Stillstand

Mit einem Zischen glitt die Tür auf. Das Licht über Joes Kopf flackerte kurz, dann erlosch es gänzlich. Irgendetwas stimmte nicht. Blind tastete er sich durch den Gang und erreichte schließlich den kleinen Raum, der den Mitarbeitern vorbehalten war. Nach einigen Minuten blinden Umhertastens, fand er endlich, wonach er gesucht hatte.

Die Taschenlampe fühlte sich kalt und schwer in seiner Hand an. Joe schaltete sie ein und sah sich verwirrt um. Vom Lokführer kam keine Durchsage. Nichts, was ein plötzliches Ausbremsen mitten in der Nacht rechtfertigen würde. Keine Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, gefolgt von einer Erklärung oder Warnung. Sogar ein Röcheln hätte Joe genügt. Wenigstens irgendetwas, das ihm eine Idee geben konnte, was er als Nächstes tun sollte. Für so eine Situation war er einfach zu fertig.

Durch die First Class stolperte er zu den anderen Abteilungen. Die ersten drei waren vollkommen leer. Hinter ihm erklang plötzlich ein lauter Knall, als wäre etwas umgefallen. Während des Laufens drehte er sich nach dem Geräusch um.

Im fiel auf, dass er seine Kollegin Ellen noch gar nicht gesehen hatte. Kaum hatte sich dieser Gedanke in seinem Kopf manifestiert, stolperte er geradewegs über irgendwas und wäre der Länge nach auf dem Boden aufgeschlagen, wenn ihn nicht zwei starke Arme vor dem Abflug bewahrt hätten. Zu seiner Rechten ertönte ein spitzer, kurzer Schrei. Eine Frau.

Joes Taschenlampe flog durch die Luft und landete mit einem Krachen auf dem Fußboden, wo sie noch einige Meter weiter rollte und schließlich liegen blieb.

„`Tschuldigung“, flüsterte er angestrengt. Er kam sich dumm vor.

„Sogar mit einer Taschenlampe sind sie blind“, erklang eine männliche Stimme neben ihm. Der Mann ließ ihn los und trat beiseite, damit Joe sich die Taschenlampe zurückholen konnte.

„Joe?“

Der junge Schaffner leuchtete in die Richtung, aus der die weibliche Stimme kam und damit direkt in Ellens erschrockenes Gesicht.

„Joe!“, knurrte sie.

„Lassen Sie den Schwachsinn, Idiot“, fauchte der Unbekannte ihn an, dabei schlug er die Taschenlampe beiseite, sodass Joe sie fast wieder aus den Händen verlor.

Ellen?“, fragte er dümmlich. Aber er konnte einfach nicht anders. Es war ein verdammter Reflex, glücklicherweise klopfte sein Verstand schnell wieder an. „Tut mir echt leid. Ich hab-.“

Kopfschüttelnd begann sie fortzusetzen, was sie vor Joes Eindringen begonnen hatte. Ihr Speisewagen war umgekippt und lag quer im Gang. Mühsam klaubte sie die Sachen auf, die Joe mit einem Tritt unter die Sitze befördert hatte. Wenigstens wusste er jetzt, was ihn zum Stolpern gebracht hatte.

Mit einem Lächeln versuchte er seine genervte Kollegin milde zustimmen, bis ihm aufging, dass sie ihn ohnehin nicht sehen konnte und er immer noch nutzlos im Gang herumstand. Keiner der beiden schenkte ihm besondere Aufmerksamkeit, als Joe zu helfen versuchte. Ellen konzentrierte sich auf den blasierten Affen, der Joe gleich alles aus den Händen riss. Als ob die Sandwiches ihn noch dafür anklagen würden, dass er auf sie getreten war.

Sein Versuch Ellen beim Aufräumen beizustehen, wirkte kläglich. Deshalb ließ Joe die beiden weiterhin flirtende Blicke zuwerfen, während er sich Gedanken darüber machte, warum er seit über einem halben Jahr hinter Ellen her war. Sicherlich, weil sie ihm so selten begegnete.

„Danke“, sagte er flapsig zu dem Älteren gewandt, der ihn vor einem schmerzhaften Aufprall bewahrt hatte und wofür er sich zu bedanken vergessen hatte. Etwas verspätet - aber besser spät als nie, schließlich wollte Joe nicht unhöflich sein. Obwohl er sehr wohl wusste, dass der Businessmann, der viel zu stark nach Eau De Toilette roch, ihn nicht seinetwillen aufgefangen hatte.

