Es schneite, als die ersten Schreie erklangen. Unruhig suchte Ran mit den Augen die Umgebung ab, doch er konnte nur das kleine Dorf sehen; kaum mehr als eine Anhäufung schiefer, alter Hütten, die leblos vor ihm lagen. Rufe mischten sich zu den Schreien, fast übertönt von dem Hufschlag dutzender Tiere. Kalter Wind trieb ihnen den Geruch von Blut und Angst entgegen, der Boden vibrierte unter ihren Füßen, als die Reiter näher kamen. Doch noch immer war niemand zu sehen. Mit rasendem Herzen suchte Ran weiter das kleine Dorf nach Menschen ab, versuchte die zu entdecken, die mit Geschrei auf sie zuhielten. Keinen Schritt wagte er sich aus dem Wald heraus, in dessen Schatten er und Garet sich vor neugierigen Augen und den letzten Sonnenstrahlen verbargen.

Dann waren sie plötzlich da, kamen von allen Seiten als hätte die Erde sich aufgetan und sie ausgespuckt. Wie Vieh trieben sie die Dorfbewohner vor ihren gehörnten Reittieren her und schrien ihnen in einer fremden Sprache Befehle zu. Langsam kreisten sie die Einwohner zwischen den Häusern ein. Ihre Tiere sandten schnaubend Nebelschwaden in die Winterluft.

„Sollten wir ihnen nicht helfen?“, fragte Ran leise und warf einen Blick auf seinen Besitzer, der still dastand und das Schauspiel scheinbar gleichmütig beobachtete. Einer der Reiter rammte einem alten Mann die Axt in den Kopf, als dieser versuchte zu fliehen. Ohne einen Ton von sich zu geben, brach der Mann in sich zusammen und sein Blut färbte den Schnee.

Am liebsten hätte Ran den Blick abgewandt, doch er konnte es nicht. Wie gebannt beobachtete er die Wilden, die sich in zwei Gruppen aufteilten. Die einen blieben auf ihren Tieren sitzen blieben und bewachten die Dorfbewohner, die sich zu einem ängstlichen Haufen zusammengedrängt hatten. Die anderen durchsuchten die Hütten. Sie trieben weitere Männer, Frauen und Kinder aus den Häusern. In einem schützenden Kreis positionierten sich die Dorfbewohner um ihre Kinder. Ran wäre am liebsten losmarschiert und hätte ihnen geholfen. Doch er tat es nicht.

„Du solltest nicht vergessen, dass wir nur einen von ihnen wollen“, antwortete sein Herr. Ran schielte unauffällig zu ihm herüber, doch Garet nahm den Blick nicht einen Moment von dem Dorf. Er stütze sich auf seinen Zweihänder und zog die Stirn in Falten. „Selbst wenn du in der Lage sein solltest, ihn zu besiegen, wird das sicher schwieriger, wenn wir uns die ganze Meute auf den Hals hetzen.“

Schweigend richtete Ran seinen Blick wieder auf das Dorf. Zwei der Wilden gingen durch die Reihen der Dorfbewohner, um sich einige herauszusuchen. Die Naam, wie das Reitervolk sich nannte, waren bekannt dafür, dass sie im Winter in den Süden kamen, um zu plündern und zu brandschatzen, das wusste selbst Ran. Allerdings war das auch alles, was er von ihnen wusste.

Und trotzdem werde ich einen von ihnen töten, dachte er, obwohl ihm das bei diesem Anblick lange nicht mehr so schlimm vorkam.

Einige der Wilden schleppten Säcke und Körbe voller Raubgut aus den Hütten. Sie fesselten die Dorfbewohner, die sie ausgewählt hatten.

