Rache

Ryo betrat schleppend die Kathedrale und begutachtete die Fenster. „Vielleicht sollte ich mich entschuldigen“, er setzte sich auf eine Bank. Der unverwechselbare Geruch von Airos strömte aus irgendeiner Richtung in Ryos Richtung. „Hm…, nein, ich kann jetzt nicht ans Essen denken!“, er schüttelte den Kopf und der Geruch brachte eine große Versuchung mit sich. „Oder vielleicht doch?“, er stand auf und folgte dem Geruch. Mitten in der Kathedrale schien Licht auf den Boden. In der Decke war ein Loch entstanden, und Ryo blickte wild um sich. Im nächsten Moment spürte er nur noch, wie seine Umgebung verschwand und er zu Boden sackte. Es war Novel, die ihn niedergestreckt hat. Novel, ein Oberst der Homunkuli. Unaufhaltsam und man konnte nicht vorrausehnen, dass sie erschien. Sie lachte dunkel und wandte sich ab. Im nächsten Moment war sie verschwunden, in Luft aufgelöst. Aber nicht wie die Homunkuluspuppen, sondern durch Alchemie. Teleportalchemie war ihre Stärke und durch ihr harmloses Auftreten ahnte keiner auch nur einen Hauch davon, dass sie zu den Bösen gehörte.

Keichi sah auf das Zerbrochene Portrait, dass er in den Trümmern seines Hauses gefunden hatte. Man konnte darauf einen Mann mit strengen Zügen und einem edlen Mantel sehen. Die Scherben die sich durch den Übergriff der Homunkulis aufgetan hatten, veränderten das Bild und man konnte kaum Details erkennen. „Vater…“, Keichi fuhr mit seinen Fingern an den Rissen des Glases entlang. Er ließ das Bild fallen, als ihm eines klar wurde: „Er hat dafür gesorgt, er ist doch auch nichts anderes als ein bösartiger Homunkulus“. Der Regen gab sich und die Sonne trat hinter den Wolken hervor. „Scheint so, als hätte es aufgehört zu regnen“, beobachtend lenkte Ruki seine Sicht in den Himmel.

„Der Junge wird das Anwesen und die damit verbundenen Aufgaben erben, sobald ich tot bin“, Graf Kairo von Kotone, auch genannt, „der Edle“, sprach mit seinem Butler und hielt ein Glas Martini in der Hand. „Jawohl Sir, aber ist er nicht noch viel zu jung um die Wahrheit zu erfahren?“, der Butler sprach vorsichtig, um den Grafen nicht zu verärgern, denn er war sehr schnell verärgert. „Die Wahrheit wird er später erfahren, ich möchte, dass man ihn zu einem Gentleman erzieht!“, er stellte sein Glas ab und der Martini schwappte fast über den Glasrand. „Sehr wohl!“, sofort machte sich sein Butler auf um den Sohn des Grafen zu holen, „Keichi“ Gerard Kairo von Kotone. „Keichi, dein Vater möchte dich sprechen!“, rief der Butler in das große, dunkle Zimmer. Keichi lag verängstigt auf seinem Bett und hatte sich ein Kissen auf den Kopf gelegt. Er hatte Angst vor seinem Vater, denn der legte großen Wert auf gutes Benehmen und war sofort sauer, wenn Keichi auch nur einen Fehler machte. Betrübt und voller Angst ging er hinter dem Butler her und folgte ihm in das Arbeitszimmer seines Vaters. „Ihr habt gerufen, Vater?“, er stand vor dem großen Schreibtisch und schaute auf den Boden, er hatte Angst, seinem Vater ins Gesicht zu blicken. „Schau mich an“, rief sein Vater wütend und Keichi zuckte zusammen, „wie oft habe ich dir das jetzt schon gesagt?“ Um nicht bestraft zu werden schaute Keichi in das strenge Gesicht des Grafen. Die ernsten Züge machten dem Jungen Angst. „Weißt du, warum ich dich her gerufen habe?“, sein Vater verschränkte die Arme hinter seinem Rücken. „Nein, woher auch?“, gab Keichi wieder. „Junger Mann, solch eine Redensart ist unakzeptabel!“, der Graf verzog seine Augenbrauen und stampfte auf. „Nun…, ich muss dir etwas sagen, Gerard“, er schritt langsam auf Keichi zu. „Mein Name ist Keichi, wenige Leute nennen mich Gerard, außerdem kann ich den Namen nicht leiden“, und schon im nächsten Moment holte der Graf aus und schlug seinen Sohn ins Gesicht. „Ich bin wütend auf dich, ich habe doch gesagt, du sollst mir nicht ins Wort fallen!“, die ernsten Züge sahen so verzehrt und unecht aus. „Es tut mir leid, Vater!“, Tränen liefen über die angeschwollenen Wangen des wehrlosen Jungen. „Hör auf zu Heulen, das bringt dich nicht weiter, merk dir das!“, sein Vater packte ihn am Kragen und zog ihn zu sich. „Du wirst ein Gentleman, junger Mann!“

