Sommerfrische

Die Jahre im Kloster waren in der meisten Zeit, an die ich mich erinnere, alles andere als angenehm, leicht oder gar so, dass es etwas gab, was hätte Spaß machen können.

Doch auch die dunkelsten Zeiten hatten so ihre Lichtblicke. Im Fall der Klostergemeinschaft war das ein, an besonders heißen Tagen stattfindender, Ausflug an einen in Klosternähe gelegenen, kühlen See.

 

Lachlan, ich und auch alle anderen Mönche ächzten in diesem August des Jahres 1290 unter der feuchten Hitze der Tage, die sich abends mit heftigen Gewittern abwechselte. Teilweise kühlte es in dem Gemäuer so runter, dass ich nachts fror, doch das nahm ich nach den lähmenden Tagestemperaturen in Kauf. Immerhin konnten Lachlan und ich uns gegenseitig warmhalten.

 

Tagsüber jedoch war es eine Tortur, die einfachsten Arbeiten zu verrichten. Die meisten der Mönche hatten zum Dienst bereits längst die schweren Kutten abgelegt und die, die auf den außenliegenden Äckern beschäftigt waren, trugen allenfalls noch ihre Hosen.

Lachlan und ich waren dankbar für jede Aufgabe, die wir innerhalb der Mauern verrichten durften, auch wenn dies bedeutete, stundenlang harte Rüben zu schälen oder Töpfe und Krüge zu waschen, die man seit Wochen nicht saubergemacht hatte.

 

Da es täglich heißer zu werden schien und es damals zu einigen Fällen von Schwächeanfällen und Hitzschlägen kam, beschloss eines heißen Sonntagmorgens nach der Messe der Abt mit dem Rattengesicht, dass alle Mönche einen Sommerfrische-Ausflug zur Erfrischung und Erholung an den kleinen See unternehmen sollten.

Für Lachlan und mich war das aufregend, da wir ebenso daran teilnehmen durften wie auch die Novizen. Wir hatten, seit wir in dem Kloster ankamen, weder etwas von der Umgebung gesehen, noch die umliegenden Ländereien erkundet. Wir waren es von Zuhause gewöhnt, an heißen Tagen an der Küste baden zu gehen und empfanden es aus diesem Grund als besonders hart, dieser Hitze standhalten zu müssen.

Ich erfuhr, während wir mithalfen, einen kleinen Wagen mit Decken und etwas Proviant zu beladen, dass von den 40 Männern, die in dem Kloster lebten, weniger als 10 schwimmen konnten, Lachlan und mich eingeschlossen. Die Männer hatten Angst vor jedem Gewässer, das tiefer war als die Badezuber in der Waschkammer. Schwimmen galt als ungeheuerlich und unnatürlich. Menschen hatten sich nach dem Glauben damals nicht im Wasser aufzuhalten und schon gar nicht zu schwimmen wie ein Fisch. Wer es konnte, wurde ein bisschen argwöhnisch beäugt.

Lachlan hatte, angesichts der freudigen Erwartung eines erfrischenden Gewässers, immer bessere Laune bekommen und auch die schweren Tücher, die den Mönchen nach dem Baden als Handtücher dienen sollten, konnten ihm die Stimmung nicht vermiesen. Auch wenn er diese von der Wäschekammer bis in den Hof zum Wagen schleppen musste.

»Endlich kommen wir mal hinaus aus diesem Gemäuer«, raunte er mir, etwas schnaufend, zu und ich stieß ihn an.

»Sag das nicht zu laut, sonst darfst du zukünftig draußen auf dem Feld ackern, wenn du Pech hast.«

Ich spürte die argwöhnenden Blicke der Mönche immer auf uns und da sie ohnehin schon zu oft der Meinung waren, Lachlan und ich würden schwatzen anstatt zu arbeiten, verhielt ich mich unauffällig und schob ihn weiter.

Es dauerte danach nicht mehr lange, bis das Signal zum Aufbruch gegeben wurde und der kleine Tross aus Wagen und Mönchen sich in Bewegung setzte.

