Proserpina

Der Bär war über ihm. Faulig stinkend und heiß streifte der Atem der Bestie sein Gesicht als sie den Rachen weit aufriss. Spitze, daumendicke Zähne ragten vor seinen Augen auf, tödliche Waffen, bereit ihm die Kehle herauszureißen. In Panik kreuzte er die Arme vor dem Gesicht, doch eisenharte Kiefer packten seinen Oberarm. Feuriger Schmerz riss an ihm, kochte sein Fleisch mit siedendem Öl. Blut schoss aus ihm heraus, in warmen Strömen vergoss es sich auf die Erde unter ihm, die es dürstend aufnahm, bis nur noch Staub zurückblieb. Er wollte schreien, doch kein Laut kam aus seiner Kehle. Er wollte um sich schlagen, doch er war wie gelähmt. Der Bär lag wie ein Mühlstein auf seinem Brustkorb und zerquetschte ihm die Rippen. Seine Brust wurde eng, alle Luft schien herausgepresst und seine Lungen brannten wie Feuer unter dem wilden Wunsch, endlich wieder einatmen zu können.

Plötzlich erschlaffte der Bär, wandelte sich zu einer leblosen, alles erdrückenden Last, doch nur so lange, bis sie zur Seite gezogen wurde.

"Steh auf. Du musst mich begleiten", sagte eine streng klingende Frauenstimme. Er blinzelte zu ihr auf, doch er vermochte ihre Gestalt nicht zu erkennen. Nur ihre Konturen nahm er wahr, in gleißendes Licht gehüllt. Es blendete ihn und er wollte die Augen abschirmen, doch er konnte keinen Muskel im Leib rühren.
„Wer bist du?“, fragte er.

„Bellona“, antwortete sie, und warf das Bärenfell in die Luft, wo es zu einem goldenen Adler wurde, auf leichten Schwingen flog er davon. Dann trat sie vor, eine Lanze in ihrer Hand, mit der sie in seinen verwundeten Arm stach, wieder und wieder und wieder. Er zuckte und wand sich, doch sie ließ nicht ab von ihm. „Warum tust du mir das an, Göttin? Was habe ich getan?“, rief er. Nein, er dachte, dass er es rief, doch was sich seiner Kehle entrang war nicht mehr als ein unmenschliches, unwürdiges Heulen.


Rasender Puls, in seinem Kopf, ein, zwei, drei stechende Schläge. Ein tiefer Atemzug, noch einer. Jeder weitere ließ ihn ein Stück mehr begreifen, dass es hinter ihm lag. Ein Traum, nicht real. Vorbei. Doch der Schmerz war geblieben.

Es war nicht nur das reißende Wüten in seinem Arm, das ihn peinigte. Auch nicht der ziehende Schmerz in seinem linken Bein, das unter seinem toten Pferd eingeklemmt gewesen war. Oder das Dröhnen in seinem Kopf, das Brennen an der Schulter oder das Stechen in seinem Brustkorb, das er bei jedem Atemzug verspürte. Da war noch etwas Anderes. Quälende Einstiche, in unmittelbarer Nähe der verheerenden Wunde, die ihm der feindliche Krieger zugefügt hatte. Bilder drängten sich in seinen Kopf. Ein Speer, dazu bestimmt ihn aufzuspießen. Seine eigene Hasta, die er tief in den Torso eines Barbaren trieb. Sein Oberarm aufgeschlitzt, der Muskel geradezu gespalten. Blut, das schwallweise aus ihm herausströmte. Das steigende Pferd unter ihm …

Ein Stöhnen entrang sich seinen Lippen, ohne dass er es hätte verhindern können. Es bildete ein merkwürdiges Echo, wie es von massiven Wänden zurückgeworfen wurde. Vielleicht war er in der Halle eines Hauses. Es musste jedoch ein kaltes, feuchtes Haus sein, denn er fror, und in seine Nase drang der Geruch vermoderten Erdreichs und nassen Steins.

Seine verklebten Augenlider trennten sich, flatterten und ein warmer Lichtschein durchdrang den Vorhang seiner Wimpern.

Wieder ein Stich. Marcus öffnete die Augen ganz und erfasste eine Gestalt, die sich über ihn beugte. Eine junge Frau mit rotem Haar, und ganz offensichtlich die Verursacherin der stechenden Schmerzen an seinem Arm.

Plötzlich war er hellwach.

