Stimmen der Vergangenheit

Er sah seiner Gespielin hinterher, wie sie zu Recht etwas empört und eingeschnappt den langen Weg bis zum Tor entlang stakste und in ein hastig gerufenes Taxi einstieg. Bei dem, was er mit seiner Tochter zu besprechen hatte, brauchten sie keine Zuhörer.

Als er in die Küche zurückkam, saß Jella an dem Tresen, der die teure Küche teilte und hatte den Kopf auf die Arme gelegt.

»Schläfst du?«, fragte er leise, strich ihr sachte übers zerzauste Haar und fuhr erschrocken zurück, als sie hochschreckte und ihn wachsam anstarrte. Ein paar Sekunden vergingen und Nicholas schluckte trocken, als er es hell auf ihren Armen aufblitzen sah. Dann, als sei nichts geschehen, schüttelte seine Tochter den Kopf und gähnte ungeniert.

»Ich glaube, ich sollte erst mal eine Runde schlafen!«, gab sie bekannt.

»Später, Herzchen.« Er sah seine Ziehtochter durchdringend an. »Ich muss dir endlich mal ein paar Sachen erklären. Ich hätte es schon viel früher tun sollen, aber ich dachte … Ich hoffte, nachdem es schon so lange gut gegangen war, würdest du einfach dein Leben leben, wie es sich gehört.«

»Mein Leben leben, wie es sich gehört!«, äffte Jella ihn leise nach. »Ich will nichts weiter über damals wissen, Nicholas, wirklich nicht, ich will einfach in Frieden tun und lassen, was mir gefällt!«

»Das wollen wir alle!«, seufzte Nicholas und trommelte unruhig auf der marmornen Arbeitsplatte herum. »Du musst, ob du willst, oder nicht. Da hat dich jemand aufgestöbert, und nun musst du damit klarkommen.«

»Ich muss gar nichts! Ich brauche keine Flüche, kein Hokuspokus, keine besonderen Talente, keine durchgeknallten Messerstecher! Sag mir einfach, was ich gegen diese Flammen tun kann!«

Jellas Herz schlug dumpf und ließ das Blut in ihren Schläfen pochen. Sie brauchte diese Altlasten nicht, wollte sich nicht mit dieser seltsamen Handvoll an Ereignissen auseinandersetzen, die ihr innerlich längst klar gemacht hatten, dass sie ein gewisses zerstörerisches Talent besaß. Die eigenartige Betonung, mit der der zweite Mann, der im Wald, ihr die Frage gestellt hatte, wer sie sei und was sie für eine Begabung hatte, war ihr Anhaltspunkt genug dafür, dass er sie nicht schlicht nach Personendaten gefragt hatte.

»Es musste schließlich irgendwann soweit kommen!«, murmelte Nicholas und warf der Uhr einen Blick zu. »Wenn du willst, geh duschen, dann brechen wir auf. Ich überlege mir derweil ein Plätzchen, an dem du unterkommen kannst.«

Doch Jella hatte bei seinem ersten Satz aufgehorcht. »Es musste soweit kommen? Du hast damit gerechnet, dass ich eines Tages überfallen werde?«

»Himmel, nein!« Nicholas schien immer unruhiger zu werden. »Lass es mich dir gleich im Auto erzählen. Je schneller wir auf der Straße sind, umso besser.«

»Du hast dein Haus in eine Festung verwandelt, das weißt du ja wohl besser als ich!«, gab Jella zurück, »wenn du ernsthaft glaubst, dass mich hier jemand aufspürt, bin ich selbst noch auf deiner Sonnenterrasse besser aufgehoben als in einem Auto!« Sie funkelte ihn an. »Also rück raus, was du weißt! Warum fühle ich mich so verdammt beschissen? Warum jetzt? Und diese Verrückten vorhin, was soll das? Und wie hört es wieder auf?«

Ihr Vater holte tief Luft, ließ sie wieder entweichen und machte sich daran, Kaffee zu kochen. Das Mahlen der Kaffeebohnen durchdrang die gespannte Stille, gefolgt von dem Sausen und Gluckern, als die schwarze Brühe in eine kleine Kanne floss. Allein der Geruch weckte Jellas Sinne auf, verankerte sie in der Realität und machte sie ein wenig glücklicher. Wo es starken, guten Kaffee gab, konnte sich nichts Übernatürliches verstecken, beschloss sie und hoffte, dass sie Recht behalten würde.

