September 2005- The Evil Seduces The Good

Wir alle tragen Masken, und es kommt der Zeitpunkt, an dem wir sie nicht mehr abnehmen können, ohne dabei Stücke unserer Haut mit abzutrennen.

 

                                                                                                         - Andre Berthiaume

 

Dichter Nebel lag über den Dächern der Stadt und hüllte sie ein. Das weiße Mondlicht drang nur schwach durch die Schwaden und verwandelte die Straßen in mysteriöse Tunnel, die ins Nichts führten. Der Blick aus dem Fenster war frustrierend und hypnotisch zugleich. Das Naturschauspiel fesselte ihn und ließ ihn für kurze Zeit vergessen, dass sich seine Stimmung auf dem Nullpunkt befand.

Patton Massey III saß gelangweilt und Scotch trinkend in einer schwarzen, luxuriösen Limousine, die sich auf dem Weg zu William Cunningham befand, der heute Abend zu seinem alljährlichen Kostümball lud. Für ihn war dieses Ereignis immer wieder eine Qual, aber hier ging es um seinen Boss, somit hatte er keine andere Wahl und musste sich den Konventionen beugen. Entnervt seufzte er und massierte sich die Schläfen. Ihm war schon vornherein bewusst, dass er sich langweilen und das Ende dieses Festes herbeiwünschen würde, schließlich war es stets dasselbe: William ließ seine Mitarbeiter kommen, damit sie ihn ins strahlende Licht des Erfolges stellten. Die übrigen geladenen Gäste, Freunde, Bekannte und Geschäftspartner Williams, sollten sehen, dass er seine Killer unter Kontrolle hatte und von ihnen respektiert wurde. Alle Mittel waren ihm recht, damit man ihm die Rolle des seriösen Geschäftsmannes abkaufte.

Das mit Abstand Schlimmste für ihn war jedoch nicht das aufgesetzte Image seines Bosses, das er mit seiner Anwesenheit unterstützen musste, sondern die Kostümpflicht. Seiner Meinung nach war er zu alt für Verkleidungen, aber einmal im Jahr fügte er sich widerwillig. Passend zum Thema, das Böse verführt das Gute, das sein Boss für dieses Jahr ausgewählt hatte, ging er als Vampir.

Das er mich zu dieser albernen Veranstaltung drängt, reizt mich bis aufs Blut. Er weiß genau, dass ich seinen Kostümball hasse, trotzdem lässt er mich jedes Mal antanzen, wie ein abgerichtetes Schoßhündchen.

Mit der geballten linken Faust schlug er gegen die Innenseite des Seitenfensters und verfluchte wüst William Cunningham und seine irrsinnigen Ideen.

Sein Zorn und die Beschimpfungen brachen abrupt ab, als die Limousine lautlos vor einer eindrucksvollen Villa hielt. Die vielen meterhohen Fenster waren hell erleuchtet und hoben sich deutlich von der Dunkelheit ab.

Er leerte sein Glas und wartete auf den Fahrer, der ihm bereits einen kurzen Augenblick später die Tür öffnete. William hat zumindest an jeglichen Luxus gedacht. Ein schiefes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus, das seine künstlich verlängerten Eckzähne entblößte.

Patton Massey stieg aus und glättete das Jackett seines schwarzen Anzugs. Kurz nickte er dem Fahrer zu, der von seiner Größe, muskulösen Statur und seinen Augen, mit den silbernen Kontaktlinsen, eingeschüchtert war.

Umgehend schritt er auf die Villa zu und folgte den anderen Gästen Richtung Eingang. Die Flügeltüren standen weit offen, vor denen zwei grimmig aussehende Männer postiert waren und die Einladungen der Gäste kontrollierten. Der Ex-Soldat zog seine Einladung aus der Innenseite seines Jacketts und zeigte sie flüchtig vor. Er wartete nicht ab, bis die Spatzenhirne dieser Gorillas ihre Arbeit aufnahmen und er möglicherweise von ihnen aufgehalten wurde, weil sie es nicht hinbekamen seine Einladung zu erkennen und zu akzeptieren.

Also passierte er eilig die Eingangshalle und begab sich auf die Suche nach der Bar, denn nur mit einer Menge Alkohol würde er diesen Abend überstehen.

 

Emilia McDermott nippte an ihrem Champagner, während sie aufmerksam die Tanzpaare beobachtete, die sich unter den Kronleuchtern wie Geister zur Musik des Streichquartetts bewegten. Das gedämmte, farbige Licht und der künstlich erzeugte Nebel verwandelten den Ballsaal in einen blaugrünen, geheimnisvollen Planeten aus einer fremden Dimension. Gedankenverloren spielte sie an ihrem silbernen Armband, an dem der Buchstabe „E“ als Anhänger baumelte und das ihre Eltern ihr vor einigen Jahren zum High School Abschluss geschenkt hatten.

Augenblicklich musste sie an ihre Familie denken, die sie in letzter Zeit weder gesehen, noch gesprochen hatte. Die blonde Killerin hasste sich selbst dafür, dass sie die Menschen, die sie liebte, vernachlässigte und enttäuschte. Lautlos seufzte sie und kämpfte mit der aufsteigenden Traurigkeit, die sie zu ersticken drohte.

„Guten Abend.“ Neben ihr ertönte plötzlich eine tiefe, angenehme Stimme, die sie aus ihren Gedanken riss. Sie drehte den Kopf und sah einen dunkelhäutigen Mann mit kurzen schwarzen Haaren und einem Dreitagebart in einem mitternachtsblauen Smoking. Der erste Blick auf ihn verriet ihr, dass er äußerst attraktiv war.

„Mein Name ist Marcus Dubois“, stellte er sich mit einem charmanten Lächeln vor, das eine Reihe strahlend weißer Zähne entblößte.

„Emilia McDermott.“ Sie streckte ihm ihre rechte Hand entgegen, die er ergriff.

„Es ist mir eine Ehre Sie kennenzulernen, Miss McDermott.“ Seine blauen Augen durchbohrten sie, als er ihr einen sanften Handkuss gab.

Die Blondine spürte, wie ihre Wangen unter seinem Blick erröteten. Verlegen strich sie über ihren Haarschmuck und bemühte sich ihn nicht anzusehen.

„Sie müssen das erste Mal auf einem von Williams Kostümbällen sein, denn an eine bezaubernde Frau, die mir mit ihrer Schönheit den Atem raubt, würde ich mich erinnern.“ Sie versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, doch das wollte ihr nicht gelingen. Seine Komplimente brachten sie völlig durcheinander.

„Ich…ich war bereits auf drei dieser Bälle“, stammelte sie daher unsicher, bevor sie ihr Glas mit einem Zug leere. Zum Glück lief gerade ein Kellner mit einem Tablett vorbei und sie nahm sich gleich ein Neues.

„Dann bedaure ich es zutiefst, dass wir uns nicht schon früher begegnet sind.“ Emilia kippte erneut ihren Champagner herunter, bevor sie ihre Augen schloss und tief durchatmete.

Ich muss mich zusammenreißen und aufhören, mich wie ein verschüchtertes Schulmädchen zu benehmen. Ich bin eine 24-jährige, selbstbewusste Frau, die ihr eigenes Leben führt. Also, warum bringe ich kaum ein Wort heraus? Liegt es vielleicht daran, dass es schon so lange her ist, dass ein charmanter, heißer Typ mit mir gesprochen hat?

„Emilia?“ Als er sie mit ihrem Vornamen ansprach, bekam sie eine wohlige Gänsehaut und ihr Herz machte einen heftigen Sprung.

„Wie bitte?“ Ihr war es peinlich, dass sie ihm nicht zugehört und er sie dabei erwischt hatte.

„Ich würde gerne wissen, woher Sie William kennen“, wiederholte er höflich seine Frage und studierte aufmerksam ihre Miene.

