Schwarzbunte Tage4

Sie blieben erst mal reglos liegen. Dann stand Miguel wieder auf. Er biss die Zähne zusammen und dachte sich nur noch, dass er unbedingt zum Nächsten Notarzt muss für den Jugendlichen. Er machte ein zwei wackelige Schritte zu dem Jungen. Dann knickten seine Knie ein. Doch er fing sich. Ein weiteres Mal schulterte er den Jungen und stolperte so schnell wie er konnte Richtung Livia. Er hörte schon das Martinshorn von den Rettungswagen. Er stolperte schneller und schneller. Nur noch dreißig. Nur noch neunundzwanzig. Nur noch achtundzwanzig. Nur noch siebenundzwanzigeinhalb. Nur noch fünfundzwanzig. Dann knickten seine Knie ein und es wurde schwarz. Nur noch den stechenden Schmerz in der Schulter und im Kopf spürte er noch. Doch dann war alles schwarz und er schien zu schweben. Er war frei. Richtig frei. Keine Last, keine Sorgen, kein Schmerz. Kein Trauer, keine Freude. Frei. Er war endlich frei.

                                                                                                 

„Hey. Wach auch.“

Er öffnete die Augen einen Spalt. Er wurde geblendete. Er sah rot und orange. Er schloss die Augen.

„Hey, bleib bei mir.“

Wieder öffnete er die Augen einen Spalt. Und wieder wurde er geblendete. Er sah rot und weiß. Sein t-shirt war auf der Brust aufgeschnitten. Er schaute auf seinen Waschbrettbauch. Auf ein außergewöhnlich gut trainiertes Sixpack. Langsam bewegte er seinen Kopf nach links und hob seinen linken Arm. Doch der Schmerz zuckte durch seinen Arm und durch seine Schulter. Er stöhnte auf. Aus den Augenwinkeln sah er viele Schläuche. Sie führten wahrscheinlich in ihn hinein und an irgendwelche Geräte. Eine Stimme sagte Werte, aber er nahm sie nur weit entfernt weg.

„Ok, schau mal zu mir. Schau zu mir.“, hörte er nun einen Stimme sagen. Sie drang durch alles durch. Durch den ganzen Nebel in seinem Kopf.

„Tut das weh?“, fragte die Stimme.

„Wo bin ich?“, fragte er zurück.

„Tut das weh?“, fragte die Stimme erneut.

„Nein.“

„Und hier?“

„Auch nicht.“

„Und hier?“

„Nein. Nur die Schulter und der Arm, wenn ich ihn bewege.“

„Warte. Bewege mal dein Knie.“

Er bewegte es.

„Merkst du was?“

„Ja.“

„Was?“, fragte sie bestürzt.

„Dass alles in Ordnung ist. Und das stechen unter dem Knie habe ich ab und zu schon mal.“

Sofort wurde das Knie untersucht. Doch sie fanden nichts.

„Röntgen.“, wurde angeordnet.

Zwei Hände untersuchten seinen Bauch.

„Brett hart.“

„Kein Wunder, wenn ich ihn anspanne.“, meinte Miguel. Die Muskeln traten noch stärker heraus.

„So was ist mit deinen Schultern und Armen?“

„Sie schmerzen, wenn ich sie bewege. Und ich habe Kopfweh.“

„Kein Wunder. Die Schulter ist angebrochen und die andere ist verstaucht. Im Übrigen hast du dort auch noch zahlreiche Schnittverletzungen.“

„Also ich habe was in mir, was da nicht reingehört?“

„So könnte man es auch nennen.“

Im Hintergrund wurde gerade ein Junge in einen Rettungssack gepackt und mit einer Seilwinde nach oben gezogen. Ein Mädchen half dabei. Obwohl Miguel das nur verschwommen wahrnahm sah er ihre Schönheit. Sie war groß und hatte wunderschöne schwarze Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Doch zwei Strähnen hatten sich gelöst und fielen lose ins Gesicht. Ihre Mine war ernst. Und ihre Jeans mit den Reisverschlüsse an den Venen stand ihr gut. Genauso wie ihr grüner Pulli. Sie kam auf den Rettungswagen zu.

„Kann ich mich erkundigen, wie es Miguel geht?“

„Wer bist du denn?“

„Seine Freundin.“

„Ja, komm rein.“

Sie kam in den Rettungswagen. Sie wollte Miguel Hand nehmen, doch er zuckte leicht zurück. Dann küsste sie ihn stattessen auf die Wange.

„Das sieht übel aus.“

„Ach das ist fast nichts.“, meinte Miguel gepresst und versuchte zu lächeln, doch es misslang.“

„Wie geht’s ihm.“

„Also er hat einige schwere Schnitte und einen Hohlfaserfraktur – da ist die Schulter angebrochen – aber ansonsten geht es ihm gut. Und er weigert sich Schmerzmittel zu nehmen.“, gab einer der Sanitäter Auskunft und zwinkerte als er das Schmerzmittel ansprach.

„Dann bin ich beruhigt.“, meinte Livia, „Kann ich denn vorne mitfahren? – vorausgesetzt sie brauchen mich da draußen nicht mehr.“

„Ja, klar, wir brauchen hier sowieso noch zwei drei Minuten.“, meinte der Sanitäter, gleich kommt noch mal der Doc. vorbei. Und dann fahren wir.“

Wieder küsste Livia Miguel auf die Wange.

„Ach ja, Bene wünscht dir gute Besserung.“, meinte sie und strich noch mal über sein Sixpack, was für seine 16 Jahre gut trainiert. Dann sprang sie vom RTW. Dort rannte sie sofort zu einem Einsatztrupp und packte wieder fleißig an.

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