Nicholas trank den ersten Schluck Kaffee, verbrühte sich, fluchte und ließ sich schwerfällig auf einem der Hocker gegenüber von Jella nieder. »Du bist eine Begabte, mein Schatz. Vom Standpunkt der Mehrheit aus gesehen, übernatürlich begabt.« Er strich sich durch die dunklen, blauschwarzen Haare und band seinen Zopf neu. »Man hat all die Jahre nach dir gesucht. Nonstop, jedes einzelne vergangene Jahr. Die haben gewartet, gelauert, geduldig, unermüdlich. Einmal, als du gerade zwölf geworden warst, hatten sie uns fast gefunden.«

Schlagartig war Jella stocknüchtern und hellwach. »Das meinst du ernst, oder? Aber …« In ihrem Kopf schien plötzlich kein Platz mehr für Sprache zu sein. Sie trank hastig noch einen Schluck und wünschte sich, statt Kaffee hätte sie einen riesigen Pott Wodka vor sich. Irgendetwas, was ihren Kopf zuverlässig ausschaltete – aber möglicherweise auch ihrer Gabe den Weg frei räumen würde. Also besser doch nichts Hochprozentiges.

»Aber ich … ich habe nie um solche bescheuerten Fähigkeiten gebeten!«, zischte sie und schob störrisch das Kinn vor. »Ich bin jahrelang hervorragend ohne ausgekommen!«

»Glaube ich dir gern. Nur – «

»Warum hast du es nie für nötig befunden, schon mal früher mit mir zu reden?«, brummte sie schließlich. Sie war ja nicht blöde, sie wusste, dass sie eine gewisse Fähigkeit hatte, die in großen Stresssituation durchbrechen konnte, doch für alle seltsamen Vorfälle hatte sie Erklärungen parat gehabt und glaubte fest daran. Seit ein paar Tagen wollte ihr das nicht mehr gelingen und umso härter traf es sie nun, dass auch Nicholas ihr ihren Filter klauen wollte.

»Übernatürlich begabt«, knurrte sie und sortierte Tannennadeln vom Stoff ihres ohnehin kaputten Kleides. Ihr Hirn ratterte, überschlug sich, pochte. Ordnung, riet ihr ihre analytische Seite, bring Ordnung in den Schlamassel. Betrachte alle Fakten, die du kriegen kannst. Heul, schrei und lauf weg!, beharrte das Impulsive in ihr. »Großartig. Ich muss es nur wieder unter Kontrolle bekommen – «

»Das wirst du nicht schaffen, nicht allein. Und die Möglichkeit, die es geben könnte, wirst du um keinen Preis der Welt wählen wollen.« Nicholas setzte sich gerade hin und holte so tief Luft, dass Jella ihn misstrauisch ansah.

»Was …?«

»Es gibt Banne, Jella. Sie werden ins Fleisch geritzt.«

»Aber nicht in meins!«, schnappte sie.

»Schon geschehen, Herzchen.«

Langsam, ganz langsam sickerte der Informationsgehalt seines Satzes zu ihr durch, dann weiteten sich ihre Augen ungläubig. Ein zusammenhangloses Gestammel entfloh ihren Lippen und sie schüttelte wild den Kopf.

»Nein!«, schrie sie empört, ungläubig, wütend. »Nein, das ist …« Sie presste die Lippen zusammen und hämmerte mit den Fingerknöcheln gegen ihren Schädel, aus könne sie etwas verscheuchen, was just aufgetaucht war, vielleicht ein paar Bilder, vielleicht ein paar Erinnerungsfetzen.

