Prolog

Prolog

Varek

„Wach auf, Liebster.“
Die Erde schmeckte salzig und rau. Als ich den Mund öffnete, um zu schreien, füllte kalter Schlamm meinen Mund. Moderiger Geruch stieg aus der weichen Masse empor. Ein Hauch von Fäulnis.
Ich bewegte die Finger. Wie der Würgegriff einer Schlange lag nasser Sand um meine Glieder. Er drückte meinen Körper zusammen, presste den letzten Rest Luft aus meinen Lungenflügeln. Knirschend krümmte ich die Fingergelenke und schloss weiche, warme Erde über meiner Handfläche ein.
In meinem Kopf schwirrten Erinnerungen umher, aber keine daran, wie ich hier hergekommen war.
Panik weitete meine Venen. Blut schoss durch die erhitzten Gefäße meines Körpers. Ich war in der Dunkelheit gefangen. Wo war ich? Wieso war ich am Leben?
Ich winkelte ein Bein an, dann das zweite. Jeder Knochen ächzte in mir, als wären sie eine Ewigkeit nicht gebeugt worden. Ein seltsam drängendes Gefühl hielt mich gefangen.
Die Erinnerung kam schleichend. Die letzten Augenblicke meines Lebens spielten sich im Schnelldurchlauf vor meinem inneren Auge ab – völlig tiefenlos. Blasse Eindrücke eines Lebens, das ich einst geführt hatte. Unwirkliche Silhouetten aus einer tiefen, toten Vergangenheit.
Der Schmerz hingegen war real. Er entlockte mir einen erstickten Schrei. Der Sand fraß meine Stimme.
Meine Hände gruben sich durch die Erde, durch den Sand, bis aus der schweren, feuchten Masse ein feiner Schleier wurde, meine Fingerkuppen durch die oberste Schicht stießen und Freiheit erlangten. Ich lag auf dem Rücken. Meine Orientierung kehrte schleppend zurück. Ich steckte in einem Grab, bedeckt von Unmengen Sand und Zeit.
Die Wärme, die meine feuchten Fingerspitzen berührte, erinnerte mich an das trostspendende Licht der Sonne. An das Leben selbst. Zeit, aufzuwachen.
„Ich möchte, dass Du Dich aus der Erde erhebst, mein Liebster.“
Wieder hörte ich die Stimme, so nahe bei mir, dass ich beinahe daran glauben wollte, dass es sich um meine eigene handelte. Ich gehorchte ihr, und nachdem die erste Hand aus dem Sand befreit war, ließ ich die zweite folgen. Dann meinen Kopf, die Schultern, Arme und den Rest meines Körpers. Ich ging den schwersten Weg meines Lebens.
Jede Gliedmaße war zum Zerreißen gespannt. Die elektrischen Reize, die jeden Muskel strafften, erschienen mir lahm, nahezu unbedeutend schleppend. Ich wusste, ich würde es schaffen, meinem Grab zu entkommen. Das Wissen war in mir. Nur mein Körper folgte dieser Erkenntnis nur widerwillig. Das Taubheitsgefühl in meinen Nervenbahnen war nicht Teil meines Körpers. Irgendetwas stimmte nicht mit mir.
Der nasse Sand hätte auf meiner Haut scheuern und reiben müssen. Das Sonnenlicht musste brennen. Alles in mir sollte sich besser, freier fühlen. Aber nichts von alledem geschah.
Ich fühlte mich eigenartig. Fremd. Meine Haut prickelte, aber das Gefühl war dumpf. Als käme es von sehr weit weg auf mich zu. Es war kein Teil von mir. Surreal. Mein Körper ächzte, als wollte er von sich aus rein gar nichts unternehmen, um Besserung zu erfahren. Gehörte er überhaupt noch zu mir?
Ich war gestorben. Ich wusste, der Schmerz, der meinen Tod begleitet hatte, war wirklich. Meine Erinnerungen an ihn waren brüchig, mein Bewusstsein noch nicht ganz zurückgekehrt. Aber ich wusste, ich war gestorben. Träge hob ich die Hand, tastete zu meiner Brust hinauf. Dorthin, wo der glänzende Stahl einer Dolchklinge mein Herz durchdrungen und mein Leben gestohlen hatte. Die Haut war erhaben, aufgeworfen. Ich musste nicht hinsehen. Ich fühlte die Narbe. Ihr brennen. Das dumpfe Pochen unter der einstigen Verletzung. Ich hätte tot sein müssen.
Und das schon lange.
In meinen Augen brannte das Licht. Wie lange war ich in der Finsternis gewesen?
Wieso war ich noch am Leben? Ich hob das Gesicht dem Himmel entgegen. Eine blutrote Sonne strahlte auf das schwarze Meer hinab, an dessen Ufer ich nackt und einsam kauerte. Dieser Ort war mir vertraut.
Ich begann, den Sand von mir zu wischen. Die Sonne trocknete ihn auf meiner Haut und ein leichter Windstoß half mir dabei, mich von der trocknenden Masse zu befreien. Wind. Ein warmer Hauch strich vom Meer aus zu mir herüber. Er durchpustete mein Haar, trieb mir Sand und Salzwasser in die Augen und weckte ganz sacht neue Lebensgeister in mir.
Der Vorgang dauerte eine Ewigkeit. Meine Bewegungen kamen nur langsam wieder in Gang. Nasser Schlick zog meine Beine wieder hinab in die tödliche Tiefe. Die Erde wollte mich verschlingen, sich zurückholen, was ihr gestohlen worden war.
Ich wollte daran ersticken, sehnte mich danach, dass es endlich ein Ende fand, aber die dröhnende Ohnmacht erlöste mich nicht von meiner Qual. Kein Trick, kein Zauber. Ich war zurück. Meinem sandigen Grab entstiegen, um erneut die brennende Kraft der Sonne zu tanken.
Gott, wieso ich?
Ich hielt inne, schloss die Lider und atmete. Luft und Sand kamen über meine Lippen. Sand, der möglicherweise Hunderte von Jahren lang am Grund meiner Lunge gelegen hatte und mich langsam ersticken wollte. Ich atmete ihn einfach fort. Er schmeckte rau und salzig.
›Gut gemacht‹, wisperte die Stimme in meinen Kopf hinein.
Und da wusste ich plötzlich, dass die Tatsache, dass ich wieder hier war, einen Grund haben musste. Mein freier Wille fühlte sich seltsam an. Ich wandelte wie in Trance umher. Mein Körper nur eine Hülle. Mein Geist fühlte sich befremdlich an.
Geschwächt ließ ich mich auf alle viere nieder, krallte die Nägel in die feinen Körner und schloss die Augen. Vor Erschöpfung zuckten Schemen vor meinem Gesicht. Bilder schoben sich, wie Schattenklauen in meinen kränklichen Verstand. Ich war außer Stande, mich gegen den Vorgang zu wehren und atmete weiter, so mühsam, dass es meine Brust zerfetzen wollte.
„Sei mein!“
Und wieder ließ ich es einfach geschehen.

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