Sechs Monate später

Sechs Jahre Später
Traurig in seinem Flugzeugsessel sitzend, stocherte Andreas ohne Appetit im Essen herum. Eigentlich durchlöcherte er nur die Kartoffeln. Wie hatte seine Mutter nur an einer Grippe sterben können? Er verstand es nicht, er füllte sich nur noch leer.
„Iss etwas“, bat sein Vater, der neben ihm saß.
„Ich hab keinen Hunger, Paps.“ Sagte Andreas leise und mit zittriger Stimme.
„Iss wenigstens ein kleines bisschen was“, sagte sein Vater noch einmal.
Andreas sah zu seinem Vater auf, sah die dunklen Ringe unter seinen Augen, den leeren Blick. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Teller. Er schob sich ein Stückchen Kartoffel in den Mund und kaute lustlos. Von seinen Freunden hatte er sich kaum verabschieden können, so kurzfristig hatte sein Vater alles organisiert. Wie auch immer er das hinbekommen hatte.
Er dachte an das Gespräch, das er mit seinem Vater und seiner Schwester nur Tage nach der Beerdigung geführt hatten. Alle drei hatten sie am Küchentisch gesessen. „Wie lange, kannst du noch bleiben?“, hatte seine Schwester mit tränen erstickter Stimme gefragt. „Leider nicht mehr lange“, sagte sein Vater mit vor Trauer tonloser Stimme. „Und Andreas, wo bleibt er?“, fragte seine Schwester. „Er kann mitkommen“, antwortete sein Vater. An Andreas gewandt fuhr er fort, „wenn du mit mir nach Neuseeland willst.“ Trotz der Trauer machte Andreas Herz einen kleinen Sprung. Er durfte mit nach Neuseeland. „Geht das den, so kurzfristig?“, fragte Andreas und in seiner Stimme mischte sich Hoffnung mit Trauer. „Mach dir da mal keine Sorgen“, sagte sein Vater.
Ein kurzer Ruck ging durch das Flugzeug und holte Andreas wieder in die Realität zurück. Kurz sah er auf, es war anscheinend nur eine Turbulenz gewesen. Er schob sich, noch einen weiteren bissen in den Mund. Entschlossen lies Andreas die Plastikgabel mitten auf das Tablett Plumpsen, steckte sich den zweiten Ohrhörer wieder ins Ohr und drehte die Musik lauter. Eisbrecher verschluckte mit This is Deutsch die Welt. Andreas fühlte sich leer, er dachte an gar nichts, nicht an die Freunde, an seine Mutter und auch nicht an die Zukunft in Neuseeland.
***
„Hast du nachgesehen das du auch wirklich alles eingepackt hast?“, fragte sein Vater zum fünften mal.
Andreas rollte mit den Augen und sagte Cornflakes essend, „Ja, ich hab alles!“
„Auch die Papiere für die Schule?“, fuhr sein Vater fort.
„Die Mappe liegt auf der Anrichte“, antwortete Andreas und leerte seine zweite Tasse Kaffee. „Wo grabt ihr weiter? Noch beim kleinen Tempel?“, wollte Andreas wissen.
„Der wird uns noch eine ganze weile beschäftigen. Wahrscheinlich kannst du in den Ferien wieder am Tempel mithelfen.“ Antwortete sein Vater.
„Kommt ihr ohne mich überhaupt voran?“, fragte Andreas mit einer Unschuldsmiene „Ganz bestimmt, aber auf jeden Fall sinkt unser Kaffeeverbrauch“, lachte sein Vater.
„Das bisschen Kaffee“, verteidigte sich Andreas und vernichtete die dritte Tasse. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr meinte sein Vater, „wir müssen langsam los.“
„Bin schon fertig“, antwortete Andreas, begleitet von einem Klirren. Als er sein Frühstücksgeschirr in die Spüle stellte und die Mappe, mit den Papieren, von der Anrichte nahm. Sein Vater wuchtete bereits die großen Koffer in den Kofferraum.
Andreas setzte sich ins Auto und schaltete sein Smartphone an.
„Ab morgen ist wieder Schule. Dann bin ich ohne Paps in der Stadt! Stell dir das Mal vor!“, schrieb er an seinen Freund Thorsten in Deutschland.
„Fährst du nach der Schule etwa nicht nach Hause?“, schrieb Thorsten zurück.
„Ne, das sind fast 100 km, ich hab ein Zimmer in der Schule.“ Schrieb Andreas.
„Ach so“, kam zurück. Dann kam noch, „Matthias fragt, ob du wirklich 4 Wochen im Dreck gewühlt hast?“
„Im Dreck gewühlt! Augenrollsmiley! Das ist eine archäologische Ausgrabung“, schickte Andreas zurück.
„Ich hab nicht mehr viel Zeit, meine Ma ist krank“, schickte Thorsten mit einem weinenden Smiley. „Hat sie auch dieses Virus?“ schickte Andreas, mit einem weinenden und einem tröstenden Smiley. „Weiß nicht. Ma ruft, ich muss aufhören. Wir schreiben uns wieder“, schickte Thorsten und unterbrach dann die Verbindung.