»Die Narben … auf meinem Rücken …?«

»Ja.« Nicholas legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter, doch sie schlug sie weg.

»Wieso …? Ich dachte, ich hätte als Kind schon mal einen schweren Unfall gehabt, das hast du mir so erzählt, oder?«

»Hattest du auch. Sozusagen.«

Angespannt beobachtete er seine Tochter, doch ihre Arme zeigten kein weiteres verräterisches Schimmern oder Blitzen. »Ich habe dir erzählt, dass es einen furchtbaren Unfall gegeben hat, bei dem dein Vater und deine Mutter ums Leben gekommen sind, richtig.« Nicholas wand sich, prökelte an der Kaffeemaschine herum und ächzte hörbar. »Weißt du, ich hatte immer gehofft, dass, wenn ich dir die Geschichte von damals erzähle, wir in Ruhe reden könnten. Nicht so mitten im Aufbruch – « »Weiter!«, zischte Jella und ein bläuliches Schimmern, das rasend schnell über ihre Haut huschte und ebenso plötzlich wieder verschwunden war, lenkte ihn kurz ab.

»In Ordnung«, brummte er, »dann hör zu.« Nicholas sah sie aus seinen bunten Augen an, ruhig wie immer, liebevoll, als sähe er immer noch das kleine blondgelockte Mädchen in ihr.

»Es gab keinen Unfall. Nicht so, wie ich es dir erzählt habe, eher einen Überfall, aber … Du hättest es damals einfach nicht verstanden, sei mir nicht böse deswegen.« Er blickte in ihr versteinertes Gesicht und gab sich einen Ruck. »Deine Mutter hatte mich damals angerufen. Sie hatte Angst vor Verfolgern und wollte, dass ich dich zu mir nehme. Wir haben eine Weile diskutiert und schließlich saßt du mit am Tisch und …« Er lächelte in sich hinein. »Du hast behauptet, ich hätte Glitzer an meinen Stiefeln.«

»Hattest du auch!«, warf Jella tonlos ein, »und an deinen Ohren auch.« Sie warf ihm einen langen, irritierten Blick zu, als sei sie erstaunt, dass sie seinen Worten tatsächlich eine echte Erinnerung zuordnen konnte. »Ich … Da ist irgendetwas.« Sie stand auf, ging um den Tresen herum und sah, wie er heftig die Luft einsog, als sie die mittlerweile nur noch zu erahnende Narbe an seiner Stirn berührte.

»Hat dir dort jemand weh getan?«, wiederholte sie ihre Worte von vor zweiundzwanzig Jahren und biss sich auf die Lippen, als Nicholas ihre Hand gegen seine Wange drückte.

»Ja, kleine Krissi, die Antwort bin ich dir schuldig geblieben.« Er sah sie traurig an. »Erinnerst du dich an die Wespe, die von meinem Brötchen naschen wollte?«

Jella schüttelte langsam den Kopf, doch so ganz stimmte das angedeutete Nein auch nicht – es war nur so, dass dort, an diesem Ort, an den Nicholas sie in die Vergangenheit zurückführte, etwas lag, das sie verbannt hatte, etwas, an dem sie nicht rühren durfte.

»Puff, war deine Antwort auf meine Frage, was du mir ihr gemacht hast. Mit einem Fingerschnipsen war das Insekt plötzlich nur noch Asche, Herzchen. Und deiner Mama sollte ich bloß nichts davon erzählen.«

»Ja …«, murmelte Jella und wich seinem bohrenden Blick aus.