„Ich habe ihn vor ein paar Jahren in einer Bar getroffen. Dort hat er mir ein Jobangebot gemacht, das ich angenommen habe.“ Die Blondine machte keinen Hehl daraus, dass sie für William Cunningham arbeitete. Jeder Gast dieses Balls wusste genau, welche Geschäfte er betrieb, schließlich waren sie Bekannte, Freunde oder Geschäftspartner und nahmen die Dienste seiner Killer gerne in Anspruch. Sie war sich sicher, dass ihr Gegenüber auch schon einen Mord in Auftrag gegeben hatte, vielleicht sogar noch mehr.

„Sie arbeiten für ihn?“ In seinem Gesicht ließ sich eine Mischung aus Verwunderung und Respekt erkennen. Sie nickte bloß und erwiderte seinen intensiven Blick, der sie beinahe in die Knie zwang.

„Ich hätte nicht erwartet, dass eine Frau, wie Sie…“

„Dass eine Frau, wie ich, Menschen tötet“, vollendete sie seinen Satz mit einem bitteren Lächeln. Danach herrschte Schweigen.

Emilia schaute auf die Tanzfläche, aber sie spürte, dass Marcus sie musterte. Die Tatsache, dass seine Gesprächspartnerin eine Auftragskillerin war, schien ihn nicht zu verschrecken, sondern sein Interesse an ihr nur noch zu steigern.

„Sie imponieren mir, Emilia.“ Als sie wieder seine Stimme hörte, zuckte die Blondine vor Schreck kaum merklich zusammen. Sie wandte sich Marcus zu, der lautlos an sie herantrat. Ihr stieg ein reizvoller Duft nach Sandelholz in die Nase.

„Sie sind nicht nur unvergleichlich schön, sondern auch stark und unberechenbar und das zieht mich an.“ Sein Charme verschlug Emilia die Sprache. Glühende Hitze befiel sie, die ihr die ersten Schweißperlen auf die Stirn trieb.

„Ich…ich…“ Mehr brachte sie nicht heraus, was ihr unangenehm war und sie ärgerte. Wieder wurde sie rot.

„Wenn ich Sie in Verlegenheit bringe, dann tut es mir aufrichtig leid.“ Obwohl sich alles in ihr dagegen sträubte, sah sie, wie von fremder Hand gesteuert, in seine fesselnden Augen.

„Es muss Ihnen nicht leid tun, Mr. Dubois. Ich sehe keinen Anlass dazu sich für meine Unsicherheit, die ihre schmeichelnden Worte in mir hervorrufen, zu entschuldigen“, sagte sie ernst. Ihr war bewusst, dass sie in diesem Moment zugab, dass er sie durcheinander brachte und verunsicherte, doch das war ihr gleichgültig, denn die Blondine wusste genau, dass ihr Gegenüber sie längst durchschaut hatte.

„Wie kann ein einfacher Mann eine außergewöhnliche Frau, wie Sie, verunsichern?“ Fragend zog er eine Augenbraue in die Höhe, was ihn noch begehrenswerter machte. Auf Emilias Lippen schlich sich ein schiefes Grinsen.

„Es gibt eine ganz einfache Erklärung.“ Sie räusperte sich, bevor sie fortfuhr. „Ich bin nicht so besonders, wie Sie glauben. Ich bin eine normale Frau, die nicht jeden Tag das Vergnügen hat, sich mit einem attraktiven Mann zu unterhalten.“

„Jetzt bringen Sie mich in Verlegenheit, Emilia“, meinte er und lachte amüsiert.

„Dazu bin ich nicht fähig.“

„Ach, ja? Ihnen scheint nicht aufzufallen, wie nervös Sie mich machen.“ Die Blondine traute seinem überraschenden Geständnis nicht.

„Falls Sie die Wahrheit sprechen, können Sie ihre Nervosität gut verbergen, Mr. Dubois, besser, als ich.“

„Es ist keine Schande seine Gefühle zu zeigen.“

„In meinem Beruf schon, denn dort sind Gefühle hinderlich und unerwünscht“, erklärte sie ihm. „Also, bevor wir uns näher kennenlernen und die Gefahr besteht, dass ich mich in sie verliebe, unterbreche ich lieber diese Unterhaltung und gehe.“ Nach einem letzten sehnsüchtigen Blick in sein aristokratisches Gesicht wandte sie sich ab und steuerte die Bar an. Dabei bereiteten ihr die großen weißen Flügel auf ihrem Rücken Schwierigkeiten sich einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen.

„Warten Sie.“ Emilia wurde nach wenigen Metern zart, aber bestimmt, von Marcus am rechten Unterarm gepackt und zurückgezogen. Nun standen sie sich direkt gegenüber, von Angesicht zu Angesicht, und schauten sich tief in die Augen. In diesem Moment, der ewig zu dauern schien, spürte sie zum ersten Mal, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte, was nicht gut war; nicht nach so kurzer Zeit.

„Sie können nicht erwarten, dass ich Sie einfach gehen lasse“, sagte er mit fester Stimme, während seine rechte Hand ihren Weg zu ihrem hellblonden Haar fand und er behutsam über ihren seitlich geflochtenen Zopf fuhr.

„Wieso?“

„Weil ich mir sicher bin, dass unser Treffen bedeutsam ist.“ Nach diesen Worten überschlugen sich Emilias Emotionen. Ihr schwirrte der Kopf.

„Dieser Abend ist etwas besonders. Sie sind etwas besonders, Emilia.“ Darauf konnte sie nichts erwidern. Zu sehr war sie damit beschäftigt das Chaos in ihrem Innern unter Kontrolle zu bekommen. Viel Zeit ließ ihr Gesprächspartner ihr dafür jedoch nicht.

„Darf ich um diesen Tanz bitten?“ Galant verbeugte er sich und hielt ihr seine linke Hand hin. Sie biss sich auf die Unterlippe und blickte ihn scheu an, bevor sie ihre Hand in seine legte und ihn auf die Tanzfläche begleitete. Dort drehte Marcus sie, ehe er einen Arm um ihre Taille schlang und sie an seinen muskulösen Körper presste. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er zweieinhalb Köpfe größer war.

Langsam fingen sie an sich im Takt der Musik zu bewegen. Einerseits genoss die Blondine seine Nähe und liebevollen Berührungen, andererseits war ihr bewusst, dass sie ihr Herz verschließen musste, um sich selbst zu schützen.

„Sie sind ein hinreißender und wunderschöner Engel, Emilia“, hauchte er ihr ins Ohr und kitzelte sie mit seinem warmen Atem. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Nein. Nein. NEIN! Du darfst ihn nicht in dein Leben lassen, Emilia. Du darfst dich nicht verlieben. Du musst ihm klar machen, dass er keine Chance bei dir hat.

„Bemühen Sie sich nicht um mich, Mr. Dubois, das kostet Sie nur unnötig Zeit und Kraft. Suchen Sie sich eine Frau, deren Leben weniger kompliziert ist und mit der eine enge Beziehung keine Gefahr bedeutet“, entgegnete sie schroff, um ihn und auch sich selbst davon zu überzeugen, dass die Intimität zwischen ihnen sie ins Verderben stürzen konnte.

„Wenn Sie glauben, dass Sie so mein Interesse an Ihnen schmälern, dann irren Sie sich.“ Marcus´ Miene war unergründlich, als er sie ein weiteres Mal drehte. Dann legte er seine linke Wange an ihre und strich mit den Fingerspitzen über ihren Rücken.

„Nichts, was Sie sagen, könnte mich von Ihnen fernhalten“, wisperte er, dabei spürte sie die Bewegungen seiner Lippen auf ihrer Haut, was sie erregte.