Plötzlich ließ eine Stimme Ran herumfahren. Erschrocken starrte er die Wilde an, die sie misstrauisch musterte. Sie war in Felle gehüllt und nur die dunklen Augen waren dazwischen zu sehen. Sanft wallte Rans Magie in ihm auf, drückte sich gegen seine Haut und bat um Auslass, doch er drängte sie zurück. Die Frau sagte noch etwas, und Garet antwortete in der Sprache der Naam. Die Axt in ihrer Hand zuckte, dann drehte sie sich abrupt um und ging zurück in Richtung Dorf. „Komm“, sagte Garet nur und folgte der Frau.

Widerwillig verließ Ran den Wald, der an einer Seite an das Dorf grenzte. Sein Herr folgte der Frau ungerührt auf den Dorfplatz, auf dem sich Bewohner und Wilde drängten. Die Reiter waren verstummt, doch Ran beunruhigte ihr Schweigen mehr als das Geschrei zuvor. Auch die Dorfbewohner gaben kein Wort von sich. Nur ein leises Weinen oder Schluchzen durchbrach ab und an die Stille, die sich wie ein Mantel über sie legte.

Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, als er an Garets Seite in die Mitte der Wilden trat. Die Reittiere ragten neben ihm auf, schnaubten und schabten mit den Hufen über den Boden. Ihre Geweihe waren spitz wie Dolche.

Ran wurde nervös unter den bohrenden Blicken der Wilden. Unaufhörlich pochte die Magie gegen seine Haut und versuchte hinauszugelangen. Es fiel ihm schwer, sie ohne die gewohnte Barriere zurückzuhalten und die seltsame Luft so weit im Norden, die ihn gemächlich zu erdrücken schien, wenn er seine Magie nicht hinausließ, machte es nicht im Geringsten einfacher.

„Du siehst krank aus“, sagte plötzlich jemand in gebrochenem Qarisch. Sofort wurde Ran bewusst, wem er gegenüber stand. Allerdings schien der Magier, der ganz Wermid in Angst versetzte, noch nicht einmal das Mannesalter erreicht zu haben. Der Junge war zwar ein gutes Stück größer als Ran, doch sein Gesicht zeigte noch immer die Andeutung kindlicher Rundungen und kein einziges Haar war auf seinen Wangen zu sehen. Noch viel mehr als das junge Alter des berüchtigten „Wilden Prinzen“ überraschte ihn jedoch sein freundliches Lächeln.

Ran wurde mulmig bei dem Gedanken, dass er dieses halbe Kind umbringen sollte.

„Hat dir denn niemand gesagt, dass das Land hier euch umbringt?“, fragte der Prinz ruhig. Die Sonne war hinter den Bergen verschwunden und bloß das Licht der Fackeln erhellte den Platz. „Es wird dich innerlich zerreißen und gleichzeitig zerquetschen wie eine Ameise, wenn du nicht bald verschwindest. Ich würde dir also raten, wieder zu gehen.“

Anscheinden wussten die Wilden, warum Ran und sein Herr hier waren. Keiner von ihnen mischte sich ein. Stattdessen stiegen sie nach getaner Arbeit wieder auf ihre Tiere und beobachteten die Fremden.

Es war Garet, der dem Prinzen antwortete: „Wir sind nicht den weiten Weg gekommen, um uns von ein wenig Magie in der Luft wieder vertreiben zu lassen.“

Die Mundwinkel des Prinzen zuckten belustigt. „Und warum kommt ein Mensch den weiten Weg hierher, um mich zu sehen? Es dürfte selbst euch sturen Südländern doch inzwischen klar sein, dass kein Mensch mich jemals besiegen wird und wenn ich mich nicht täusche, bist du nicht einmal der Zauberei mächtig.“ Sein Blick wanderte wieder zu Ran, der ihn möglichst kühl erwiderte. „Oder willst du nur aufpassen, dass dein Sklave nicht wegläuft, wenn du ihn für dich in den Tod schickst?“

Ran ballte die Hände zu Fäusten. Er hasste es, daran erinnert zu werden, was er war. Unkontrolliert brach seine Magie hervor, tauchte das Dorf in Schatten. Angriffslustig züngelten sie zwischen den Häusern umher und warteten nur darauf, sich auf ihre Beute zu stürzen. Das Wimmern und Weinen der Dorfbewohner wurde lauter, während die Schatten näherrückten und flirrten und zuckten.

