Prolog

Weg.
Einfach nur weg.
Weg von hier.
Ich brauchte Luft. Luft zum Atmen.
Meine Gedanken drehten sich, kreisten, überschlugen sich. Panisch zuckelte ich in Richtung Autobahn und trommelte auf das Lenkrad, in der Hoffnung, meinen Beetle dadurch mit ein paar lächerlichen km/h mehr zu unterstützen.
Doch wo sollte ich hin? Wo konnte ich hin? Wer würde mir helfen?
Der lärmende Straßenverkehr rollte rauschend um mich herum, aber ich hatte nur fahrige Blicke für die stinkenden Blechdosen übrig. Meine Unterlippe brannte. Getrieben nagte ich auf ihr herum.
Nach Hause konnte ich nicht. Zu meinen Eltern wollte ich nicht. Und meine Freunde?
Waren es meine Freunde?
Ich schielte auf die Tankanzeige. Weit käme ich sowieso nicht.
Lautstark sog ich die Luft tief in die Lungen und überdachte meine Möglichkeiten. Viele waren es nicht. Eigentlich immer noch nur die eine: Weg. Weit, weit weg.
Ein lautes Hupen riss mich aus meinen Gedanken. Kopfschüttelnd zeigte mir der Fahrer des schwarzen Ungetüms einen Vogel, als er links an mir vorbei donnerte. Die Ampel vor mir leuchtete in hellstem Grün und schien mir zuzuraunen: Fahr los! Fahr! Los!
Wann in aller Welt hatte ich angehalten?
Erschrocken landete mein Fuß viel zu heftig auf dem Gaspedal und hüpfend setzte sich mein in die Jahre gekommener Beetle in Bewegung. Dabei kreischte er wie eine überhitzte Kreissäge.
Glücklicherweise nur kurz. Als er sich beruhigt hatte und wieder friedlich über die Straße rollte, löste ich mühsam meine verkrampfte Hand vom Lenkrad und wischte den kalten Schweiß an meine Jeans. Mit einer Beweglichkeit, die entfernt an akrobatische Künste erinnerte, kramte ich meine Handtasche aus dem Fußraum der Beifahrerseite hervor. Versuchte es zumindest.
„Warum habe ich mich eigentlich versteckt, als die Größe verteilt wurde!“ Grummelnd rutschte ich noch ein kleines Stück Richtung Mittelkonsole. Der Ganghebel drückte schmerzhaft in meine Rippen. Doch meine Fingerspitzen waren einen Viertelzentimeter zu kurz. Ich bemühte mich verzweifelt, die hämisch lächelnde Flickentasche ganz zu erwischen. Und dabei den verspäteten Rest der vorbeirauschenden abendlichen Heimkehrer nicht ganz aus dem Blick zu verlieren.
Letztendlich waren meine koordinativen Übungen mit Erfolg gekrönt: Ich förderte mein Handy und ein paar Scheine aus den Untiefen meiner heute scheinbar ins unermessliche gewachsenen Handtasche zutage.

„Idiot!“, fauchte ich, als ich kurze Zeit später unter dem Handföhn der nicht ganz so sauberen und übel riechenden Damentoilette meine Jeans zu trocknen versuchte. Irgend so ein Blödmann hatte sich unbedingt an mir vorbeidrängeln müssen, als ich mit einem Schokoriegel unter dem Kinn, einer herrlich duftenden, aber furchtbar heißen Latte macchiato in der einen Hand und den Autoschlüssel in der anderen, meine Tankrechnung bezahlen wollte. Jetzt brannte auch noch mein Oberschenkel. Das war einfach nicht mein Tag!
Erschöpft lehnte ich mich gegen die kalte Wand und betrachtete eine fette Fliege, die sich an einem der vielen klebrigen Flecken im Waschbecken gütlich tat. Ihr Chitinpanzer schillerte grünlichgolden im Licht der untergehenden Sonne. Das einzige Problem, das sie hatte, war eine Fliegenklatsche. Vermutlich wusste sie nicht einmal, dass es so etwas gab. Üble Flecken hingegen ließen sich überall finden.
Und noch üblere Typen auch. Hilflose Wut kroch heiß durch meine Adern, vertrieb die Kühle im Rücken und nahm mir die Luft zum Atmen. Mit glasigem Blick griff ich nach meinem Autoschlüssel am schmuddeligen Waschbeckenrand. Der silberne Schmetterlingsanhänger daran glitzerte still. Lisa.
Eilig fischte ich mein Handy aus der bunten Tasche und wählte hektisch ihre Nummer. „Jetzt komm schon! Geh ran!“, murmelte ich ungeduldig.

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