»Deine Mutter wusste, dass du etwas Besonderes bist. Sie rief mich in der Nacht zuvor an und bat mich, zu ihr zu kommen. Sie fühlte sich von irgendwem bedroht, genau konnte sie es aber damals auch noch nicht sagen. Sie hatte zwar einen Verdacht, aber …«

Jella riss die Augen auf. »Meine Mutter wusste davon? Dass irgendwer sie … und meinen Vater … und mich …?«

»Nein!«, beschwichtigte Nicholas sie, »Sie hat es nicht direkt gewusst. Und wirklich erwartet wohl auch nicht. Zumindest nicht einen solch brutalen Überfall. Aber sie war sich sicher, dass ihr in Gefahr wart.«

»Warum hat sie sich nicht an die Polizei gewendet? Warum sind wir nicht abgehauen?«

»Die Zeit war zu knapp. Außerdem wusste dein Vater nicht, was … wer … deine Mutter war.«

»Hallo, was meinst du? Die beiden waren seit Jahren verheiratet!«

»Seit genau zwei Jahren vor deiner Geburt. Und deine Mutter, nun, sie ist anders. Ich kann’s dir nicht genauer erklären.«

In Jellas Kopf turnten Sätze, Bildfetzen und Geräusche umher. Da waren sie wieder, die glühenden Kohlen, die in ihren Erinnerung lauerten und um die sie besser einen großen Bogen machte, denn wenn nicht, waren da zu viele Bilder, zu viele Geräusche, Gerüche … »Stop jetzt!«, flüsterte sie, krallte die Fingernägel in den Handballen und hatte sich selbst aus ihrem Gedankensumpf befreit. In letzter Zeit bekam sie richtig Übung darin.

Trotzdem wurde ihr das alles heute Nacht zu viel, sie wollte weg und ihr rechtes Bein hibbelte immer schneller nervös auf der Stelle. Jella befahl ihm, stillzuhalten.

»Also ein Überfall, ja? Bei dem man mich mal eben halb zersäbelt hat, um etwas in mir zu bannen?« Ihre Stimme nahm einen leicht schrillen Klang an. »Ich war ein kleines Kind! Wer macht denn so etwas Krankes?«, ereiferte sie sich, »Außerdem verstehe ich immer noch nicht, was das alles mit heute Nacht zu tun haben soll!«

»Die Banne sind beschädigt. Ich weiß, dass sich das verrückt anhört, aber das, was man dir damals als Kind angetan hat, hat dafür gesorgt, dass deine Gabe sich im Zaum halten ließ. Bis auf ein paar kleinere Aussetzer hattest du sie hervorragend unter Kontrolle. Und dieser Unfall – «

» – hat die Narben auf dem Rücken zerstört, richtig?« Jella schluckte hart. »Scheiße.«

»Jep«, bestätigte ihr Ziehvater. »Ich nehme an, dass man dadurch auf dich aufmerksam geworden ist und die beiden Kerle vorhin auf dich angesetzt waren. Keine Ahnung.«

 

Was ihm wirklich Sorgen machte, war, dass zumindest der Messerstecher mehr über seine Tochter zu wissen schien. Die Gruppierung, die er im Verdacht hatte, sammelte Begabte jeglicher Art ein. Aber besonders scharf waren sie auf Leute wie ihn selbst, Linda – und Lindas Tochter. Nur ob Jella es auch noch verkraften würde, wenn er ihr etwas über Langlebige erzählte, wagte er zu bezweifeln.

»Geh doch einfach erst mal unter Dusche, du siehst aus wie ein Waldschrat!«, versuchte er das Thema zu wechseln, doch Jella sprang nicht drauf an. Sie zog nur die linke Augenbraue hoch und schenkte sich demonstrativ den Rest des Kaffees ein.

»Zur Info: Ich sehe gern so aus. Und jetzt rede nicht weiter um den heißen Brei drum rum! Tu nicht so, als würde ich nichts aushalten können! Ich bin kein Baby mehr!«

»Nein, in der Tat. Deswegen legt irgendjemand es im Moment darauf an, sich mit dir zu treffen.«

»Als Kind hat man mich auch schon gejagt. Dein Argument hinkt«, gab Jella knapp zurück.