Lachlan und ich durften auf einem der Wagen sitzen und so genossen wir die Fahrt, den milden Wind, der durch die Bewegung durch unsere Haare fuhr und die Gelegenheit, tatsächlich schwatzen zu dürfen.

 

»Schau, Henry... da tummeln sich zahlreiche Vögel, dort muss es Wasser geben.«

»Oder es ist ein Schaf verendet und das sind Aasvögel«, wandte ich ein und kassierte einen angeekelten Blick von meinem Bruder. Er sah viele Dinge viel positiver als ich, der immer in allem etwas Morbides sah.

Scheinbar fest in der Absicht, sich nicht mehr mit mir zu unterhalten, legte Lachlan sich der Länge nach auf die Stoffe und hielt seine Augen in den gleißendhellen Himmel gerichtet. Ich hingegen betrachtete die Straße und die in voller Frucht stehenden Getreidefelder.

Ich empfand Erleichterung darüber, dass ich bei der Ernte dieses Korns nicht tatkräftig mithelfen musste, denn Getreideernte war das Anstrengendste, was ich kannte. Stundenlang, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang ackern in der prallen Sonne und immer wieder dieselben, lähmenden Bewegungen zu machen... ich hatte es schon immer gehasst.

Die Mönche, die teils auf den Wagen saßen, teils auf dem Pfad daneben herliefen, stimmten einen Chorus an, der in der heißen Mittagshitze über das Land hallte.

Mir gefiel es, denn in der Tat mochte ich an den morgendlichen, mittäglichen und abendlichen Messen am liebsten die Gesänge.

 

Es dauerte nicht lange, bis der Tross das kleine Gewässer erreicht hatte, welches wie buntes Glas in der Sonne funkelte und herrlich nach Kühle und Erfrischung duftete. Würziges Seegras mischte sich in den Duft und alle Mönche beeilten sich, nach dem raschen Abladen der Tücher zum Abtrocknen, die Kutten und die Unterhemden abzulegen und in die kühlen Fluten zu springen. Manche, ganz Freigeistige, entledigten sich vollends ihrer Kleider und heute denke ich, dass es eine Art sexuell orientierter Exhibitionismus war, der sie dies tun ließ.

Ohnehin ist mir heute vieles bewusster, was das Zwischenmenschliche im Kloster anging. 40 Männer auf relativ engem Raum zusammengepfercht und – nach heutigem Wissen – eine Handvoll davon mehr an männlicher als an weiblicher Gesellschaft interessiert. Sei es durch die Umstände, dass sie frühzeitig dort gelandet waren und es nicht anders kannten oder einfach, weil die Natur es so wollte.

Ich wusste damals nicht, was in den Kammern abging und ich würde es auch heute nicht wissen wollen.

Die Erfahrungen, die ich am eigenen Leib hatte machen müssen, hatten mir da vollends gereicht.

 

Jedenfalls war es Lachlan, mir und auch den anderen Mönchen völlig egal, ob in Hosen gebadet wurde oder ob man sich der Bruderschaft zeigte, wie Gott einen schuf. Es zählte für alle nur das kühle Nass, welches den klebrigen Schweiß und den Staub der Straße abwusch und den Körper etwas runterkühlte.

Lachlan war zaghafter und trabte Schritt für Schritt hinein, während ich Anlauf nahm und mich einfach der Länge nach hineinwarf. Als ich meinen Bruder anschließend nassspritzte, kreischte er und hielt sich schützend die Arme vor seine schmale Brust. Seine Hose war bereits durchweicht und er hatte Gänsehaut auf den Armen, doch die Erfrischung schien ihm gut zu tun.

Alle Mönche vergnügten sich, indem sie sich einen kleinen Ball aus Holz zuwarfen, sich einfach treiben ließen oder versuchten, nicht zu tief in den See zu geraten, da sie sich dort mangels Schwimmfähigkeit nicht über Wasser würden halten können.

Lachlan und ich setzten uns nach einer Weile ans Ufer und bauten mit dem Sand eine kleine Burg. Lachlan wurde darin irgendwann recht ehrgeizig und grub tiefe Löcher, um an guten, nassen Sand heranzukommen und ich ließ schließlich einfach meine Augen schweifen.

