Prolog: Das Märchen der Wünsche

Es war einmal! So fangen die besten Märchen an. Auch für Killian war es jeden Abend ein Ritual, seiner Großmutter zu lauschen, wenn sie ihm seine Lieblingsgeschichten vorlesen musste oder wollte, je nach Blickwinkel. Ihre leiernde monotone Stimme half mehr beim Einschlafen, als die eigentliche Geschichte. Möglicherweise wäre sie etwas spannender gewesen, wenn die alte Dame sie  mit mehr Elan vorgelesen hätte, aber trotzdem liebte er sie. Zum Glück für Killian, und manchmal auch die anderen Kinder die sich in der Hütte einfanden, schlief die alte Dame irgendwann über dem Buch ein und sein Großvater übernahm die Aufgabe, mit einem liebevollen Lächeln auf den Lippen und einer Decke für seine Gemahlin.

Killian mochte vor allem Geschichten, die ihn überraschen konnten. Kein schwarz und weiß, kein Gut und Böse sollte in ihnen leicht auszumachen sein. So wurde ein Weltverständnis in dem zwölfjährigen Jungen geformt, das ihn auch noch viele Jahre begleiten würde. Seine Lieblingsgeschichte allerdings war eine Besondere, die sein Großvater ihm nur heimlich erzählte. Für viele war es nur ein Mythos, doch für Killian und seinen Großvater war es die Realität. Sie begann immer mit dem gleichen Satz: „Was wäre, wenn man sich jeden Wunsch erfüllen lassen könnte?“

In einem Land hinter den sieben Bergen, oder waren es vier oder fünf, gab es ein Land in dem es alles zu geben schien. Das Volk, das dort lebte wurde von den Menschen im Tal und im Rest des Kaiserreichs nur Deziras genannt. In der Sprache des Reichs könnte man es am ehesten mit "Wunsch" übersetzen. Nur wenige hatten jemals das Glück gehabt einem dieser Wesen zu begegnen und wenn wurden sie wie verzaubert zurückgelassen. Ein Volk voller Perfektion und Schönheit. Männer wie Frauen schmückten sich mit langen Haaren in allen Regenbogenfarben, die Haut war matt und hell wie Elfenbein, als gäbe es kein Sonnenlicht hinter den Bergen. Ein feingliedriger Körperbau, ebenso bei beiden Geschlechtern, ließ sie wie Elfen erscheinen. Sein Großvater allerdings sagte, er habe mal einen Elfen getroffen und dieser war tödlich beleidigt, mit diesen Fabelwesen verglichen zu werden. Die Flügel hielt Killian ebenfalls für eine private Ausschmückung, aber der Gedanke von einem von ihnen in den Himmel entführt zu werden, die Welt von oben zu sehen, ließ ihn jedes Mal aufseufzen.
Doch das Besondere war nicht ihre Erscheinung, ihr Liebreiz, ihre Langlebigkeit. Das  wirklich Besondere war ihre Fähigkeit, anderen Wesen Wünsche zu erfüllen und zwar jeden erdenklichen. „Stell dir das vor Killian, alles was du willst. Gold, ein langes Leben oder bergeweise Schokolade. Alles was du willst!“ Bei diesen Worten flogen seine Arme in die Luft und ein glückseliger Ausdruck erschien auf dem faltigen, von grauen Haaren umgebenem Gesicht. Sich selbst allerdings konnten sie keine Wunsche erfüllen und so taten sie es gegenseitig, nicht nur für ihr eigenes Volk, sondern auch für jeden der sie darum bat. Doch irgendwann wurden sie von bösen Menschen ausgenutzt und zogen sich für immer hinter die Berge unbekannter Anzahl zurück, gejagt und verfolgt. Noch heute sollen sie sich verstecken und sich gegenseitig jeden Wunsch erfüllen und noch heute suchen immer wieder Glückritter nach ihnen. Bei diesem letzten Satz ließ der Großvater den Blick durch den Raum schweifen.
Ein kleiner Kamin und eine Sitzecke ließen den Hauptraum des Hauses gemütlich wirken. In einer Ecke befand sich Killians Bett, außerdem gab es Türen, die zu den anderen Räumen führten. Eine alte braune, mehrfach geflickte Rüstung auf einem alten Rüstungsständer reflektierte die Flammen. In den wenigen Metallteilen, die er sich hatte leisten können tanzte der rote Schimmer. „Ich habe überall gesucht Killian, doch gefunden habe ich sie niemals. Sie sind heute nur noch ein Märchen.“ Doch der Junge wusste es besser, irgendwann würde er sie finden und sich etwas wünschen. Nicht Weltfrieden oder etwas ähnlich heldenhaftes. Etwas das viele für banal wirken würde, aber für ihn unendlich kostbar war. Keine Geburtstagstorte der Welt, keine weggepustete Wimper hatte es vermocht. Die Deziras würden es können.

Kommentare

  • Author Portrait

    Toller Anfang! Ich freue mich auch auf die Fortsetzung!

  • Author Portrait

    Ein starker und gut gelungener Anfang einer hoffentlich langen Geschichte, auf deren nächstes Kapitel ich mich schon freue ***** Was ich mir wohl wünschen würde? Käme darauf an, ob man sich nur eine Sache wünschen darf ... ich glaube ich würde mir Zauberkräfte wünschen! (Da Hogwarts meinen Brief offensichtlich verschusselt hat -_-*)

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