Sommertag

Warmes Sonnenlicht schien ihm ins Gesicht und prickelte auf seiner schweißnassen Haut. Die Luft war geschwängert von dem Geruch nach frischem Gras, nach Heu und den kleinen, gelben Blumen die an jedem Wegesrand wuchsen. Wohlig seufzend genoss Josh die angenehme Wärme, schloss die Augen und lauschte den Bienen, die auf den Wiesen summend umherschwirrten. Es war einer dieser Momente, die man am liebsten für immer festhalten wollte, um sie später noch einmal zu erleben.
Wie Schade das dies nicht möglich war, oder doch?
Ein Lächeln machte sich auf Joshs Gesicht breit, weshalb eigentlich nicht? Verstohlen öffnete er die Augen und blickte sich um. Durch die geöffnete Terrassentür hinter sich hörte er seine Mutter in der Küche telefonieren. Sie klang aufgebracht, wahrscheinlich ging es um die spezielle Angelegenheit von der er nichts erfahren sollte. Er blickte neben sich den Garten entlang, der direkt an der Straße endete, auch dort war niemand zu sehen.
Leise verlagerte Josh sein Gewicht nach vorne, um unter seinen Stuhl zu greifen, wobei Rostflocken auf den Boden rieselten. Er griff nach dem Leinenbeutel, den er immer bei sich trug. Was hatte seine Mutter ihn deswegen schon komisch angesehen. Sicherlich hatte sie schon die verrücktesten Ideen, was ein Teenager wie er immer mit einem Beutel leerer Marmeladengläser wollte, dass sie ihn noch nicht zu einem Seelenklempner geschleppt hatte verwunderte ihn.

Josh öffnete das Glas, schloss abermals die Augen und umfasste es fest mit beiden Händen. Er spürte die Sonne auf der Haut, hörte das Summen der Bienen, roch den Duft nach Gras und Sommer. Tief einatmend versank er völlig in diesem Moment, in seinen Empfindungen und Gefühlen. Langsam und schwer atmete Josh wieder aus, ein Windhauch strich über sein Gesicht und er schraubte das Glas wieder zu. Er blieb noch einige Sekunden mit geschlossenen Augen bewegungslos sitzen bis er sich mit einem Ruck aufsetzte und die sie öffnete. Das plötzliche Licht blendete ihn und er kniff verärgert die Augen zusammen. Ein weiterer verstrichener, perfekter Moment, festgehalten in dem kleinen Glas in seinen Händen.

"Josh könntest du bitte ... ", wie aus dem Nichts war seine Mutter neben ihm aufgetaucht, das Telefon weiterhin in der Hand. Besorgt schaute sie auf das leere Marmeladenglas in seinen Händen, dass er fest an sich drückte. Sie betrachtete ihn wieder mit diesem Was-zur-Hölle-ist-nur-los-mit-dir-Blick, der gleichzeitig wütend, besorgt und anklagend war.
Entnervt stöhnte Josh auf: "Hör auf damit."
"Was meinst du?"
"Du weißt genau was ich meine. Hör auf mich anzusehen, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Es ist alles okay!"
Seine Mutter spielte noch immer die Ahnungslose, was ihn fast mehr nervte als die Art, wie sie ihn ansah, sobald sie ihn mit einem seiner Gläser erwischte.
"Ich weiß nicht was du meinst und was ist das eigentlich für ein Ton junger Mann?", fragte sie mit in die Hüften gestemmten Händen. Josh verdrehte die Augen und lehnte sich wieder zurück in den rostigen Stuhl, der wie immer ein jämmerliches Quietschen von sich gab.
"Was willst du?"
"Nichts wichtiges, nur fragen ob du etwas für mich bei deiner Tante abholen kannst, aber offensichtlich, bist du mit etwas wichtigerem beschäftigt."
Sie ging wortlos durch die Terrassentür in das Haus, nicht ohne einen letzten irritierten Blick auf das leere Glas zu werfen.
Josh sah seiner Mutter mitleidig hinterher. Es war schade, dass sie nicht sehen konnte, was er sah. Fasziniert betrachtete Josh den Behälter in seinen Händen. Er war gefüllt mit etwas, das wie Nebel aussah, der sich in ständiger Bewegung befand, sich verfestigte und wieder auflöste. Die Schwaden leuchteten golden, mal stärker, mal schwächer und verbreiteten ein warmes Licht. Selbst durch das dicke Glas konnte Josh die Freude fühlen, die sie verbreiteten. Er hätte dem Spiel von Licht und Dunst stundenlang zusehen können und wäre selbst dann nicht gelangweilt.

