Schwierige Freundschaften

Ravenas Herz schien einen schmerzhaften Sprung zu machen, als sie hörte, was ihrem Bruder zugestoßen war. Mit wenigen, dürren Worten berichtete Roana von dem Hinterhalt, in den man sie gelockt hatte. Ravena zweifelte nicht daran, dass ihre Schwägerin nur eine geschönte Version der Geschichte erzählte, dennoch fuhr ihr der Schrecken in alle Glieder und verschlug ihr die Sprache. Den anderen schien es ähnlich zu ergehen, denn niemand sagte ein Wort, nachdem Roana verstummt war.
Sie saßen zu fünft in Rafaels Krankenzimmer. Roana, Peire und Ahmad teilten sich die Fensterbank, während Ravena es sich am Fußende von Rafaels Lager bequem gemacht hatte. Sie hatte Wein aus dem Friaul kommen lassen, doch der Krug stand noch unberührt auf dem Tisch. Jetzt hob Peire den Blick und sah erst Roana und dann Rafael an.
»Ich kann es noch immer nicht fassen«, bekannte er. »Ihr glaubt, es war Assad, der seinen Männern den Auftrag erteilt hat, euch zu töten?«
Rafael zuckte die Schultern. »Wer sonst?«
»Die Männer hatten keinen Grund aus eigenem Antrieb zu handeln«, ergänzte Roana.
Ahmad schüttelte den Kopf. »Sie hatten durchaus einen Grund.«
»Ach?«, bemerkte Roana. »Und welchen?«
»Erinnere dich an den Vorfall mit deinem Sattelgurt, Löwentochter«, sagte Ahmad.
Peire warf ihm einen fragenden Blick zu. »Was für ein Vorfall?«
Rafael stieß die Luft durch die Nase aus. »Ursprünglich waren es drei Sarazenen, die uns bewachten. Einer von ihnen hat Roanas Sattelgurt beschädigt. Er wäre irgendwann gerissen, vielleicht auf einem schmalen Saumpfad direkt am Abgrund und es hätte ausgesehen wie ein Unfall.«
»Allmächtiger.«
»Ja. Zum Glück habe ich es rechtzeitig bemerkt.«
»Und der Sarazene?«, fragte Peire. »Was habt ihr mit ihm getan?«
Ahmads Blick zuckte für einen Herzschlag in Rafaels Richtung, bevor sich die gleichgültige Maske wieder über sein Gesicht legte.
»Leider gar nichts«, bemerkte Roana säuerlich. »Der Bastard hat sich davon gemacht.«
»Hm.« Peire senkte den Blick und verharrte einen Augenblick in tiefem Nachdenken.
»Ich glaube, ihr verschweigt mir etwas«, murmelte er schließlich. »Weißt du, Rafael, ich kenne dich jetzt eine ganze Reihe von Jahren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du es hinnimmst, wie deine Frau bedroht wird, ohne den Sarazenen zu töten ...« Er hielt inne, zögerte kurz und fragte unsicher: »Hast du ihn getötet?«
Rafael sah ihn an und antwortete nicht.
»Was spielt das jetzt noch für eine Rolle?«, warf Roana ein.
»Oh, es spielt durchaus eine Rolle«, versicherte Peire grimmig. »Wenn die Sarazenen den Tod ihres Kameraden rächen wollten, so haben wir das Motiv für den Hinterhalt.«
»Ich denke, dass der Auftrag schon viel früher erteilt wurde«, sagte Rafael. »Assad hat sich mit dem Mädchen davongemacht, während seine Männer dafür sorgen sollten, dass wir einen tödlichen Unfall erleiden.«
»Vermutlich«, stimmte Peire trocken zu. »Aber warum ist Andara so wichtig?«
»Ich weiß es nicht«, musste Rafael bekennen. »Ich weiß nur, dass sie Gandars Tochter ist und Manfreds Interesse an ihr höchst bedenklich. Vor allem, da ihm ihre wahre Herkunft gar nicht bekannt sein dürfte. Es gab nur drei Menschen, die davon wussten, und alle drei sind tot.«
»Vielleicht waren wir in Viktoria nicht vorsichtig genug«, ließ sich Ahmad vernehmen. »Jemand könnte geredet haben.«
