"Manchmal vermisse ich dich so sehr, dass ich wünschte ich könnte mich daran erinnern, wo ich dich verscharrt habe."  Unwirsch betrachtete er das vergilbte Foto in seiner Hand. Das Gesicht darauf war kaum zu erkennen und die Erinnerung in seinem Kopf ähnelte diesem Bild - zum greifen nah und doch verschwommen. Graf Senectus feierte schon an die 730 Mal Geburtstag und jeder Ehrentag verlor immer mehr an Bedeutung. So viele Leben hatte er gelebt. So viele Leben genommen. Es war kurios, wie gut er sich an seine ersten Blutmahle erinnern konnte, doch die letzte Mahlzeit des heutigen Tages war wie ausgelöscht. Wegradiert. 

"Wo ist denn diese verdammte Brille?" Schon eine halbe Stunde suchte er dieses vermaledaite Ding. Wahllos durchstöberte er jedes Regal und jede Schublade. Das Chaos, welches er dadurch hinterlassen hatte, nahm er gar nicht wahr. Als er suchend im Bad angekommen war, blickte er in sein nicht vorhandenes Spiegelbild und entdeckte schwebend die Brille an der Stelle, wo sein Kopf hätte sein müssen. Senectus tastete daraufhin sein Haar ab. "Ah! Da bist du ja! Wenn ich dich nicht fürs Autofahren bräuchte, lägst du längst im Müll." Schnell zog er sich seine Schuhe an und griff in die Schale mit den Schlüsseln, welche, wie sollte es anders sein, nicht dort lagen. "Wo haben diese kleinen Biester sich nur versteckt?" Erneut verging fast eine Stunde des Suchens, als er die verlorenen Objekte im Kühlschrank gefunden hatte. Kopfschüttelnd betrachtete er diese. Wer kam denn bitte schön auf so eine hirnlose Idee?

"Immer wieder der gleiche Mist. Langsam werde ich echt sauer! Wer hat mein Auto versteckt?" Senectus stampfte erbost auf und einige Glühbirnen zersprangen wie von Geisterhand. Vorbeiziehende Passanten  schrien vor Schreck auf. Interessiert drehte der alte Vampir sich zu dem Pärchen um. "Abendbrot", lächelte er vergnügt...

Nach seiner Mahlzeit leckte er sich die letzten Blutstropfen von den Zähnen. "Menschen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Vollgestopft mit Medikamenten, Zucker und Konservierungsstoffen. Kaum noch genießbar. Bäh!" Just in dem Moment fiel er über sein eines Opfer und landete unsanft auf der Nase. Vorsichtig rappelte er sich wieder auf und klopfte den Dreck von seiner Hose. Wütend sah er auf den jungen Mann hinab. "Wer lässt denn hier seinen Müll liegen? Also sowas! Das gab es zu meiner Zeit nicht! Nicht wahr meine Liebe?" Er drehte sich zu seiner großen Liebe um, doch erkannte, dass sie nicht mehr an seiner Seite stand. Warum nur traf ihn diese Erkenntnis immer wieder nur so hart? Schnell griff er in seine Hosentasche und ertastete das kleine alte Bild. Erleichtert registrierte er dessen Anwesenheit und seufzte erleichtert. "Wenn ich nur wüsste, wo ich dich verscharrt habe... Ich würde zu dir kommen und für immer bei dir bleiben." So lief der Alte traurig durch die Gassen und suchte sein Auto. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit fand er es vier Blöcke weiter und fragte sich, welcher Spaßvogel ihm diesen Streich  gespielt hatte. Er legte seinen Hut auf die Kofferraumablage, schnallte sich an und fuhr langsam los. "Ich hasse dieses Auto. Ich hasse den Verkehr. Früher war kaum ein Auto auf der Straße...", brubbelte er in seinen grauen Bart. "Und dann immer diese Ampeln." Mit einer schnellen wischenden Handbewegung sorgte Senectus dafür, dass die Ampel von Rot zu Grün sprang und fuhr seelenruhig über die Kreuzung, während von allen Seiten die Geräusche von quietschenden Reifen und Metall, welches auf Metall knallte, zu ihm drang. "Keine Reflexe mehr die jungen Leute." 

So fuhr er und fuhr und fuhr. Als die Sonne schon ihre ersten Lebenszeichen von sich gab, erkannte Senectus, dass er ans Meer gefahren war. "Mhm... irgendwie ist das nicht der Spätkauf." Verwundert stieg er aus, knackte mit seinen alten Knochen und atmete die salzige Meerluft tief ein. War er nicht schon mal hier gewesen? Ein Bild erschien vor seinem geistigen Auge, wie er mit seiner großen Liebe am Strand spazieren ging und über die Endlosigkeit des Sternenhimmels philosophierte. Er lächelte bei diesem Gedanken und blickte über die Dünen, als er in der Ferne eine Frau mit weißem Kleid bemerkte. Erleichtert seufzte er. "Da bist du ja meine Liebe. Ich habe mir schon Sorgen gemacht." Der Wind heulte und er hörte sie lachen. "Lachst du mich aus? Na warte! Ich hole dich!" Mit strahlendem Gesicht jagte er dem Trugbild hinterher, nicht ahnend, dass ihm sein krankes Hirn einen bösen Streich spielte. So folgte er ihrem Lachen, bis sie am Strand stehen blieb und er sich zu ihr gesellte. "Mein Herz." Er lächelte sie an und sie lächelte zurück. "Wo warst du all die Jahre? Mein Kummer war unerträglich." Zärtlich streichelte sie sein Gesicht und er schloss die Augen. Der Wind säuselte ihm zu und so hörte er seine Liebste sprechen. "Mein Liebster! So lange hast du mich warten lassen. Doch ich bin dir nicht böse. Nein. Wie könnte ich? So hast du mich doch damals von meinen qualvollen Schmerzen erlöst und mich unter der alten Eiche begraben. Doch jetzt wird es Zeit, dass du zu mir kommst. Zu lange musste ich ohne dich sein." Senectus öffnete, mit Tränen in den Augen, seine Lider und betrachtete dieses wundervolle Wesen. Er nahm ihre Hand, die sich so leicht wie Luft anfühlte und sie setzten sich in den weichen Sand. Gemeinsam betrachteten sie die Weite des Meeres und lauschten dem einlullenden Rauschen der Wellen. Die ersten Sonnenstrahlen leuchteten am Firmament. "Jetzt komme ich zu dir meine Liebe", waren die letzten Worte des alten Vampirs, als er lichterloh brannte und zu Asche zerfiel, die im wispernden Wind davon getragen wurde. 

ENDE 

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