Eine Berührung an der Schulter brachte Ran mit einem Mal zurück in die Wirklichkeit. Erschrocken zog er seine Magie zurück und konnte den Blick nicht mehr von den Dorfbewohnern wenden, die ihn plötzlich mit ebenso großer Furcht in den Augen ansahen, mit der sie auch die Wilden betrachteten. Einige der Naam musterten ihn argwöhnisch.

Nicht mehr lange, versuchte er sich zu beruhigen. Nicht mehr lange, dann werde ich frei sein. Erst hatte er Garet nicht geglaubt, als dieser ihm versprach, ihm die Freiheit zu schenken, sollte er den Wilden Prinzen besiegen. Doch inzwischen klammerte er sich an diese Hoffnung wie ein ängstliches Kind an seine Mutter. Er wollte den Preis nicht bezahlen, den Garet forderte, wollte niemandem wehtun und gegen alles verstoßen, das er sich geschworen hatte. Aber es ging um seine Freiheit, diesen unerreichbaren Traum, der so plötzlich in greifbare Nahe gerückt war. Ihm war gar keine andere Wahl geblieben als mitzugehen.

„Einen mächtigen Sklaven hast du dir da geholt“, sagte der Prinz ruhig wie zuvor. „Wie viel hast du wohl für die Möglichkeit bezahlt, mich zu töten? Es war es sicher wert, schließlich würde dir mein Kopf ein ganzes Königreich einbringen.“ Wieder zuckten seine Mundwinkel und langsam wurde Ran das Lächeln des Prinzen unheimlich. Der Junge war mit Sicherheit nicht nur wegen seiner Magie gefährlich. Garet schien das ebenso zu bemerken, denn er spannte sich neben Ran an. Der Griff um das Schwert über seiner Schulter wurde fester, auch wenn Stahl nichts gegen einen Magier wie den Prinzen ausrichten konnte. „Ich frage mich nur, was er als Belohnung bekommt, falls er tatsächlich überlebt. Drei Mahlzeiten am Tag und ein Bett? Oder bloß keine Schläge?“

Rans Fingernägel bohrten sich in seine Haut, während er mit aller Kraft versuchte, seine Magie zu unterdrücken. Garet hatte ihn gewarnt, nicht zu unbedacht anzugreifen. Auch wenn Ran ein Magier des zwölften Ranges war, so konnte keiner sagen, wie mächtig der Wilde Prinz tatsächlich oder welcher Art seine Magie war. Manche behaupteten, er könne über Leben und Tod bestimmen wie die Götter, andere, er könne die Leichen gefallener Krieger lenken. Allerdings waren alle sich einig, dass er den Tod in der Hand hatte und die meisten waren überzeugt, dass er unbesiegbar war. Immerhin war noch niemand, der ihn herausgefordert hatte, lebend zurückgekehrt.

„Spielen unsere Beweggründe denn eine Rolle?“, erwiderte Garet und alle Wärme war aus seiner Stimme gewichen. „Hier und jetzt sind du und deine ganze Sippe der Feind, und es heißt entweder ihr oder wir. Soweit sollte selbst ein Kind den Krieg verstehen, oder nicht?“

