Skarabäus

Prolog

 

Die gleichmäßig rotierenden Scheinwerfer, hoch oben an der Maschinenbühne des Hammerkopfturms, leuchteten einen großen Teil der alten Zeche aus, die auch noch kurz vor Beendigung des 2. Weltkrieges, von der deutschen Wehrmacht als Arbeitslager missbraucht wurde.

Dem Rhythmus der übereinstimmend schwenkenden Lichtkegel angepasst, huschten sechs sich im Schatten haltende Gestalten, paarweise über die jeweils kurzzeitig im Dunkel liegenden Freiflächen des Platzes. Nur auf die diensthabenden Wachen, die ihre übliche Runde absolvierten und auf die mit je zwei Posten besetzten Wachtürme mussten die Männer ihr Augenmerk legen.

Aus den umliegenden Baracken ertönte das gleichmäßige Schnarchen ihrer Mitgefangenen, aber auch das schmerzerfüllte Stöhnen, vieler Leidensgenossen. In einer dieser schäbig, verdreckten Behausungen, in denen man die Menschen regelrecht zusammen gepfercht hatte, ertönte das Husten eines Mannes, in einer kaum noch steigerungsfähigen Art und Weise, das man sich des Gefühls nicht erwehren konnte, der Mann würgt sich die Seele aus dem Leib.

Das war nicht verwunderlich. Die in den Arbeitslagern Internierten Gefangenen wurden täglich in den Zechen zu Schwerstarbeiten heran gezogen. Besonders betroffen im Kohlenabbau waren Berufsgruppen die im normalen Leben keine oder kaum körperliche Arbeit verrichtet haben, wie Lehrer, Verkäufer oder kaufmännische Angestellte. Geschwächt von der Last ihrer Gefangennahme und den Anstrengungen des Transports in die Stalags, schufteten sie jetzt unter Tage in den Stollen. Und sie hatten nicht die geringste Ahnung von den Gefahren, die in den tiefen Gängen der Schachtanlagen auf sie lauerten – im Gegenteil – man setzte sie geschwächt wie sie waren, bedenkenlos den dortigen Gefahren aus.

Dem nicht genug. Um die Zwangsarbeiter mehr und mehr anzutreiben, gab es mitunter nur Essen nach Leistung, was jedoch meistens ins Gegenteil umschlug, denn diese Menschen, besonders die älteren unter ihnen, hatten viel zu viele physische und psychische Leiden durchlebt, um diese zusätzlichen Strapazen unbeschadet zu überstehen. Allein die Trennung von der eigenen Familie, die Ungewissheit ob Frau, Kinder, Bruder, Schwester oder andere Verwandte beziehungsweise Freunde noch Leben, versetzte jeden in seelische Pein. Da waren Leistungsabfälle an der Tagesordnung, hinzu kamen Unterernährung und Erkrankungen, die auf Grund der katastrophalen Zustände in den gemeinschaftlichen Unterkünften zurückzuführen waren. Vernachlässigt und verdreckt litten die Menschen die man dort zur Arbeit zwang an Hungerödeme, Fleckfieber, Wurmkrankheit, viele waren infiziert mit Kleiderläusen oder starben an Krankheiten wie TBC.

Ein Menschenleben war hier nichts wert, im Gegenteil, wer nicht gehorchte wurde mit Schläge und Tritte misshandelt. Es mehrten sich Suizide. Fluchtversuche hat man zur Strafe öffentlich, bis zur Bewusstlosigkeit gepeinigt und anschließend in Einzelhaft oder in Jauchegruben dahinsiechen lassen oder der Einfachheit halber erschossen.

In so manch einer Integrationsakte erschien der Eintrag; Todesursache: Schädelbasisbruch. Bei der Kohlengewinnung tödlich verunglückt – oder – Todesursache: Brustwirbelsäulenfraktur, Betriebsunfall.

Am Turm angekommen, besetzte die kleine Gruppe einen der drei Personenbeförderungskörbe die hinunter in die Tiefe der Kohleschächte führte.