»Stimmt. Aber ich brauche fünf Minuten zum Nachdenken, und die habe ich nicht, wenn du mich so verwirrt aus deinen großen Augen ansiehst!«

»Bitte? Ich bin nicht verwirrt. Ich bin sternenklar im Kopf!«, brummte sie. »Du tust so, als wäre ich nicht ganz zurechnungsfähig!«

»Das bist du im Moment auch nicht wirklich, mein Schatz!«

Jella schnalzte empört mit der Zunge. »Natürlich bin ich das! Nur wegen vorhin …«

»Doch, genau deswegen. Dieser Kerl hat zwar nicht geschafft, was er ursprünglich vorhatte, dafür hat er dich aber dermaßen in Angst und Schrecken versetzt, dass deine Gabe ausgetickt ist! Und das macht mir Sorgen!«

»Meinst du, mir nicht?«, fauchte Jella, »Dieser beschissene Feuerkram hat mir vorhin aber meine Haut gerettet.«

»Ja, aber die Leute, von denen ich glaube, dass sie dich gefunden haben, suchen genau nach solchen Begabungen. Sie jagen Menschen, Jella, Menschen wie uns.«

»Sie jagen uns?« Diese seltsame Unruhe. Das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie schluckte nervös. Die blauen kleinen Flammen waren schließlich auch real gewesen, auch wenn sie es zu gern geleugnet hätte. »Wie mich mit meinem Feuergedöns?«

»Ja. Auch. Sie suchen allerhand Begabungen. Nur hast du auch noch eine, die sie besonders spannend finden.«

Ihr Vater ließ ihr Zeit, nachzudenken, und erstaunlich schnell nickte sie. »Die schnelle Wundheilung.«

»Richtig. Das ist das Symptom, wenn du so willst. Ich weiß nicht so richtig, wie ich es dir erklären soll«, gab er leise zu.

»Frei von der Leber weg, Nicholas, hau es raus.« Jella hatte sich ihren Weichzeichnungsfilter klauen lassen. Ganz offiziell hatte ihre Vernunft verkündet, sämtliche Vorfälle, die sie dickköpfig und erfolgreich weitestgehend aus ihrer Erinnerung verdrängt hatte, als real und existierend anzuerkennen. Sie stöhnte resigniert. Was immer auch kommen mochte – es half nur Faktensammeln. Mit Fakten konnte sie etwas anfangen. Hoffte sie.

»Weißt du, du bist zudem die Tochter deiner Mutter, Jella, und deine Mutter ist eine Begabte einer Art, die … sich nicht vermehren. Eine sehr spezielle Art Mensch. Und ich weiß nicht, ob diese Leute, die dich aufgestöbert haben, das wissen und dich deshalb jagen oder sie nur zufällig auf dich als eine von vielen Begabten aufmerksam geworden sind, aber so oder so – versuchen sie dich zu bekommen. Und seit deiner kleinen Demonstration erst recht.«

»Schon klar, ich bin selbst schuld!«, grummelte Jella. »Was für eine Begabung hatte sie?«

Nicholas druckste herum und sah sie dann mit seinem speziellen Blick, der sie wie Scheinwerfer ein Reh halb hypnotisierte. Wenn sie als Kind Mist gebaut hatte, war das der Blick, bei dem sie wusste, dass es ernst wurde. »Sie lebt, Jella. Mit einiger Sicherheit lebt deine Mutter.«

Jella sah ihn für einen Moment unbewegt an. Sie wusste nicht genau, ob sie eine solche abstruse Bemerkung für voll nehmen sollte, doch schließlich knirschte sie mühsam beherrscht zwischen den Zähnen hervor: »Spinnst du jetzt völlig?!« Sie wollte aufstehen, doch Nicholas drückte sie mit sanftem Druck auf den Barhocker zurück.

»Warte. Ich habe dir doch gesagt, dass du es mir nicht sofort glauben wirst. Aber es ist wahr, so wahr, wie ich hier vor dir stehe.«

Jella war sprachlos. Sie suchte nach irgendeiner Regung in ihrem Inneren, Wut, Überraschung, Trauer – irgendetwas – doch sie fand nichts. Wortlos blickte sie Nicholas in die Augen, eisgrau das eine, dunkelbraun das andere, betrachtete die eckige Nase, den schmalen Mund. Er war all die Jahre ihr Anker gewesen, ihr Papa, auch wenn sie ihn nie so genannt hatte. Er hatte sie noch nie angelogen.

