Staatsgeheimnisse

Das laute Klirren von Glas und wütendes Geschrei war weit über die Haupthalle hinaus zu hören. Jeder der an diesem Abend den Palast nahe der Hauptstadt betreten durfte oder musste, wurde davon empfangen. Abas Kiron hatte miese Laune. Der Begriff »Palast« war allerdings mehr als übertrieben und für den kleinen Herrschersitz kaum als Begriff würdig. Aus dem ehemaligen stolzen Herrenhaus, war mithilfe grober Anbauten und hässlichen, protzigen Staturen lediglich eine Karikatur eines Herrschersitzes geworden. Böse Stimmen sagten, der Kaiser habe einfach einen schlechten Geschmack, doch die Wahrheit war soviel einfacher: Es fehlt an Geld. An vielen Stellen hatte man begonnen, jede Ecke zu vergolden, an anderen wiederum hatten dann die nötigen Mittel dafür gefehlt. Was erschwerend hinzukam, war der Umstand, dass der Kaiser selten mit einem Architekten zu frieden gewesen war. Dies hatte zur Folge, dass es kein einheitliches Konzept gab, sondern nur viele einzelne Teile.
Noch vor einigen Jahren war das Land Teil eines anderen größeren Königreichs. Jedenfalls solange bis der heutige Herrscher, Abas Kiron, einen Krieg vom Zaun brach, um endlich selbst eine Krone tragen zu können. Sein Charme und seine finanziellen Mittel machten es möglich und irgendwann gab der König des Landes auf. Das Volk schien auf beiden Seiten den Vorschlag zu begrüßen, denn dem König schien bewusst zu sein, dass es besser war auf diesen unbedeutenden Landstrich am Fuß der Berge zu verzichten, als weitere Leben in einem sinnlosen Krieg zu vergeuden. Und so wurde aus einem reichen Adligen, der große Kaiser Abas Kiron.
In den folgenden Jahren bastelte er sich seinen Traum zusammen und dies musste man wörtlich nehmen. Er erließ eigenwillige Gesetze, die nur in seinem Teil des Landes galten und entwarf sogar seine eigene Währung. Der Tag an dem endlich alle Einwohner Münzen eintauschen konnten, um ihren Herrscher immer in der Geldbörse herumzutragen, wurde groß und pompös gefeiert. Doch der Kaiser und seine wenigen Berater, hatten unterschätzt, wie geschäftsschädigend es sein konnte, wenn man an den Grenzen wieder tauschen und den Wechselkurs berechnen musste.
Natürlich gehörte zu einem Herrn und Meister auch ein entsprechendes Gebäude und so kommen wir wieder zu dem fürchterlichen Herrschersitz zurück. Der Landstrich, den er sich erkämpft hatte, war nicht groß gewesen. Erst hatte er einen großen Neubau realisieren wollen, der einem Herrscher würdig war, doch konnte er sich mit keinem der Entwürfe der Architekten anfreunden. Nichts konnte seinen Wünschen genügen und so musste er sich irgendwann mit einem Anwesen begnügen, welches bereits vorhanden war. Aus einem Provisorium wurde etwas Dauerhaftes und so begann er einfach hier mehr Platz zu schaffen. Mit dem bekannten Ergebnis. Niemand wagte es offen zu sagen wie sie empfanden, doch fast jeder im Volk und auch in seinem Hofstaat dachte das Gleiche: Das Ergebnis war unbeschreiblich hässlich.
Plötzlich herrschte Stille, gespenstische Ruhe abgesehen von den Schritten eines Mannes auf dem Marmor des Ganges durch die große Halle. Obwohl er gerade aus dem Thronsaal kam und scheinbar der Grund für den Streit gewesen war, sah er einigermaßen ruhig aus. Mit dem Schwert an seiner Seite und seiner roten Rüstung machte er einen bedrohlichen Eindruck. Die schwarzen Haare und der gepflegte gleichfarbige Bart, halfen dabei dies zu verstärken. Alles an ihm riet einem davon ab, sich mit dem Söldner anzulegen. Die Diener hatten sich schon lange zurückgezogen um nicht in die Schussbahn zwischen ihrem Kaiser und seinem Hauptmann zu geraten und so war er allein mit den leicht protzigen Staturen verschiedener Krieger. Der rotgekleidete Mann atmete tief durch und ließ das erste Mal zu, dass man ihm die Erleichterung ansah, die er tief in sich verspürte. Der Streit war nicht zu vermeiden gewesen, er hatte sich angebahnt, trotzdem war er ungerecht behandelt worden. Gerade als er es bis zum Ausgang geschafft hatte, hörte er ein Geräusch.