Um jeglichen Lärm zu vermeiden, benutzten sie nicht die elektrische Anlage, sondern eine Handkurbel um den Förderkorb nach unten zu bewegen. Das Licht ihrer Helme, die sie jetzt aktivierten, reduzierte die Schwärze die sie augenblicklich umgab. Endlose Minuten vergingen bis die sechs Männer die Sohle des Kohlenschachts erreicht hatten.

Es war ein zentraler Platz auf dem sie sich jetzt befanden. Verschiedene Stollen führten in unterschiedliche Richtungen und auch die mit Geröll und Kohleabbau gefüllten Loren kamen hier an. Noch bis vor ein paar Monaten, wurde hier in drei Schichten gearbeitet, was sich jedoch geändert hat. Zu viele Betriebsunfälle, Tote, Krankheiten und fehlendes Wachpersonal, das vermehrt an der Front gebraucht wurde. Jetzt herrschte hier unten Grabes Stille, denn um 22 Uhr war hier kein Mensch mehr, nur alle paar Meter fraß ein Notlicht ein Loch in die schwärze der Katakomben. .

Abraham Slater führte die kleine Gruppe an. Umständlich fummelte er einen Zettel aus seiner Hosentasche hervor. Im Schein seiner Grubenlampe sah er darauf, orientierte sich kurz und steuerte einen bestimmten Stollen an. Die anderen folgten ihm ohne zu diskutieren. Die Dunkelheit die sie umgab, wurde nur von dem Licht auf ihren Grubenhelmen unterbrochen, das unruhig an der Decke und den Wänden des Stollens auf und nieder tanzte. Nach einer Weile öffnete sich an der rechten Seite ein Abzweig, doch Ab Slater, wie er genannt wurde, ging weiter. Erst vor dem zweiten Seitenstollen auf der gegenüberliegenden Seite, machte Ab kurz halt. Er sah wieder auf seinen Zettel und führte die Männer dort hinein.

Zunehmend stieg die Luftfeuchtigkeit, das Wasser an den Wänden kondensierte, sammelte sich am Boden und wurde über künstlich angelegte Abflussrinnen weiter geleitet. Auch in anderen Gängen, die einer mit den anderen verbunden waren, sammelte sich Grubenwasser und floss weiter bis es die Wasserstollen erreichte, um später irgendwo ins Freie zu gelangen. Und das war das Ziel der kleinen Gruppe, zusammen mit dem Grubenwasser in die Freiheit gespült zu werden. Doch dieses weitverzweigte und vielfach miteinander verbundene System, ähnelte einem hunderte Meter langem Labyrinth, von dem viele Gänge die nicht mehr ergiebig waren schon seit Jahren stillgelegt oder gar gesperrt waren. Nicht ungefährlich sich darin zu verirren, was bei ein wenig Unachtsamkeit schnell passieren konnte.

Ab‘ s Zettel aber führte die Männer sicher zum Wasserstollen. Minute um Minute erhöhte sich die Spannung, keiner sprach auch nur ein Wort aber sie wussten, jeder Schritt vorwärts bedeutet ein Schritt näher in die Freiheit. Plötzlich blieb Ab stehen und lauschte … ja, jetzt konnte man es hören, das Rauschen des Wassers. Die Schritte der Flüchtenden nahm an Schnelligkeit zu, stoßweise wurde ihr Atem laut, hier und da kam einer ins Stolpern, doch die anderen fingen ihn auf.  Das Geräusch des Wassers intensivierte sich. Ab fing an zu laufen, die anderen taten es ihm Gleich, noch eine Kurve, dann waren es nur noch wenige Meter bis zum Abzweig des Wasserstollens.

Puls und Atmung beschleunigten sich aufs Höchste, die positive Aussicht auf die zu erlangende Freiheit setzte Endorphine in ihren Körpern frei und augenblicklich wurden die Leiber der sechs Männer mit Glückshormone überschüttet so, dass sie zur Euphorie neigten.

Mit verklärten Gesichtern stürmten sie jetzt vorwärts, als Urplötzlich vorn, hinten und in einem Seitenstollen Scheinwerfer aufflammten. Das gleißende Licht stoppte ihren Rausch und sie blieben wie angewurzelt stehen, Das Licht brannte in ihren Augen und aus dem Hintergrund vernahmen sie, wie aus dickem Nebel gedämpft, die Befehle des leitenden SS Offiziers die er seinen Leuten auftrug. Unverständnis, Ratlosigkeit und blankes Entsetzen drückten ihre Mienen aus, so kurz vor dem Ziel, die Freiheit schon zum greifen nahe – das war … nein das musste Verrat sein!