Ich empfand es als sonderbar, dass manche der Männer um uns fett wie Schweine waren, andere hingegen so dünn und grotesk wie eine Gottesanbeterin. Besonders der alte Abt, der ein Gesicht wie eine Ratte hatte, hatte den spindeldürren Körper irgendeines abartigen Insekts, alt, verkrümmt und schief. Ich fragte mich schon damals, wie diese Gewichtsunterschiede zustande kamen, bekamen wir doch alle das Selbe und annähernd die selbe Menge an Nahrung.

Die Fetten mussten sich irgendwo etwas abzweigen, dessen war ich mir sicher. Und ich hasste sie dafür.

 

»Au, mich hat eine Mücke gestochen«, jammerte Lachlan und hielt mir seinen Arm unter die Nase. Seine Haut duftete noch immer nach dem Seewasser.

Es hatte bereits zu dämmern begonnen und der Mönchstross befand sich bereits wieder auf der Rückfahrt ins Kloster.

Ich griff nach seinem Arm, spuckte auf die gerötete Stelle und verrieb den Speichel etwas. Er machte ein angeekeltes Geräusch und versuchte, den Arm loszumachen, während ich lachte.

»Hör auf zu lamentieren. Spucke hilft, dann juckt es nicht so sehr.«

Lachlan guckte mich schmollend an und wischte mit der Kutte über die vollgesabberte Stelle.

»Du bist eklig«, maulte er und ich zerstrubbelte ihm sein noch feuchtes, goldenes Haar.

»Beschwer dich nachher nicht bei mir, wenn du dich jetzt wundkratzt«, entgegnete ich, wandte meinen Blick wieder dem rötlichen Abendhimmel zu und bemerkte, wie Lachlan versuchte, sich nicht allzu auffällig an dem Mückenstich zu kratzen.

 

Es war nach der Ankunft unsere Aufgabe, die feuchten Tücher in die Waschkammer zu schaffen und zum Trocknen aufzuhängen. Die würden am darauffolgenden Tag gewaschen werden, denn einige davon waren so dreckig, dass man sich fragte, wie lange sich derjenige, der dieses Tuch zum Abtrocknen benutzt hatte, sich davor nicht gewaschen hatte.

Einige davon stanken auch ganz jämmerlich nach Schweiß und anderen Körperausdünstungen. Wir warfen die Stoffe schnell über die aufgespannten Leinen und machten uns wieder davon.

Immerhin war noch immer Sonntag und das Arbeiten nicht gestattet.

 

»Ob es wohl zur Feier des Tages etwas besonderes zum Abendessen gibt?« Lachlan und ich saßen auf den Stufen zum Kirchgang und ließen das rote Sonnenlicht in unsere Gesichter scheinen.

»Ich glaube nicht. Wahrscheinlich eher schlechter. Immerhin mussten die Brüder, die in der Küche eingeteilt waren, im Kloster bleiben, während wir alle schwimmen waren.«

Ich traute es den Brüdern wirklich zu, in die Suppe zu spucken oder schlimmeres, weil sie deswegen erbost waren. Andererseits war Neid eine Sünde und die Männer im Kloster sehr gewissenhaft – meistens. Ebenso wie Nahrung nicht verschwendet wurde.

 

»Eigentlich ist es ja egal. Heute war ein schöner Tag.« Lachlans goldenes Haar glänzte rötlich und seine Wangen hatten nach dem Tag in der Sonne etwas Farbe bekommen. Ich nickte, denn ich musste ihm zustimmen.

Nach langer Zeit hatten wir einen Tag, an dem wir wie Kinder spielen durften und das war schon viel wert in unserem rauen Alltag hinter den kalten Klostermauern.

Ich hoffte damals, dass sich solche Tage noch oft wiederholten...

Kommentare

  • Author Portrait

    Ja schön mal etwas friedlicher. :-)

  • Author Portrait

    mal ein wenig friedlicher. Bin gespannt aufs nächste Kapitel :)

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