„Ich bin bereit jedes Risiko auf mich zu nehmen, nur, um in Ihrer Nähe zu sein.“ Mit aller Macht unterdrückte Emilia ihre Gefühle und ließ stattdessen Vernunft walten.

„Ihre Versuche, mich zu umgarnen, sind übertrieben und unangebracht, also hören Sie auf damit! Hören Sie auf mir Hoffnungen zu machen. Sie wissen nicht, worauf Sie sich einlassen.“ Die Blondine hatte sich vorgenommen streng und abweisend zu sein, aber ihre zittrige Stimme und schlotternden Knie machten ihr einen Strich durch die Rechnung. Ihr Tanzpartner zog seinen Kopf etwas zurück und sah sie an.

„Warum tun Sie alles, um unglücklich zu sein, Emilia?“ Diese Frage überrumpelte sie so sehr, dass sie aus dem Takt kam und Marcus auf die Füße trat.

„Entschuldigen Sie“, nuschelte sie kleinlaut und bekam feuchte Hände.

„Das macht nichts.“ Sie konnte hören, dass er lächelte. Minuten vergingen, ehe die Blondine das Gespräch wieder aufnahm.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich unglücklich sein will?“

„Weil Sie versuchen mich mit allen Mitteln auf Abstand zu halten, obwohl Sie offensichtlich an mir interessiert sind.“

„Ich bin nicht an Ihnen interessiert!“, widersprach sie empört und trat hastig einen Schritt zurück.

„Wirklich?“ In seinen Augen entdeckte sie ein wildes, provokantes Blitzen. „Sie können weder mich, noch sich selbst belügen, Emilia, denn ich erkenne deutlich Ihren Wunsch nach einer Bindung; nach einem Menschen, dem Sie vertrauen und sich öffnen können.“ Plötzlich nahm Marcus energisch ihr Gesicht in seine Hände.  

„Gönnen Sie sich endlich etwas Glück!“

„Und Sie sind mein Glück, ja?“ Emilia presste erbost ihre Lippen aufeinander und schaubte. „Das ist ziemlich großspurig, dafür, dass Sie keine Ahnung haben, wie mein Leben aussieht, Mr. Dubois. Sie wissen nicht, wie ich mich fühle oder wonach ich mich sehne. Sie wissen nicht, was es bedeutet, ein Auftragskiller zu sein.“ Ihre heftige Reaktion kam für sie beide unerwartet.

„Nur, weil Sie William mit Morden beauftragen, glauben Sie ein Teil dieser Welt zu sein, aber da irren Sie sich. Sie sind unwissend und naiv, denn Sie haben sich nie die Mühe gemacht darüber nachzudenken, was nach Ihren Anrufen geschieht. Während Sie sich nämlich gelassen zurücklehnen, erledigen meine Kollegen und ich die Drecksarbeit“, redete die Blondine sich in Rage.

„Wir sind es, die die Menschen, die Ihnen lästig sind, aus dem Weg räumen. Wir sind es, die quälen und töten und denen das Blut an den Händen klebt.“ Auf einmal überrannten sie die Erinnerungen an ihre Opfer mit solch gewaltiger Kraft, dass ihr heiße Tränen in die Augen schossen.

Trotz der drei Jahre als Killerin machte ihr das Töten noch immer etwas aus, was nicht gerade förderlich war, doch sie konnte nichts an ihren Ansichten ändern; sie konnte ihre Gefühle nicht einfach abstellen. Schon von Anfang an hatte sie Probleme gehabt die gleiche fanatische Begeisterung für diesen Beruf aufzubringen oder so abgebrüht zu sein, wie ihre Kollegen. Sie würde sich nie daran gewöhnen Menschen das Leben zu nehmen. Es würde für sie nie zur Routine werden.

„Es war nicht meine Absicht Sie aufzuregen, Emilia“, versicherte ihr Marcus in einem beruhigenden Ton, der in ihr jedoch nichts als Wut auslöste. Die ersten Tränen liefen über ihre Wangen und tropften auf ihr weißes Kleid.

„Lassen Sie endlich dieses charmante, verständnisvolle Getue! Sie können mich nicht täuschen, Mr. Dubois. Sie sind kaltherzig, grausam und hinterhältig.“ Die Blondine konnte es nicht verhindern, dass sie laut schluchzte. Ihr Gegenüber wollte etwas erwidern, aber das ließ sie nicht zu.

„Sie lassen Menschen töten, also sind Sie keinen Deut besser, als der Abschaum, der zu diesem Ball geladen wurde“, kreischte sie hysterisch und aufgebracht. „Sie sind ein egoistisches Arschloch, dem es nur um seinen eigenen Vorteil geht; das glaubt, alles zu bekommen, was es will und deswegen reden und flirten Sie mit mir. Sie wollen mich bloß ins Bett kriegen.“

„Das hatte ich…“

„Sie suchen ein Abenteuer, Marcus!“ Der Blick, mit dem sie ihn bedachte, war voller Zorn und Abscheu, doch das hielt ihn nicht davon ab ihr sanft mit den Daumen über die Wangen zu streichen und ihre Tränen wegzuwischen.

„Bitte glauben Sie mir, wenn ich sage, dass meine Absichten aufrichtig sind, Emilia. Ich rede mit Ihnen, weil Sie mich faszinieren und ich flirte mit Ihnen, weil Sie die schönste Frau sind, der ich jemals begegnet bin“, flüsterte er kaum hörbar, bevor er sich zu ihr herunterbeugte und sie küsste. Emilias Herz setzte schlagartig aus und ihr Körper versteifte sich. Im ersten Moment war sie wie erstarrt, aber dann stieß sie ihn von sich und verpasste ihm einen Faustschlag ins Gesicht.

Tiefrotes Blut schoss aus Marcus´ breiter Nase und tropfte auf seine schwarzen Lederschuhe, während die Köpfe der Umstehenden in ihre Richtung schnellten. Aufgeregtes Gemurmel drang an ihre Ohren und machte sie fast taub.

Bewegungslos stand die Blondine da und starrte ihr Gegenüber aus großen Augen an. Sie wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. Nach ihrer Kurzschlussreaktion war sie überfordert und durcheinander.

„Wenn ich gewusst hätte, dass Sie mir eine reinhauen, dann hätte ich Sie vorgewarnt“, meinte er vergnügt, bevor er breit grinsend ein edles Taschentuch aus der Innentasche seines Smokings zog und das Blut aus seinem Gesicht entfernte.

„Es...es tut mir leid. Ich hatte nicht vor Sie zu verletzen, aber der Kuss…“

„Der Kuss des egoistischen Arschlochs kam unerwartet“, vollendete er ihren Satz in einem merkwürdigen Ton.

„Nun, da ich weiß, wie kräftig Sie zuschlagen können, werde ich das nächste Mal vorsichtiger sein.“ Seine blauen Augen leuchteten mysteriös, als er sie mit einem vielsagenden Blick bedachte.

„Es wird kein nächstes Mal geben! Mein Angriff war eine deutliche Warnung, Mr. Dubois. Kommen Sie mir nicht zu nahe“, blaffte Emilia und machte einen Schritt auf ihn zu. Sie war zwar erheblich kleiner, als ihr Gesprächspartner, dennoch wollte sie ihm verdeutlichen, dass er sie in Ruhe lassen sollte. Marcus blieb jedoch unbeeindruckt.

„Verstecken Sie sich nicht hinter dieser eiskalten und unnahbaren Fassade, das passt nicht zu Ihnen, Emilia.“

„Sie kennen mich nicht, also hören Sie auf mich zu analysieren“, platzte es aus ihr heraus.

„Ich kenne Sie bereits besser, als sie sich eingestehen wollen.“ Seine leichtsinnigen Worte veranlassten die Blondine zu einem gehässigen Lachen, das schnell wieder verstummte und einer versteinerten Miene Platz machte.

