So war es

Immer wieder diese sich wiederholenden Bilder. Sie gehen dir nicht aus dem Kopf und erinnern dich an eine Zeit vor der Zeit.
Drei Tage nach deinem siebzehnten Geburtstag, mit deiner jüngeren Schwester an der Hand, schlendertet ihr durch eine Überführung, die die damalige Einkaufspassage »Sophienhof« mit der Innenstadt verband. Mutter und Vater gingen hinter euch und alberten wie eh und je herum.
Alles war so friedlich und du hattest die wenigen Momente, an jenen sich deine Schwester an ausgerechnet deine Hand stiehl stets genossen. Klar, es verging kein einziger Tag, an dem ihr nicht gezankt hattet, weil sie deiner Aussage nach nur nervig sei. Dennoch, du hast sie geliebt und das vielleicht mehr noch als deine eigenen Eltern. Dies einzugestehen, bedurfte erst einer fundamentaler Katastrophe diesen Ausmaßes - es war so ungerecht.

Es begann mit einem kaum hörbaren Zischen und einem darauf folgendem Bersten. Erschrocken warfst du einen hastigen Blick zurück und risst gedankenlos und schützend deine Schwester an dich. Seltsam, die Erinnerungen sind wach, aber an ihren Namen vermagst du dich nicht zu erinnern.
Die Scheiben rings umher der Überführung zersprang nicht einfach, sie detonierten in unzählige Geschosse und überall wo sie auf weiche Haut trafen, hinterließen diese tiefe Schnitte. Die Zeit schien nahezu still zu stehen, wie in Abfolge einer abgespulten Zeitlupe solltest du das Ausmaß mitverfolgen.
Chaos wie aus einer beschissenen Aktionsverfilmung traf, sofern es die Szene zu beschreiben galt, am ehesten.
Wieder dieses unheilvolle Zischen und darauf folgende Bersten. Tausende von winziger Schrapnelle detonierten ins Innere des Ganges. Personen in unmittelbarer Nähe verzogen aus dem Reflex heraus das Gesicht und schlossen die Augen. Hände wurden schützend davor gehalten - es sollte ihnen nichts nützen. Schreie gellten um dich herum.
Die Splitter waren deutlich schneller als menschliche Reflexe und Schnitten tief. Deine Augen fixierten sich auf eine vor dir stehende Frau mittleren Alters. Sie hielt ihre Hände vors ... Gesicht. Ein lautloser Schrei entwich, wo einst Lippen gewesen. Sie ging zuvor neben euch und befand sich der allumfänglichen Glasscheiben am nächsten.
Deine Augen konnten nahezu jede einzelne Hautbahn zählen, die die Splitter rissen, bevor ihre vormals hübsch anzusehende Gesichtshälfte in Fetzen hing. Unerträglicher an sich war jedoch das viele Blut.
Schreie bahnten sich einen Weg zu deinem Gehör. Entsetzliche Schreie gezeichnet durch schiere Angst und Schmerz. Blutüberströmt drängten Personen an euch vorbei. Etliche hielten immer noch blutbesudelte Hände vor Hals und Gesicht. Eine Frau schubste dich mit ihrer freien Rechten fordernd weiter. Du wendetest den Blick und schienst sie erst nicht zu erkennen. Dann traf dich die Gewissheit wie ein Fausthieb - es war deine Mutter. Sie schrie hysterisch und hielt mit ihrer linken ihr Antlitz bedeckt - es nützte jedoch wenig. Das, was sie zu verbergen vermochte, befand sich nicht hinter der Hand, sondern davor. Das linke Auge schwang zwischen dem Zeige- und Ringfinger an seidenem faden. Blut suchte sich unaufhaltsam Bahn und rann wie ein stetig fließender Bach ihrem Hals hinab.
»Wo ist Vater«, schriest du und hieltest immer noch deine Schwester schützend im Arm, die vor Angst entsetzlich brüllte.
»Geh, bitte geh«, heulte sie verzerrt und brach vor deinen Augen zusammen. Nicht einmal einer ihre Finger rührte sich - sie war tot.
