So wie vorher

In der Nacht schaute eine Pflegerin in mein Zimmer und gab mir irgendetwas, das nach Holunder schmeckte, damit ich doch noch einschlafen konnte. Ich hatte mich nämlich um etwa halb zwölf noch einmal angezogen und auf die Fensterbank vor das Fenster ohne Griff gesetzt, um rauszustarren und zu weinen, damit ich die Leere wenigstens mit irgendeiner Emotion ausfüllen konnte. Ich beobachtete wie der Mann, der vorhin bei der Aufnahme neben der Assistenzärztin gesessen hatte, mit einer Umhängetasche das Psychiatriegelände über den Vorhof verließ.

Der nächste Morgen gestaltete sich als gruseligstes Erlebnis dieser wenigen Stunden, die ich in der Psychiatrie verbracht hatte. Man weckte mich um kurz vor acht und ich hatte Schwierigkeiten aufrecht zu stehen, geschweige denn meine Augen offen zu halten, weil ich keine vier Stunden geschlafen hatte. Da rief man mich aus den Federn und wollte mich wiegen und Blut abnehmen. Beides war unangenehm und man behandelte mich nur wie so ein Produkt, das man nebenher abfertigte. Die Pflegerin, die mir das Blut abnahm, sah mich nicht mal an, quatschte mit ihrer Kollegin und schickte mich kurz darauf wieder aus dem Raum. Ich ging wackelig ins Gemeinschaftsbadezimmer, um meine Haare vor dem Spiegel mit meiner Hand zu durchfahren. Am Waschbecken hing ein Handtuch. Es war durchnässt... und blutig. Ich hatte keine Nerven mehr.

Also torkelte ich in den Speiseraum. Nachdem ich das Abendessen gestern verpasst hatte, hatte ich jetzt auch knapp das Früchstück verpasst. Ich setzte mich trotzdem kurz in den Raum, an einen Tisch und sah in den Brötchenkorb, in dem zwar noch Brötchen lagen, aber ich fand keinen Teller und war so am Ende, dass ich es nicht mal schaffte nach einem beim Personal zu fragen. Ich hatte auch keinen besonderen Appetit, obwohl ich seit gut zehn Stunden nichts gegessen hatte, obwohl ich wegen Anorexie hier war. Man nahm mich nicht wirklich zur Kenntnis. Irgendwoher kannte ich dieses Verhalten, also tat ich das, was ich am besten konnte: Mich klein machen, so unauffällig wie möglich sein und mich von allem fernhalten.
Ich setzte mich zwar anschließend noch in den Aufenthaltsraum für Nichtraucher, verfolgte dort aber nur lustlos ein Musikvideo im Fernsehen, das verrückter war als dieser Ort, an dem ich mich befand. In diesem Moment beschrieb ich es einfach als 'Zwei Leute, die sich spastisch bewegten und anschließend ins Wasser plumpsten, auf dem sie eben noch getanzt hatten'. Es wunderte mich überhaupt nicht, dass man in einer Psychiatrie erst so richtig eigenartig wurde, und das empfand ich bereits nach wenigen Stunden so.

Daraufhin saß ich wieder alleine in meinem Zimmer, auf dem Bett, an dem 'Hr. Bernath' mit Edding auf einen Klebestreifen geschrieben war. Ich freute mich über dieses kleine Detail, dass niemand es schaffte meinen Nachnamen richtig zu schreiben. Es gab dem Ganzen eine gewisse Normalität zurück.

Kommentare

  • Author Portrait

    Verdammt nochmal, warum hast du nicht einfach angerufen???

  • Author Portrait

    Lieber Vince! Ich bin sprachlos und weiß nicht, wie reagieren. Einerseits bin ich froh, daß du dir wirklich Hilfe gesucht hast, andererseits, wenn ich deine Erzählung hier lese, frage ich mich, ob man dir dort wirklich gerecht wird... Ach, ich hoffe so sehr, daß es für dich einen guten Weg gibt!!! Liebe Gedanken zu dir!

beta
Feenstaub

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