel zu deutlich.

»Linda, was geht hier vor sich? Dieses Kind …« Er nickte zu der Kleinen hinüber, die in der Sandkiste mit einer Puppe saß und spielte. »Dieses Mädchen«, zischte er leise, damit eben dieses ihn nicht hören konnte, »ist es von dir? Das kann doch nicht sein, oder? Stammt sie aus einer deiner Blutlinien?« Er wäre Linda zu gern an die Gurgel gegangen, so ruhig und lächelnd, wie sie ihm gegenübersaß.

»Sie ist meine Tochter, Nicholas. Jella Kristina ist meine leibliche Tochter.«

Er hatte keinen Augenblick Grund zu zweifeln gehabt. Dazu war es zu offensichtlich. Lautlos vor sich hin fluchend starrte er das Kind in der Sandkiste an wie eine Geistererscheinung. Solche Kinder sollte es nicht geben. Durfte es nicht geben.

»Und du hättest nicht einfach ein Kind adoptieren können, nein?«

»Ich wollte nie Kinder!«, erinnerte Linda ihn leise. »Ich habe eine Weile recherchiert, einfach aus Neugier.« Sie seufzte und warf einen vielsagenden Blick auf ihre Tochter. »Du weißt, dass ich vor langer Zeit Träume gehabt habe. Du kennst das, was man sich in unseren Kreisen erzählt von einem solchen Kind. Und du weißt auch, was die Adicten davon halten, diese blutrünstigen Irren.«

Nicholas setzte die zierliche Kaffeetasse vorsichtig ab, denn er befürchtete, sie in seinen großen Händen zerspringen zu lassen.

»Hast du irgendwie Todessehnsucht?«, wollte er leise wissen und konnte den klirrenden Unterton in seiner Stimme sogar selbst hören. Er sah Linda unnachgiebig an. »Ich meine, so richtig echte?«

»Haben wir die nicht hin und wieder alle? Seit sie auf der Welt ist, habe ich erst angefangen zu leben, Nicholas!«

»Du lebst schon eine ganze Weile, Linda!«, erwiderte Nicholas etwas hilflos, aber nicht weniger aufgebracht. Die dunkle Wolke war wieder da. Der spätsommerliche Morgen schien mit einem Mal aufzufrischen, denn es lief ihm kalt den Rücken herunter. Die Gänsehaut wollte einfach nicht weichen und er zählte sich nicht zu den Menschen, denen leicht Angst einzujagen war.

»Aber nicht so! Ich habe wieder Hunger, Lebenshunger, ich will wieder teilnehmen am Lauf der Welt! Sie ist meine Brücke!«

Ein wehmütiges Seufzen kroch seine Kehle empor. »Ich weiß, was du meinst, Linda, ich weiß es wirklich! Diese Leere, die sich so schleichend ausdehnt, ist sicher manchmal kaum erträglich. Und es ist schön, dass du wieder neue Kraft geschöpft hast, aber – weißt du, was du da getan hast?«

»Ich habe nichts getan, Nicholas, es ist passiert! So wie es seit Äonen geschieht, Kinder werden gezeugt und geboren, das ist der Lauf der Menschheit!«

»Ja, Linda, mit dem kleinen Unterschied, dass wir außerhalb dieses Kreislaufes stehen und es einen guten Grund gibt, warum sich unsereins nicht fortpflanzt!«

»Aber nur, weil es in den seltensten Fällen klappt! Es gibt zwei Fälle, die mir bekannt sind, und die beteiligten Eltern tauschten ihre Fähigkeiten gegen das Glück einer gesunden Geburt!«

»Du tickst doch nicht mehr richtig! Weißt du, ja, auch ich habe von diesen Fällen gehört, aber nicht nur ich habe von ihnen gehört, sondern auch die Adicten! Dein Hunger auf Leben mag ja verständlich sein, aber es werden andere kommen, die es sich nicht nehmen lassen werden, ebenfalls ihren Hunger zu stillen! Hast auch nur einmal an die wirklichen Konsequenzen gedacht?«

»Natürlich!«, zischte Linda.

