Selinas Verdacht

Man kann von mir kaum behaupten, dass ich ein ängstlicher Mensch bin. Vorsichtig ja! Und möglicherweise etwas übervorsichtig, wenn es um meine Familie geht. Das liegt an meiner Vergangenheit, die ich so akzeptieren muss, wie sie nun mal war. Dieser Brief aber hatte etwas sehr bedrohliches! Denn wie sollte man mein Glück rauben? Indem man meine Familie bedrohte. Und das wusste nun wirklich Jeder! Ich legte den Brief wieder hin und rief Max an, der mir versprach, sofort zu kommen. 
Danach ging ich zu den Anderen in den Salon. Selina erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte. "Was ist los, Liebling? Du hast doch was?" - "Max ist unterwegs hierher, Schatz. Ein weiterer Brief. Max holt ihn ab und lässt ihn von der Spurensicherung untersuchen."
"Darf ich ihnen ein kaltes Bier bringen, Michael?" - "Georg!" Maria meinte ihn sofort ermahnen zu müssen. "Danke, Georg, das ist eine gute Idee! Übrigens wäre es mir nur recht, wenn auch sie mich in Zukunft einfach mit dem Vornamen anreden würden, Maria." Ich hatte absichtlich ein Wenig damit gewartet, Maria das zu sagen, weil ich mir schon gedacht hatte, dass Georg seine Frau damit entrüsten wollte. "Ja wenn sie das wünschen, Herr Mon... ich meine, wenn sie das wünschen, Michael." -" Ja, das wünsche ich, Maria!" Ich setzte mich in den großen ledernen Lehnstuhl und Selina setzte sich auf die Armlehne zu mir. "Das macht mir Angst, Michael! Wo hast du den Brief?" - "Auf meinem Schreibtisch. Ich hab ihn ganz vorsichtig angefasst, wegen möglicher Spuren. Max bringt ihn zur SPUSI. Vielleicht sind ja Fingerabdrücke drauf." 
Georg brachte mir das Bier, diesmal mit einem Glas, da ich es eigentlich nur wenn ich allein im Arbeitszimmer oder bei meinen Oldtimern war, aus der Flasche trank, in Gesellschaft kaum. Ich bedankte mich und nahm einen kräftigen Schluck. Selina nahm mir das Glas aus der Hand und trank ebenfalls ein paar Schluck, Was Melina mit einem entsetzten: "MAMA!" quittierte. Wie fast alle kleinen Mädchen, hatte sie auch schon einmal bei mir einen Schluck gekostet und hatte kein Verständnis dafür, dass Männer sowas trinken können, geschweige denn Frauen! "Bäh! Du kriegst heute keinen Gute Nacht Kuss!" - "Und wenn ich mir vorher die Zähne putze?" - "Na gut! Aber du auch, Papi!"
"Wer zum Teufel hat so einen Hass auf dich, dass er dir das antut?" - "Ich weiß es nicht, Sel!" Ich kann mich nicht daran erinnern, jemanden enttäuscht oder gedemütigt zu haben, ausgenommen diesen grenzdebilen Polizisten und Staatsanwalt Fischer..." - "Du musst ihn nicht selbst enttäuscht haben... Was, wenn er nur glaubt, dass du es warst?" - "Was willst du damit sagen, Sel?" - "Wir überweisen per Dauerauftrag jeden Monat Geld an Frau Weber, für deren Enkel, der bis heute glaubt, du hättest Silvie verlassen und nicht umgekehrt!" - "Traust du ihm das zu?" - "Michael! Hättest du ihm zugetraut, dass er dich aus dem Haus wirft? Er lebt seit über zehn Jahren in dem Glauben, du hättest die beiden im Stich gelassen. Er wird nun ungefähr fünfzehn sein oder? Ein Alter in dem man glaubt, sich auf die Beine stellen zu müssen. Ich weiß es noch wie gestern, was er zu dir sagte, weil dich jedes Wort wie ein Peitschenhieb traf! Ich werde es nie vergessen:

 "Du warst  für mich sowas wie mein Papa! Und dann hast du uns alleine gelassen. Mama hat jede Nacht geweint! Jede Nacht, über ein Jahr! Dafür gibt es keine Entschuldigung! Früher hab ich so viel mit ihr gelacht! Du hast ihr jede Freude genommen! Sie war nur noch traurig. Dann wurde sie krank. Wo warst du, als sie starb? Wo warst du? Ich will dich nie mehr sehn, hörst du? Nie mehr! Verschwinde einfach!“
"In diesem Moment tat es mir furchtbar leid, dass ich dich zu ihm gebracht hatte, denn du hast furchtbar gelitten. Da war er elf, Michael. Ich versuchte ihm zu erklären, dass Silvie dich verlassen hatte, aber er sagte nur:"
 „Ach was! Und dann hätte sie jede Nacht um ihn geweint? Hältst du mich für dumm? Hat er sie wegen dir verlassen? Sag‘s mir! Du kannst auch gleich gehen!"

"Du hast damals entschieden, Silvias Andenken zu schützen. Das heißt, er lebt bis heute in dem Glauben, dass du das Leben der beiden ruiniert hast und das womöglich meinetwegen..."

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