***
Schweigend ging Andreas mit seinen neuen Freunden durch die Gänge des Schulgebäudes. Auf dem Weg zur ersten Stunde. Die Stimmung war gedrückt, jeder war mit seinen Gedanken woanders. Fast jeder hatte inzwischen jemanden in der Familie, der krank war und einige hatten auch schon Angehörige verloren. Auch Andreas dachte wieder mehr an seine Mutter.
Sein Blick verschleierte sich, er dachte an einen Tag kurz vor seinem vierzehnten Geburtstag.
„Bitte, Mama deine Burger sind sooo toll“, versuchte Andreas gerade, mit Dackelblick, seine Mutter davon zu überzeugen für die ganze Bande Hamburger zu grillen. „Müssen es wirklich Burgen sein? Bratwürste sind doch auch gut!“, versuchte seine Mutter ihn ein letztes mal von dieser Idee abzubringen.
„Ja, Mama! Burger. Du hast gesagt, ich darf mir etwas aussuchen. Solange es auf den Grill passt.“ Sie seufzte. „In Ordnung, du hast gewonnen“, gab seine Mutter nach.
Unsanft wurde Andreas durch einen Rempler aus seinen Gedanken gerissen.
„Pass auf wo du hingehst“, fauchte ein Mädchen. Mit schwarz geschminkten Augen einem Piercing durch die Lippen, schwarz gefärbten in alle Richtungen abstehenden Haaren.
„Pass selber auf“, motzte Andreas zurück und ließ sich von seinen Freunden weiterziehen, in den Klassensaal.
Seufzend ließ er sich auf seinen Stuhl fallen, der mit einem schrill knarrenden Geräusch ein klein wenig zurückrutschte. Noch einmal zog er sein Handy aus der Tasche, er wollte sehen ob Thorsten oder einer der anderen aus Deutschland etwas geschrieben hatten. Nichts! Keine Nachrichten heute bekam er noch nicht mal vernünftigen Empfang. Enttäuscht klatschte er das Gerät auf den Tisch.
„Das Telefon kann aber nichts dafür“, sagte eine nicht unfreundliche Mädchenstimme am Nebentisch.
„Doch!“, antwortete Andreas gereizt. „Was hat es den so schlimmes gemacht?“, wollte das Mädchen wissen.
Andreas sah sie jetzt doch direkt an, die Haare hatte sie wie immer zu einem Pferdeschwanz gebunden.
„Ständig reist der Empfang ab und antworten von meinen Freunden sind auch keine da.“
Sie kam nicht mehr zum Antworten da, in diesem Moment die Lehrerin die Klasse betrat. Erste graue Strähnen durchzogen ihr kurzes leicht gelocktes Haar, die Brille auf ihrer Nase ließ sie streng erscheinen.
„Guten Morgen“, begrüßte sie ihre Klasse.
„Guten Morgen“, kam eine vielstimmige Begrüßung zurück. Sie stellte ihre Tasche neben dem Schreibtisch ab und richtete noch einmal ihre Brille. „Mittlerweile gilt es als sicher, das Kinder und auch Jugendliche nicht erkranken. Deshalb wird der Unterricht ganz normal fortgesetzt“, erklärte die Lehrerin.
‚The Tribe wird wahr‘, schoss es Andreas durch den Kopf. Aber das war doch absurd! So etwas konnte nicht passieren. Oder etwa doch? Alles was die Lehrerin sonst noch sagte, registrierte Andreas gar nicht mehr. Erst die Schulglocke schreckte ihn aus seinen Gedanken.
Er folgte den anderen durch die Gänge zur nächsten Unterrichtsstunde, während er noch einmal sein Telefon aktivierte. Eine Nachricht von Thorsten hatte er jetzt.
„Gehe nicht mehr zur Schule! Es ist gefährlich rauszugehen!“ Lass Andreas, er hatte ja schon in den Nachrichten gesehen, dass es zu immer mehr Unruhen kam. Doch das jetzt auch von Thorsten zu hören, war bestürzend. Zorn kochte in Andreas hoch und mit Wucht klatschte er das Telefon gegen die Wand. Er drehte sich um, rannte durch die Gänge, am Rande registrierte er das ein Junge, den er anscheinend beinahe mit dem Handy getroffen hatte, hinter ihm her schrie. Das war ihm egal, sollten sie doch schreien und toben. Er raste durch die Gänge, raus aus der Schule. Über die Wiese, bis runter zum Fluss. Mit Wucht trat er gegen, die Kieselsteine am Ufer, so das sie laut klatschend ins Wasser spritzten. Wie konnte die Welt nur so ungerecht sein! Seine Schwester hatte er seit Tagen nicht erreicht, überhaupt wurde es immer schwerer nach Deutschland durchzukommen.

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