»Sicher?« Nicholas räusperte sich und senkte seine Stimme, denn das kleine Mädchen, um das sie hier stritten, guckte ihnen höchst interessiert zu. »Du weißt genau, was einige der Unsrigen über solche Kinder denken. Es mag mehr als zwei Kinder gegeben haben, die Eltern wie uns hatten, aber sie haben nicht lange gelebt, das ist dir doch auch bekannt, oder? Die Familien wurden ausgelöscht, sie verschwanden von der Oberfläche, einfach so!«

»Ja, weil sie sterblich waren.« Linda beugte sich näher zu ihm herüber. »Ich, Nicholas, bin es aber nicht. Obwohl ich dieses Kind geboren habe. Ich habe keine einzige Fähigkeit verloren.«

Nicholas ließ diese Mitteilung sacken und wurde unter all seiner natürlichen Bräune noch blasser als er momentan ohnehin schon war. »Keine einzige? Du kannst immer noch Feuer … erträumen?«

Linda schnaubte. »Das hört sich immer so poetisch an, Feuer erträumen.« Sie lächelte. »Aber ja, das klappt hervorragend.«

»Und sie, dieses Mädchen?«

Linda schüttelte nachsichtig den Kopf. »Nicholas, sie ist noch nicht einmal fünf Jahre alt. Ja, sie mag schwach begabt sein, und ob sie zu uns gehört, wird sich irgendwann zeigen, aber entscheidend ist, dass wir uns fortpflanzen können, ohne unsere Fähigkeiten zu verlieren!«

»Spitzenmäßig, Linda! Dir ist schon klar, dass eine gebärfähige Begabte wie du, eine von Uns, der heimliche Traum der Adicten ist? Da geht denen einer ab, das ist dir bewusst?« Er sah Linda eindringlich an. Sie mochte seine Wortwahl nicht, das konnte er ihr ansehen, doch sie verstand ihn sehr gut. »Sie werden dich jagen!«

»Ja, richtig. Deswegen wirst du das Kind verstecken.«

»Und wenn sie dich schnappen?«

»Dann werden sie keine Beweise gegen mich in der Hand haben, denn das Kind hast ja du.«

»Du könntest ein zweites Mal schwanger werden.«

Linda seufzte tief, schüttelte sachte den Kopf und ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. »Nein, kann ich nicht.«

»Oh.« Nicholas zog es vor, nicht weiter zu fragen. »Linda, dieses Kind ist ein Risiko, das ist dir bewusst? Und die Tatsache, dass du noch deine Fähigkeiten hast … Du bist die Lunte zu der Bombe da im Sandkasten!«

»Ich wiederhole mich ungern, aber – deshalb wirst du sie zu dir nehmen.«

»Du bist doch völlig verrückt, Frau! Linda – dieses Kind muss verschwinden. Komplett. Unsere Art ist nicht mehr sicher!«

Ihr Gesicht erstarrte. »Wage es nicht, diesen Gedanken laut auszusprechen, Nicholas.«

Betreten biss Nicholas sich auf die Lippen. »Es tut mir leid. So war es nicht gemeint. Ich bin nur ein wenig überrumpelt, das ist alles. Dein Töchterchen soll natürlich leben, so wie’s sich gehört. Aber – das arme Kind! Du weißt doch wohl besser als jeder andere, was sich die Adicten von solch einem Kind versprechen? Und was einige der Unsrigen davon halten? Die werden es zerfleischen!«

»Vermutlich.«

»Und das ist dir egal?«

Linda sah ihn an, als zweifle sie an seinem Verstand. »Was glaubst du denn, warum du jetzt hier sitzt, Nicholas?«