Diesmal lachte der Prinz tatsächlich und das Grinsen, das viele der Wilden mit einem Mal trugen, erschien bedrohlicher als ihre Anzahl oder ihre Waffen. „Ihr Südländer seid wirklich alle gleich. Gleich dumm zumindest. Wie vielen von euch habe ich schon angeboten, dass sie umkehren und in Frieden wieder gehen können? Und alle haben sie den Tod gewählt. Selbst dem König haben wir schon gesagt, dass wir sein Land nicht wollen, doch trotzdem verschenkt er es, um eine Bedrohung abzuwenden, die keine ist. Den Feigen König nennt ihr ihn, richtig? Ein passender Name. Aber ihr seid doch alle nicht besser.“ Er stieg ab und kam langsam auf sie zu. „Aber wenn du unbedingt sterben willst, werde ich dir diesen Gefallen tun. Dein Sklave jedoch sollte diese Entscheidung selbst treffen.“

Vor Ran blieb er stehen und sah ihn von oben herab an, die Axt in der Hand und die Augen kalt wie der Wind. Allerdings griff er ihn nicht an, sondern steckte seine Waffe in eine Halterung an seinem Gürtel und griff nach Rans rechtem Arm. „Viele denken, ein guter Zauber sei mächtiger als alle Magie, aber das ist ein Irrglaube. Die meisten Magier sind nur zu schwach oder verstehen die Zauber nicht, die sie zu lösen versuchen.“ Fast sanft berührte er das Armband, das Ran an seinen Herren band und seine Magie so viele Jahre lang in ihm eingesperrt hatte. Ran wollte den Arm wegziehen und zurücktreten, als seine Magie so heftig in ihm zu brodeln und brennen anfing, dass er Angst hatte, die Kontrolle zu verlieren. Doch der Prinz hielt ihn fest, und im nächsten Moment zerfiel das Armband zu Staub.

Fassungslos beobachtete Ran wie der Staub zu Boden rieselte und der Wind die letzten Zeichen seiner Gefangenschaft davontrug als waren all die Jahre bloß ein böser Traum. Er griff an seine Schulter, spürte deutlich die Umrisse der Narbe unter den Fingern, die ihn als Sklaven kennzeichnete. Es war kein Traum, doch es erschien ihm so unwirklich, dass er nicht länger wusste, was er tun sollte. Er war frei. Frei zu tun und zu lassen, was er wollte. Niemand würde je wieder in der Lage sein, ihm seine Magie zu nehmen. Doch anstatt sich umzudrehen und wegzurennen, weg von seinem Herren, weg von seiner Vergangenheit und auf in seine Freiheit, starrte er bloß seinen Arm an, während er mit der anderen Hand immer wieder über das Sklavenmal fuhr als wäre es das einzig Reale auf dieser Welt. „Das ist ... unmöglich“, murmelte er und nahm die Hand von seiner Schulter, um nach dem Armband zu tasten, das nicht mehr da war, wo es sein sollte. „Unmöglich“, murmelte er erneut und so langsam erholte er sich von dem Schock. „Das ist unmöglich“, sagte er schließlich deutlich zu dem Prinzen. „Ist das eine Illusion? Oder ein Zauber?“

Wieder lächelte der Prinz. „Irathi glauben nur, was sie schon einmal gesehen haben, scheint es. Dass du etwas noch nie gesehen hast, heißt doch nicht, dass es unmöglich ist. Auf der anderen Seite des Ozeans denken sie, man könne Magiern keine Narben zufügen und trotzdem wird jeder Sklave bei euch gebrandmarkt, egal, wie mächtig er ist. Du solltest nicht nur das glauben, was andere dich glauben machen wollen. Wenn du schon nicht in der Lage bist, deine Fantasie zu benutzen, solltest du zumindest deinen eigenen Augen trauen.“ Er trat von Ran zurück, der wieder seinen Arm anstarrte. Ich bin frei, wurde ihm endlich bewusst. Ich bin frei, wirklich frei.

Und was mache ich jetzt?

