Schrei laut!

Wie einen Tag zuvor saß ich mies gelaunt in Jerichos verstaubten und unordentlichen Büro und musste mir sein Gemecker anhören. Natürlich hatte er mich, kaum hatte ich den Raum mit Emilia betreten, gleich mit knallrotem Gesicht angeschrien und mich gefragt, was mir wohl einfallen würde mit ihm so zu reden, wie ich es am Telefon getan hatte. Still und emotionslos hatte ich seine Standpauke über mich ergehen lassen.
Nun baute er sich unmittelbar vor mir auf. Er stand so nah bei mir, dass ich seinen beißenden Schweißgeruch in die Nase bekam. Ich versuchte bloß durch den Mund zu atmen.
„Was ist los mit dir, James? Gestern musste ich mir von Mickey anhören, dass du den Auftrag einfach abgebrochen hast und abgehauen bist und heute bekomme ich von dir Beleidigungen an den Kopf geworfen.“ Genervt starrte ich zu ihm hoch.
Wieso musste er mir ständig auf die Nerven gehen? Konnte er sich nicht mal jemand anderen herauspicken?
„Um ehrlich zu sein, ich zweifle an deiner Autorität. Warum sollte ich vor einem Mann Respekt haben, der nicht einmal eine Frau, wie Ophelia, unter Kontrolle hat?“ Ich hatte große Mühe nicht in schallendes Gelächter auszubrechen, als ich seine Reaktion auf meine freche Antwort sah.
Sein faltiges Gesicht wurde leichenblass. Der Körper bebte vor Zorn und die kleinen Augen waren bis zum Anschlag vor Entsetzen aufgerissen. Er ähnelte einem Schwein, das kurz vor seiner Schlachtung stand. Laut schnaubend betrachtete er mich noch ein paar Minuten und überlegte, ob er mir noch etwas sagen sollte.
Aus den Augenwinkeln sah ich Emilia, die sich vor Lachen kugelte.
Doch anstatt ein weiteres Wort an mich zu richten, wirbelte er herum und pflanzte sich auf seinen üblichen Platz, den Schreibtischstuhl. Hektisch sortierte er einige Unterlagen. Dann fiel ihm Emilia ins Auge, die sich die rechte Hand vor den Mund geschlagen hatte, um nicht loslachen zu müssen. Erbost haute er mit einer Faust auf den Tisch.
„Fang du nicht auch noch an. Hat denn niemand Respekt vor mir und meiner Arbeit?“ Keiner von uns gab ihm eine Antwort.
„Ich bin hier nur von Verrückten umgeben.“
„Das fällt dir erst jetzt auf?“, fragte ich ohne Umschweife und feixte. Von der anderen Seite des Büros hörte ich das glockenähnliche, laute Lachen von Emilia. Ich fiel mit ein, denn ihr Lachen war einfach ansteckend. Jericho knurrte bloß. Er schien meine rhetorische Frage nicht zum Lachen zu finden.
„Ich muss mir Ophelia vorknöpfen“, sagte er beinahe lautlos, damit ihn niemand hörte.
Aber mein Gehör war außerordentlich gut ausgeprägt. Ein triumphales Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus.
Es wurde unangenehm still im Büro. Ich wagte einen kurzen scheuen Blick auf meine Uhr. Es war bereits 14.00 Uhr. In 90 Minuten wäre die Schule zu Ende und Holly würde sich voller Vorfreude auf den Weg nach Hause machen.
Aber ich würde mit Sicherheit nicht da sein. Mir brach das Herz, wenn ich an ihr enttäuschtes und trauriges Gesicht dachte. Wie sollte ich das bloß wiedergutmachen? Ungeduldig und angespannt kippelte ich mit dem Stuhl. Ich hasste es zu warten, besonders, wenn ich auf meine Kollegen warten musste und ich eindeutig etwas Besseres zu tun hatte, als hier herumzusitzen. Niemals kamen meine Kollegen zum verabredeten Zeitpunkt, also konnte es noch ewig dauern, bis alle hier waren. Ich seufzte.
