Ricardas Trauma

In dem Moment als Peter sich abwandte und das Zimmer verließ, wurde Ricarda klar, dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie so verliebt gewesen war. Und das genau in den Mann, den sie soeben indirekt abgewiesen hatte! Sie wusste, dass er ebenfalls Gefühle für sie gehegt hatte. Er hatte ihr soviel Geduld und Gefühl entgegen gebracht. Er hatte für sie sogar einen ihm wildfremden Mann bedroht und sie... Sie hätte sich ohrfeigen können. Aber nach dem ihr Chef sie so derb behandelt hatte am Telefon, war alles wieder da gewesen, was ihr gestern widerfahren war. Sie spürte Niemeiers Hände am ganzen Körper. Es wäre wirklich fast zum Äußersten gekommen. Sie war in dieser Erinnerung gefangen als Peter sie bloß in den Arm genommen hätte. Sie wusste, sie hatte noch nie so einen lieben, geduldigen und verständnisvollen Mann gekannt. Und sie dummes Ding schaffte es, sogar Peter in Unverständnis zu versetzen. Sie wusste, sie hatte etwas zerbrochen, das zwischen ihnen zu wachsen begonnen hatte. Als sie das alles realisiert hatte, ließ sie sich auf den Sessel fallen und weinte erbarmungswürdig in sich hinein. Peter, der von der Küche ins Wohnzimmer gegangen war, hörte sie, aber er hatte nicht die Kraft zu ihr zu gehen. Sie hatte ihn zu sehr verletzt. Was sollte er nun tun? Sie war eine kleine Traumfrau und er fühlte sich sehr zu ihr hingezogen. Er wusste, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Er hatte es schon gespürt, als sie ihm im Auto ihre Hand in Seine legte und verraten hatte sie sich, als sie ihn fragte, ob der SL "etwa seiner Frau gehöre." Ihre Enttäuschung über diese Möglichkeit war unüberhörbar gewesen. Da hatte er schon gespürt, was ihr noch gar nicht wirklich bewusst geworden war. Es hatte ihn gewundert, dass sie heute Morgen schon fähig gewesen war, ihm zu sagen, er solle sie nicht loslassen. Vielleicht war die Erfahrung gestern wirklich so traumatisch gewesen, dass sie nach dem Telefonat in die Erinnerung daran gefallen war... Aber würde das dann immer so sein. Dann konnte er sich die schöne Ricarda aus dem Kopf schlagen. Wieder hörte er sie schluchzen. Sie tat ihm leid. Doch das tat sie. Er wusste, er war dabei sich schwerst zu verlieben, aber sein analytisches Gehirn fragte ihn: Willst du für diese Frau ein Leben lang Therapeut sein? Oder schafft sie es, durch deine Geduld und Liebe eine liebende Frau zu werden? Er ging ins Bad, schnappte sich eine Großpackung Taschentücher und kam zurück in die Küche, wo Ricarda wie ein Häufchen Elend auf dem Sessel kauerte und schluchzte. Er stellte die Packung vor ihr auf den Tisch. "Normalerweise spür ich, was ich mir erlauben  kann, Ricarda, und ich würde dich sehr gern in meine Arme nehmen und trösten, aber ich trau mich nicht mehr! Wenn ich mich nicht mal mehr auf mein Gefühl verlassen kann, weiß ich auch nicht mehr weiter... Du hast mir heute morgen das Gefühl gegeben, dass du mich gern hast und mir vertraust. Das ist das allerwichtigste für mich, dass du mir vertraust!  Schade, dass du das nicht begriffen hast. Wenn du mich brauchst, ich bin in meinem Arbeitszimmer." Traurig verließ er die Küche. Ricarda hatte auf eine Berührung gehofft, nur eine kleine wie zufällig passierte Berührung. Doch Peter hatte sich ihr nicht mehr genähert. In seiner Stimme war das Aufmunternde, Liebevolle von gestern verschwunden gewesen, nur eine tiefe Traurigkeit hatte jedes seiner Worte begleitet...

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