Sach- ohne Lachgeschichten: Heute Sterben und Tod

Die erste verstorbene Person, die ich gesehen habe, werde ich nie vergessen.
 
Ich arbeitete auf der Gynäkologie und meine Kollegen aus der Ausbildungsklasse meinten, dass dort eh niemand stirbt. Vorher hatte ich auf der Kardiologie, also Herzstation, gearbeitet und jeder, der auf dieser Fachabteilung gearbeitet hatte, sah jemand dort sterben. Ich nicht. Dementsprechend überfordert war ich, als meine Praxisanleiterin auf der gynäkologischen Station mir erzählte, dass eine Patientin verstorben war. Mit klopfendem Herzen betrat ich den Raum. Ein komisches Gefühl der Beklommenheit erfasste mich und eigentlich wollte ich sie gar nicht sehen. 

Da lag sie und sah fast schlafend aus. Ich streckte meine Hand aus und zog sie wieder zurück. Es fühlte sich falsch an, sie zu berühren, wo sie sich doch nicht mehr äußern konnte, ob sie die Berührung wollte. Der Raum wirkte beängstigend ruhig und jeden Luftzug nahm ich bewusst wahr. Meine Praxisanleiterin, eine Seele von Mensch, verstand meine Gefühlslage, fasste mir vorsichtig an die Schulter und meinte:

„Lass dir Zeit.“

Und ich nahm sie mir auch. 

Wir säuberten sie ein letztes Mal, entfernten den Blasenkatheter, zogen die Flexülen und wuschen sie. Es war ein eigenartiges Gefühl sie zu berühren und zu spüren, dass die Verstorbene immer noch warm war. Irgendwie rechnete ich immer damit, dass sie plötzlich ihre Augen öffnen und mich wundernd fragen würde, was ich hier verdammt noch mal mache. Doch das tat sie nicht. Stattdessen ließ sie wortlos alles über sich ergehen. Tränen stiegen mir in die Augen. Warum wusste ich gar nicht genau. Meine Kollegin lächelte mich mitfühlend an. Sie redete mit der Patientin, als ob sie noch leben würde, kündigte jeden ihrer Schritte an.

„Jeder Verstorbene verdient Respekt. Nur, weil sie jetzt tot ist, heißt das nicht, dass sie kein Mensch mehr ist. Meiner Meinung nach, hat sich nur ihr Daseinszustand geändert. Vielleicht ist ihre Seele noch hier, beobachtet uns. Ich habe mit ihr geredet, wo sie noch gelebt hat, also rede ich auch jetzt mit ihr.“



Als wir fertig waren, das Fenster geöffnet hatten, damit die Seele der Patientin hinaus konnte und eine Blume zwischen ihre Hände gelegt worden war, verabschiedete sich meine Mentorin zuerst bei der Patientin und dann von mir. Ich sollte noch hier bleiben und ihre Habseligkeiten zusammen klauben und notieren. 

Nun war ich allein mit ihr. Noch einmal trat ich an ihr Bett und sah die Tote an. Ihr Gesicht war eingefallen, doch an sich sah sie aus, als würde sie schlafen. Ein ewiger Schlaf. Mir wurde urplötzlich meine eigene Sterblichkeit bewusst und Panik erfasste mich. Ich musste mehrmals tief durchatmen, bis sich mein Pulsschlag wieder beruhigt hatte. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen.

Bewusst blendete ich den, sich langsam auskühlenden, Leichnam aus und begann die Checkliste abzuarbeiten. Drei Paar Socken. Keine Schlüpfer. Eine Inkontinenzhose war Ersatz. Zwei Hosen, die sie nie getragen hatte, weil sie viel zu groß waren. Der Krebs hatte seinen Sold gefordert …

Irgendwann war ich bei ihrem Portemonnaie angelangt und sollte nach der Check- und Chipkarte sehen. Ich machte ein Häkchen. Doch da waren noch viel mehr Karten. Ein Blutgruppen- und Dialyseausweis, Blutspendepass und so weiter. Ich betrachtete die Bilder auf den Karten und erschauerte. Die Person auf den Bildern hatte äußerlich keine Ähnlichkeit mehr mit der Frau in dem Bett. Mir wurde bei der Vorstellung flau im Magen, als ich mir überlegte, was sie alles durchgemacht haben musste und dies sich so stark auf ihr Äußeres legte. 