Jeder der sechs Männer dachte in diesem Moment das gleiche, als sie wie Vieh mit Schlagstock und Gewehrkolben zurück zum Aufzug getrieben wurden. Man würde nicht zimperlich umgehen mit ihnen, das war allen klar. Am besten eine Kugel, dann hätten sie es überstanden aber an so viel Glück wollte keiner von ihnen glauben.

In Reih und Glied, nackt bis auf die Haut und in strammer militärischer Habt Acht Haltung, mussten die fünf Männer, oben angekommen, mitten auf dem Sammelplatz Stellung beziehen. Mit zwei Wachtposten im Rücken, ließ man sie den Rest der Nacht dort stehen und wehe dem der seine Haltung lockerte, dem schlugen die Aufseher gnadenlos den Gewehrkolben zwischen die Schulterblätter.

Es dauerte eine geraume Weile, bis Graig Thornton seinem Nachbarn Mike Fullham zuraunte: »Wo ist eigentlich Simon geblieben? Seit man uns zum Fahrstuhl zurückgetrieben hat, habe ich ihn nicht mehr gesehen,« stellte er im Flüsterton fest. Die Wachen waren im Gespräch vertieft und bekamen von der Unterhaltung nichts mit.

Nachdem jeder mitbekommen hatte, dass sie nur zu Fünft und Simon Baxter spurlos verschwunden war, wurde ihnen schlagartig klar, dass nur er es gewesen sein konnte, der sie verraten hatte.  

»Ich schwöre euch, so war ich Justin McNiffes heiße, wenn wir das hier überleben sollten, hänge ich das Schwein eigenhändig auf;« presste der gebürtige Schotte fast tonlos heraus aber jeder der Freunde verstand ihn genau.

»Du sollst doch das Maul halten. Dreckiges Inselschwein,« brüllte einer der Wachposten und hieb McNiffes den Gewehrkolben zwischen die Schulterblätter. Der stürzte zu Boden und sofort trat der Wachhabende den am Boden liegenden mit dem Stiefel in die Seite.

»Steh auf, sonst mach ich dich fertig,« schrie er ihn an und Justin McNiffes verbiss sich den Schmerz so gut es nur ging und rappelte sich wieder auf.

Es war Mitte April und die Nächte noch recht frisch, doch erst als der Morgen graute und die Fünf Freunde ihre teils blaugefrorenen Körperteile nicht mehr spürten, durften sie sich anziehen und wurden, jeder für sich, in ein dunkles muffiges Loch gesteckt.

Kaum eine halbe Stunde später, ihre Glieder waren noch immer steif und kalt, holte man sie einzeln zum Verhör. Der Versuch, heraus zu bekommen wer von ihnen Idee und Ausführung geplant hatte, scheiterte. Trotzdem sie geschlagen, getreten und mit dem Gewehrkolben misshandelt wurden, schwiegen die Freunde.

Kaum achtundvierzig Stunden nach diesem Vorfall, ging das Gerücht herum, der Krieg ist zu Ende … Deutschland hat kapituliert.

Unruhen entstanden auf dem Gelände, die sich von Stunde zu Stunde mehrten. Hier und da setzten sich die Wachen und Offiziere ab, nur wenige, die die es nicht glauben wollten dass die Schlacht verloren war, harrten noch aus und versuchten den Gefangenen das Leben schwer zu machen. Eines Morgens wurden die Baracken und einzelnen Zellen von britischen Soldaten aufgeschlossen und die Gefangenen befreit. Auf dem Vorplatz versammelte sich eine Menschenmenge die zur Maschinenbühne des Hammerkopfturms hinauf schaute, dort hing an einem Seil ein lebloser Körper. Der Körper gehörte Simon Baxter.

Am Leib des Toten war ein Zettel befestigt, auf dem stand in großen Lettern  – Verräter!  

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