„Nehmt Eure Hände von mir, Hexe!“, zischte er. Seine Stimme war so rau, dass er sie selbst nicht kannte.

Sie hielt inne und hob die Hände. Blut haftete an ihnen, sein Blut. In einer Hand hielt sie eine bronzene Nadel zwischen Daumen und Zeigefinger. So wie sie die Hände hielt, war es eine beschwichtigende Geste, doch ihr entschlossener Blick passte nicht dazu. Sie hatte keine Angst vor ihm. Wieso sollte sie auch? Er war hilflos wie ein kleines Kind.

„Gut“, antwortete sie überraschenderweise auf Latinisch. „Wenn Ihr wollt, werde ich gehen. Aber zuvor sagt mir: Woran zieht Ihr es vor, zu sterben? Möchtet Ihr, dass das Fleisch Eures Armes zu faulen beginnt und Euren ganzen Körper vergiftet? Oder wollt Ihr im Fieber verbrennen? Oder lieber an Hunger und Durst zugrunde gehen?“ Ihr Tonfall war gleichmütig. Als ob sie über das Wetter des vorherigen Tages sprach.

Sie schüttelte nachsichtig den Kopf, und ohne seine Erlaubnis abzuwarten, widmete sie sich wieder seiner Wunde. Als die Nadel wieder in sein zerfetztes Fleisch eindrang, wurden die Schmerzen beinahe unerträglich, doch er biss die Zähne zusammen und machte keinen Laut. Kein Weib würde ihn klagen hören. Schon gar nicht eines, das zu seinen Feinden gehörte.

Doch wie es schien, war sie wohl dabei, ihm das Leben zu retten. Warum auch immer sie das tat. Vielleicht ja nur, um ihn später ihren Stammesführern zu übergeben. Sicher wollten die ihn lebend. Einen Toten zu foltern würde niemandem etwas nützen.

Er schwieg eine Weile und seine Schläfen begannen vor Schmerz zu pochen, als er krampfhaft versuchte, sich die Geschehnisse in Erinnerung zu rufen, die ihn in die Niederlage geführt hatten. Denn eine Niederlage musste es gewesen sein, denn sonst wäre er nicht hier. Doch so sehr er sich bemühte, das meiste davon lag im Dunkeln. Nur bruchstückhaft sah er die Bilder der dicht zusammengedrängten Pferdeleiber, der blutüberströmten Soldaten auf der Lichtung, hörte das Sirren der Pfeile in der Luft, die Schreie der Barbaren, die sich mit denen seiner eigenen Männer und Pferde mischten. Kurz nachdem er den Krieger erstochen hatte, hatte Polidoxus einen Speer abbekommen und sich wiehernd aufgebäumt. Das war das Letzte, woran er sich erinnern konnte.

„Wo sind meine Männer?“, fragte er. Seine Kehle fühlte sich an, als ob er Sand geschluckt hätte.

„Die meisten haben den Rückzug angetreten“, antwortete sie.

Ein leiser Schauer überlief ihn. Sie lebten! Jedenfalls die meisten. Mars sei es gedankt!

Sie machte den letzten Stich und wischte sich ihre blutigen Hände an einem Tuch ab. Mit dem Kopf wies sie auf sein Bein. „Euer Knöchel ist verletzt. Ich weiß nicht sicher, ob er gebrochen ist. Aber ihr hattet Glück. Kein Knochenstück ist durch das Fleisch gedrungen. Eine solche Verletzung hätte selbst ich nicht zu heilen vermocht.“

Mit der unverletzten Linken hob die Felle an, die über seinen Beinen lagen, hob mühsam den Kopf und sah an seinem nackten Körper herunter. Sein linker Unterschenkel war geschient mit Rindenstücken, starken Ästen und Tüchern, und eine Art Umschlag lag darauf. Wie um ihre Worte Lügen zu strafen, versuchte er, den Fuß zu bewegen. Es schmerzte unsäglich und ihm entfuhr ein gequältes Ächzen.

„Nicht“, sagte sie und legte die Hand auf seine Brust. Sie war federleicht und warm. Es war angenehm auf seiner fröstelnden Haut.

„Ihr müsst ihn still halten.“ Sie erhob sich und zog die Felle etwas höher über seinen Oberkörper.

„Habt Ihr Schmerzen in der Brust? Beim Atmen?“, fragte sie.

