Er verließ das Zimmer. Keine Sekunde länger konnte er den Anblick seiner toten Tochter ertragen. Sie hatte ihm alles bedeutet. Alles. Seit seine Frau gestorben war, hatte seine einzige Liebe seiner Tochter gegolten. Sie allein hatte ihm gezeigt, was Liebe wirklich bedeutet. Und nun, wo sie tot war, schien ihm alles sinnlos. 'Was ist das für eine Welt, in der die eigene Tochter in seinen Armen stirbt?', dachte er sich.
Die Fassade des kargen Gebäudes spiegelte seine Verfassung wider, als er das Haus verließ. Grau, bröselnd, kalt. Er wusste nichts mit sich anzufangen. Sollte er etwa nach Hause gehen, wo ihn die Bilder seiner Tochter wieder an ihren Tod erinnern würden? Alles wäre dann so, als ob sie jederzeit zur Tür hereinkommen und ihm in die Arme fallen würde. - Er konnte nicht zurück. Im Vergleich dazu erschien ihm der Kältetod auf der Straße in der kalten, verregneten Nacht noch erträglicher und nahezu befreiend. Während er weiter ziellos durch die Straßen lief, rief er sich das Gesicht seiner Tochter ins Gedächtnis. Gedankenverloren betrachtete er weiter ihr Bild, das er vor Augen hatte. Rückblickend betrachtet hatte er es nie wirklich realisiert, doch jetzt wurde es ihm deutlich: Es schien ihm, als sei alle Schönheit der Welt in seiner Tochter vereint gewesen. Alles Gute und Wundervolle schien sie an sich gehabt zu haben. Sie hatte es geschafft, jeden Menschen in ihren Bann zu ziehen. In Gedanken blieb er an ihren Augen hängen. Sie waren so grün wie Smaragde und leuchteten jedes Mal, wenn sie lachte. Er spürte, wie ihm wärmer wurde. Der Schmerz war wie fortgespült. Seine Tochter schien direkt vor ihm zu stehen und er hörte ihr Lachen.
Plötzlich streifte eine eiskalte Windböe sein Gesicht und riss ihn aus seinen Gedanken. Regen setzte ein, es begann zu donnern. Nachdem er sich kurz gesammelt hatte, wurde ihm die Trostlosigkeit seiner Situation bewusst. Alleine stand er auf der nassen Straße, ein Gewitter stand bevor. Die Einsamkeit schmerzte ihn und machte ihm umso mehr die Abwesenheit seiner Tochter deutlich. Er fühlte sich leer und wusste nicht, wie er weiterleben sollte. Mittlerweile war seine Kleidung durchnässt. Die Kälte des Regens und des beständig wehenden Windes brannte auf seiner Haut. Einen Fuß vor den anderen setzend begann er, durch die Stadt zu taumeln. Doch er war viel zu schwach, um eine Richtung zu bestimmen. Sein Körper wählte den Weg, den er ging, selbst.
Von diesem Tag an war er jeden Tag zu Hause. Doch er hielt es nicht allzu lange dort aus. Von der Einsamkeit und seinen trüben Gedanken geplagt ging er oft durch die Straßen. Sein seelischer Zustand besserte sich dadurch aber nicht. Und so ging es Tag für Tag, Woche für Woche. Er suchte eine Beschäftigung, eine Ablenkung, die ihn nicht mehr an den Tod seiner Tochter denken ließ. Doch er fand keine. Stattdessen suchte er seinen inneren Frieden in Alkohol, Nikotin und anderen Suchtmitteln. Diese halfen ihm für kurze Zeit, zu vergessen. Doch dadurch wurde er nicht glücklicher. Die Drogen konnten ihm nicht helfen, seine innere Leere zu füllen. Und jedes Mal, als die Wirkung der Suchtmittel nachließ, wurde das Aufwachen in der Realität schmerzhafter.
Eines Morgens wachte er vor Schmerz gekrümmt auf. Als er sich umsah, wurde ihm bewusst, dass er in dem Zimmer seiner Tochter war. Seit ihrem Tod hatte er sich nicht mehr dort hin getraut und nun wirkte alles so nah auf ihn. Der schon alltäglich gewordene Schmerz über den Tod seiner Tochter wurde nun noch unerträglicher. Er schloss kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Sein Blick wanderte nochmals im Zimmer umher und fiel auf verstaubte Bücher, Bilderrahmen mit Fotos von gemeinsamen Urlauben und schließlich auf den Tisch, auf dem eine Vase mit verwelkten Blumen stand. Ihm fiel eine kleine Schatulle auf, die ebenfalls auf dem Tisch stand. Langsam stand er auf und näherte sich ihr. Auch auf ihr hatte sich schon Staub abgesetzt, der nun vorsichtig von seiner Hand herunter gewischt wurde. Unter der dünnen Staubschicht kam ein Deckel aus Holz zum Vorschein. Der hatte so wie die gesamte Schatulle keine Verzierungen, allein die Maserung des Holzes machte ihre Schönheit aus. Langsam bewegte er seine Hand nach vorn, um den Verschluss zu öffnen. Ein Schloss hatte die kleine Truhe nicht. Als er schließlich den Deckel nach oben klappte, fiel sein Blick auf ein Tuch aus schwarzem Samt, in dem ein grüner Smaragd lag. Durch das Fenster fiel das Licht der morgendlichen Sonne direkt auf die Schatulle, sodass der Edelstein in ihrem Schein funkelte. Voller Erleichterung und Freude begann der Vater zu weinen, als ihm bewusst wurde: Die Augen seiner Tochter hatten beim Lachen genauso gefunkelt, wie der Smaragd, der nun vor ihm lag. Vorsichtig nahm er den Stein aus der Schatulle und hielt ihn in beiden Händen. Sofort wurde ihm wärmer ums Herz. Er erinnerte sich daran, wie er vor langer Zeit den Edelstein in einer alten Mine gefunden hatte. Seine Tochter hatte den Smaragden von ihm geschenkt bekommen. Nun war sie tot, aber er fühlte sich nicht länger haltlos. In dem Stein schienen alle Erinnerungen an seine Tochter zu sein. Von dem Smaragden aus schien die gesamte Welt in neuen Farben zu erstrahlen. Er musste wieder und wieder auf den Stein sehen, konnte ihn nicht zurück in die Schatulle legen. Der Vater betrachtete das Funkeln des grünen Edelsteins und erinnerte sich an die Augen seiner Tochter. Zum ersten Mal seit langer Zeit formte sich der Mund des Vaters zu einem Lächeln. Und er hörte, dass seine Tochter mit ihm lachte.

Kommentare

  • Author Portrait

    Fürchterlich traurig aber wunderbar geschrieben..

  • Author Portrait

    Dein Text hat mich wirklich berührt und ich habe noch jetzt eine leichte Gänsehaut. Toll gemacht :)

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media