»Oh«, seufzte er. »Also muss sie erst einmal schnellstmöglich fort von hier. Von dir.«

Seine alte Freundin seufzte, lehnte sich ruhig lächelnd zurück und schlug ein Bein übers andere. »Na endlich siehst du es ein!« Sie schien wirklich erleichtert »Man ist auf mich aufmerksam geworden, und solange ich nicht ganz genau weiß, wer das ist, muss sie hier weg. Ein Blick, und jeder wüsste Bescheid. Ich wünschte, sie käme mehr nach Tim, dann könnte ich immerhin behaupten, sie sei nicht von mir.«

»Selbst solch adoptierte Kinder leben gefährlich, ist eines der Elternteile so wie wir und wurde enttarnt!«, gab Nicholas zu bedenken. »Das würde sich auch nicht ändern, wenn ich plötzlich mit einem Kind herumrennen würde.«

»Mag sein. Aber die Leute, die etwas über dich wissen, sehen nur, dass du neuerdings mit einem Kind auftauchst. Streu Gerüchte, erfinde Märchen, fälsche Papiere, das kannst du doch hervorragend! Und abgesehen davon bist du einer der vorsichtigsten Männer, die ich kenne. Du tauchst in keiner Legende, in keinem Verzeichnis, in keinem Geschichtsbuch irgendwie auf.«

»Dafür habe ich auch einiges getan!«, knurrte Nicholas und durchbohrte Linda mit Blicken. »Und du glaubst ernsthaft, dass ich mein ganzes Leben, all die Sicherheit, die ich über Jahrzehnte aufgebaut habe, nur deshalb gefährden werde, weil du mich darum bittest?« Sie musste den Verstand verloren haben.

Lindas Stimme klang frostig. »Richtig, mein Lieber. Du schuldest mir noch etwas.«

»Ach ja?«

»Denk nach!«, gab Linda kühl zurück und entließ ihn nicht aus ihrem Blick. »Ein Leben.«

»Natürlich!«, fauchte Nicholas, »ein Leben. Aber damit ist nicht gemeint, dass ich Ersatzvater spielen werde!«

»Oh doch!« Drohend und zuversichtlich zugleich baute sie sich in ihrem Stuhl vor ihm auf. »Ich werde nie wieder etwas von dir verlangen, niemals wieder, ich entbinde dich von sämtlichen Schulden, die du bei mir hast, wenn du das für mich tust.«

Das hatte nicht danach geklungen, als würde sie ein Nein gelten lassen, überlegte Nicholas und beschloss, es mit Vernunft zu versuchen. »Dieses Kind macht mich unglaublich angreifbar! Das ist nicht gut für mich und vor allem auch nicht für die Kleine!«

»Ist mir bewusst. Ich fordere dies dennoch als Schuld ein. Und wenn du das nicht gelten lässt, dann bitte ich dich als einen Freund um einen Gefallen.«

»Das ist Erpressung!«

»Es geht nicht anders. Ich weiß noch nicht, wie ich es ihr erklären soll. Vielleicht unterhaltet ihr euch gleich ein bisschen?«

»Unterhalten? Mit einem Kind

»Es geht nicht anders!«, wisperte Linda eindringlich und sah ihn aus ihren schönen Augen an. Er hatte ihnen noch nie besonders gut widerstehen können, und so kapitulierte er schließlich, einer inneren Stimme folgend. »Ich versuch’s!«, ächzte er geschlagen. »Was gibt es über deine Tochter noch zu wissen?«

»Nichts. Sie ist ein ganz normales Kind, und alles andere wird sich zeigen. Aber Kinder solcher Verbindungen sind selten besonders begabt.«

Nicholas sah seine alte Freundin lange an. »Hast du nicht eben noch erzählt, es gäbe nur zwei Fälle, die dir bekannt seien?«

Linda seufzte unbehaglich. »Na gut, ich weiß nicht, ob sie Begabungen entwickeln wird. Aber die Kinder solcher Verbindungen sind für gewöhnlich sterblich, so wie ihre Eltern es auch werden.«

