Als der Boden bebte und sie ins Wanken geriet, dachte sie noch: 'Ruhig bleiben, das geht wieder vorbei.'

Dann jedoch riss er auseinander und katapultierte sie in einen scheinbar bodenlosen Fall.


Der Aufprall ist weniger hart als befürchtet und nach einem kurzen Moment der Desorientiertheit weiß sie auch, wo sie sich befindet. Und keucht erschrocken.

Zu ihren Füßen tote, trockene Erde. Als sie aufsteht, verursachen ihre Bewegungen staubige Wolken, die rasch ihre Beine und Füße bedecken.

Hohe Mauern säumen den Weg, auf dem sie gelandet ist. Zögernd tritt sie näher.


Ich habe Mauern errichtet, eine Festung, stark und mächtig, in die niemand eindringen kann.


Beim letzten Mal waren die Steine warm und moosbedeckt gewesen, nun sind sie kalt und grau. Doch noch immer unüberwindbar. Gut so.

Langsam setzt sie den Weg fort.


Ich bin beschützt in meinem Panzer.

Versteckt in meinem Raum, sicher in meinem Schoß.


Nach einer Weile lässt sie die Mauern hinter sich, der Blick fällt auf schwarze Bäume, die kahle Äste in einen trübgrauen Himmel strecken. Verbrannte Knochen auf einem Leichentuch.

Sie schluckt. Es war immer angenehm gewesen, hierher zu kommen, innere Einkehr, Ruhepause vom Alltag, Rückbesinnen auf sich selber. Und stets genoss sie die Stille und die Einsamkeit.


Da war 'ne Stille tief in mir und nur bei mir, die war so still, so schweigend weit und leicht, die war bei mir und nur bei mir. Die lag so zwischen Werden und Vergehn.


Graues Schweigen, das Atmen fällt ihr schwer, der Staub legt sich auf die Lunge und macht sie husten. Wie bedrückend, furchteinflößend dieser Ort geworden ist, sie will nicht hier sein, will fort, wieder zurück, doch erst muss sie noch weiter, muss sie finden.

Unter dem ersten Baum ist es, der Hohlraum, der kleine Beutel. Sie zieht ihn hervor, befühlt seinen Inhalt. Es sind bunte Glaskugeln, sie weiß es, ihre Hoffnungen, Wünsche, Träume. Ihre Zukunft. Sie ansehen, sie befühlen. Hastig entknotet sie die Kordel, schüttet alle auf ihre Handfläche und … schließt die Augen. Stumpfe graue Kiesel sind es, schwer liegen sie in der Hand.

Entsetzt lässt sie sie fallen, steht hastig auf und stützt sich dabei an den Baum. Die spröde Rinde bröckelt, löst sich vom Stamm und fällt in den Staub.

Nein. NEIN!


Novembermorgen hat geschlafen
Novembermorgen fühlt sich stark
Novembermorgen zeigt die Zähne


Schwer atmend sieht sie sich um. Tot. Alles tot. Das kann, das darf nicht sein. Sie läuft los.


hol mir die Kraft aus Sommertagen
und lebe im November davon


Die Mauern, diese verdammten Mauern. Sie wirft sich gegen die erste, hämmert mit den Fäusten dagegen, doch hier bröckelt nichts. Müde sinkt sie zu Boden.


„Was ist los mit dir? Du bist plötzlich so still.“ Er legte ihr eine Hand auf den Arm.

Sie blinzelte, sah erst die Hand an, dann ihn. „Nichts. Ich bin nur müde. Ein bisschen frische Luft würde mir gut tun.“

„Warte, ich komme mit.“ Er stand auf.

„Lass.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich muss ein bisschen allein sein.“


Draußen war es kalt, eisig kalt. Der Wind drang durch ihre Kleidung, stach mit jedem Atemzug in ihre Lungen. Gern wäre sie zurückgekehrt, in die Wärme, doch sie konnte nicht, konnte es nicht ertragen, musste allein sein. Allein.

Sie lief bis zu der Brücke und beugte sich über das Geländer, beugte sich hinunter und sah auf dem Wasser ihr Gesicht.


Mit schleppendem Schritt folgt sie dem Weg in die andere Richtung, zu ihrem Lieblingsplatz. Ein Tümpel, umgeben von fast kahlen Trauerweiden, dunkel, tief, schweigend. Sie muss wissen, ob …


da war ein Augenblick der Ruh, 'ne kurze Rast
ein kleines Ich, ein Lächeln und doch tief
fast wie ein Meer so blau, so blau


Dicht unter der Wasseroberfläche schaut es sie an, bleich schimmernd in tiefem Schwarz. Ein Gesicht. Ihr Gesicht.

Anfangs hatte es stets ein Gefühl der Beklemmung ausgelöst, sich selber unter Wasser zu sehen, doch mit der Zeit hatte sie sich daran gewöhnt, hatte sich vorgestellt, wie es wäre, dort, in dem stillen Wasser. Wo alles schwieg. Und hatte es genossen.

Alles ist gut, nur ein dunkler Moment, vorübergehend.

Sie betrachtet ihr Gesicht. Das allein zählt, nicht die Umgebung, nicht die Düsternis. Sie ist noch da. Und mit ihr wird auch alles andere wiederkehren. Und die Mauern schaffte sie auch noch einzureißen. Bunte Glasmurmeln, keine Kiesel mehr. Nur fest daran glauben.


hol mir die Kraft aus Sommertagen
und lebe im November davon


Ein letztes dürres Blatt löst sich vom Baum neben ihr, sinkt herab aufs Wasser. Und in dem Wellengekräusel verschwindet das Gesicht.

Sie beugt sich vor und fischt das Blatt aus dem kalten Wasser, wirft es achtlos neben sich und wartet. Darauf, dass das Gesicht wiederkehrt. Sie sich selber wiederfindet. Doch der Tümpel bleibt leer.


'Man kann auch in einem Bach ertrinken.'

Gedanken, die nicht ihre waren, doch alle anderen schwiegen. Graue Kiesel. Kälte. Stille. Und ihr Gesicht unter der Wasseroberfläche.



Die Geschichte enthält Textzeilen aus folgenden Liedern:


Simon & Garfunkel: 'I am a rock' (übersetzt)

Klaus Hoffmann: 'Stille' & 'Novembermorgen'

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