»Ich flipp gleich aus!«, wisperte sie und spürte schon wieder Tränen hinter den Lidern pochen. »Was soll das? Das alles, das ist mir … zu viel! Warum heute, warum überhaupt?«

»Weil es gut sein kann, dass ich keine zweite Chance bekomme, dir das alles zu erklären.«

Jella riss die Augen auf. »Was erzählst du denn da?«

»Die Leute, die ich auf deinen Fersen vermute, machen Ernst, Herzchen. Ich will nur nicht …« Er seufzte schwer, als drücke ihn eine Last nieder. »Es ist wahr, deine Mutter lebt. Und ich habe es dir früher immer wieder gesagt, auch wenn ich es, als du klein warst, etwas poetischer umschrieben habe.«

»Du hast mir erzählt, in einer anderen Welt, zu einer anderen Zeit würde meine Mutter jetzt leben und dass ich sie dort wiedersehen würde! Ich habe mal angenommen, das sollte der Himmel sein!«

»Hm … nein.«

Jella fluchte zischend und wischte sich energisch über die feuchten Wangen. »Los jetzt! Was schleppst du da seit Jahren mit dir herum? Meinst du nicht, ich habe allmählich mal ein Recht drauf, zu erfahren, was geschehen ist? Man hat versucht, mir die Kehle durchzuschneiden, irgend so ein Typ … ich dreh noch durch!«

Nicholas lag ein scharfes Kristina! auf der Zunge, doch dann wäre die junge Frau ausgeflippt. Deshalb sah er zur Decke, bat um Gelassenheit, zwirbelte seinen schwarzen Zopf zu einem festen Seil und ließ ihn wieder los, streifte den Waldschrat mit einem fragenden Blick, trank den letzten Schluck aus seiner Tasse und baute sich vor ihr auf.

»Durchatmen, Herzchen. Natürlich hast du ein Recht, alles zu erfahren. Aber ich möchte jetzt lieber los mit dir. Je eher du hier verschwindest, umso besser.« »Ja, aber – «

»Jella – wenn diese Leute dich in die Finger bekommen, dann wirst du dir den Tod wünschen. Also beeil dich.«

»Du machst mir Angst!«

»Gut so!«, knirschte Nicholas, »das macht dich in Zukunft vorsichtiger. Und jetzt sei so gut, such das Bad auf.«

Jella wedelte mit den Händen in der Luft, als könne sie das beruhigen, fächelte sich Luft zu und schien sich alle Mühe zu geben, nicht hysterisch zu werden. Eine Melodie durchbrach die gespannte Stille und Jella hieß die Unterbrechung willkommen. Sie bewegte sich schwerfällig vom Barhocker herunter, tappte in den Flur und pfriemelte ihr Handy aus der Handtasche. Dass sie die überhaupt noch bei sich hatte, wunderte sie wirklich.

»Es ist Sanne!«, murmelte sie und starrte unschlüssig auf den Bildschirm. »Sie macht sich bestimmt Sorgen, ich muss – «

»Geh nicht ran, Jella.« Nicholas streckte die Hand aus und bat sie stumm, ihm das Handy zu geben. Doch Jella dachte nicht daran. Mit einem schnellen Wisch über den Bildschirm stellte sie die Verbindung her, starrte ihr Telefon an, als konnte sie selbst nicht ganz glauben, dass sie genau entgegen der Bitte ihres Vaters gehandelt hatte und hob es schließlich ans Ohr.

»Wo bist du, zum Teufel!«, schrie Sanne und war trotzdem schwer zu verstehen. Es war laut da, wo sie war.

»Ich bin schon früher abgehauen, hab dich nicht mehr gefunden … Tut mir leid.«

Sanne kam in Fahrt, regte sich auf und erzählte Jella von einem Brand, der auf der Feier ausgebrochen war, von einem brennenden Mann, von abenteuerlichen Theorien, die über den Vorfall kursierten.