»Eine bloße Vermutung!«, schnaubte Nicholas, »Deine Kleine wird ja wohl schon mal hingefallen sein und wird sich das Knie aufgeschlagen haben, oder?«

»Sie ist noch zu klein, um Anzeichen zu zeigen, Nicholas. Ich denke, die Schrammen, mit denen sie bei mir angekommen ist, sind ganz normal verheilt. Pflaster drauf und fertig.«

Ihm wurde eine Zeitbombe anvertraut, da war er sich sicher. Andererseits, wenn man dafür sorgte, dass die Verbindung zwischen ihr und ihrer Mutter nicht mehr herzustellen war, konnte es wohl angehen, dass zumindest das Mädchen in Ruhe aufwachsen konnte. Nicholas konnte durchaus nachvollziehen, dass Linda diese Chance für ihre Tochter nutzen musste. Doch er und ein Kind …

»Nicholas – es ist schon schwer genug, mich von Krissi zu trennen, aber zu wissen, dass sie bei dir wäre, ist sehr … beruhigend!«, bekräftigte Linda, als habe sie seine Gedanken erahnt.

»So was kannst auch nur du sagen. Wie, bitteschön, willst du ihr erklären, dass ihre Mutter sie plötzlich abgibt? Sie kennt mich nicht!«

»Ich kenne dich seit gut vierhundert Jahren, Nikolaos Kanelekis. Dir wird schon etwas einfallen.«

Und damit besiegelte er sein Schicksal. Er würde, mehr unfreiwillig und halbherzig, Ersatzvater eines Kindes werden, das es nach Meinung vieler anderer Langlebiger nicht geben durfte. Das Licht wurde wieder schwächer, als wolle das Universum ihm eins überziehen für eine solch schwachsinnige Idee. Unheil zog sich zusammen und seine Narben an Kopf und Bauch zogen mit einem Mal wieder, als wollten sie ihm beipflichten. Linda schenkte ihm noch mehr Kaffee nach. »Das wird schon.«

Er kam sich albern dabei vor, schließlich war er ein erwachsener Mann, der weit mehr als sieben Leben gelebt hatte. Es gab wenig, das er fürchten musste, und doch war er so nervös wie seit Jahrzehnten, nein, Jahrhunderten nicht mehr.

Sie ist nur ein kleines, niedliches blondes Mädchen, das mich mustert, überlegte er und versuchte, nicht allzu finster zurückzustarren. Er wollte der Kleinen schließlich keine Angst machen – immerhin sollte sie bei ihm bleiben. Wie das Linda bewerkstelligen wollte, war ihm nach wie vor ein Rätsel.

Seit Krissi an den Tisch gekommen war, war diese unbekannte Unruhe nicht mehr gewichen. Er hatte sie zuvor beobachtet, wie sie genüsslich mit den Zehen im warmen Sand gebohrt und scheinbar hingebungsvoll einer Puppe die langen Haare gekämmt hatte, doch er war sich sicher gewesen, dass sie sehr aufmerksam die Ohren gespitzt hatte. Sie musste mitbekommen haben, dass etwas im Gange war, doch er hatte keine Ahnung, was Kinder in diesem Alter alles wussten oder ahnten und wie sie es zuordneten. Als sie schließlich zu ihnen herübergekommen war, weil Lindas und sein Gespräch sich wieder beruhigt hatte, hatte sie ihn aus blaugrünen Augen prüfend angesehen und Nicholas war das Herz in die Hose gerutscht. Vielleicht bildete er es sich auch nur ein – doch dieses Kind wusste mehr von dem, was es umgab, als ihm lieb sein konnte.

Linda war in der Küche verschwunden um neuen Kaffee aufzusetzen und nun saß er hier, allein mit diesem unheimlichen Kind.