„Sie haben keine Ahnung, wer ich bin“, raunte sie aggressiv und reckte kämpferisch ihr Kinn. Marcus hingegen neigte seinen Kopf und kam ihren Lippen gefährlich nahe.

„Dann geben Sie mir die Chance Sie kennenzulernen.“ Ehe sie reagieren konnte, küsste er sie erneut und dieses Mal glitt seine Zunge leidenschaftlich in Emilias Mund, sodass sie den harten Alkohol schmeckte, den er getrunken hatte. Doch statt sich zu wehren und seine Annäherungsversuche zu unterbinden, wurde sie schwach. Sie schloss die Augen und erwiderte den Kuss. Dabei musste sie sich trotz ihrer High Heels auf die Zehenspitzen stellen.

Zaghaft legte Marcus seine rechte Hand auf ihren Hintern, während sie gierig seinen Oberkörper umklammerte und ihren Körper an seinen presste.

Das brennende Verlangen nach ihm kam schnell und gnadenlos. Sie stand förmlich in Flammen. Wie lange sehnte sie sich schon nach einem Menschen, der sie berührte, küsste und begehrte? Wie lange wünschte sie sich Nähe und Zuneigung?

Ihre Gedanken fanden ein abruptes Ende, als er den Kuss unterbrach.

„Ich will wissen, wer Sie sind. Ich will alles über die Frau erfahren, die mein Herz zum Stehen bringt.“ Er strich über ihre rechte Wange, bis zu ihrem Brustbein. Emilia erschauderte.

„Lassen wir das Sie, Marcus“, schlug die Blondine vor und hielt seinem durchdringenden Blick stand.

„Mit größtem Vergnügen, Emilia.“ Er zeigte ein freches Grinsen, bevor er sanft ihren Hals küsste. Lustvoll seufzte sie und ließ ihre Hände über seinen starken Rücken wandern. In diesem Moment vergaß sie alles um sich herum und ließ die Gefühle zu, die sie bis jetzt verdrängt hatte. Sie dachte nicht mehr daran, dass sie Marcus nicht kannte. Sie vergaß jegliche Vernunft, denn nach Jahren voller Einsamkeit und Selbstzweifeln hatte sie endlich wieder die Hoffnung sich verlieben zu können.

„Also…wie wäre es mit einer Verabredung?“, fragte er plötzlich und nahm ihre Hände, die in seinen winzig und zerbrechlich wirkten. Emilia biss sich erneut auf die Unterlippe und sah ihn von unten her an.

„Du darfst mich zum Essen einladen.“ Ihr Vorschlag entlockte ihm ein glückliches Lächeln, das ihren Puls in die Höhe schießen ließ.

„Das Angebot nehme ich gerne an“, entgegnete Marcus, drehte sie noch einmal und zog sie an sich. Ihr wurde brühend heiß und sie schwitzte, als hätte sie hohes Fieber. Seine starke Wirkung auf ihren Körper verwunderte sie, dabei müsste sie mittlerweile daran gewöhnt sein.

„Ich kann es kaum erwarten alles über dich zu erfahren.“ Seine ernste Miene verriet der Blondine die Ehrlichkeit seiner Worte.

„Es wird seine Zeit dauern, bis du alles über mich weißt“, hauchte sie und schaute ihm in die Augen.

„Ich habe Geduld, Emilia. Ich habe Geduld.“

 

Das geliebte Nikotin füllte ihre Lungenflügel, was ihre miese Stimmung jedoch nur geringfügig heben konnte. Gelangweilt stand sie an der gut ausgestatteten Bar und genehmigte sich einen Martini nach dem Anderen. Die lüsternen Blicke des Barkeepers auf das gewagte Dekoltee ihres kurzen, schwarzen Lederkleides ignorierte sie dabei gekonnt. Männer waren nun mal alle gleich und würden sich niemals ändern, auch nicht in den nächsten hundert Jahren. Sie waren zurückgebliebene, wertlose Primitivlinge; armselige Sklaven ihrer Triebe, deren Welt sich bloß um Lust, Macht und Sex drehte.

Es folgte ein weiterer Zug an ihrer Zigarette. Ophelia Monroe war unzufrieden. Sie hatte sich mehr von diesem Abend erhofft, als Williams unterwürfige und heuchlerische Geschäftspartner, die sie mit Komplimenten über ihre Arbeit und Schönheit überhäuften. Gleich acht alternde Möchtegernmachos hatten sie umringt und eine ganze Stunde in Beschlag genommen. Der Alkohol war in Strömen geflossen, während sie das nervtötende Gequatsche und Geschleime über sich hatte ergehen lassen.

„Schlecht gelaunt, meine Liebe?“, fragte Patton, der wie aus dem Nichts neben ihr auftauchte und sie brutal aus ihren Gedanken riss. Aus den Augenwinkeln sah sie dabei zu, wie er seinen rechten Unterarm auf den Tresen der Bar stützte und den gesamten Inhalt seines Glases herunterstürzte.

„Wenn ich geahnt hätte, dass dieser Ball so ätzend wird, dann wäre ich Zuhause geblieben“, zischte sie erbost und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Was hast du denn erwartet? Wenn William in seine Villa lädt, dann kann man sich darauf einstellen vor Langeweile zu vergehen und als Vorführobjekt benutzt zu werden. Wir sind bloß hier, um uns mit seinen Geschäftspartnern zu unterhalten und zu demonstrieren, wie erfolgreich er ist.“ Ophelia lachte daraufhin schrill auf, bevor ihre Miene eiskalt wurde.

„Unser Boss ist ein verfluchter Wichser, der nicht weiß, wie man eine vernünftige Party schmeißt.“

„Zumindest gibt es guten Alkohol.“ Die Brünette schnaubte verächtlich und leerte ihren vierten Martini.

„Bei so einem beschissenen Abend bleibt einem ja auch nichts anderes übrig, als sich zu betrinken, Massey“, konterte Ophelia und bedachte ihn mit einem strengen Blick. Patton dagegen grinste und begann sie mit seinen arktischen Augen eingehend zu mustern.

„Selbst als Dämon siehst du umwerfend aus“, flüsterte er ihr ins Ohr, während er an sie herantrat und mit der linken Hand ungeniert unter ihr Kleid fuhr. Augenblicklich entfleuchte ihrer Kehle ein lautloses Stöhnen und sie bekam eine Gänsehaut, was sie ärgerte, denn sie hasste es, dass ihr Körper außer Kontrolle geriet, wenn Patton in ihrer Nähe war und sie berührte. Schließlich war sie eine starke, unabhängige Frau und ihr passte es nicht, dass ein Mann solch einen Einfluss auf sie hatte. Ophelia schloss die Augen und atmete tief durch, um wieder klar denken zu können.

„Am Liebsten würde ich dir auf der Stelle die Klamotten vom Leib reißen und…“ Seine Hand wanderte weitere Zentimeter ihren Oberschenkel hinauf.

„Lass das“, zischte sie und vergrub ihre dunkelrot lackierten Fingernägel in seinem Handrücken.

„Ahhh, verdammte Scheiße!“, fluchte ihr Kollege zornig und warf einen kurzen Blick auf seine blutende Hand. „War das unbedingt nötig, Monroe?“ Ophelia strich sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, bevor sie ihm antwortete.

„Wer mich gegen meinen Willen begrabscht, bekommt seine Strafe.“ Sie setzte ein gekünsteltes Lächeln auf und nahm einen kräftigen Zug an ihrer Zigarette. „Du solltest langsam lernen, dass du nicht immer bekommst, was du willst.“ Daraufhin gluckste Patton vergnügt und legte seine Arme von hinten um ihre Taille.