Kein weiterer Gedanke bildete sich in deinem Geist, es blieb nicht einmal Trauer.
Sirenen heulten, begleitet der Schreie Verwundeter und sterbender. Schüsse aus verschiedenen Waffen hallten. Rufe unbekannter Herkunft mischten sich unter wiederkehrenden Aufschreien wie Einschlägen.
Es hatte begonnen. Hier, jetzt und in eben jenem Moment.
Du hörtest es immer wieder, wieder und wieder, so als würde es nur dir gelten. Es gab sie und wird sie immer geben. Jene, die das Wort Gottes für ihre Zwecke missbrauchten und ebenso viele wenn nicht weit mehr Vollidioten, die es nach wie vor missbrauchen, um das Ego ihrer zu kleinen Schwänze zu kompensieren. Wer weiß, vielleicht bestand zu ihrer Geburtsstunde die Milch ihrer Mütter auch nur aus ignoranter Dummheit, wie der dreckige Scheiß, der ihnen aus dem Gesicht wucherte, Bart genannt wurde.
Du hocktest auf halber Höhe der hinabführenden Treppe und blicktest flehend einem auf euch zwei zukommenden jungen Mann. Er sprach Arabisch oder was auch immer. Außer gebrochenem Englisch und deiner eigenen Muttersprache verstehst du nach wie vor kein einziges Wort.
Er schrie und fuchtelte mit seiner verdammten Waffe herum. Mit der rechten versuchtest du ihn zu beschwichtigen, du betteltest und weintest. Deine Schwester brüllte unaufhörlich.
Dein Gegenüber spuckte dir ins Gesicht, wollte dir deine Schwester entreißen. Sie ließ nicht los und du ebenso wenig.
»Allah yel3anak kafir!« Er hob die Waffe, der Lauf zeigte jedoch nicht auf dich und drückte ab.
Es war nicht der ratternde Knall, es waren die matschig klingenden Aufschläge der Kugeln. Deine Schwester schrie nicht mehr und ihr krallender Griff löste sich. Blut lief ihrem zu jungem Gesicht hinab und ihr lebloser Blick traf dich strafend, als wolle er sagen »Du hast mich nicht beschützt.«
»NEEIIIN«, schriest Du und warfst dich mit der Kraft und Mut der Verzweiflung auf ihn. Gemeinsam stürztet ihr die letzten Stufen herab. Die Waffe entglitt seiner mordenden kraftlosen Hand, als ihr endlich unten aufschlugt. Deine Augen funkelten, sie sahen nicht den Menschen, sie sahen ›den‹ Mörder.
Deine Rechte krallte sich in seine Haare und hobst seinen Kopf, sein Ohr ganz nah an deinen Mund. Du atmetest schwerfällig und bittere Galle sammelte sich unterhalb deiner Zunge und sprachst Worte, deren Sinn sich dir nicht ergaben. »Der Schläfer erwacht. Ich werde euch Bastarde vernichten. Alle.« Letzteres Wort schriest du immer wieder und donnertest dessen Schädel mit jedem wiederholenden Wort auf den Boden. Rauf, runter, rauf und wieder runter. Der Boden verfärbte sich Rot, bis es schlussendlich knackte. Du konntest nicht aufhören, wie in Rage schlugst Du weiter, auch nachdem von dem einstmaligen Kopf lediglich noch ein matschiges etwas an den Haaren klebte.
Ein Fußtritt in den Brustkorb schleuderte dich unlieb zur Seite. Erneut ratterte eine Waffe und wüsste Ausrufe erklangen. Sie galten dir, wie die zuvor gehörten Schüsse ... auch der nachhaltige Schmerz galt ... dir. Dein Blick verschleierte sich und sahst alles in rötlichem Schimmer. Etwas traf den Schädel des zweiten Schützen, dessen Kopf ruckte zur Seite. Dessen gesamter Körper sackte kraftlos zusammen.
Gerufene Befehle erklangen wie aus weiter Ferne und weitere Schüsse hallten wie im Klang des Echos. Hände berührten dich und fingerten an dir herum.
»Beeilt euch.«
»Sir, der tot ist näher als das Leben.«
»Sofort«, befahl Ersterer.
Du gleitest hinüber, alles scheint so friedlich.

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