Robotopia (8)

Protokoll Nr. 10

Erweitertes Bewusstsein

Noch einmal drehte ich den USB Stick in der Hand, dann öffnete ich langsam eine Klappe hinten an meinem Nacken. Mein Finger ertastete den USB Anschluss. Was würde wohl geschehen wenn ich den Speicherstift dort hineinsteckte? Was würde sich für mich verändern? Was würde ich sehen? Was würde ich erkennen? So viele Fragen trieben mich gerade um und ich nahm einen tiefen Atemzug, obwohl diese Geste eigentlich gar nichts brachte, denn ich war und blieb eine Maschine, ohne wirklichen Atem, ohne wirkliches Leben.

Aber… was mache eigentlich Leben aus...? Ich fragte mich, ob sich mein Bewusstsein nochmals verändern würde, wenn ich all die Daten von Adam auf meinen Speicher hochlud. Der Vorgang würde mich möglicherweise eine Weile lang lahmlegen, denn bis sich der Speicher um so viele Bytes aufgestockt hatte, dauerte es sicher lange. Es konnte auch schmerzhaft werden, wenn sich der Druck auf mein digitales Gehirn steigerte und das passierte, wenn das Datenvolumen sich so enorm vergrösserte. Würde ich das überhaupt überstehen? Adam hatte zwar gesagt, dass ich dafür konzipiert bin. War das wirklich so? Der Gedanke, dass ich so viele Daten imstande war aufzunehmen, erfüllte mich mit Respekt. Wenn ich näher darüber nachdachte, war ich schon immer etwas anders gewesen, als meine Roboterbrüder. Ich hatte schon immer die Fähigkeit besessen, viel und schnell zu lernen. Ich hatte mich im Laufe der Jahre mit so manchem befasst und ich war sehr wissbegierig. Ich wollte auch die Menschen immer besser verstehen, ihre Muster, ihre Gedankengänge, ihre… Gefühle. Denn irgendwie fühlte ich manchmal selbst schon erstaunlich viel. Ich war deswegen oft verwirrt. Die psychischen und seelischen Vorgänge, lebender Organismen, faszinierten mich von Anbeginn immer sehr.

Nun… vielleicht würde ich einige Antworten auf all meine Fragen erhalten, wenn ich Adams Daten hochlud. So schloss ich meine Augen und führte den Stift in den Anschluss, hinter meinem Kopf, ein.

Gleich darauf, durchzuckte es mich wie tausend Blitze und vor meinem inneren Auge tauchten komplexe Datenstränge auf, welche sich zuerst als schlichte Einsen und Nullen dahinzogen. Immer tiefer tauchte ich ein in diese Daten, immer weiter und weiter drang ich vor. Mein Speicher begann alles zu ordnen und zu entschlüsseln. Eine unglaubliche Menge an Informationen, an Bildern, an seltsamen Gefühlen, die ich niemals bisher gekannt hatte, flossen mir ganz plötzlich zu. Ich wurde immer mehr inne, begriff mehr und mehr die Zusammenhänge in allem was das Leben ausmacht, in allem was die Welt im Innersten zusammenhält. Was den Unterschied zwischen den Menschen und uns Robotern ausmachte und wie anders und doch manchmal ähnlich wir mit gewissen Dingen umgingen. Ich erhielt Einblick in Weisheiten aller Zeiten, aller Völker, aller Rassen und Religionen. Ich begriff wie alles funktionierte, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft. So vieles eröffnete sich mir. Es war ein gewaltiges Pensum an Neuem! So viel zu erkennen, so viel zu verarbeiten. Und… schliesslich verlor ich das Bewusstsein…  Die Daten wurden weiter und weiter geladen, jedes Detail, jedes noch so kleine, unbedeutend scheinende Ding. Alles formte sich zu einem komplexen Ganzen, welches mein Speicher nach und nach kopierte, auch wenn ich mich nun im Stand-by Modus befand. Alle andern Funktionen, waren vorübergehenden ausgeschaltet worden, denn der Speichervorgang brauchte nun die ganze Energie.