„Das glaubst aber auch nur du, Prinzessin“, wisperte er und küsste sie hinters Ohr, während er sie an seinen starken, muskulösen Körper presste, welcher in seinem eleganten schwarzen Anzug besonders gut zur Geltung kam. Sein heißer Atem und männlicher Duft, der ihr in die Nase stieg, machten sie geil. Augenblicklich musste sie an ihre gemeinsamen Nächte denken. Seitdem hatte sich die Beziehung zwischen ihnen verändert, das spürten sie beide. Zwar verabscheuten sie sich noch immer, doch die starke Anziehungskraft, die zwischen ihnen herrschte, war neu und unberechenbar.

Ihr Körper wurde brühend heiß und sie fing an zu zittern. Ophelia konnte ihr Verlangen weder ignorieren, noch kontrollieren.

„Ich will dich.“ Die Stimme der Brünetten war nur ein Hauchen. Patton strich ihr das Haar sanft zur Seite, bevor er mit seiner Zunge über ihren Hals, bis zu ihrem Schlüsselbein fuhr. Sie erschauderte.

„Dann werde ich dir deinen Wunsch umgehend erfüllen“, entgegnete ihr Kollege, ehe er ihre rechte Hand nahm und den Saal gemeinsam mit ihr verließ. Eiligen Schrittes steuerte er eine Tür am Ende des Ganges an.

„Wo willst du hin?“ Ophelia sah ihn von der Seite her fragend an, aber er antwortete ihr nicht. Stattdessen öffnete er die Tür und schob sie in den Raum, der sich als Gästebadezimmer entpuppte.

„Also abgedroschener und klischeehafter geht es nicht, Massey“, spottete sie und grinste angriffslustig, während sie sich auf den aufwendig verzierten Unterschrank setzte, in den zwei Marmorwaschbecken eingelassen waren. Der Ex-Soldat verschloss die Tür und öffnete seinen Gürtel.

„Nun ja, ich war schon immer ein Fan des Klassischen“, witzelte er und stellte sich vor sie. Sein Blick war starr und unergründlich, als er ihr Gesicht in seine Hände nahm und sie stürmisch küsste. Inzwischen zog Ophelia hektisch das schwarze Hemd aus seiner Hose, schob ihre Hände darunter und ließ ihre Fingerspitzen über seine warme Haut gleiten. Sie spürte, wie die Erregung sie überwältigte, besonders, als Patton ihr Kleid grob nach oben schob und seine Finger in ihren Oberschenkeln vergrub.

„Du trägst ja gar kein Höschen“, stellte er fest und grinste dreckig. Die Brünette beschloss, nichts auf seine Äußerung zu erwidern. Stattdessen rutschte sie an den Rand des Schrankes, schlang ihre Beine um seine Hüften und öffnete den Reißverschluss seiner Hose. Ihr Gegenüber keuchte atemlos, als ihre rechte Hand in seine Boxershorts glitt und seinen Penis fest umschloss.

„Du redest eindeutig zu viel, Massey.“ Ophelia lächelte verrucht, während es Patton sichtlich schwerer fiel sich auf ihre Worte zu konzentrieren. Mit einer gebieterischen Geste legte sie ihm einen Finger auf die Lippen, um ihm zu bedeuten, weiterhin ruhig zu bleiben.

„Sei einfach still und genieße“, säuselte sie erotisch und knöpfte mit der anderen Hand sein Hemd auf. Ihre Zunge bewegte sich seinen Hals abwärts Richtung Brustkorb. Zaghaft berührte ihre Zungenspitze seine Brustwarze, was einen Schauer bei ihm auslöste und ihn erregt stöhnen ließ. Ophelia saugte an seiner aufgeheizten Haut und biss schließlich fest in die Brustwarze hinein. Patton sog scharf die Luft durch die Nase, ob aus Schmerz oder Begierde konnte sie nicht sagen. Dagegen wusste sie ganz genau, dass sie in diesem Moment ihren Kollegen in der Hand hatte. Er war ihr untergeben, was ihr außerordentlich gut gefiel, denn sie liebte es die Machthabende zu sein.

Doch auch ihr Kollege gehörte zu der Sorte Menschen, die ihr eigenes Vergnügen über alles stellten und dies mit Kontrolle und Gewalt durchsetzten. Dazu kam seine chauvinistische Einstellung, die die Schuld daran trug, dass er starke Frauen verachtete. Ihm missfiel es, wenn eine Frau ihm überlegen war und seine Grenzen aufzeigte, denn dies hatte bisher nur eine gewagt: sie.

Aus diesem Grund war stets eine aggressive und sexuelle Spannung zwischen ihnen zu spüren, die jeden Moment explodieren und in einer Katastrophe enden konnte. Ihre Beziehung; ihr Miteinander war ein provokantes und gefährliches Spiel. Ein Spiel, dessen Ziel es war den Anderen zu erobern und ihm zu zeigen, wer das Sagen hatte und die Fäden zog.

Deshalb wartete Ophelia beinahe ungeduldig darauf, dass der blonde Killer versuchen würde die Oberhand zu gewinnen. Lange konnte es nicht mehr dauern. Und als hätte Patton ihre Gedanken gelesen, umfasste er grob ihre Handgelenke, hob ihre Hände über ihren Kopf und presste diese gegen den quadratischen Spiegel.

„Jetzt bin ich am Zug, Prinzessin“, feixte er euphorisch und leckte sich über die Unterlippe, wie ein Raubtier, das seine schmackhafte Beute in den Klauen hielt und an einer Flucht hinderte. Zu diesem Bild passten die langen Eckzähne und seine Augen, die angriffslustig blitzten. Ophelia entgegnete ununterbrochen seinen Blick, während er sich nach vorne beugte und wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht Halt machte. Sein warmer Atem ließ ihre Haut kribbeln und ihren Puls rasen. Leicht zitternd und hektisch atmend saß sie vor ihm und hoffte auf den nächsten Schritt. Doch zu ihrem Unmut verharrte er bewegungslos in seiner Position und kostete diesen Moment in vollen Zügen aus. Sie war ihm rettungslos ausgeliefert, was er sichtlich genoss. Patton hatte sie da, wo er sie haben wollte und war kurz davor zuzuschnappen.

Tu endlich was! Steh nicht einfach herum und verschwende meine Zeit, du Scheißkerl. Ich bin nicht hier, um deinem Egotrip zuzusehen. Ich will, dass du mich fickst!

Intensiv sah sie ihn an, denn sie glaubte fest daran ihm somit ihren dringlichen Wunsch wortlos klar machen zu können.

Ihr Gegenüber lächelte hämisch, bevor er mit seiner Zunge über ihre Lippen fuhr. Diese Geste ließen ihr Herz und ihren Unterleib um die Wette schreien. Ein wehleidiges Wimmern entfleuchte ihrer Kehle. Ihr wurde bewusst, dass Patton längst durchschaut hatte, dass die Ungeduld sie beinahe um den Verstand brachte und nun quälte er sie.

Wut nahm die Brünette schlagartig gefangen, die sie unmittelbar an ihm ausließ, indem sie kräftig in seine Unterlippe biss. Sie schmeckte das köstliche Blut, das sich langsam seinen Weg über sein Kinn bahnte. Ehe es auf seinen teuren Anzug tropfte, wischte er es belanglos mit der linke Hand weg. Nicht eine Sekunde brach er den Blickkontakt ab, was Ophelia unheimlich war. In seinen Augen machte sie eine Mischung aus Verachtung und Vorfreude aus.

„Du bist ein böses Mädchen“, flüsterte er ihr mit rauer, dumpfer Stimme ins Ohr. Ihr Inneres vibrierte.

„Und böse Mädchen müssen bestraft werden.“ Kaum hatte er diesen Satz über die Lippen gebracht, da griff er rabiat in ihre langen Haare und riss ihren Kopf mit unvorstellbarer Kraft nach hinten.