Er sah zu seinem Herrn, der wie erstarrt etwas hinter ihm stand. Jeder Muskel in seinem Körper schien angespannt und von seiner sonstigen Leichtigkeit und Gelassenheit war nichts geblieben. Rans Blick bemerkte er nicht, geschweige denn die anderen Wilden, die sie noch immer beobachteten. Alleine den Prinzen hatte er fixiert. Das leichte Zittern seiner Hände fiel kaum auf, doch es passte so wenig zu ihm, dass Ran es trotzdem bemerkte. Er hat Angst, wurde ihm bewusst, auch wenn er erst nicht begriff, was Garet wohl befürchten konnte, wo er zuvor noch so ruhig und gefasst gewesen war.

„Jetzt hast du die Wahl“, fuhr der Prinz fort. „Töte ihn oder töte mich. Es ist deine Entscheidung und niemand kann dir das nehmen.“

Töte ihn oder töte mich, wiederholte Ran in Gedanken und sah zwischen dem Prinzen und Garet hin und her. Schließlich rutschte sein Blick zu den Dorfbewohnern, die nach wie vor zusammengedrängt vor ihm standen und denen die Angst und Verzweiflung so deutlich ins Gesicht geschrieben war, dass es Ran wehtat, sie nur anzusehen. Von denen, die vorhin aus den Bewohnern herausgesucht worden waren, sah er keinen einzigen mehr, und auch die Reihen der Naam hatten sich gelichtet, ohne dass Ran es mitbekommen hatte. Ganz am Rand lag einsam und verlassen die Leiche des alten Mannes, dem man den Schädel gespalten hatte. Eine dünne Schneedecke hatte sich über seinen Körper gelegt.

Die Naam waren nicht besser als die, denen er jahrelang hatte dienen müssen. Und trotzdem drängte er seine Magie zurück und drehte sich zu Garet um, der den Blick endlich auf ihn richtete. Garet war ungewohnt still, sah ihn nur an, bewegungslos, bis auf die zitternden Hände. Die Magie kratzte an Rans Haut, von innen und außen versuchte sie ihn aufzureißen, und endlich ließ er sie. Wieder tanzten seine Schatten zwischen den Hütten, kamen unter Türen hervor und krochen über Dächer, streckten lange schwarze Finger gierig nach Garet aus, der herumwirbelte, als er die Bewegung hinter sich bemerkte. Das Schwert hielt er kampfbereit vor sich, obwohl er wissen musste, dass er es genauso gut gegen den Wind führen könnte. „Ran...“, war das Einzige, das er sagte. Drei kleine Buchstaben, denn mehr stand einem Sklaven nicht zu.

Wut flammte in Ran auf und schob seine Magie wie eine Flutwelle vor sich her. Die Schatten stoben aus ihm hervor, verkrochen sich in dunklen Ecken und Ritzen, nur um im nächsten Moment spielerisch wieder hervorzukommen. Lachend kratzten sie am Holz und sprangen in einem wilden Tanz um Garet, der wie im Wahn nach Schemen hackte, die nach ihm griffen und an ihm zerrten. Nutzlos schlug das Schwert immer wieder in den Boden ein, wirbelte Eis und Schnee und Dreck auf. Die Schatten verkrallten sich in Garets Beinen und bohrten die dürren Finger in seine Haut. Betäubt beobachtete Ran wie seine Schatten sich langsam an Garet hinaufzogen, die Finger tief in sein Fleisch bohrten und in ihm zu wühlen begannen wie Schweine im Dreck. „Ran!“, drangen Garets Schreie plötzlich zu ihm durch und rissen ihn aus seiner Starre. „Was tust du da!?“ Augenblicklich zog Ran seine Magie zurück.