Ich blickte zu der Verstorbenen und nun liefen mir doch die Tränen mein Gesicht hinunter. Sie tat mir unglaublich leid. 

Gerade, als ich fertig mit packen war, klopfte es leise an der Tür. Ich erschrak, weil ich aus der Totenstille gerissen wurde. Mit einem leisen Quietschen öffnete sich die Tür. Ein Mann und eine Frau betraten den Raum, gefolgt von meiner Mentorin. Sofort gingen ihre Blicke zu der Verstorbenen. Die Frau, etwa im Alter meiner Mutti, begann zu Zittern wie Espenlaub und blieb stehen.

„Mama…“

Gänsehaut überzog meinen Körper und erneut war ich kurz davor zu weinen.

Mit sanftem Druck schob der Mann seine Frau voran. Nun standen sie da. Schweigend. Gedankenversunken. 

„Sie sieht aus, als würde sie nur schlafen.“

Als die Frau, die Tochter der Verstorbenen, mit diesem Satz die Stille durchbrach, fielen auch alle Schutzwälle. Wir alle weinten. Stille Tränen des Kummers, des Verlustes, des Beileides. Ich konnte nur erahnen, was sie in diesem Moment spürten …

Damals hatte ich mir geschworen, niemals den Namen der Verstorbenen zu vergessen. Doch es geschah. Ich weiß nicht wann. Ich weiß nicht warum, aber mit der Zeit verlieren Namen an Bedeutung, doch die Erinnerung an eine Person lebt ewig weiter.


Genauso gut kann ich mich noch an eine andere Situation erinnern. Ich arbeitete auf einer onkologischen Station, einer Krebsstation. Das Arbeiten auf derselbigen war widererwarten locker und freundlich. Die Pflegekräfte versuchten mit Optimismus und Einfühlungsvermögen dem entgegen zu treten, womit sie und die Patienten jeden Tag konfrontiert wurden — Tod, Verzweiflung und viele Tränen. 

Es war Nachmittag und ich sollte zu den Patienten gehen und Kaffee verteilen. Ein Zimmer hob ich mir für den Schluss auf. In diesem befand sich ein junger Mann, der heute erfahren hatte, dass er an einer schweren Form der Leukämie erkrankt war. Denk daran: Einfühlsam sein. Dies hatten mir meine Kollegen vorab eingetrichtert. Innerlich rollte ich die Augen. Ich wäre auch so einfühlsam gewesen.

Ich klopfte an die Tür. Keine Antwort. So betrat ich vorsichtig den Raum, mit dem Kaffee und ein paar Keksen in der Hand. Dunkelheit hüllte mich ein, obwohl draußen die helle Sonne schien. Alle Rollläden waren herunter gelassen und ich sah kaum meine Hand vor Augen.

 „Hallo? Ähm … Ich habe ein paar Kekse und Kaffee.“

„Ich habe keinen Hunger.“

Im ersten Moment erschrak ich, als ich die dunkle und belegte Stimme vernahm. Vorsichtig schloss ich die Tür hinter mir und stellte meine Mitbringsel auf den Tisch ab, nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Ich sah mich um und entdeckte den jungen Mann, mit angezogenen Beinen, auf seinem Bett sitzend. Vorsichtig ging ich zu ihm, langsam, um keine Unruhe zu verbreiten, die mich sonst immer wieder umhüllte.

