Seven Drops

Mein Blick klebte förmlich an diesem Schauspiel.

Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte ihn nicht abwenden können.

Stille herrschte. Nurmehr leises Atmen war zu hören. Der Lärm, dieses fürchterliche Geschrei, war verklungen. Sie war endlich zur Vernunft gekommen, lag nur da, sah mich an mit der Frage in den Augen, die sie alle stellen wollten, sicher gestellt hätten, wenn sie die Kraft besessen hätten:

Warum tust du das? Warum ich?

 

Und ich hätte ihnen geantwortet. Ich bin ja kein Unmensch. Ich hätte ihnen gesagt, dass es nicht um sie ging. Das tat es niemals. Sie kümmerten mich nicht, ich wählte sie nicht, weil ich sie hasste. Wie auch, ich wusste nicht einmal, wie sie hießen.

Ebenso gut hätten sie an dem Tag, an dem sie auf mich trafen, auch von einem Bus überfahren werden können. Ich war das Äquivalent.

Und seien wir doch einmal ehrlich: Ich war doch entschieden sanfter zu ihnen. Bei mir gab es keine zerschmetterten Knochen, das war unordentlich, laut, schmutzig.

Bei mir gab es Schnitte. Gradlinig, ordentlich, sauber.

 

Sie hätten sicher weiter gefragt, weiter gebettelt, und ich hätte weiter geantwortet, dass der einzige Grund, warum ich sie gewählt hatte, der war, dass sie etwas konnten, was Gegenstände eben nicht konnten.

Sie bluteten!

Sie bluteten ihr Leben in rubinroten Tropfen auf den blankgeputzten, schneeweißen Fliesenboden meines ureigenen Verstecks, das ich einzig für meine Gäste gebaut hatte.

Mit jedem Tropfen wuchs der See aus leuchtend roten, flüssigen Edelsteinen und mein Verzücken, meine Erregung, wuchs.

Je mehr der See anschwoll, im rhythmischen Geräusch des Aufschlagens der Tropfen, umso weniger Leben verblieb in den anklagend schauenden Augen.

Ich war diese Blicke gewöhnt. Sie verstanden mich nicht. Verstanden meine Kunst nicht. Sie verstanden nicht, dass sie Teil eines Kunstwerkes waren.

Und dass sie der Schlüssel zu meinem Glück waren.

Nichts Erfüllenderes gab es für mich als den Moment, in dem ich wusste, es war so weit. In dem ich wusste, alle Edelsteine hatten ihren Schoß verlassen.

Die letzten sieben Tropfen waren der Auslöser puren Glücks. Mit den letzten sieben Tropfen war ihr Weg geschafft und ich erreichte Glückseligkeit.

Bis zum nächsten Mal.

 

Gänsehaut kroch über meine Arme, als ich die Augen schloss und wusste, dass es nun Zeit war.

Verzückt zählte ich die fallenden Tropfen und endete in der Tat bei 7.

Befriedigt, beglückt, berauscht lagen meine Augen weiter auf dem Rubinsee. Das leise Atmen war verstummt, die fragenden Augen erloschen.

Das Tropfen auch. Es gab nur noch mich.

Ein wohliges Kribbeln streichelte meinen Nacken und ich atmete tief durch.

Es war gelungen. Ein Meisterwerk.

Es dauerte lange, bis das verzückte Rasen meines Herzens nachließ. Ich bedauerte es. Doch ich wusste, nun war ich gewappnet für mein weiteres Leben. Bis die Sehnsucht wieder größer wurde und ich wieder einen Gast in meinem Reich haben würde.

 

Einen letzten Blick auf das Meisterwerk werfend, verließ ich den Keller, verriegelte die Tür und positionierte die Wandverkleidung wieder, um sie unsichtbar zu machen.

Leise schlich ich die Kellertreppe hoch und ließ im Flur die Haustür zufallen, um den Anschein zu erwecken, gerade hereingekommen zu sein. Ich konnte Lachen und Kinderstimmen im Vorgarten hören.

Ich lächelte friedlich, als eine Stimme aus der Küche zu hören war: »Schön, dass du schon zuhause bist, Grant. Das Abendessen ist fast fertig.«

 

~ ENDE ~

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