Reglos erwiderte Ran seinen Blick und wusste nicht, ob er wütend oder erschrocken sein sollte. Er konnte endlich seine Rache haben, doch er fühlte sich, als hätte man ihm ins Gesicht geschlagen. Seine Magie hatte sich tief in sein Inneres zurückgezogen, mit einem Mal zahm wie ein Kätzchen. Er beobachtete wie Blut Garets Hose, Hemd und Mantel verfärbten, wo die Schatten sich in ihn gebohrt hatten, konnte den Blick nicht von seinem schmerzverzerrten Gesicht nehmen, und fühlte sich wieder so ratlos wie zuvor. Seine langersehnte Rache fühlte sich bitter an und wenn der Gedanke daran ihm zuvor immer Kraft gegeben hatte, so ließ er jetzt bloß noch ein dumpfes Gefühl und ein leises, unaufhörliches Pochen in seinem Schädel zurück. Wie lange hatte er davon geträumt, sich an seinen Herren zu rächen? An den Mördern seiner Mutter? An den Mördern hunderter unschuldiger Menschen? Unendlich oft hatte er sich vorgestellt, sich seine Rache zu nehmen und dann ein neues Leben zu beginnen, doch wo war die Freude über sein neues Schicksal? Wo war das erwartete Hochgefühl, wenn er endlich bekam, was er wollte?

Überfordert drückte Ran sich die Hände gegen die Schläfen. Die Freiheit sollte doch süß und herrlich sein, wie ein Rausch aus dem man nie wieder erwachen musste. Wieso also war sie es nicht? Ran versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen und eine Entscheidung zu treffen, aber sein Kopf war leer.

„Willst du diese Möglichkeit wirklich verstreichen lassen?“, fragte der Prinz. Langsam drehte Ran sich zu dem Prinzen um, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte und ihn mit einem kühlen Blick bedachte. „Willst du lieber mich umbringen, obwohl ich dir nie etwas getan habe?“ Für einen Augenblick erschien es ihm tatsächlich die weisere Entscheidung zu sein. Es war das, was er versprochen hatte und die Naam waren ebensolche Ungeheuer wie die Sklavenhändler in Qaris, wenn nicht noch schlimmer. „Warum solltest du mich umbringen wollen?“ Behutsam fuhr der Prinz mit dem Daumen die Klinge seiner Axt nach, wobei er Ran jedoch nicht aus den Augen ließ. „Weil man es dir befohlen hat? Hast du den Gehorsam bereits so verinnerlicht, dass du selbst ohne Fesseln nicht frei sein kannst?“

Ran wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er hatte das Gefühl, gar nichts mehr zu wissen. Verweigerung oder Gehorsam waren stets seine einzigen Wahlmöglichkeiten gewesen. Er hatte nie den Gehorsam gewählt, doch er hatte sich auch nie gewehrt. Wegen dem Band, sagte er sich. Ich konnte mich nicht wehren, solange meine Magie gebunden war. Doch er wusste, dass er sich selbst belog. Mehr als einmal hatte er den Zauber des Armbands überwunden, wenn die Wut ihn übermannt hatte. Er hätte es zerstören können, doch er hatte es nie auch nur versucht.

„Wie geht dieses Sprichwort?“, fragte der Prinz und sah ihn herablassend an. „Einmal Sklave, immer Sklave?“

„Als Sklave geboren, als Sklave gestorben“, korrigierte Ran ihn ohne darüber nachzudenken. Schon seine Mutter hatte ihm das gesagt, bevor man sie köpfte. Und sein Herr danach. „Du hättest deiner Mutter besser zuhören sollen“, hatte Jeros gesagt. „Als Sklave geboren, als Sklave gestorben. Hättest du diese Worte verinnerlicht, hätte ich sie nicht umbringen müssen.“

Er griff nach der Kette, die seine Mutter ihm gegeben hatte, spürte den kleinen, kupfernen Baum unter seinen Fingern, als das Kätzchen in seinem Inneren wieder zum Ungeheuer heranwuchs und nach Blut lechzte.

„Ran“, kam Garets Stimme kaum hörbar von hinten. Sie klang rau und schmerzverzerrt. Sein Atem ging schwer. „Du bist frei. Ich kann dich nicht mehr kontrollieren und er genauso wenig, also geh einfach und genieße deine Freiheit. Du wolltest doch von Anfang an niemanden töten.“

Ran nickte geistesabwesend. Garet hatte Recht. Er sollte einfach gehen und nie mehr zurückblicken. Doch seine Füße bewegten sich nicht, so sehr er es ihnen auch befahl.