Was würde ich nicht alles tun, um verschwinden und zu Holly gehen zu können. Mich zog der Gedanke, dass ich sie erneut enttäuschen würde, runter. Ich war frustriert und unglücklich. Damit ich nicht völlig in Selbstmitleid versank, stand ich leise auf und schlurfte zu Emilia herüber. Sie lächelte mir fröhlich zu und sogleich fühlte ich mich etwas besser. Ich schnappte mir einen Stuhl, der auf einem Tisch stand, und stellte ihn direkt neben ihren.
Gerade setzte ich mich hin, als die Tür geöffnet wurde und Ophelia mit Mickey im Schlepptau das Büro betrat. Ihre Haare fielen ihr über die Schultern und wippten im Takt ihres eleganten Schrittes.
Sie trug einen kurzen, fliederfarbenen Trenchcoat. Ihre Beine hatte sie in eine schwarze Nylonstrumpfhose gepackt. Ein Paar gräuliche Ankle Boots aus Wildleder rundeten ihr Outfit ab. Mickey lief ihr verträumt, mit einem dämlichen Dauergrinsen im Gesicht, hinterher, als ob es ihm jemand dorthin geklebt hätte. Den Blick hatte er stetig auf ihren Hintern gerichtet. Emilia und ich tauschten eindeutige Blicke.
Ohne uns eines Blickes zu würdigen, gingen sie schnurstracks an uns vorbei und setzten sich in die Ecke, in der ich vor Kurzem selbst noch gesessen hatte. Jericho sagte kein einziges Wort, stattdessen hantierte er weiter mit seinen Unterlagen herum. Mit der Zeit trudelten die restlichen Kollegen ein.
Zuerst kamen Patton und Brolin, die beiden Stärksten von uns allen. Das Schlusslicht bildete Navarro Henstridge, ein 34-jähriger hoch gewachsener Mann mit gebräunter Haut, schwarzen Haaren und einer Hakennase. Gebürtig kam er aus Südamerika, aus welchem Land er genau stammte konnte niemand sagen.
Die Luft war stickig und warm. Alle saßen oder standen an unterschiedlichen Plätzen. Wir hatten nun mal nicht viel miteinander zu tun und leiden konnten wir uns schon gar nicht. Ich machte tiefe Atemzüge, damit ich genügend Luft bekam, ohne, das Gefühl haben zu müssen, zu ersticken.
Als ob der fehlende Sauerstoff nicht schon schlimm genug wäre, zündete Ophelia eine ihrer verfluchten Zigaretten an und qualmte den gesamten Raum voll.
Doch ich schien der Einzige zu sein, den der stinkende Rauch störte. Ein plötzliches Räuspern erklang. Ich schaute zu Jericho, der sich erhob und hinter seinem Schreibtisch hervorkam. In den Händen hielt er Mappen aus Pappe.
„Hier habe ich neue Aufträge für euch.“ Er ging reihum und drückte jedem eine Mappe in die Hand.
„Ich möchte, dass ihr euch sofort auf dem Weg macht und diesmal möchte ich keine unangenehmen Zwischenfälle“, raunte Jericho eindringlich. Er war vor mir stehen geblieben und funkelte mich hasserfüllt an.
„Das gilt besonders für dich“, spuckte er förmlich aus und bohrte mir seinen rechten Zeigefinger in die Brust. Mit einem arroganten Grinsen hielt ich seinem Blick stand.
Nach zwei Minuten wandte er sich von mir ab und verteilte die restlichen Aufträge. Ich warf nur einen kurzen Blick in meine Mappe. Das Bild, das zu den Basisinformationen gehörte, zeigte einen jüngeren Mann mit Dreitagebart. Er sah heruntergekommen und gefährlich aus. Nach der Akte war er ein Junkie, der Jericho mal wieder Geld schuldete.