Rafael wehrte ab. »Lasst uns nicht von den alten Geschichten sprechen«, bat er. »Es lässt sich ja doch nichts mehr daran ändern.«
»Wie du willst.«
»Was soll jetzt mit Andara geschehen?«, fragte Peire.
Ravena griff nach dem Weinkrug, füllte die Becher und reichte sie herum. »Macht euch lieber Gedanken, was mit Hauptmann Assad geschehen soll«, sagte sie. »Zum Weihnachtsfest erwarte ich Gäste und brauche den Platz. Also schafft ihn rechtzeitig fort.«
Die Männer tauschen unbehagliche Blicke.
Rafael legte beide Hände um seinen Becher und ließ die Flüssigkeit darin kreisen. »Wir können ihn nicht einfach gehen lassen.«
»Assad würde uns seine Freilassung nicht danken«, ergänzte Roana. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich es verabscheue, bei jedem Schritt unserer Heimreise über die Schulter schauen zu müssen.«
»Doch, Roana. Das kann ich mir ohne Mühe vorstellen. Aber es hilft uns nicht weiter, hier zu sitzen und auf bessere Zeiten zu warten.«
»Da hast du leider recht.«
Peire erhob sich und lehnte sich neben dem Fenster an die Wand. »Hast du einen Vorschlag, Herrin, was wir mit Hauptmann Assad tun sollen?«
»Mit meiner Eskorte nach Venedig schicken«, erwiderte Ravena lapidar. »Und wenn ihr nicht bald zu einer Entscheidung kommt, werde ich das auch tun.«
»Das geht nicht.«
Ravena schüttelte den Kopf. »Euren Gesichtern nach zu urteilen, könnte man denken, in meinem Turm säße ein übler Verbrecher. Aber sind wir mal ehrlich: Was hat sich der Hauptmann zu Schulden kommen lassen? Wenn ich es recht verstanden habe, hat er euch gegen die Straßenräuber sogar beigestanden.«
»Aus purem Eigennutz«, sagte Roana.
»Eigennutz ist kein Verbrechen.«
»Er hat Andara entführt.«
»Nun ja. So scheint es.«
»Bitte? Er hat sie aus unserer Obhut entfernt und sich mit ihr davongemacht. Wie würdest du das nennen, wenn nicht Entführung?«
Ravena war skeptisch. »Ich weiß nicht, ob die Sache so einfach ist. Hat jemand sich die Mühe gemacht, ihn zu befragen?«
»Wozu der Aufwand?«, wandte Roana ein. »Assad würde uns doch nicht die Wahrheit sagen.«
»Vielleicht doch«, widersprach Ravena.
Peire und Rafael tauschten einen verwunderten Blick.
»Worauf willst du hinaus, Ravena?«, fragte Rafael.
»Ich habe nachgedacht.« Sie hob den Blick und sah Ahmad an. »Herzog Gandar und Hauptmann Assad waren Freunde, nicht wahr?«
»Das ist richtig«, bestätigte der Sarazene.
»Ich hatte nicht das Privileg Gandar zu kennen, so wie du, Rafael. Aber aus deinen Erzählungen schließe ich, dass der Herzog ein vorausschauender und umsichtiger Mann war.«
Rafael nickte. »Sprich weiter.«
»Wir sollten Assad fragen, ob Gandar ihn nicht darum gebeten hat, sich um Andara zu kümmern. Der Herzog hat sicher nicht damit gerechnet, dich in seiner Todesstunde zu sehen. Dir Andara anzuvertrauen, war eine Eingebung des Augenblicks. Ich nehme an, es war keine Zeit mehr, dir zu erzählen, welche Absprachen er bereits getroffen hatte.«
Rafael klopfte sich mit dem Zeigefinger gegen die Lippen, während er nachdachte. »Da ist etwas dran«, sagte er schließlich. »Ahmad?«
»Sie könnte recht haben«, befand der Sarazene. »Ich werde mit meinem Bruder im Glauben sprechen. Mir wird er antworten.«
»Tu das«, antwortete Rafael ohne Zögern. Aber mach ihm klar, dass er nur diese eine Chance bekommt, freiwillig zu reden. Sollte er sich weigern, ist es aus mit meiner Geduld.«


Ende der Leseprobe

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