»Was war es denn heute liebster Malik?« Die weibliche Stimme schien aus keiner bestimmten Richtung zu kommen, aber sie bewirkte, dass der Mann stehen blieb und die Hand an den Schwertknauf legte. Er wusste sofort, mit wem er es zu tun hatte und war nicht erfreut. Wenn ihm irgendwas gerade noch gefehlt hatte, dann war es dieses Weibsbild.
»Das geht dich nichts an! Wie immer versteckst du dich und lauscht wie ein Feigling, kleines Halbblut.«
Ein helles Lachen war zu hören, dann huschte ein Schatten an Malik vorbei.
»Ach komm schon, was hat er heute wieder für Probleme gehabt. Waren du und deine Männer erneut nicht fähig seinen Wünschen nachzukommen? Oder wollte keine Frau ihn haben?«
Der Hohn in der weiblichen Stimme war nicht zu überhören. Dass sie mit diesen blasphemischen Worten, mit dem Feuer spielte, war ihr bewusst. Sie rechnete sogar damit, irgendwann für ihre große Klappe festgenommen zu werden. Doch nicht heute.
»Keona, lass diese Spiele dafür bist du zu alt und ich habe nicht die Geduld. Dieser Mann ist verrückt und du weißt es. Dazu kommt, dass er auch noch selbst schuld an der Situation ist, in der er sich gerade befindet. Er hat ihn umgebracht mit seiner Gier und seinen Wunsch nach Macht, wie soll ich so schnell einen Ersatz auftreiben?«
Das Seufzen des stattlichen Mannes war schwer und schien voller Resignation zu sein. Nur das Lachen der Frau störte sein Selbstmitleid.
»Schnell? Schnell? Du bist zu komisch, seit einem Jahr suchst du nun schon nach einem neuen Subjekt. Es wird endlich Zeit, dass ich meinem erlauchtesten Herrscher meine Dienste anbiete! Findest du nicht auch alter Mann?«
Wieder ein schnaufen. »Du bist eine Halbelfe. Du stehst ganz unten in der Nahrungskette, vielleicht gerade unter einem seiner geliebten Bluthunde. Er wird dir nur in den Hintern treten, aber bitte, such ruhig nach ihnen, wenn du meinst, dass du es besser kannst.« In Maliks Stimme war deutlich Belustigung herauszuhören, er wusste, dass sie keinerlei Chancen hatte. Doch in der Halle herrschte Schweigen, kein Lachen war mehr zu hören, kein Hinweis auf die Anwesenheit eines anderen Menschen oder im Falle von Keona Halbelfe.
»Keona?« Keine Antwort. »Dieses elfische Miststück wird mir wieder ins Handwerk fuschen wie üblich.«
Malik blieb noch einen Moment stehen, strich sich über das raue Gesicht mit den leichten Falten rund um die dunklen Augen und atmet tief durch.
»Langsam vergeht mir die Lust, ich glaube, ich bin auch zu alt für so was. Warum habe ich nie auf meinen Vater gehört und habe die Schmiede übernommen. Nein, ich musste ja unbedingt meine Zeit damit verschwenden, viel zu trainieren und meine eigene Söldnereinheit aufbauen.« Malik schüttelte den Kopf, er musste aufhören Selbstgespräche zu führen.
Keona, im Schatten verborgen, sah ihm nach. Nachdenklich spielte sie mit der Kette, die sie um den schlanken Hals gelegt hatte. Selbst für die Dümmsten war sie sofort als Halbelfe zu erkennen. Der schlanke, sehnige Körperbau, die leicht spitzen Ohren, welche nicht die Größe ihrer reinblütigen Verwandten erreicht hatten und das blonde Haar, welches es bei Menschen kaum natürlich vorkam, waren mehr als deutliche Zeichen. Sie betrachtete den Anhänger aus Glas, in dem eine schwarze Haarlocke sicher aufbewahrte.
»Alter Mann du suchst an der falschen Stelle. Sie leben nicht mehr dort wo du das letzte Exemplar gefunden hast, sie sind jetzt unter uns.« Sie schenkte Malik aus dem Verborgenen heraus noch ein Lächeln und verschwand so heimlich, wie sie gekommen war.

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