Zumindest war er kein guter Mensch, so, wie Jonathan King. Dennoch sträubte sich mein Inneres gegen einen weiteren Mord, den ich dann auf meine endlos lange Opferliste setzten musste. Aber dagegen wehren konnte ich mich nicht. Ich musste, ob ich nun wollte oder nicht, wie es Emilia mir ans Herz gelegt hatte.
„Da ihr nun eure Aufträge habt, könnt ihr verschwinden und wagt es ja nicht zurückzukommen, bevor ihr diese Leute nicht umgebracht habt.“ Mickey warf mir aus seiner Ecke einen finsteren Blick zu. Was hatte der denn schon wieder für Probleme? Höchstwahrscheinlich war er noch sauer auf mich, weil ich ihm seinen Spaß in der Kirche verdorben hatte. Kranker Idiot.
Keiner von uns bewegte sich und hatte Lust das Büro zu verlassen und erneut einen anstrengenden Auftrag hinter sich zu bringen.
„VERSCHWINDET!“, schrie Jericho aus vollem Halse und blickte wütend in die Runde. In aller Ruhe standen wir auf und drängten uns aus der Tür.
„Ach, Ophelia?“ Jericho sah zur Tür, in der sie gerade verschwinden wollte. Galant machte sie auf dem Absatz kehrt.
„Ja?“, fragte sie zuckersüß und klimperte mit den Wimpern.
„Komm noch mal her, ich muss mit dir reden.“ Leise kicherte ich, doch sie schien es gehört zu haben, denn sie musterte mich misstrauisch. Ich grinste siegessicher und verließ das Büro.

Der Nachthimmel war sternenklar. Autos fuhren an mir vorbei und blendeten mich mit ihren grellen Scheinwerfern. In Hollys Zimmer brannte noch Licht. Bewegungslos stand ich vor ihrem Haus und kämpfte mit der Entscheidung, ob ich zu ihr gehen sollte. Ich hatte Angst, wie sie auf meinen Besuch reagierte, aber ich konnte mich nicht davor drücken. Je eher ich mich bei ihr entschuldigte, desto größer war die Hoffnung, dass sie mir verzieh.
Rückblickend gesehen war mein Auftrag reinste Zeitverschwendung gewesen, der mir die letzten Kräfte geraubt hatte. Es war nicht schwierig gewesen diesen Junkie zu finden, schließlich war in der Akte eine Adresse angegeben gewesen. Ich war mit einem Taxi hingefahren, da ich immer noch nicht im Besitz eines fahrbaren Untersatzes war. Ohne Probleme hatte ich mir Zutritt ins verlassene und alte Haus verschafft. Der Typ hatte auf einem zerschlissenen roten Schlafsack in der oberen Etage gehockt, eine Hand hatte unkontrollierbar gezittert.
Als ich eingetreten war, hatte er mich kaum wahrgenommen. Seine Pupillen waren groß und seine Augen glasig gewesen. An seinen Nasenlöchern hatte ich Rückstände von weißem Pulver gesehen. Ich hatte auf Kokain getippt. Orientierungslos hatte er seinen Blick durch den Raum schweifen lassen, ohne etwas direkt zu fixieren.
Es war ein leichtes für mich gewesen meine Waffe zu ziehen und ihn mit einem gezielten Kopfschuss zu töten, denn er war durch seinen Zustand nicht in der Lage gewesen sich zu verteidigen oder vor dem kommenden Tod zu fliehen. Er hatte nicht einmal einen Laut von sich gegeben, als die Kugel sein Gehirn zerfetzt hatte. Seine Muskeln waren erschlafft und er war zur Seite auf seinen Schlafsack gekippt. Sogleich hatte ich das Haus verlassen und war zu Holly gefahren.
Nun stand ich in der Walnut Street, in ihrer unmittelbaren Nähe. Nur wenige Meter trennten mich von ihr, dennoch konnte ich ihre Anziehungskraft bis hierher spüren. Sie vernebelte meinen Verstand.