„Ja.“

„Dann sind vielleicht einige Eurer Rippen gebrochen“, meinte sie. „Ich werde Euch später einen Umschlag machen.“

„Ihr habt mich entkleidet“, sagte er missmutig.

„Das war eine Notwendigkeit, Decurio. Anderenfalls hätte ich Euch nicht untersuchen und behandeln können. Außerdem waren Eure Kleider nass und starrten vor Blut und Schmutz.“

Er runzelte die Stirn. Seine Rüstung und seine Spatha waren ein Vermögen wert. Waren sie der Preis für ihre Hilfe?

„Und Ihr habt meinen Besitz gestohlen“, knurrte er.

„Nein.“

Sie wies auf den Boden neben seinem Lager. Es war alles noch da. Sogar die Waffe.

Er sah sich um, und zum ersten Mal nahm er seine Umgebung richtig wahr. Er lag auf einem Lager aus Strohsäcken und Fellen auf einem harten, gewachsenen Steinboden. Der Fackelschein schien von massiven Felswänden zurückgeworfen zu werden. Unruhig tanzte das Licht auf den rauen Höhen und Tiefen feuchten Steins. Ein hohles schwarzes Loch über ihm wies darauf hin, dass Fackel und Feuer die beachtliche Höhe des Raumes nicht auszuleuchten vermochten. Dies war gewiss kein Haus.

„Was ist das für ein Ort?“, fragte er, obwohl er die Antwort bereits wusste.

„Eine Höhle. Im Wald.“

Er verzog verächtlich das Gesicht. „Euer Stamm lebt noch in Höhlen?“

„Nein“, antwortete sie. „Aber Ihr werdet es. Zumindest in der nächsten Zeit.“

„Ihr wollt dass ich längere Zeit in diesem feuchten, moderigen Loch bleibe?“, entrüstete er sich.

„Ja, wenn Ihr nicht vorzieht, an den Füßen aufgehängt, und ausgeweidet zu werden wie ein Schwein. Denn das ist es, was meine Leute mit Euch tun werden, wenn sie Euch in die Hand bekommen.“ Sie hockte sich neben ihn und brachte ihren Mund ganz nah an sein Ohr. „Natürlich erst, nachdem sie Euch die Augen ausgestochen, jeden Knochen in Eurem Leib zu Brei geschlagen und Euch Eure Ohren, Eure Nase und nicht zuletzt Eure Männlichkeit abgeschnitten haben.“

Er erschauerte. Nicht ihre Worte, eiskalt lächelnd in sein Ohr geflüstert, trugen die Schuld daran. Er war ein erfahrener Soldat und kein junger Rekrut, dem bei solchen Aussichten die Knie schlottern mochten. Er wusste, was gefangenen Römern im feindlichen Lager blühen konnte. Auch, wenn es hier in dieser Gegend schon lange nicht mehr vorgekommen war. Doch bei diesen wankelmütigen Barbaren war alles möglich. Schließlich hätte ihnen auch niemand einen Hinterhalt zugetraut.

Nein, was die Härchen in seinem Nacken aufgerichtet hatte, war die Art, wie ihr warmer Atem seinen Hals gestreift hatte. Er ärgerte sich darüber und zog die Brauen zusammen. „In Rom würde man eine wie Euch in der Arena den Löwen vorwerfen“, knurrte er.

Sie erhob sich wieder und ihr Mund verzog sich zu einem spöttischen Lächeln. „Ach. Seid ihr oft in der Arena, großer Decurio?“

Er hatte schon ewig keine mehr betreten. Die Spektakel dort waren ihm zuwider. Doch was ging sie das an.

Statt einer Antwort musterte er sie. Sie war jung, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre. Recht hellhäutig, wie die meisten Menschen, die hier lebten. Doch war sie nicht so grobknochig und groß, wie viele der anderen Germanenfrauen, die er gesehen hatte. Ihre Statur war eher zierlich, und ihre hohen Wangenknochen, ihre kleine Nase, ihre katzenhaft schrägen Augen und ihr schön geschwungener Mund wirkten geradezu anmutig. Ihr Haar war faszinierend. Sie trug es nicht in der landesüblichen Tracht in einem Knoten oder zu Schnecken aufgerollt an ihrem Kopf, sondern es fiel vollkommen offen in üppigen, roten Wellen über ihre Brust und ihren Rücken und seine sich kringelnden Spitzen umspielten ihre schlanke Taille. Das Licht der Fackel erleuchtete es am Rand und versah es mit einem feurigen Schein, was ihr etwas Übernatürliches verlieh. Vielleicht war sie ja in Wahrheit keine menschliche Frau, sondern eine Botin der Unterwelt, von Orcus persönlich gesandt, um ihn zu holen.