Ein schriller, hysterischer Schmerzensschrei, der sie selbst erschreckte, hallte durch das marmorne Badezimmer. Sein Echo bohrte sich gnadenlos in ihren Schädel und geißelte sie für ihre Schwäche. Einzelne Tränen traten in ihre Augen. Wie erniedrigend und lächerlich!

„Aus der frechen, selbstbewussten Killerin ist ein heulendes Mädchen geworden. Sieh an, wie schnell ich dich zerstören kann, Schätzchen.“ Der beißende Spott war kaum zu überhören und schmerzte mehr, als ihre brennende Kopfhaut.

„Fahr zur Hölle, Patton Massey“, schimpfte sie und versetzte ihm einen kräftigen Kopfstoß. Der Ex-Soldat zuckte kurz zurück, als schwirre bloß eine lästige Fliege um seinen Kopf, bevor er sich wieder völlig auf sie konzentrierte. In seinen blauen Augen rangen wilder Zorn und Verständnis miteinander. Schlussendlich siegte bei ihm, wie so oft, der Zorn.

„Das mache ich und freue mich schon auf ein Wiedersehen, denn wir treffen uns da.“ Ophelia schnaubte und schürzte über seinen schlechten Witz verächtlich die Lippen.

„Na klar und dort tanze ich mit dem Teufel.“ Pattons Miene versteinerte.

„Dies tust du bereits, Ophelia, und du bist dabei dir die Finger zu verbrennen.“ Unbeeindruckt und stolz reckte sie ihr Kinn.

„Nein, Massey, du bist derjenige, der in Flammen steht und lichterloh brennt. Ich bringe dich zum Fantasieren, ich treibe dich in den Wahnsinn und ich befördere dich ins Jenseits“, schärfte sie ihm diktatorisch ein, als wolle sie ihn zwingend vom Wahrheitsgehalt ihrer Worte überzeugen.

„Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, meine Liebe.“ Es folgte ein schiefes Grinsen.

„Es überrascht mich nicht, dass ausgerechnet eine Weisheit, die Bezug auf den Größenwahn nimmt, dir in den Sinn kommt.“ Der Blonde blähte die Nasenflügel.

„Auf solch einen Scheiß gehe ich nicht mehr ein. Deine ständigen Provokationen kenne ich schon zur Genüge und langweilen mich nur noch“, schnarrte er lustlos. Ophelia verschleierte ihre Verärgerung über seinen Kommentar mit einem bezaubernden Lächeln, doch die wilden Funken in ihren Augen straften ihrem Lächeln Lügen.

„Ich weiß genau, dass du mir in diesem Moment am Liebsten den Kopf abreißen würdest.“ Der Blonde hatte sie durchschaut, was ihr Unbehagen bereitete. Sie wollte nicht, dass er ihr Wesen studierte, kennenlernte und letztendlich herausfand, wer sie wirklich war. Sie wollte ihr Ich unbedingt verschlossen halten, um es zu vermeiden angreifbar zu sein. Jede weitere Information, die er über sie erhielt, erhöhte die Chance, dass er sich dieses Wissen zu nutzen zu machen, um sie gezielt zu schwächen.

„Dennoch bist du scharf auf mich und wartest nur darauf von mir gefickt zu werden“, rühmte er sich mit einem selbstgefälligen Grinsen, das sie ihm am Liebsten aus dem Gesicht gehauen hätte. Ophelia schluckte ihren Zorn allerdings herunter und bewahrte Contenance, denn mittlerweile langweilte sie das permanente Hin und Her mit dem Ex-Soldaten. Außerdem sollte er nicht den Eindruck erhalten, dass er sie reizen und aus der Fassung bringen konnte.

„Du sprichst damit auf etwas recht interessantes an, Massey“, sagte sie in dem ruhigsten und sanftesten Tonfall, den sie zustande bekam. In seinem Gesichtsausdruck las sie Verwirrung.

„Ich spreche von dem Ich ficke meinen Erzfeind-Phänomen“, begann sie die Unklarheiten bei ihrem Kollegen zu lichten. „Dies funktioniert stets nach demselben Prinzip: Es beginnt mit einem lautstarken Streit und endet in heißem, zügellosem Sex, während man sich nicht entscheiden kann, was stärker ist: die Abscheu oder das Verlangen.

Also, was soll man tun? Weitervögeln und ungestört in den Genuss berauschender, erotischer Stellungen kommen oder dem Gegenüber die Hände um den Hals legen und zudrücken, bis er sein Leben aushaucht? Welch desaströses Dilemma, denn beides hat seinen Reiz, nicht wahr?“

Ophelias Augen leuchteten so kraftvoll und hell, als sie ihn ansah, dass er seinen Blick abwenden musste. Erst nach einigen Sekunden war er im Stande sie anzusehen.

„Und was meinst du, Massey?“, erkundigte sie sich nach minutenlangem Schweigen, in dem er gedankenverloren vor ihr stand und sie ihn mit einem unterschwelligen Lächeln betrachtete. Ihr Blick hing unverändert an ihm wie ein Schatten, der ihn verfolgte und den er nicht abschütteln konnte.

„Das Verlangen nach deinem Körper ist, zu meiner eigenen Verwunderung, stärker, als der Drang dich zu töten, meine Liebe, daher tendiere ich zum Vögeln“, wisperte er, bevor er seinen linken Arm um ihre Taille schlang und tief in sie eindrang. Ophelia schnappte vor Überraschung und Lust laut hörbar nach Luft. Endlich! Endlich tut er das, was ich von ihm verlange.

Erleichtert stöhnend warf sie den Kopf zurück und schloss die Augen. Sie genoss es, Patton in sich zu spüren und zu wissen, dass er ihr genauso verfallen war, wie sie ihm. Sie konnte es nicht länger leugnen oder sich weiterhin belügen: Der Ex-Soldat versetzte sie in Ekstase und beherrschte ihren Körper. Er ließ sie erzittern, er brachte sie zum Stöhnen und er trieb sie in die Abhängigkeit.

Ophelia seufzte in den unvergesslichen Kuss hinein, zu dem ihre Lippen verschmolzen. Sie spürte seine angespannten Muskeln unter ihren Fingern, als diese über seinen Rücken strichen.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, zog er sie gewaltsam vom Waschbecken herunter, drehte sie um und drang von hinten in sie ein. Ihre Verwunderung zeigte sich in Form eines überraschten Keuchens, das aus ihrer Kehle schlüpfte.

Patton legte seine linke, prankenähnliche Hand auf ihren Hinterkopf und presste ihren Oberkörper nach unten. Diese unterwürfige Stellung bereitete ihm Vergnügen, was sie an seinem erfreuten Grinsen erkannte, das sie im Spiegel entdeckte. Die Dunkelhaarige strafte ihn mit einem mahnenden Blick, der ihm deutlich machen sollte, dass sie sich nicht lange seine Überheblichkeit gefallen lassen würde, denn auch sie war, wie er, eine kontrollsüchtige, narzisstische und mord-affine Persönlichkeit, die es nicht ertragen konnte von jemand anderem vorgeführt zu werden.

„Mit den roten Kontaktlinsen und dem Hass in deinen Augen siehst du aus wie der Teufel höchstpersönlich, meine Liebe“, staunte Patton, als er sie mit schräg liegendem Kopf betrachtete. „Du bist das wandelnde Böse.“ Sein eigener Vergleich löste bei ihm amüsiertes Gelächter aus. Ophelia schnaubte verächtlich.

„Dass du selbst beim Ficken deinen Mund nicht halten kannst.“

„Ich bin nun mal ein kommunikativer Mensch.“

„Du verwechselst kommunikativ mit nervtötend“, berichtigte sie ihren Kollegen trocken, der ihren Sex daraufhin abrupt stoppte, sie bei den Schultern griff und zu sich drehte. Anschließend schlug er ihr unverfroren ins Gesicht, mehrere Male.