»Gehst du schon zur Schule?«, wagte er einen Versuch und kam sich lächerlich dabei vor. Es war zwar durchaus schmeichelhaft, dass Linda ihm ihren Sprössling anvertrauen wollte, aber sie schien ein kleines Detail ausgeblendet zu haben: Er war ein großer, finsterer Bär, der die Jahrhunderte überlebt hatte, weil er gnadenlos, brutal und egoistisch war – und das hatte sich auch in den letzten Jahren nicht großartig geändert.

»Ich bin noch zu klein!«, murmelte das Mädchen und rührte hochbeschäftigt mit dem Löffel in mittlerweile schlapp gewordenen Cornflakes herum.

»Wie alt bist du denn?«

Lindas Tochter überlegte kurz. »Ich habe im Frühling Geburtstag!«, verkündete sie, als erkläre das alles.

»Und jetzt haben wir Herbst. Also …?«

Sie starrte auf ihre Hand, klappte konzentriert den Daumen ein und hob vier Finger. »Vier.«

Stille trat ein. Das konnte einfach nichts werden, befand er, Lindas Plan war zum Scheitern verurteilt.

»Ist schwarz deine Lieblingsfarbe?«, durchbrach ihr helles Kinderstimmchen seine Gedanken. »Deine Haare sind schwarz, dein Bart ist schwarz, dein Pullover ist schwarz«, zählte sie auf und guckte unter den Tisch. »Deine Hose und deine Schuhe auch.« Sie steckte den Kopf erneut unter den Tisch und Nicholas hörte ein unterdrücktes Kichern.

»Was …?«, brummte er und fragte sich, ob das wohl irgendein Spiel war, das er nicht kannte. Doch das Kind tauchte schon wieder auf und blitzte ihn triumphierend an.

»An deinen Schuhen ist Glitzer!«, verkündete das Mädchen.

Nicholas rollte mit den Augen. »Das sind Nieten, Krissi.«

»Das ist Glitzer«, beharrte das Kind und nahm ihn wie ein exotisches Tier unter die Lupe. Immerhin, überlegte Nicholas, schien das Mädchen seine anfängliche Scheu abgelegt zu haben.

»Deine Ohren glitzern!«, fuhr es fort, seine Äußerlichkeiten zu kommentieren. Nicholas seufzte. Er trug Brillanten in beiden Ohren.

»Und du hast bunte Augen!« Das Mädchen umrundete gemächlich den Tisch und blieb schließlich vor ihm stehen. »Du bist so groß!«, beschwerte es sich und Nicholas musste grinsen. Er war wirklich recht groß geraten, was nicht zu jeder Zeit von Vorteil gewesen war. Heutzutage, wo große und sehr große Männer alltäglich waren, fiel er glücklicherweise nicht mehr so sehr auf. Der Vater dieses kleinen blonden Wesens, das ihn streng musterte, hatte ihn selbst immerhin auch um einen halben Kopf überragt.

»Krissi, wenn ich mir deinen Papa so angucke, wirst du auch mal ganz schön lang werden!«, schmunzelte er und beugte sich vor, damit das Mädchen mit der strengen Musterung fortfahren konnte.

»Ein helles und ein dunkles!«, staunte es und Nicholas fing an, das Kind zu mögen, als es ihn mit seinem Milchzahngebiss anstrahlte. »Wieso hast du zwei verschiedene Augen?«

»Weil der liebe Gott es so beschlossen hat!«, seufzte er.

»Es gibt keinen Gott, sagt Mama!«, versetzte das Mädchen und strich mit seinen zarten, weichen kleinen Fingern über eine Narbe an seiner Schläfe.