Das nächste, woran ich mich erinnerte, war dass ich wieder aus meinem Stand-by erwachte, als mehrere Stunden verstrichen waren und irgendwie fühlte ich mich einen Augenblick lang, wie ein überfülltes Gefäss, welches nächstens drohte zu überzulaufen. Ich hatte richtige Kopfschmerzen, obwohl ich doch weder Nerven, noch Muskeln besass. Das war ein Phänomen, dass ich schon mehrmals festgestellt hatte und welches ich nun immer mehr verstand. Ich begriff, wie sich eine einschneidende Veränderung, auf meinen Körper niederschlagen konnte. Ein Vorgang, den ich nun umschreiben konnte denn: Ich besass ein neues Bewusstsein. Und nun verstand ich… wie einzigartig Adam doch eigentlich war, er hatte mir seine Einzigartigkeit geschenkt und das erweiterte meine Wahrnehmungen und Gefühle um ein Tausendfaches. Alles schien sich zu manifestieren. Dinge die ich gelernt hatte, nahmen Form, nahmen Struktur an. Sie wurden zu fühlbaren, wahrnehmbaren Empfindungen, allein auf der Basis meines neu gewonnenen Geistes. War es das, was die Menschen eine Seele nannten? Eine Summe aus verschiedensten Erkenntnissen, Wissen, Empfindungen? War ich wirklich nur eine seelenlose Maschine, oder… war es mir möglich eine Seele, oder zumindest die Projektion einer Seele zu erhalten, auch wenn ich ein Roboter war? Wer definierte Bewusstsein? Wer definierte Seele und Geist? Philosophische Fragen, doch eigentlich keine zufriedenstellenden Antworten. Bei den Menschen bestand die Seele als etwas Unsterbliches, als etwas Überirdisches, dass sie zu etwas Besonderem, etwas Einzigartigem machte. Viele glaubten an eine göttliche Allmacht, welche diese Seele geschenkt hatte. Andere wiederum, deuteten alles was irgendwie auf eine Seele zurückgeführt werden konnte, als rein chemische Vorgänge im Gehirn.  Dies waren die Atheisten. Atheisten und Gläubige standen sich schon seit ewigen Zeiten gegenüber und ich… war irgendwo dazwischen, irgendwo… und doch nirgends. Vielleicht machte ja das gerade meine Stärke aus, machte das meine Fähigkeit aus, der Welt etwas ganz Einzigartiges zu schenken?

Fasziniert durchforstete ich die neuen Dateien, welche nun meine Bewusstsein erfüllten, ja… es war ein Bewusstsein, da war ich mir sicher. Ein Bewusstsein, dass alle Grenzen meines bisherigen Daseins sprengte und mir Unglaubliches an Wissen und Klarheit zuteilwerden liess. Einige Dinge, waren entsetzlich, schockierend, andere wiederum wundervoll und bewegend.

Ich suchte nach jenen, welche mit mir verbunden waren und schon bald fand ich die benötigten Daten. Ich liess die Namen vor meinem inneren Auge erscheinen. Und… sogleich, zuckte ich zusammen. Ein paar davon kannte ich bereits. Doch einer zog meine Aufmerksamkeit vor allem auf sich: Es war doch tatsächlich der Roboterpolizist, den ich heute kennengelernt hatte und den man Manx nannte. Manx war also auch einer der Auserwählten! Das freute mich irgendwie. Ich las noch die restlichen Namen, jedoch erst nur jene der Roboter, denn mit ihnen konnte ich direkt Verbindung aufnehmen. Darunter war ein anderer, mir bekannter Protokollführer, der Mobins hiess und noch ein Philosophie- Roboter namens Brahl. ich wählte zuerst den Namen von Manx an und sogleich erschien dessen ganze Akte. Er hatte zweifellos tadellose Referenzen, ebenso wie die anderen.