„Du hast ständig etwas an mir auszusetzen, Miststück!“, brüllte er, ehe er seine Hand sinken ließ. „Dabei hast du auch deine Fehler.“ Er berührte zaghaft ihre, von seinen Schlägen, geröteten Wangen. „Und nicht gerade wenige.“

Ihm einen Blick des Hasses zuwerfend, schob sie seine Hand zur Seite und richtete ihr Lederkleid. Stillschweigen bewahrend öffnete sie ihre Tasche, die neben einem der Waschbecken lag, und suchte nach dem Tütchen mit Kokain, das sie sich vorsorglich eingepackt hatte. Sie hatte vornherein geahnt, dass sie das Rauschmittel noch dringend nötig haben würde.

„Keine schlagfertige Antwort? Keine Beleidigung?“, wunderte sich der Ex-Soldat und verschränkte die Arme vor der Brust. „Oder geben dir meine Worte zu denken?“

Sie reagierte nicht auf seine letzte absurde Äußerung und widmete sie sich lieber dem gefundenen Koks. Genüsslich schnupfte sie das weiße, kostbare Pulver, das ihr hoffentlich bald zu einem immensen Stimmungshoch verhelfen würde.

„Ach, zerbrich dir darüber nicht dein hübsches Köpfchen.“ Seine Stimme triefte vor Hohn.

„Keine Sorge, Massey, ich verschwende keinen einzigen Gedanken an die Dinge, die du sagst“, kommentierte sie spitz und verstaute die Drogen wieder sorgsam in ihrer Tasche.

„Meine Worte beschäftigen dich mehr, als dir lieb ist“, hielt er unerbittlich an seiner Meinung fest. „Ich bin in deinem Kopf, Prinzessin, ob du willst oder nicht.“ Daraufhin wollte Patton sie küssen, aber Ophelia forderte ihn durch eine Gebärde auf, sich ihr nicht zu nähern.

Unverrichteter Dinge zog er sich mürrisch zurück, ehe er Sekunden später gezwungen auflachte, um seine Enttäuschung zu überspielen.

„Du tust alles, um dir selbst zu beweisen, dass ich dir egal bin, aber du kannst dich nicht ewig belügen.“ Bei diesen unverschämten Aussagen nahmen die Züge der Brünetten einen eiskalten Ausdruck an.

„Geh nicht zu weit, Massey“, mahnte sie bissig und fletschte die Zähne. Ihr Zorn gegen seine vorlauten Dreistigkeiten fraß sich durch jede Zelle ihres bebenden Körpers. Dieser Mann treibt mich noch in den Wahnsinn! Er will nicht wahrhaben, dass ich keine Gefühle für ihn hege. Fanatisch hält er an dem Gedanken fest, er sei mir wichtig. Statt mich zu ficken, ermüdet er mich mit seinem aufdringlichen und verlogenen Geschwätz. Verdammt, der Abend wird immer schlimmer und die ersehnte Koks-Euphorie hat auch noch nicht eingesetzt!

„Reg dich ab, meine Liebe. Ich wollte dich nicht verärgern“, versuchte er sie zu beruhigen, als er begriff, dass sie angepisst war.

„Verschon mich mit deinem heuchlerischen Getue, Massey. Du weißt genau, dass du mir mit diesem emotionalen Scheiß gehörig auf die Nerven gehst.“ Ophelias Wut stieg an und drohte sie zu ersticken. Kräftig presste sie die Hände gegen ihren dröhnenden Schädel, der sie nicht klar denken ließ.

Warum wirkt das Koks nicht?! Wieso geht es mir schlechter, anstatt besser?

Während sie beinahe durchdrehte, trat der blonde Ex-Soldat an sie heran und stützte seine Arme neben ihr ab. Als sie in seine Augen sah, diese blauen, grausamen Augen, verschwanden ihre Höllenqualen.

Was soll ich von dieser Wunderheilung halten? Habe ich doch geheime Gefühle für ihn, die mich von meinen Schmerzen befreien oder ist es die spät einsetzende Wirkung der Drogen? Ich habe keine Antworten, denn schon seit einiger Zeit zermaterte ich mir das Hirn über meine Beziehung zu ihm. Was macht ihn zu dem Mann, den ich nicht aufgeben kann? Der Mann, den ich brauche, um mich gut zu fühlen? Es scheint etwas Unerklärliches zu sein, dass mich in seine Arme zieht und unwiderruflich an ihn bindet…

„Was machst du mit mir, Patton Massey?“, fragte sie überfordert, trotz des Risikos wegen ihrer offengelegten Schwäche von ihm verspottet zu werden. Er wirkte, wie erwartet, irritiert, bewahrte jedoch seine ernste Miene.

„Ich bin mir nicht sicher, was du meinst, meine Liebe“, gab er freimütig zu und versuchte einen Blick in ihre großen Augen zu erhaschen, aber sie senkte ihr Haupt und machte es ihm unmöglich hinter ihre Verunsicherung zu kommen.

„Ich will wissen, was der Grund für meine…“, Ophelia suchte nach dem passenden Wort, „…Hingabe in Bezug auf deine Wenigkeit ist.“ Noch immer wagte sie es nicht ihn anzusehen, da sie sich für ihre Offenheit schämte. Ihr Kollege nahm ihr Gesicht in seine Hände und zwang sie mit dieser Geste seinem Blick zu begegnen. Fest biss sie die Zähne aufeinander, um ihrem Gesicht einen harten und eisernen Ausdruck zu geben. Er schwieg zunächst und strich mit seinen Daumen über ihre fahlen Wangen.

„Es ist nicht notwendig mir zu zeigen, was für eine starke und unabhängige Frau du bist“, durchbrach er ihre Fassade und fiel nicht auf ihre Verschleierungstaktik herein. Dies ließ Ophelia Monroe spüren, wie sie stetig die Macht über ihn verlor. Doch sie verlor auch sich selbst, je weiter sie es ihm erlaubte in die Nähe ihres Herzens vorzudringen.

„Unsere Bindung ist außergewöhnlich und macht uns nervös, denn wir sind Menschen, die normalerweise so etwas umgehen, um uns vor Schmerzen und Abhängigkeit zu schützen. Wir verlassen uns nicht auf andere. Wir interessieren uns nicht für andere“, erläuterte er in fieberhafter Geschwindigkeit. Dass er jeden Satz ebenfalls auf sich bezog, zerstreute ihre Bedenken, dieses Thema angesprochen zu haben.

„Das ändert sich, im Falle, dass wir jemanden finden, der uns gleicht. Dann herrscht in uns eine Leidenschaft, die grenzenlos ist; die uns ins Delirium treibt und unsere Fantasien erfüllt.“

Patton neigte den Kopf und berührte kaum merklich ihre Lippen. Sie erschauderte.

„Gemeinsam sind wir eine Einheit, die an Stärke nicht zu übertreffen ist“, mühte er sich sichtlich eine elegantere Wortwahl zu treffen, als üblicherweise. Der Gedanke, dass er dies für sie tat, zauberte ihr ein heiteres Lächeln ins Gesicht. Ich habe unverändert die Kontrolle über ihn. Er würde alles tun, damit ich ihn in meinem Leben lasse und das kann mir durchaus von Nutzen sein.

„Unsere Stärke ist unberechenbar, Massey. Sie ist einfach alles.“ Daraufhin küsste die Brünette ihn innig und genoss die wohlige Gänsehaut, die sie befiel.