Zu Joes Glück machten sich die Fahrgäste aus den anderen Abteilungen durch lautes Gerede bemerkbar. Flackernd leuchteten einige Lichter bei den Ausgängen auf. Durch den hellen Mond, der sich endlich durch die Wolkendecke gekämpft hatte, wurde es heller im Zug. Schemenhaft konnte Joe die Umrisse des Zuginterieurs ausmachen.

„Joe, sieh doch bitte nach den anderen Fahrgästen“, erinnerte Ellen ihn mit gereizter Stimme an seine Aufgaben als Schaffner. Ohne hinsehen zu müssen, spürte der Blonde, wie sie die Augen verdrehte. Warum taten das alle nur immer? Als wäre er absolut unfähig. Er wusste schon, was zu tun war.

„Richtig. Ich geh dann lieber nach den anderen schauen“, wiederholte Joe unnötigerweise Ellens Anweisung.

„Tuen Sie sich keinen Zwang an“, grinste der Mann neben ihm voll unverhohlener Häme. Arroganter Mistkerl. Welch unpassender Kommentar, fand Joe.

Behutsam stieg er über die am Boden liegenden Gegenstände hinweg und betrat das nächste Abteil. Sobald die Tür aufgeglitten war, erschlug ihn ein penetranter Gestank. Unter normalen Umständen hätte es Joe bekannt vorkommen müssen. Erst als er an dem Suff unter seinen Füßen ausrutschte, verstand er. Beinahe wäre er in dem Gemisch aus Klowasser und Urin gelandet, hätten ihn nicht schon wieder zwei Hände aufgefangen. Daran könnte er sich gewöhnen. Immerhin hatte er für seine Verhältnisse verdammt viel Glück.

Wie Tarzan in seinen Lianen, hing er in den Armen des jungen Mannes, den er trotz spärlicher Beleuchtung sofort erkannte. Blaue Augen sahen ihn schelmisch an. Dieses Mal hatten sich Joes Finger um die Taschenlampe verkrampft, damit er sie nicht wieder verlor. Angewidert rappelte er sich auf und schritt behutsam aus der widerlichen Pfütze. Der junge Mann stützte ihn, obwohl dies gar nicht nötig gewesen wäre.

„Danke, eh-“, Joe räusperte sich, hob die Augenbrauen und sah den Fahrgast an.

„Billy!“, antwortete der Blonde und Joe ertappte sich dabei, wie er aufmerksam dessen Mund beim Sprechen beobachtete.

„Danke, Billy. Mein Name ist Joe. Ich habe wohl ziemliches Glück heute. Schon der zweite Mann, in dessen Arme ich falle“, er lächelte zaghaft und hoffte inständig Billy würde ihm seine Verlegenheit nicht anmerken.

„Gern geschehen. Was ist passiert?“

„Sieht aus, als wäre das Klo defekt. Das passiert ständig in den alten Zügen. Ist wohl undicht und-“, erst da bemerkte Joe seinen Fehler. „Ah, du meinst den Zug, nicht wahr? Entschuldige.“ Er war so ein verdammter Idiot. Joe seufzte.

Seltsamerweise verdrehte Billy nicht die Augen. Er lächelte weiterhin und nickte ohne blöden Kommentar. In dem Licht der Taschenlampe sah Joe seine hellen Augen deutlich aufblitzen. Sie hatten etwas unnatürlich Intensives, sodass Joe für einen kurzen Augenblick die Sprache wegblieb. Er musste ganz schön lange dumm dagestanden haben, denn er spürte Billys Hand auf seiner Schulter.

„Alles klar, man?“, fragte er. Und Joe bildete sich ein, dass in dessen Stimme etwas Sorgenvolles mitschwang. Lieber bewegen und reden, anstatt starren und erstarren. Joe ging los.

„Ich bin mir nicht sicher. Am besten frage ich beim Lokführer nach. Vielleicht ist irgendwas ausgefallen. Oder ... Ich weiß es nicht“, zerstreut überlegte Joe, wohin er gehen musste.

Er bemerkte, dass Billy ihm folgte. Dagegen hatte er nichts, also ließ er es zu. Auf dem Weg zum Cockpit des Lokführers fragte er die wenigen verbliebenen Fahrgäste nach ihrem Wohlergehen. Das junge Mädchen, welches ihn einen Perversling genannt hatte, machte eine entsetzliche Panik und lief von einem Fenster zum anderen. Außerdem funktionierte ihr Handy nicht, wie sie Billy und nicht Joe deutlich klar machte. Billy ignorierte sie vollkommen. Und so tat Joe es ihm nach.

Nicht mehr viele Fahrgäste befanden sich im Zug. Billy, ein altes Ehepaar, Kate - die Fahrkartenlose- Businessfrau, das Handy süchtige Mädchen - welches auf den Namen Nina hörte, Matthew - ein indischer Student, der darüber schimpfte, sein Buch in der Dunkelheit nicht weiterlesen zu können und sein unfreiwilliger Retter - der Businessmann.