„Geht es Ihnen gut?“

Just in dem Moment, wo ich diese Frage ausgesprochen hatte, hätte ich mich dafür schon ohrfeigen können. Was für eine dämliche und ausgesprochen unempathische Frage. Soviel zum Thema „einfühlsam sein“.

„Nein. Mir geht es nicht gut. Wie sollte es auch?“

Ich biss mir auf die Unterlippe und der Drang diesem unglücklichen Menschen zu helfen, der Traurigkeit aus jeder Pore seines Körpers auszuströmen schien, überflutete mich. Was konnte ich tun, damit es ihm besser ging? Im Kopf ging ich hunderte Handlungsmöglichkeiten durch, doch keine wirkte passend. So setzte ich mich neben ihn. Schweigend. Jedes Wort war gerade zu viel. 

Seine Beine waren zur Brust gezogen und die Hände lagen, zu Fäusten geballt, auf dem Bett. Er wirkte wütend, resigniert, traurig und verzweifelt zugleich. Was ging wohl gerade durch seinen Kopf? Wie musste er sich fühlen? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich in seiner Situation wäre. Er war zwei Jahre älter als ich. Genauso gut hätte ich statt ihm hier sitzen können … Irgendwann legte ich meine Hand locker auf seine Faust. Ich wollte ihm zeigen, dass er nicht alleine ist, dass ich da bin, auch wenn ich ihm wahrscheinlich nicht helfen konnte. Ein Zittern ging durch seinen Körper und er schluchzte kurz auf. Ich sah weiter in die Dunkelheit und hoffte, dass ich ihm wenigsten ein bisschen meiner Kraft, meiner Hoffnung und meines Vertrauens übermitteln könnte. 

Dann, ich weiß nicht wie lange wir schon da saßen, lockerte er seine Faust und drehte seine Hand unter meiner um. Wir verschränkten unsere Finger und ich drückte sie vorsichtig. Er war nicht allein. 

„Ich will nicht sterben.“

Seine Stimme unterbrach die Stille und sein Satz schwirrte bedeutungsschwer durch den Raum. 

„Ich habe nie Drogen genommen. Habe Sport gemacht und auf eine gesunde Ernährung geachtet. Alkohol habe ich kaum getrunken und auch nicht geraucht. Warum habe ich dann Krebs? Warum ich? Warum muss ich sterben? Warum?“

Tränenverhangen sah er mich an und ich blickte mit großen Augen zurück. Warum er? Gottes Wille? Schicksal? Passiert? Was sollte ich jetzt sagen? 

Letztendlich sprach ich die Worte aus, die der Wahrheit entsprachen.

„Ich weiß es nicht.“

Dann weinte er, weinte, weinte und weinte. So zog ich ihn zu mir und spürte, wie das Meer aus Tränen meinen Kittel durchnässte. 

Ich versuchte ihm Halt zu geben, in einem Moment, wo er zu fallen drohte. Gab ihm Raum zu fühlen, zu leiden und zu fluchen. Es war unfair. Er war noch so jung und doch würde sein Leben nie mehr so sein wie vorher. Jeden Plan, den er geschmiedet hatte, war von einem Augenblick an verwischt. Seine Zukunft lag im Dunkeln. Doch vielleicht schaffte es der junge Mann ein Fünkchen Hoffnung zu bewahren - ein Stück Wärme, die ihm Kraft gab, wo Verzweiflung in zu übermannen drohte. 

Leider weiß ich nicht, was aus ihm geworden ist. Ich stelle mir vor, dass er es geschafft hat und stärker als der Krebs war. Nicht schon wieder sollte jemand diesen ungleichen Kampf verloren, eine Mutter ihren Sohn verabschiedet, eine Freundin oder Freund den Partner beerdigt haben. Denn egal wann und wie man stirbt, es wird immer jemand weiter leben müssen, der ein Teil deines Lebens war und gern mehr Zeit mit dir verbracht hätte.

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