Wie in Trance ging ich zur Rückseite des kleinen Hauses und steuerte die metallene Regenrinne an. Die Umgebung rechts und links von mir nahm ich nicht mehr wahr. Ich hatte einen Tunnelblick, der mich unter das Fenster führte, welches das letzte Hindernis zwischen Holly und mir darstellte. Ich klammerte mich an das Rohr und kletterte in Windeseile nach oben. Neben mir tauchte die Fensterbank auf. Zuerst schwang ich meine rechte Seite zum Fenster.
Als ich meine Hand unter die Bank und das Bein zwischen zwei Panelen geklemmt hatte, wagte ich es mein gesamtes Gewicht auf die Fensterbank zu verlagern und die Rinne loszulassen. Es war ein anstrengender Kraftakt, doch nach weiteren Minuten hockte ich schweißgebadet auf der Bank und konnte durch das Fenster in Hollys Zimmer sehen.
Sie tänzelte leichtfüßig durch den chaotischen Raum. Es lagen schon wieder Klamotten auf dem Boden und der Schreibtisch war überfüllt. In der Hand hielt sie einen schneeweißen Ipod. Sie bewegte sich im Takt der Musik, die ich nicht hören konnte.
Holly sah einfach hinreißend aus, mit den Haaren, die ihr beim Tanzen um den Kopf wirbelten, dem rosanen Top und den weißen Shorts. Ihr Gesicht war leicht durch die Anstrengung gerötet. Ich konnte meinen Blick kaum von ihr abwenden, so engelsgleich und bezaubernd sah sie in diesem Moment aus. Bei ihrer Schönheit stockte mir der Atem.
Alles vor meinen Augen spielte sich in Zeitlupe ab. Holly schwang ihre Arme in die Luft und drehte sich wie ein Kreisel um die eigene Achse. Immer und immer wieder. Die Augen hatte sie geschlossen und ihr Gesicht strahlte eine unglaubliche Gelassen- und Zufriedenheit aus.
Eigentlich wollte ich diesen Augenblick nicht zerstören, aber ich musste es, wenn ich mit ihr reden wollte. Mit der rechten Hand klopfte ich laut gegen die Fensterscheibe, obwohl ich nicht glaubte, dass sie mich hören konnte. Doch zu meiner Überraschung zuckte sie erschrocken zusammen und schaute in meine Richtung.
Ihre Miene verwandelte sich in pures Eis. Mich durchzuckte ein heftiger, markerschütternder Schmerz, der sich in mein Herz bohrte. Instinktiv fasste ich an meine Brust.
Holly stand derweil starr, wie eine Salzsäule, mitten in ihrem Zimmer und funkelte mich erbost an. Erneut klopfte ich gegen die Scheibe, damit sie mich vielleicht doch hereinließ, wenn sie merkte, dass ich nicht locker lassen würde. Ihre Pupillen huschten schnell hin und her. Ich konnte ihr ansehen, dass sie einen inneren Konflikt ausfochte. Sie war sich nicht sicher, ob sie mich reinlassen sollte. Meine Muskeln verkrampften sich derweil zunehmendst, da ich unbequem auf der Fensterbank hockte.
Ich hoffte, dass sie sich bald entscheiden würde, was sie mit mir zu tun gedachte, sonst würde ich in naher Zukunft wie ein verkrampfter Klotz in die Tiefe stürzen. Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, ging sie zum Fenster und öffnete es mit einem kräftigen Ruck.
„Hallo“, begrüßte ich sie mit trockener Stimme. Holly entgegnete nichts, stattdessen wandte sie mir den Rücken zu und setzte sich aufs Bett.
Das fängt ja gut an. Ich robbte über die Bank auf den Schreibtisch. Ich hüpfte herunter und schloss das Fenster.
Dann herrschte eine Stille, die mir unheimlich war. Ich wagte es kaum zu atmen. Holly saß mit geneigtem Kopf auf ihrem Platz und starrte unentwegt auf ihre Hände.
„Was willst du hier, James?“, wollte sie mit erstickter Stimme von mir wissen.