»Hat dir da jemand weh getan?«

Nicholas nickte sprachlos. Seit sie festgestellt hatte, dass er ein friedlicher dunkler Riese war, schien ihre Neugier geradezu zu erblühen. Er konnte einem kleinen Kind trotzdem nicht erzählen, dass ihn dort am Kopf vor Jahrzehnten jemand mit einer Axt erwischt hatte und die Wunde, trotz enormer Heilungskräfte, nie wieder ordentlich verwachsen war. Die Narbe selbst sah man nur, wenn man sehr genau hinsah – was dieses Kind offensichtlich tat.

Plötzlich hörte er das Mädchen erschreckt quieken, schreckte selber hoch und hätte schwören können, dass er eine Wespe neben seiner Hand hatte krabbeln sehen, eine von jenen, die nicht einsehen wollten, dass der Sommer allmählich vorbei war. Doch da, wo vor einem Augenblinzeln noch eine Wespe auf dem Tisch herumgekrabbelt war, erinnerte nur ein winziges, kaum zu erkennendes schwarzes Häufchen, daran, dass sich an der Stelle irgendeine Form von lebendiger Materie befunden hatte.

»Alles in …«, wollte er fragen, doch das brauchte er nicht. Das Mädchen starrte gebannt auf den schwarzen Punkt. Ein kurzer Luftstoß, und das Häufchen wurde kleiner und kleiner. Nicholas wischte mit dem Zeigefinger drüber und zerdrückte die Überreste der Wespe zu einem blassen, schwarzen Streifen auf dem hellen Plastiktisch. Asche.

»Krissi«, flüsterte er leise, um sie nicht zu erschrecken, auch wenn er hätte brüllen mögen, »was war das da eben?«

Lindas Augen starrten ihn aus ihrem Gesicht entgegen und mit einem Mal wurde ihm mit aller Macht bewusst, was dieses Mädchen für ein Kind war: Das leibliche Kind einer Langlebigen. Einer begabten Langlebigen. Ein Kind, das Wespen zu Asche verwandelte.

»Da war eine Wespe!«, flüsterte das Mädchen zurück. »Sie wollte auf dein Marmeladenbrötchen!«

»Und was hast du …?« Nicholas gab sich wirklich Mühe, ruhig zu bleiben, doch alles in ihm schrie danach, aufzustehen und Linda und ihre Tochter ihrem Schicksal zu überlassen.

»Puff!«, wisperte die Kleine und sah ihn aus ihren riesigen blaugrünen Augen an. Ihre kleine Unterlippe begann zu zittern. »Sag es nicht Mama!«, bettelte sie und ihre Augen schienen vor Tränen überzulaufen, »sie wird sonst böse!«

»So etwas darfst du auch nie, nie wieder tun, verstanden?«, gab Nicholas leise zurück und strich ihr unbeholfen über den Arm. »Ich sage es deiner Mama nicht, aber du darfst das nicht tun, klar?«

»Ja«, schniefte das Kind und hickste. Nicholas spürte sein Herz ungewöhnlich heftig schlagen, doch es hatte auch allen Grund dazu. Linda hatte ihm eiskalt ins Gesicht gelogen. Sie wollte ihm ihre hochbegabte kleine Tochter aufs Auge drücken, eine Tochter, die mit vier Jahren unliebsame Wespen zu Staub zerfallen ließ.

Er stöhnte leise. Wenn das die Runde machte, würde das Kind auf die Abschussliste der Adicten nach ganz oben rutschen.

Bitte sei nicht auch noch wie wir, betete er lautlos und pfriemelte ein Taschentuch aus seiner Jackentasche, mit dem er dem Kind die Tränen wegwischte. Bitte sei nicht auch noch langlebig, sei einfach ganz normal begabt.

Im Haus krachte es ohrenbetäubend, dann splitterten die Fenster zum Garten hin. Eine Druckwelle riss ihn samt Stuhl um und er hatte gerade noch Zeit, sich das Mädchen zu schnappen und sich um es herumzurollen, wie ein starker, menschlicher Schutzschild.

Sie sind hier, schoss es ihm durch den Kopf, sie kommen, um sie zu holen.

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