Ich stehe in der Ecke des viereckigen Gebäudes, im Gang auf dem dritten Stock. Zur Mitte hin ist alles verglast und führt in einen grossen Innenhof mit einem wunderschönen Baum. Ja, die Palliativ-Abteilung des Pflegeheims ist sehr schön gemacht. Die Beleuchtung ist dezent und warm. Da es bereits nach dem Nachtessen ist, ist es schon eher ruhig. Die alten und kranken Menschen sind zum Teil schon im Bett. Aber nicht alle. Einige sitzen noch einsam an den Tischen und lesen. Einige sitzen auch nur einfach da. Schweigend und geräuschlos. Eine alte gebückte Dame dreht mit dem Rollator fleissig ihre Runden. Auch das hört man kaum. Sie muss manchmal dieser anderen, sehr kleinen Frau ausweichen, die mit sich selber spricht. Die selbst sprechende Dame ist ganz altmodisch und zerschlissen gekleidet. Sie sieht ein wenig aus, wie aus dem letzten Jahrhundert. Die ganze Zeit trippelt sie wirr umher. Der Mann in der Ecke, der ständig in die Hände klatscht, scheint sie dabei genauso wenig zu stören, wie die Rollator Dame. Sie bemerkt gar nichts um sich herum. Sie lebt in ihrer eigenen Demenz-Welt. Plötzlich geht hinter mir leise die Fahrstuhltüre auf. Ein Mann schiebt etwas Grosses links an mir vorbei. Wortlos. Aus dem Augenwinkel sehe ich erst das Holz, dann das Kreuz und schlussendlich die blaue Uniform des Mannes. Es ist ein Sarg auf Rollen, der da gerade an mir vorbei schwebt. Lautlos. Der Sarg fängt an, seine Runde zu drehen. Dabei überholt er die demente Dame und weicht geschickt dem Rollator aus. Der klatschende Mann klatscht munter weiter, auch als der Holzaufbau fast vor seinem Gesicht hält. Er scheint dem Tod applaudieren zu wollen. Die Runde ist zu Ende, der Sarg steht still vor einer Türe. Er hat sein nächstes Opfer gefunden. Der Uniformierte verschwindet in dem Raum. Das Riesending bleibt einfach dastehen. Im Gang, vor aller Augen. Auch ich starre ihn an. Ich weiss, dass die Vorgehensweise üblich ist. Trotzdem erschliesst sich mir der Sinn nicht so ganz. Soll das Vorbereitung sein oder Produkteauswahl, so nach dem Motto, welches Holz passt zu mir? Auf jeden Fall ist es unheimlich. So oder so! Bei dem Anblick kommt mir eine Aussage in den Sinn, die ein deutscher Politiker letzte Woche machte. Seine Prognose war, bis achtzig arbeiten. Nur so könne der Arbeitsmarkt erhalten werden. Interessant, denn nicht alle Patienten hier sind schon in dem Alter. Wie soll das also funktionieren? Nun, vielleicht indem man die Arbeitsumgebung ändert und effizienter macht. Ich stelle mir gerade ein Grossraumbüro vor. Das könnte man sowohl im Rollstuhl wie auch mit dem Rollator bedienen. Dazu gibt es Klostühle, falls man sich nicht mehr schneller als der Darm bewegen kann. Davon abgesehen ist Zeit ja bekanntlich Geld. Dasselbe gilt für das Mittagessen. Kaum wären die noch nicht Rentner in der Kantine, müssten sie auch schon wieder umdrehen, da die Zeit schon abgelaufen ist. Das würde dann den Job der Esshilfe generieren. Und zu guter Letzt könnte man ein Fliessband um das Büro herumführen. Hier kämen dann die Särge im Stundentakt vorbei. Natürlich hätte jeder Mitarbeiter das Modell seiner Wahl. Beim Todesfall würde die Esshilfe ihren Job erweitern und den nun nicht mehr produktiven Mitarbeiter, im Sarg und per Band, in den Keller spedieren. Mit der Zeitkarte natürlich. Um die Sache endgültig rentabel zu machen, führt das ganze gleich ins Hauseigene Krematorium. Die Kosten könnten dann den Angehörigen verrechnet werden. Dieses Arbeitsmodell hätte seine Vorteile. Keine Rentenprobleme, keine Entsorgungsprobleme mehr und alle wären zufrieden und entlastet. Der Arbeitgeber übernimmt das Material Mensch von der Wiege bis zur Bahre. Ihr lacht und schüttelt den Kopf? Gut, besprechen wir das in zwanzig Jahren wieder.

Kommentare

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    XDDD Ich glaube, das habe ich auf Wattpad schon einmal gelesen. Ich kann darüber lachen, obwohl ich in dem Alter bin, dass mich dieses Schicksal treffen könnte... bleiben wir lieber Autor und arbeiten von Zuhause aus. Dann sterben wir auf dem Sofa (oder in der Badewanne) und werden erst nach 6 Wochen gefunden. DAS wäre doch mal ein Spaß. Für mich. Nicht für die Leute, die meine aufgequollene Leiche wegschaffen müssen *lach* Okay, genug Morbides für heute :3

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