„Ich bin hier, um mich bei dir zu entschuldigen. Ich habe dir versprochen auf dich zu warten, doch ich wurde aufgehalten.“ Sogleich kniete ich mich vor sie und schaute sie von unten her an. Mein Gesicht war direkt unter ihrem. Ich sah ihre blauen Augen, die ausdruckslos auf mich gerichtet waren.
„Was war so wichtig, dass du dein Versprechen nicht halten konntest?“
Es sammelten sich bittere Tränen in Hollys Augen, die ungehalten auf mein Gesicht tropften. Es fühlte sich an wie ein kleiner Regenfall in einem geschlossenen Raum. Ein Regenfall, der nicht enden wollte.
Ihre Tränen rollten meine Wangen hinab auf mein Hemd. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich seit zwei Tagen dasselbe Hemd trug und ich mich nicht umgezogen hatte. Ich hatte das Gefühl, dass ich, statt ihrer weinte.
„Ich musste einen Auftrag ausführen. Es ging nicht anders, Holly. Ich hatte keine Wahl.“ Behutsam nahm ich ihr Gesicht in meine Hände.
„Man hat immer eine Wahl.“ Sie sah mich ernst an, bevor sie sich aus meinem Griff befreite und sich an die Tür stellte. Hektisch rieb sie sich über die Augen, um die letzten Spuren ihrer Trauer und Enttäuschung wegzuwischen. Diese Reaktion hatte ich vorhergesehen und gefürchtet. Ich trat zunächst zwei Schritte näher an sie heran, weil ich sie nicht bedrängen wollte.
„Ich würde liebend gerne aufhören, doch das geht nicht so einfach, ohne, dass ich mein Leben riskiere. Über das Thema haben wir schon einmal gesprochen.“
„Ja, ich weiß“, entgegnete Holly zerknirscht, „das nüchterne Ergebnis war, dass du für den Rest deines Lebens als Auftragskiller arbeiten musst.“ Sie schaute zu Boden.
„Es ist mir durchaus bewusst, dass du es hasst, aber ich kann nichts daran ändern, Holly.“ Ich wagte mich weitere Schritte vor.
„Gestern hast du mir erzählt, dass du diesen Reverend verschont hast. Weißt du, wie stolz ich auf dich war? Du hast mir bewiesen, dass du gewillt bist dich gegen dein Schicksal zu stellen. Doch jetzt muss ich feststellen, dass du keinen Deut besser geworden bist“, krächzte sie und durchbohrte mich mit ihren blauen Augen. Für mich waren Hollys Worte wie ein Schlag ins Gesicht. Was fiel ihr ein? Glaubte sie etwa, dass mein Beruf ein Zuckerschlecken war und ich nach Lust und Laune aussteigen konnte?
„Das ist nicht fair, Holly“, zischte ich aufgebracht.
„Was findest du nicht fair?“ Fragend sah sie mich an. Ihre Wangen waren feucht von den vergossenen Tränen.
„Ich finde es nicht fair, dass du mich als schwachen und schlechten Menschen darstellst. Jeder Mensch macht nun mal Fehler.“
„Das Töten von Menschen als Fehler zu bezeichnen ist äußerst untertrieben, findest du nicht?“ Ihre Enttäuschung hatte der Wut Platz gemacht.
„Was willst du hören? Das ich ein sadistisches, schreckliches Monster bin?“ Empört trat sie auf mich zu.
„Ich will Reue von dir hören. Für dich scheint es ja nicht schlimm zu sein, was du tust. Kannst du denn gar kein Mitleid empfinden?“ Bedrohlich knurrte ich sie an. Leicht wich sie zurück, doch der Zorn funkelte weiterhin in ihren Augen.
„Ich kann kein Mitleid empfinden? Wie erklärst du dir dann bitte, dass ich den Reverend am Leben gelassen habe, obwohl das riskant für mich war. Schließlich habe ich mich gegen den Auftrag und meinen Boss gestellt“, sagte ich laut.
„SCH, sei doch still. Meine Eltern sitzen im Wohnzimmer.“ Sie legte den rechten Zeigefinger auf ihre Lippen. Diese Geste regte mich nur noch mehr auf.