„Sir, Sir!“, der Butler des Grafen rannte durch die Ruine des Anwesens. Die Villa war zerstört. Homunkulis haben sie angegriffen und jedes einzelne Zimmer gesprengt. Keichis Blick hatte sich verändert. Es war nun einige Jahre her, dass ihm sein Vater von seinem Erbe erzählt hatte. Aus seinen kindlichen Zügen waren Züge eines jungen Mannes geworden und seinen Mund öffnete er nur, wenn ihn jemand etwas fragte. Die Schritte waren langsam und vorfreudig. In den Bruchstücken der Villa erkannte er seinen Vater. Der Mann, der ihn einst so streng behandelt hatte und ihn oft geschlagen hatte war tot. Keichi verzog sein emotionsloses Gesicht zu einem schadenfreudigen Lächeln und lachte hämisch. Der Butler sah ihn voller Entsetzten an und meinte: „Er ist tot, und du lachst, du Rüpel?“ Keichi erlang blitzschnell seine Emotionslosigkeit wieder und sprach zu dem Butler: „Ihr nennt mich einen Rüpel“, seine Mine wurde ernst, „hat er euch nicht auch schlecht behandelt?“ Der Butler ließ ab und zog seinen „edlen“ Grafen aus dem Schutt. Keichi fühlte sich befreit und trennte sich eine Rose aus dem Garten ab. Seinen Stolz konnte ihm keiner mehr nehmen. Er hatte sein Erbe und niemand konnte ihn aufhalten. Einst als 8-Jähriger wehrlos, heute als 15-Jähriger mächtig.

Einige Monate später eilte ein Zimmermädchen in das neue Anwesen, dass sich Keichi geleistet hatte. „Sir, euer Vater lebt!“, das Zimmermädchen war ganz aus der Puste als sie ihm dies erzählte. Keichi konnte es nicht glauben, und war überrascht. „Ist das euer Ernst?“

„Keichi, was hast du denn?“, der raue Morgen war gekommen und der Regen hatte all das Blut aus den Straßen und Gassen raus gespült und Yoichi sprang über eine Säule um zu Keichi zu gelangen, dem die Tränen über das Gesicht liefen und seine Freude, die er immer vorgaukelte verstießen. Keichi brüllte in den Himmel und trat mehrmals auf das Portrait. „Ich hasse dich, du Mistkerl!“, brüllte er und seine Wut stieg. Kein Lächeln und keine sanfte Mine waren auf Keichis Gesicht zu erkennen. „Wen meinst du, ist alles ok?“, Yoichi legte den Kopf zur Seite und wirkte schaudernd. Keichi wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und setzte sein „Alles in Ordnung“-Lächeln auf. „Es ist…“, begann er, „es ist alles in Ordnung, mir geht es prima.“ Die Sonne schien rötlich und versank hinter der dicken Wolkenschicht. Die Ruine von Dimos, die zerstörte Villa, und auch die zerstörte Heimat von Yoichi brachten Keichi zum Nachdenken.

„Ich bring dich zurück Gerard, das ist mein Auftrag, außerdem hast du ja ein nettes kleines Orakel bei dir!“, Novels boshaftes Lachen konnte einen in Angst und Schrecken versetzten und ihre Gestalt ähnelte einer harmlosen jungen Frau. Sie setzte ihre Teleportalchemie ein, um zum Schlachtfeld zu gelangen, an dem sich Keichi befand. „Keine Angst Meister, ich hole dir deinen ungezogenen Sohn zurück!“

„Du sag mal, Ruki“, Keichis Schwerter klapperten als er auf Ruki zuschritt, „bist du auch ein Alchemist?“ Ruki vergrub sein Gesicht in seinem Schal und schloss seine Augen. Er hielt seine Hände vor sich. Sie bildeten ein Dreieck und sie begannen zu leuchten. In wenigen Sekunden schon fühlte sich Keichi wohler denn je. „Was ist das für eine Alchemie?“ „Kyerme-Alchemie, durch ein Gebet kann ich Menschen heilen!“, er öffnete seine Augen und hob seinen Kopf. „Du bist ein Heiler?“, Yoichis Augen funkelten und er war erstaunt. Ruki lächelte und sagte: „So gesehen schon!“ Sein Lächeln war verschwunden als er Atem in seinem Nacken spürte. Keichi und Yoichi ahnten nichts von der Gefahr, denn sie konnten Novel nicht sehen. Genauso wenig konnte Ruki sie sehen, aber er spürte ihre Anwesenheit. „Fal!“, sprach Novel und Ruki fiel bewusstlos auf den Boden. „Hab ich dich gefunden, Gerard!“, ihr hämisches Lachen wiederholte sich. „Wer bist du, und was hast du mit Ruki gemacht?“, Keichi griff nach seinem Schwert. „Ich bin Novel und dein Freund hier ist durch „Fal“ bewusstlos.

Fal ist ein Hinterhalts-Zauber von Novel. Durch ihn werden Menschen bewusstlos und vergessen, was sie vor wenigen Minuten gemacht haben.