„Habt Ihr mich hergebracht? Ganz allein?“, fragte er. Er erwartete immer noch, dass sich im nächsten Moment eine Horde wilder Variskenkrieger aus dem Schatten auf ihn stürzte, um genau das mit ihm zu tun, was sie ihm vorhin angedroht hatte.

„Ja“, antwortete sie, während sie an der Feuerstelle hantierte. Sie wandte sich um und sah ihn an. „Ihr seid schwer. Und groß … für einen Römer.“

Bei den letzten Worten hatte sie ihren Blick kurz und spöttisch auf einer bestimmten Stelle unter den Fellen ruhen lassen. Es wirkte anzüglich, und irgendwie verspielt. Noch nie hatte eine Frau so mit ihm gesprochen, geschweige denn ihn so angesehen. Freudenmädchen ausgenommen.

Sie kam wieder zu ihm, in der Hand einen Becher, den sie ihm hinhielt. „Trinkt das.“

Er wich zurück. „Nun doch der Schierlingsbecher?“

„Seid kein Narr. Wenn ich Euch hätte tot sehen wollen, wärt Ihr es bereits. Der Trank wird Eure Schmerzen lindern.“

Er neigte den Kopf in halbherziger Zustimmung. Wenn sie die Wahrheit sprach, konnte es ihm nur Recht sein. Es gab keine Stelle seines Körpers, die nicht unmenschlich schmerzte. Und wenn sie log, war der Tod durch Gift vielleicht ohnehin das kleinere Übel. Sie half ihm, sich aufzurichten und setzte den Becher an seine Lippen. Er trank. Die Flüssigkeit war warm und gallebitter.

Er lehnte sich zurück und kämpfte einen Augenblick lang gegen den Würgereiz. Warum helft Ihr mir?“, fragte er dann.

„Weil Ihr mich darum gebeten habt“, antwortete sie schlicht und sah ihm fest in die Augen.

„Tut Ihr immer, worum man Euch bittet?“

Eine tiefe Falte zeigte sich zwischen ihren ebenmäßigen Brauen. „Nein.“

Er schluckte. Möglicherweise wollte diese Frau ihm tatsächlich helfen. Zumindest hatte sie ihn zunächst vor dem sicheren Tod bewahrt. Denn hätte jemand anderes als sie ihn vorgefunden, wäre sein Leben verwirkt gewesen. Er erinnerte sich jetzt, wie er sie erblickt hatte. Sie war aus dem Nebel gekommen, ein schwarzer Cerberus neben ihr. Wie die Totengöttin Proserpina war sie ihm erschienen, und als er sie um Hilfe angefleht hatte, waren seine Worte ganz von selbst über seine Lippen geflossen. Doch er konnte sich nicht erinnern, wie sie ihn von dort fortgebracht hatte. Das letzte, was er von ihr in dunkler Erinnerung hatte, war, wie sie sich seiner Habseligkeiten bemächtigte. Er hätte niemals damit gerechnet, dass sie ihm tatsächlich helfen, geschweige denn in diese Höhle schaffen würde. Für eine Frau war dies sicher nicht leicht gewesen. Es war vielleicht angebracht, dankbar zu sein.

„Nun.“ Er räusperte sich. „Ich danke Euch dennoch dafür.“

Sie wandte sich wieder dem Feuer zu. „Dankt mir, wenn Ihr es überlebt. Das ist noch längst nicht entschieden.“

„Dann sagt mir zumindest, wie ich Euch ansprechen soll, wenn es soweit ist.“

„Mein Name ist Eila“, sagte sie.

Bevor er noch etwas erwidern konnte, fielen ihm die Augen zu. Vielleicht war es doch Gift gewesen, was sie ihm eingeflößt hatte. Sein Verstand wehrte sich dagegen, und er wollte sie verfluchen, doch er konnte nicht sprechen. Seine Zunge war wie gelähmt und die weiche Schwärze, die ihn umfing, ließ seine Glieder taub werden. Aber dabei verschwand der Schmerz. Das war es allemal wert gewesen, sagte er sich.

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