 

Er lehnte seinen Oberkörper über die Brüstung und beobachtete neugierig die Ballgäste, die sich im großen Saal tummelten. Genau vor ihm sah er drei Männer, die sich angeregt unterhielten. Das Trio bestand aus einem Kobold, in einem grünem Anzug und mit passendem Hut, einem Werwolf mit zurückgegeltem, schulterlangen Haar und schlussendlich dem Tod mit schwarzem Frack und Silbermaske. Ihre dumpfen Stimmen und die klassische Musik, die im Hintergrund gespielt wurde, drangen an seine Ohren. Ein fröhliches Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. Sein ganzer Körper stand unter Strom. Vor Aufregung und Vorfreude wippelte er heftig mit dem rechten Fuß.

James Matthew Roddick hatte lange auf den heutigen Abend gewartet und sich dementsprechend in Schale geworfen. Mit seinem dunkelroten Smoking, dem weißen Hemd und der schwarzen Fliege fühlte er sich erwachsen und bereit, der Masse als Williams Adoptivsohn voller Stolz entgegenzutreten. Bei diesem Gedanken verschwand schlagartig sein Lächeln und machte Platz für eine nachdenkliche Miene. Trotz seines Entschlusses, dem Ball beizuwohnen, musste er verdammt vorsichtig sein, denn wenn sein Adoptivvater ihn erwischte, dann konnte er sich auf eine Menge Ärger gefasst machen.

William hatte ihm nämlich ausdrücklich verboten seinen Ball zu besuchen. Seiner Meinung nach war er noch zu jung, doch diesen Grund benutzte er stets als Ausrede und schob sie bei jeder ihrer Auseinandersetzung vor, deshalb scherte er sich nur wenig um sein Verbot. Ein letztes Mal atmete er tief durch, bevor er seine dunkelrote Halbmaske mit den Teufelshörnern aufsetzte und sich auf den Weg machte. Gedanklich stellte er sich bereits vor, wie er eine Menge Eindruck bei seinen Geschäftspartnern schinden würde, sodass seinem Adoptivvater letzten Endes nichts anderes übrig blieb, als ihm zu sagen, dass er sich geirrt habe und ihm Respekt für seinen Mut zollte…

Im Korridor, kurz vor dem Erreichen der Treppe, begegnete er jedoch dem Menschen, mit dem er ein Aufeinandertreffen unbedingt hatte vermeiden wollen und dessen Erscheinen ihn aus seinen Träumereien riss. Innerlich stieß James einen langen Seufzer aus.

„Was soll das werden, James?“, zischte William aufgebracht und verlor somit keine Zeit, um ihm zu verdeutlichen, dass er gerade seine Regeln brach.

„Ich gehe auf den Ball“, entgegnete er wie selbstverständlich, bevor er sich an seinem Adoptivvater vorbeidrängte. Er hatte keine Nerven sich mit ihm auseinanderzusetzen. James machte allerdings nur fünf Schritte, ehe er am rechten Arm gepackt und gestoppt wurde. Ein erboster William tauchte vor ihm auf.

„Das schlägst du dir ganz schnell aus dem Kopf und verschwindest hier!“

„Nein!“, widersprach er hitzig. „Du kannst mich nicht einfach wegschicken. Ich bin dein Sohn und soll irgendwann dein Geschäft übernehmen, da ist es doch besser, wenn ich bereits vorher deine Geschäftspartner kennenlerne.“

„Genau, und weil ich dein Vater bin, wirst du mir gehorchen“, maßregelte er ihn. „Ich will dich nicht hier haben, dieses Thema haben wir die letzten Wochen ausführlich besprochen.“ James musste bei seiner Moralpredigt den Drang unterdrücken die Augen zu verdrehen.

„Du weißt, dass du zu jung bist, um dich, meinem Ruf entsprechend, als talentierter und erfahrener Auftragskiller zu präsentieren…“

„Ich bin bald 15 Jahre alt und bekomme meinen ersten Auftrag“, fiel er William hastig ins Wort, obwohl seine Argumentation entwaffnend war. „Ich bin alt genug für deinen Ball. Ich bin alt genug um zu töten.“

„Bilde dir nicht ein erwachsen zu sein, James.“ Sein Adoptivvater baute sich vor ihm auf und strafte ihn mit einem warnenden Blick. „Du musst dich in dieser Welt, in meiner Welt, erst noch beweisen.“

„Dann gib mir heute die Chance, dir zu zeigen, dass ich bereit bin.“

„James“, begann er im strengen Ton, der ihm verriet, dass er sich nicht erweichen ließ. „Du kannst mich nicht umstimmen. Es ist noch zu früh für dich, das musst du verstehen.“ James schnaubte empört.

„Du bist bald soweit, also bitte ich dich um Geduld“, schlug er gutmütiger an, um ihn zu beruhigen, aber diese miesen Versuche wirken nicht bei ihm.

„Ich habe schon lange genug gewartet. Du kannst mich nicht von meinem Entschluss abbringen, William. Mir ist egal, was du denkst. Verdammt, ich hab´s satt!“

Erneut drängte er sich an William vorbei, aber er wurde genauso schnell ausgebremst, wie beim ersten Mal.

„Das reicht! Geh sofort auf dein Zimmer und wehe ich erwische dich noch ein einziges Mal hier unten, dann setzt du die nächsten Monate keinen Fuß aus diesem Haus.“ Sein Adoptivvater war im Begriff die Kontrolle über seinen Zorn zu verlieren, was ihn dazu bewegte nachzugeben, schließlich hatte er keine andere Wahl.

„Verdammter Mistkerl“, murmelte er dennoch, während er sich umdrehte und davonging. Wütend riss er sich die Halbmaske vom Kopf, als plötzlich etwas Dunkles an seinem linken Ohr vorbei flog. Vor Schreck machte er einen großen Satz nach rechts und sah mit an, wie die antike chinesische Vase, die sonst auf einem Beistelltisch stand, unter lautem Krachen zu Bruch ging und in abertausend Stücke zersprang.

„Was…“, bevor er seinen Satz zu Ende sprechen konnte, packte sein Adoptivvater ihn am Kragen seines Smokings und beförderte ihn gewaltsam gegen die nächste Wand.

„Habe ich dir solch eine Ausdrucksweise beigebracht? Habe ich es verdient, dass du dermaßen respektlos mit mir sprichst?“ Mit jedem Wort schwoll die Lautstärke seiner Stimme an.

James war wie erstarrt und nicht in der Lage ihm zu antworten. William sah sein Schweigen als Provokation und donnerte den Kopf seines Adoptivsohnes gnadenlos gegen die Wand.

„Arghhh!!!“ Der Schmerz kam schnell und hart und hätte ihn in die Knie gezwungen, wenn William ihn nicht weiter festgehalten hätte.

„Ich erwarte Respekt. Ich erwarte Ergebenheit und Demut und KEINE FRECHEN WIDERWORTE!“

Die Intensität seines Blickes war furchteinflössend und imponierend zugleich. Es schien, als wolle er ihn mit purer Willenskraft und Wut vernichten. Jetzt sah er Williams eigene Vergangenheit als Auftragskiller. Er sah die Grausamkeit, die tief in seinem Wesen verwurzelt war und lange unter Verschluss gehalten wurde.

„Führ dich nicht auf, als sei es dein gottgegebenes Recht hier zu sein“, wisperte er ihm gefährlich ins Ohr, was James hart schlucken ließ. Um seinen Ermahnungen Nachdruck zu verleihen, schlug er ihm mit geballter Faust frontal ins Gesicht. James bekam am eigenen Leib zu spüren, wie stark sein Adoptivvater war und jaulte vor Schmerz. Warmes Blut tropfte aus seiner Nase und befleckte sein blütenweißes Hemd.

Als William ihn anschließend endlich losließ, brach er beinahe vor ihm zusammen. Vor seinen Augen drehte sich alles und seine Beine schlotterten.

„Und jetzt verschwinde, James!“

Umgehend gehorchte er ihm, denn sein Widerstand war endgültig gebrochen. James Roddick war machtlos gegen den unbeugsamen Willen William Cunninghams.

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