„Daro!“, sprach Novel und wandte sich in Richtung Yoichi. Er konnte sich nicht mehr bewegen und versuchte panisch sich zu befreien. Doch je mehr er es versuchte, desto enger wurde sein Gefängnis aus dunkler Alchemie. „Wie kannst du zwei Zauber hintereinander anwenden, deine Kraft reicht doch nur für einen Zauber!“, Keichi umklammerte fest den Schwertgriff und war bereit es jeden Moment zu benutzen. Novel lachte und verschwand, übrig blieb eine schwarze Nebelwolke. Keichi wurde wütend und schwenkte sein Schwert in alle Richtungen. „Wo bist du, Monster?“, sein Schwert blieb in etwas stecken, mitten in der Luft und Novel erschien. Sie konnte ihre Kraft nicht mehr kontrollieren, weil das Schwert von Keichi in ihrem Arm steckte. Sie schrie auf und schlug ihm das Schwert aus der Hand um es los zu werden. „Du mieser kleiner Junge“, sie hielt sich ihren Arm und versiegelte die Blutung mit einem dunklen Zauber, „ich serviere dich auf dem Silbertablett, Gerard!“ Keichii hielt seine Klinge in der Hand und die Spitze des Schwertes leuchtete auf. „Kal“, und ein großer Funke schoss aus der Spitze auf Novel zu. Ihr verwundeter Arm machte ihr das Kämpfen unmöglich, sie konnte nicht rechtzeitig ausweichen und der Zauber hielt direkt auf sie zu. Sie wurde in gleißendes Licht gehüllt und schloss ihre Augen, die sehr empfindlich gegenüber Licht waren. Sie stieß einen lauten Schrei aus, sie brüllte: „Nein!“ Das Licht wurde so stark, dass Novel aufgab. Sie verschwand plötzlich in eine dunkle Wolke und ihre Gestalt wurde immer durchsichtiger, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen war.

Der Zauber, der Yoichi gefangen hielt wurde schwächer und löste sich auf. Er spielte die Ereignisse, die eben geschehen sind noch einmal im Kopf durch. Da fiel ihm etwas auf: „Sie war doch ebenfalls ein Homunkulus, nicht wahr?“ Keichii zuckte mit den Schulter und rüttelte an Rukis Arm. Aber was ich nicht verstehe ist, warum hat sie sich nicht aufgelöst, wie die anderen Homunkuli, dachte er. „Hey, wach auf“, sagte Keichii und lehnte sich nach vorne, um Ruki ins Gesicht zu blicken. An der rechten Wange hatte er eine Art Zeichen, es sah aus wie ein Flügel. Nein, jetzt wo er genauer hinsah konnte er erkennen, dass es ein Drache sein sollte. Er streckte seinen Hals gen Himmel, als wolle er etwas erreichen, was er aber nie erreichen konnte. Was dieses Zeichen wohl zu bedeuten hatte, dachte er sich. Ruki zuckte und bewegte seine Hand, dann sagte er: „Komm mir nicht zu nah, ich kann ja schon deinen Atem spüren.“ Dabei hielt er seine Augen geschlossen. Keichii durchfuhr ein Stechen und er wich sofort zurück, als wenn ihn jemand nach hinten ziehen würde. Ruki stand auf und öffnete die Augen. „Warum hat sie sich nicht aufgelöst?“, dachte Yoichi laut, sodass die beiden Jungen es hören konnten. „Ich weiß es“, Ruki verschränkte die Arme vor der Brust und fing an zu erklären: „Sie war kein gewöhnlicher Homunkulus.“ Yoichi machte eine fragende Miene. „Sie war eine der drei Oberste.“ Nun blickte auch Keichii ihn fragend an. „Es gibt drei, nein vier Unterteilungen der Homunkuli. An erster Stelle steht natürlich der König, dann folgen die Oberste, es sind immer drei. Die beiden unwichtigsten sind die dritte Stelle, die Soldatenführer, und an vierter Stelle kommen die Soldaten.“ Yoichi verstand, dann verzog er sein Gesicht zu einer lächerlichen Fratze: „Woher weißt du das alles?“ Keichii musste lachen, denn es sah sehr komisch aus, fast schon verrückt. Ruki meinte: „Da wo ich herkomme, wurde man noch in Geschichte unterrichtet.“ Er seufzte und schaute auf den Boden. Meine Heimat, dachte er, alles niedergebrannt.

Ein leichter Wind säuselte und der Regen wurde heftiger. Die schweren Wassermassen hatten das Blut und die Spuren der Homunkuli verwaschen. „Es wäre besser, wenn wir uns irgendwo Schutz vor dem Regen suchen bis er vorbei ist“, alle drei waren vollkommen durchnässt und froren. Die Temperatur kratze am Minusbereich, und die Kälte war kaum auszuhalten.

Sie schritten durch die Straßen, rechts und links lagen Trümmer von Häuser, in den dunklen Ecken Leichen und das freudige Stadtleben, das vor wenigen Stunden noch herrschte, war verflogen.

„Apropos, wo ist überhaupt Ryo?“

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