Noch einmal strich er mit dem Daumen über den Rand des Deckels, um sicher zu stellen, das auch kein Bisschen von dem kostbarem Inhalt austrat und stand auf. Seine Mutter war wieder am telefonieren, erneut in dieser gedämpften Stimmlage, während er nach oben in sein Zimmer trottete und das Glas auf dem Schreibtisch abstellte.
Er musste erst seinen Nachttisch verrücken, die Schublade seines Bettes öffnen, in der er seine alten Kleider aufbewahrte und diese schließlich noch zur Seite schieben, um den doppelten Boden darunter zu öffnen. Nie und nimmer würde irgendjemand dieses Versteck finden, selbst wenn seine Mutter auf die Idee käme, sein Zimmer zu putzen, was, seit er alt genug war, um einen Staubsauger zu bedienen nicht mehr vorkam, würde sie nicht seinen kostbarsten Schatz finden.
Seine Augen leuchteten als er die zweidutzend Gläser betrachtete, die dort in Reihen lagerten. All diese Momente hatte er festgehalten und erlebt. Sacht stellte Josh seine neueste Errungenschaft dazu, ihr goldenes Licht vermischte sich mit dem der anderen Gefäße und beleuchtete sein Gesicht in unterschiedlichen Farben.
Man musste nur eines der Gläser öffnen und den leuchtenden Dunst einatmen, um die Emotionen und Empfindungen dieses Moments noch einmal zu erleben. Bisher hatte Josh nicht herausgefunden wie lange sich solche Momente hielten. Die ältesten Gläser waren bereits an die vier oder fünf Jahre alt und aus der Zeit, als er entdeckte zu was er fähig war.
Damals hatte es ihm noch Angst gemacht und es niemandem außer seinem Cousin erzählt. Gemeinsam hatten sie seine Fähigkeiten erforscht und verschiedene Momente eingefangen. Einmal hatte ihn sein Cousin bei einem ihrer Experimente so hart geschlagen, dass seine Nase brach, doch wenigstens hatten sie auf diese Art herausgefunden, dass Emotionen eine gewisse Stärke besitzen mussten, um verewigt zu werden.
Seine Gabe hatte allerdings auch Nachteile, besser gesagt einen einzigen. Manchmal, wenn Josh besonders erregt oder vollkommen außer sich war, übertrug er seine eigenen Gefühle auf andere. Er selbst fühlte sich durch die Übertragung ausgeglichener, doch seine Opfer, wurden von den fremdartigen Launen überrascht. Ihre Reaktionen wurden manisch, ausschweifend aggressiv oder sie verfielen in einen katatonischen Zustand.
Bis heute hatte Josh noch nicht herausgefunden weshalb er diese Kräfte besaß, doch was auch immer der Grund war, es war fantastisch etwas besonderes zu sein.

Stolz betrachtete Josh seine Sammlung. Circa die Hälfte der Gläser leuchteten golden, ein bis zwei wirkten milchig trüb, ein Glas war gefüllt mit schwarz-roten Nebelschwaden und in der hintersten Reihe bewahrte er seinen größten Schatz auf.
Seine Gabe, gab ihm nicht nur das Gefühl eines Superhelden, sie schadete auch nicht seinem finanziellen Einkommen.
Vor eineinhalb Jahren hatte ihn sein Cousin auf eine Party geschleift, eine Sache die er für gewöhnlich nie freiwillig machen würde. Die vielen Menschen, der Schweiß, der Gestank, die laute Musik ... Josh würde nie verstehen weshalb jemand daran Gefallen fand. Doch auf dieser Party stand er nicht nur gelangweilt in der Ecke und wartete darauf endlich gehen zu können ohne uncool zu wirken. Sein Cousin hatte ihm damals eine Geschäftsidee eröffnet, die zugegebenermaßen zunächst recht zwielichtig und illegal wirkte. Aber irgendwie, vermutlich durch eine ganze Menge Alkohol, hatte sein Cousin ihn davon überzeugt. Bei einem seiner Bekannten, einem der Kerle die auf Partys immer draußen standen, rauchten und Bier tranken, kaufte er für ein hübsches Sümmchen ein paar Substanzen zur Bewusstseinserweiterung, wie er sie nett umschrieb.
Josh hatte damals starke Bedenken gehabt, doch rückblickend war es die beste Idee aller Zeiten gewesen. Er musste nur eine der bunten Pillen nehmen, und konnte damit bergeweise Gläser füllen, die sie beide noch bis heute verkauften. Bisher hatten sie soviel Gewinn erzielt, dass sie aufpassen mussten ihren ganzen Reichtum nicht auf einmal zu verprassen und die Aufmerksamkeit ihrer Eltern auf sich zu ziehen.
Diese Gläser, das Geheimnis hinter seinem Reichtum und seiner neuen Ray-Ban Sonnenbrille, leuchteten schwach in verschiedenen Farben und auch der Nebel schien sich schneller zu bewegen, als in den anderen Gläsern.
Ein schäbiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Was würde seine Mutter zu seinem kleinen Geheimnis sagen, wenn sie davon wüsste? Sicher wäre sie schockiert, doch er konnte nicht sagen was sie mehr schocken würde. Die Tatsache, dass ihr Sohn nicht nur ein Marmeladengläserfetischist, sondern auch ein Dealer war oder der Umstand dass er diese Gabe hatte, durch die er erst dazu fähig war.

Noch immer lächelnd schloss er wieder den doppelten Boden, stellte alles wieder an seinen Platz und lief nach unten.
Seine Mutter hatte das Thema nicht weiter angeschnitten, doch Josh wusste was sie von ihm erwartete. Weiterhin musste er für sie zu seiner Tante, um etwas abzuholen, und auch wenn sie es nicht gesagt hatte, sollte er auch gehen, damit sie in Ruhe telefonieren konnte, ohne dauernd zu verstummen, sobald er den Raum betrat.
Locker schlenderte Josh die Straße entlang. Seine Tante wohnte nur einige Häuser weiter und war sicherlich dabei Waffeln zu backen, von denen binnen Sekunden nur noch Krümel übrig wären.
Dies war auch eine gute Gelegenheit mit seinem Cousin zu sprechen, denn ihre Vorräte gingen langsam zur Neige und wenn die Nachfrage weiter stieg würden sie schnell neue brauchen.
Nur noch vier der bunt schillernden Gläser warteten in seinem Versteck.

Kommentare

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    Wow! Da bin ich als Leserin gleich mittendrin und sowas von neugierig...:-) Tolle Idee!

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    mehr meehr :D

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    Tolle Idee, klasse in Worte gefasst! 5/5

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    Schön geschrieben und tolle Idee :) Aber wie verkauft dein Protagonist seine Trips, wenn normale Menschen sie nicht wahrnehmen können? :O

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