Maulend beschwerte Kate sich bei Joe, als wäre es seine alleinige Schuld, dass ihr Laptop durch die scharfe Bremsung auf dem Boden aufgeschlagen war und nicht mehr anging.

„Was ist hier überhaupt los?“, verlangte sie zu wissen.

„Ich weiß nicht, Mam‘. Aber das versuche ich gerade herauszufinden.“ Mit einer langweiligen Floskel entschuldigte Joe sich bei ihr und beeilte sich weiterzukommen.

Etwas zu fest drückte er den Knopf der Sprechanlage durch.

„Anderson! Hier ist Joe. Alles okay bei dir?“

Keine Antwort.

„Anderson?“

Billy stand in seiner Nähe. Deutlich konnte er seinen Atem in seinem Nacken spüren. Ihm standen die Nackenhaare zu Berge und unter anderen Umständen hätte er sich für die wohlige Erregung in seinem Bauch geschämt. Nicht jedoch nach diesem albtraumhaften Tag. Billys Atem in seinem Rücken, der stetige Rhythmus des Auf und Ab, hatte eine unglaublich beruhigende Wirkung auf Joe.

„Anderson, ich mache jetzt die Tür auf“, warnte Joe und steckte den Schlüssel in das Loch neben der Tür.

„Könnten Sie bitte-“, verstohlen warf der Schaffner einen Blick zu Billy, der noch dichter neben ihm zu stehen schien, als wenige Augenblicke zuvor.

„Was?“, fragte jener verständnislos.

„Ich brauche etwas Platz.“ Joe räusperte sich. „Zum Atmen.“

Billy trat einen Schritt zurück. Dabei war Joe das Zögern in seinen Bewegungen nicht entgangen. Er sollte sich wirklich etwas zusammennehmen, schließlich war er nicht bei einem unbedeutenden Flirt in der Disco. Billy war ein Fahrgast und hatte hier vorne überhaupt nichts zu suchen. Joe biss sich auf die Unterlippe, dann drehte er den Schlüssel.

Mit einem Zischen glitt die Tür auf. Zuerst sah er gar nichts. Die Notbeleuchtung des Zuges hatte das Cockpit scheinbar nicht erreicht. Die Lampen mussten defekt sein. Unbedeutende Gedanken quälten Joes Verstand, bis er eine Gestalt bemerkte, die unter dem Pult auf dem Boden lag.

Anderson, schoss es Joe durch den Kopf. Er war zusammengebrochen. Ihm war schlecht geworden. Vielleicht hatte er einen Herzinfarkt erlitten. Er musste schnell zu ihm.

„Joe, warte-“, hörte er Billy noch hinter sich rufen, doch da war es bereits zu spät. Er war direkt hineingelaufen. Etwas erzeugte ein platschendes, knirschendes Geräusch unter seinen Schuhsohlen.

Mit einem überraschten Aufschrei verlor Joe den Boden unter den Füßen. Abartig schlug ihm ein kupferartiger Gestank in die Nase. Dann schlug er auf dem Boden auf. Für einen kurzen Moment sah er Sterne und sein rechtes Bein schmerzte höllisch. Alles verfinsterte sich, sodass Joe nicht mehr wusste, wo oben und unten war.

Sobald sich sein Blick klärte, sah Joe direkt ins leblose Gesicht des Lokführers. Seine reglose Gestalt war ein Haufen blutigen Fleisches, das über Boden Pult und wie Joe mit Entsetzen feststellen musste, auch den Wänden verteilt worden war. Reflexartig hob er die Taschenlampe, was er augenblicklich bereute.

Schockiert starrten ihn die toten Augen Andersons an. Drohten aus ihren Höhlen hervorzuquellen. Sein Blut frass sich durch Joes Kleidung. Durch jede einzelne Faser, während er im Nest menschlicher Eingeweide saß.

Andersons Kopf war um 180 Grad verdreht. Seine Gliedmaßen ausgerissen und verschwunden. Der Brustkorb war offen und komplett ausgehöhlt. Vereinzelte Fleischklumpen schwammen, zusammen mit Glassplittern, im Blut des entstellten Mannes.

Am liebsten hätte Joe geschrien. Ja, wie diese Menschen in den Horrorfilmen. Aber das war verdammt noch mal berechtigt. Doch vor lauter Grauen brachte er nur heiße Luft über die Lippen.

„Oh, Gott-“, war das Einzige, was er mit erstickter Stimme sagen konnte, bevor ihn etwas brutal von hinten packte.

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