„Halbtot und trotzdem erteilt der gute Herr noch Befehle. Das muss ihm wirklich im Blut liegen“, scherzte der Prinz, doch sein Lächeln war verschwunden. „Jetzt triff endlich deine Entscheidung: Töte ihn oder stirb.“

Wieder glitten seine Finger über die Kette und er versuchte sich an das Gesicht seiner Mutter zu erinnern, doch er hatte schon vor Jahren vergessen wie sie aussah. Dafür sah er Anaravas Jeros klar und deutlich als stünde er direkt vor ihm. Neben ihm stand sein Sohn Asaravas, der Rans Mutter ins Grab gebracht hatte. Und er sah Lonnel Sarves und Rav und Meister Ferasis und all die anderen Gesichter, die er lieber vergessen wollte. Die Bilder seiner Herren erzitterten und erst jetzt wurde Ran bewusst, dass er sie selbst erschaffen hatten. Erschrocken über seine eigenwillige Magie fuhr er zurück und die Illusionen verschwanden.

Langsam löste er die Finger wieder von der Kette und wandte sich Garet zu, der sich gegen die Wand einer Hütte gelehnt hatte und sich schwer atmend auf sein Schwert stütze. Die Augen hatte er geschlossen. Er drückte sich eine Hand auf die Seite. Dickes Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor und färbte den hellen Stoff dunkel. Ran schluckte und wollte es rückgängig machen, doch wieder versagten seine Beine den Dienst und er blieb wie angewurzelt an Ort und Stelle stehen. Garet hustete und sackte in sich zusammen. Mit einem dumpfen Geräusch fiel sein Schwert in den Schnee. Ein Rinnsal Blut lief aus seinem Mundwinkel.

„Weise Entscheidung“, sagte der Prinz gleichmütig, als Garets Augen glasig und leer wurden. Steif drehte Ran sich zu ihm um. Er hatte eine gewisse Genugtuung erwartet, wenn er seinen Herren ermordete, doch alles in ihm zog sich zusammen. Er dachte an Garets Tochter, die er auf Schwarzstein gesehen hatte und ihm wurde übel. Hilfesuchend sah er zu den Wilden, die ihre Beute verstaut hatten und bereits alle wieder auf ihren gehörnten Reittieren saßen. Er wollte den Prinzen fragen, was er jetzt tun sollte, doch dieser wendete sein Tier, rief noch: „Viel Spaß mit deiner neugewonnen Freiheit“, und ritt los. Einige der Naam warfen ihm Blicke zu, bevor sie ihrem Prinzen folgten und ihn in vollkommener Dunkelheit zurückließen. Sein Kopf war leer und er fühlte sich schwach und ausgelaugt. Vergeblich wartete er auf das Hochgefühl der Freiheit, als er auf dem kalten Boden zusammensank und die Magie noch stärker an ihm zerrte als zuvor.

Dumpfe Stimmen drangen zu ihm durch, doch er verstand kein Wort und bemerkte es kaum, als einer der Dorfbewohner an seinem Arm zog.


Kommentare

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    Juhu, meine Lieblingsgeschichte von dir! Ich kann sie immer und immer wieder lesen und sie fesselt mich jedes Mal aufs Neue. Die dichte Atmosphäre nimmt richtig gefangen und Rans Entscheidung fällt mir als Leser auch schwer (obwohl ich zu gern gewusst hätte, ob er dem Prinzen ebenbürtig wäre). Die Art, wie du Rans Magie beschreibst, finde ich echt klasse! Und den kleinen Stolperstein hast du offensichtlich bereinigt. ;) Auch welchen Unterschied du zwischen Magie und Zauberei machst, finde ich interessant. 5/5 und ich hoffe, andere sehen das genauso. :)

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