»Ich dachte schon, du wärst da noch irgendwo im Haus gewesen, meine Güte!«, rief sie. »Ich habe dich schon viermal angerufen, echt mal, Jella, so geht das nicht!«

Jella entschuldigte sich brav, warf ihrem Vater, der ihr händewedelnd signalisierte, dass sie die Verbindung kappen sollte, einen beruhigenden Blick zu und konzentrierte sich wieder auf Sanne, deren Gemüt sich allmählich wieder abkühlte.

»Tut mir wirklich leid. Ich …« … werde vermutlich aus Hamburg verschwinden und niemals wieder zurückkehren, dachte sie still und konnte kaum sprechen, so groß wurde der Kloß in ihrem Hals mit einem Mal. »Wir telefonieren morgen, okay? Mach dir keine Sorgen, ja?«

»Ist gut. Ich nehm mir jetzt ein Taxi und dann – «

Ohrenbetäubendes Scheppern und ein hässliches Knirschen drangen sekundenlang durch die Leitung, dann hörte sie nur noch Hintergrundgeräusche. Jella presste ihr Handy fester ans Ohr.

»Sanne?« Sirenen, Stimmen, vielleicht die Geräusche von Autos. Mehr war nicht zu hören. Vor Aufregung wurde ihr übel. »Sanne?«, flüsterte sie erneut, hektisch, ungläubig. Schließlich hörte sie endlich wieder ein Geräusch, das sie zuordnen konnte. Den hastigen Atem eines Menschen. Das war eindeutig nicht Sanne.

Sie spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Angespannt lauschte sie dem Atmen, bis sie eine leise Stimme hörte.

»Jella heißen Sie also«, murmelte die dunkle Stimme an Sannes Handy. »Wir sollten uns treffen.«

Der heiße Typ, der Kerl aus dem Wald. Sie war sich selten einer Sache so sicher gewesen. Jella wurde nun wirklich schlecht. Ihr Herz holperte unruhig in ihrer Brust.

»Was ist mit Sanne passiert?«, hauchte sie nach endlosen Sekunden. Die Zeit floss träge vor sich hin.

»Finden Sie es heraus!«, war die knappe Antwort, bevor ihr Ziehvater bei ihr war, ihr das Handy aus den Händen schnappte und die Verbindung unterbrach.

»Irgendetwas ist mit Sanne passiert! Eben gerade! Jetzt! Ich will da hin, ich muss – «

»Wer war da nach Sanne dran?«, wollte ihr Vater wissen. Anspannung waberte durch die Küche wie Nebelschwaden.

»Ein … ein Mann.« Der Typ, mit dem ich dämliche Nuss mich vorhin noch auf dem Teppich der Bibliothek gewälzt habe. Sie presste die Lippen fest zusammen. So eine verdammte, gequirlte …!

»Wir müssen da hin!«, bettelte Jella, »sie wurde gekidnappt oder so was! Von den Kollegen dieses Drecksacks, der mich – «

»Du kannst ihr im Augenblick nicht helfen.«

»Aber Sanne hat mit all dem doch überhaupt nichts zu tun!«

»Ich verspreche, mich schlau zu machen, sobald du in Sicherheit bist. Aber, und ich hoffe sehr, dass das in deinen Schädel hineingeht – du kannst gerade nichts tun. Wenn diese Sanne dich von der Feier aus angerufen hat, wird es da mittlerweile von diesen lästigen Zecken wimmeln. Ich schwöre dir – wenn du versuchst, dort hinzukommen, schütze ich dich vor deinen eigenen bescheuerten Einfällen, ist das klar geworden? Und jetzt – ab ins Bad. Wir müssen aufbrechen.«

Jella sah ihrem Vater noch ein paar Atemzüge lang zu, wie er ihr nicht ganz billiges Smartphone mehr oder weniger professionell auseinanderbaute und tappte dann wie betäubt Richtung Bad.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media