„Ach ja, ich habe glatt vergessen, dass du mich, den Killer, von deinen Eltern fernhalten willst.“ Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Ich konnte die weißen Fingerknöchel sehen.
Es fiel mir schwer mich unter Kontrolle zu halten, nicht auszurasten und alles kurz und klein zu schlagen. Hatte sie die vergangenen gemeinsamen Stunden vergessen? Oder die Gespräche, die wir über meinen Beruf geführt hatten? Sie hatte mir selbst gesagt, dass sie zu mir halten und die Tatsache, dass ich ein Killer war, akzeptieren würde.
Aber vielleicht war ihre Toleranzgrenze nun doch erreicht.
„Verdammt, James, ich habe dir gesagt warum du meine Eltern am Besten nicht kennenlernst.“ Gehässig lachte ich.
„Stimmt ja. Es liegt nicht an mir, sondern an deinen verständnislosen Eltern.“ Meine Stimme triefte vor Sarkasmus.
„Willst du mir etwa unterstellen, dass ich lüge?“ Hollys zierlicher Körper bebte. Sie war auf 180, so, wie ich. Belanglos schob ich die Schultern nach oben.
„Das ist Antwort genug, danke“, stieß sie verächtlich hervor. Ich fragte mich, warum ich eigentlich hier war. Ich war sichtlich unerwünscht.
„Ich verschwinde. Es war wohl doch nicht so eine gute Idee hierher zu kommen.“ Ich wandte mich von ihr ab und steuerte das geschlossene Fenster an.
„Dann verzieh dich und schlachte noch mehr Menschen ab. Das machst du doch so gerne“, kreischte sie.
Wie versteinert blieb ich mitten im Zimmer stehen. Die unkontrollierbare Wut machte mich rasend. Mein Atem ging unregelmäßig. Eine Hitzewelle schwappte über mich und brachte mein Blut zum Kochen. Anstatt in diesem Zustand zu verschwinden, was eindeutig besser gewesen wäre, wirbelte ich herum und stürmte auf Holly zu.
Ich war nicht mehr Herr der Lage und über mein Temperament. Sie riss überrascht die Augen auf, als ich auf sie zu kam. Als ich wenige Zentimeter von ihr entfernt war, packte ich sie an ihren dünnen Handgelenken und zog sie gewaltsam an mich.
Holly versteifte sich voller Panik und wusste nicht, wie ihr geschah. Ich verstärkte meinen Griff und spürte ihre Knochen unter meinen Fingern. Sie fühlten sich an wie dürre Äste, die ich locker zerbrechen könnte. Holly wand sich hin und her und versuchte sich zu befreien, doch gegen mich hatte sie nicht den Hauch einer Chance. Mein Herz pochte wie wild gegen meine Brust und transportierte das Blut blitzschnell durch meinen Körper. Ich spürte ein leichtes, merkwürdiges Kribbeln unter meiner Haut, was mir den Verstand raubte und mich fast wahnsinnig machte.
Hollys Gesicht war von tierischer Angst gezeichnet. Ihre Lippen zitterten und die Haut war leichenblass. Ich war nicht fähig einen klaren Gedanken zu fassen. Zu sehr war ich erfüllt von Zorn und Rage, die mich fast zu ersticken drohten. Alles um mich herum verschwamm vor meinen Augen, als ob dichte Nebelschwaden mich umgaben.
„James“, Hollys zarte Stimme drang durch die Schwaden hindurch, „lass mich…lass mich bitte los“, presste sie unter Tränen hervor.
Diese wenigen Worte waren ein flehender Hilferuf, der an meine Vernunft appellierte. Mein Blick wurde wieder klarer und ich sah Hollys verängstigtes und verzweifeltes Gesicht. In Sekundenschnelle ließ ich ihre Handgelenke los, als ob ihre Haut brühend heiß wäre. Das schlechte Gewissen und die Abscheu gegen mich selbst stiegen ins Unermessliche.