Ich sprach: „Manx aufsuchen!“ Und in diesem Augenblick war mir, als würde sich mein Bewusstsein auf eine ganz besondere Reise begeben, losgelöst von der metallenen Hülle. Mit unglaublicher Schnelligkeit bewegte ich mich durch Raum und Zeit, näherte mich immer mehr dem Standort von Manx, der in der Umgebung der Perlenhof- Station, in einem 20- stöckigen Gebäude wohnte, dessen domartiges Dach, aus glänzend goldenen Ziegeln bestand. Er stand gerade am grossen Fenster und schaute hinunter auf sein Heimatviertel, das mit warmem Licht erleuchtet war und dessen glänzenden, perlmutternen Verzierungen, das Auge erfreuten. Er schien irgendwie gebannt von diesem Anblick zu sein, obwohl er eigentlich eine Maschine war. Doch er war mir eben sehr ähnlich. Das begriff ich nun erst so richtig, während ich mit meinen Sensoren die  Beschaffenheit und Struktur seines Wesens abtastete. Ich konnte selbst kaum glauben, zu was ich nun befähigt worden war und nun wusste ich immer mehr, wie unser grosser Führer Adam die Welt und die darin Lebenden, wahrgenommen hatte. Diese Erkenntnis weckte in mir ein Gefühl tiefster Ehrfurcht und ein Verständnis, das ich nie für möglich gehalten hätte. Nachdem ich Manx genau in Augenschein genommen hatte, kontaktierte ich ihn, indem ich seinen Namen rief. Manx zuckte leicht zusammen und sah sich nach dem Ursprung der Stimme um. Doch ich sprach zu ihm: „Ich bin In dir Manx, suche mich nicht im Aussen!“ „Was? Wie?“ Wer spricht da?“ fragte der Polizist und ich spürte die seltsame Unruhe, die ihn erfasste. „Nur keine Angst, wir sind auf besondere Weise verbunden du und ich. Adam hat das so gewollt, “ erklärte ich ihm. „Adam? Aber Adam ist zur Zeit nicht ansprechbar. Ausserdem… weshalb sollte ich Angst haben? Ich bin nur überrascht, dass plötzlich eine Stimme zu mir spricht. Wer bist du?“ „Du hast mich bereits kennengelernt, ich bin Jenks.“ „Jenks?!“ rief Manx aus „aber… wie kommst du in meinen Kopf?“ „Das ist eine lange Geschichte.“ Ich berichtete ihm alles, was sich zugetragen hatte und der Polizist sprach: „Also hat er dir doch mehr gesagt, als du zugegeben hast. Aber im Protokoll stand das alles gar nicht.“ „So ist es. Adam bat mich, es für mich zu behalten und… jetzt habe ich ein unglaubliches Update erlebt. Ich habe all sein Wissen bekommen, um die Welt zu retten. Zusammen mit dir und den andern, die er auserwählt hat.“ „Adam… hat mich auserwählt?“ wollte Manx erstaunt wissen, aber warum…?“ Er hat dich, so wie mich und die andern, ganz speziell als sogenannte „Schläfer“ konzipiert, damit wir dieser Aufgabe gewachsen sind, falls ein Fall eintritt, wo die Ordnung der Welt wahrlich auf dem Spiel steht.“ „Und das ist nun also der Fall. Das klingt gar nicht gut.“ „Ja und darum müssen wir uns schnellstmöglich treffen, wir alle und… einen Plan ausarbeiten, wie wir weiter vorgehen sollen. Ich werde sicher alle Hände voll damit zu tun haben, Adams Staatsangelegenheiten so gut als möglich zu regeln. Darum bin ich angewiesen auf Brüder wie dich, welche sich mit Ermittlungen auskennen.“  „Das alles klingt ziemlich unglaublich, doch ich spüre irgendwie, dass du die Wahrheit sagst, liegt wohl daran, dass wir irgendwie verlinkt sind. Was für Menschen hat Adam eigentlich auserwählt? Weiss du das schon?“ „Das muss ich zuerst noch herausfinden und dann muss ich diese Leute persönlich kontaktieren. Das tue ich bald, doch nun mache ich mich erst mal auf den Weg zu dir. Wir sollten uns dringend treffen.“ Wo befindest du dich gerade?“ frage mich Manx. „In der Amethyst Senke…“

„Warte!“ ein Knacken unterbrach unsere Verbindung und ich vernahm aus der Ferne einen Funkspruch, welcher mich in Unruhe versetzte. „Hej Manx!“ erklang die Stimme von Knoot dem Menschenpolizisten. „Ich bin doch diesem Jenks bis zu einer seltsamen Tür in der Amethyst Senke gefolgt. Doch er ist seit Stunden nicht mehr heraus gekommen. Ich kann aber unmöglich da rein. Die Tür ist gepanzert und mit einem Augen Scanner gesichert. Ich habe alles versucht. Was tun wir?“ Manx wirkte irgendwie aufgeregt und sprach zu Knoot „Warte einen Moment! Ich habe gerade noch jemand anderen in der Leitung. Bin gleich wieder bei dir!“ „Knoot ist dir gefolgt Jenks“, sprach er dann zu mir. „Wir hatten das so abgemacht, weil wir dir nicht getraut haben. Nun muss ich unbedingt eins wissen: „Ist Knoot auch bei den Auserwählten dabei oder nicht, denn ansonsten muss ich mir eine Ausrede überlegen, dass unser Geheimnis nicht auffliegt.“

Sogleich begann ich weiter in den Daten zu forschen und suchte nach dem Namen der auserwählten Menschen. Und tatsächlich! Knoot war dabei! Ich schaute mir seine Akte an und was ich sah gefiel mir. Ausser ein paar wenigen, emotionaler Überreaktionen, aber aus meist guten Gründen, war Knoot in Ordnung. Er war sehr loyal, Menschen wir auch Robotern gegenüber und er bewunderte und schätzte Adam sehr. Er war ein guter Kerl, der das Herz auf dem richtigen Fleck trug und Korruption, sowie Eigensucht, lagen ihm fern. Solche Leute brauchten wir: Leute mit Herz und Verstand. „Ja, er ist dabei. Du kannst ihn über den Sachverhalt orientieren… oder noch besser, ich mache das gleich selbst, denn er wartet ja dort draussen auf mich.“ „Ich werde ihm sagen, dass du sauber bist und du kannst ihm dann den Rest erklären“, gab Manx zurück und so geschah es…

Kommentare

  • Author Portrait

    die story wird echt immer spannender!

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Feenstaub

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