Wie ein Verrückter schlug ich die Hände gegen den Kopf. Wie konnte ich nur, wie konnte ich ihr nur wehtun? Ihre zarte Seele verletzen? Ich ekelte mich vor mir selbst. Angewidert starrte ich auf meine kräftigen Hände mit den langen Fingern, die Holly Unheil und Schmerz gebracht hatten.
Aus den Augenwinkeln musste ich schockiert dabei zusehen, wie sie auf ihre Knie sank und die feuerroten Abdrücke auf ihren Gelenken eingehend betrachtete. Am Liebsten hätte ich sie in meine Arme genommen und mich Millionen Mal bei ihr entschuldigt, doch ich traute mich nicht.
Holly würde mit Sicherheit von mir weichen und darum flehen, dass ich verschwand und sie in Ruhe ließ. Es würde mich nicht wundern, wenn sie dies für den Rest ihres Lebens verlangte. Letztendlich ging ich, so feige wie ich war, mit zittrigen Beinen zum Fenster und verschwand lautlos, wie ein Schatten, in die finstere und klare Nacht.  
     
Niedergeschlagen schlurfte ich mit den Händen in den Hosentaschen durch die dunklen und menschenleeren Gassen von Saint Berkaine. Die Straßenlaternen spendeten gedämmtes Licht, welches Mücken und allerlei andere Insektenarten magisch anzog. Es war totenstill. Es gab nur wenige Zeitintervalle, in denen die Sirenen von Polizei- oder Feuerwehrwagen oder Schritte anderer Menschen zu hören waren.
Mich störte die Ruhe nicht. Im Gegenteil. Ohne den ständigen Lärm der belebten Stadt konnte ich den Wirrwarr in meinem Kopf ordnen und mein aufgewühltes Inneres beruhigen. Die Erinnerungen an den Besuch bei Holly machten mir schwer zu schaffen. Mir war schlecht und mein Schädel dröhnte so stark, dass ich mir am Liebsten den Kopf abgerissen hätte, bloß, um den unendlichen Schmerz zu lindern, der mich so sehr quälte. Aber was verursachte diesen Schmerz? Die Tatsache, dass ich seit Ewigkeiten weder etwas getrunken oder gegessen hatte oder mein schlechtes Gewissen?
Ich war mir sicher, dass es nur die zweite Vermutung sein konnte. Trotz meiner Gewissensbisse brodelte weiterhin die Wut in mir. Ich war sauer auf Holly und auf mich selbst. Sie hatte mich bis aufs Blut gereizt und sie wusste ganz genau, dass sie mich mit ihren ungerechten Worten verletzt hatte.
Aber ich hätte auf gar keinen Fall so gewaltsam und unkontrolliert reagieren dürfen. Ich hatte ihr selbst noch vor einigen Wochen versprochen, ihr niemals wieder Schmerzen zuzufügen.
Tja, ich hatte mich nicht daran gehalten und somit als Freund kläglich versagt. Ich ballte die linke Hand zur Faust und boxte gegen die nächste Hauswand. Das war ziemlich dumm, wie sich zwei Sekunden später herausstellte.
Ein heftiger Schmerz durchfuhr meine Hand und zog bis in meine Schulter.
„Verdammt, verdammt, verdammt“, fluchte ich laut und stampfte wütend auf. Ich hielt den pochenden Arm gegen meine Brust. Vorsichtig spreizte ich meine Finger, aus Angst, dass etwas gebrochen war. Die Hand war angeschwollen und rot, doch es schien nichts ernsthaft verletzt zu sein. Das war die gerechte Strafe für meinen Ausraster von eben.
Jedem anderen Menschen hätten diese Schmerzen durchaus gereicht, aber ich wollte und musste meinen Zorn herauslassen, damit ich halbwegs wieder klar denken konnte.
Aber wie sollte das auf die Schnelle funktionieren, ohne, dass ich mich selbst verstümmelte? Die Antwort auf meine Frage lief direkt an mir vorbei, in die Richtung, aus der ich gerade gekommen war.

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