Streitfrage

„Könnte mich endlich jemand aufklären?“, zischte Harbek zwischen zusammengebissenen Zähnen und verschränkte entrüstet die Arme vor der breiten Brust.
„Nicht hier“, entgegnete Alice, sah sich nach Keeda um, die ihnen in einigem Abstand und hoch gezogenen Schultern folgte und betrachtete argwöhnisch die Schatten, die hinter den engen Fassadenecken lauerten, „Der Wind und die Wände haben Ohren.“

Nicht hier.“, knurrte Harbek wütend, „Das sagst du mir schon zum zigsten Mal. Wo dann, wenn nicht hier? Soll man uns belauschen, ich weiß doch nicht einmal was wir zu verbergen haben. Du und Keeda schleifen mich durch die halbe Stadt und wollen mir dennoch nicht den Grund verraten?

Du magst die kryptische Art unserer Drow verstehen, doch ich tappe noch immer im Dunkeln, also sag mir: Was geht hier bei Himmel und Hölle vor?“ Harbek blieb trotzig stehen und funkelte Alice aus seinen kleinen Augen verärgert an.

„Lass uns diese Dinge besprechen, wenn wir unbeobachtet sind. Alice hat Recht, die Winde haben Ohren und tragen unsere Geheimnisse zu schnell an die falschen Orte, auch wenn ich zugeben muss, dass mir ihre Eile ebenfalls unklar ist.“, meldete sich Keeda leise zu Wort und legte dem Zwerg eine Hand auf die Schulter. Harbek seufzte tief und ließ sich schließlich von ihr weiter durch die engen Gassen der Protectors Enclave ziehen.

Die Sonne stand bereits tief und war hinter den Häusern verschwunden, als Alice stehen blieb und sie in ein altes, verwittertes Haus winkte, das schon seit Jahren verlassen schien. Der Boden war unter einer dicken Schmutzschicht verschwunden, Staubflocken glitzerten in den milchigen Lichtstrahlen, die durch einige Löcher im verfallen Dach brachen und der schwarze Ruß auf Wänden und Balken ließ auf einen längs vergessenen Brand schließen.

„Hier müssten wir unbeobachtet sein“, murmelte Alice und schloss die knarrende Tür hinter sich, die nur noch lose in ihren Angeln hing.

„Einen malerischen Ort hast du uns da ausgesucht“, motzte Harbek und trat prüfend gegen einen der Holzstreben, die vom Boden aus das Dach stützten. Alice warf ihm einen warnenden Blick zu und lehnte sich mit verschränkten Armen rücklings gegen die Tür.

Auch Keeda sah sich argwöhnisch um, und hoffte, dass nicht ausgerechnet heute, das Dach einstürzen würde.

„Alice?“, fragte Harbek und wandte sich der Rothaarigen wieder zu, die mit verklärtem Blick in den Raum starrte, „Ich möchte nicht ungeduldig erscheinen, aber wann willst du uns, insbesondere mir erklären, weshalb du mich in diese Bruchbude geschleift hast und was zur Hölle mit euch beiden los ist?“

„Ist das nicht klar?“, fragte Alice ihrerseits und lächelte freudlos.

„Ach ja, natürlich. Jetzt wo du das sagst! Selbstverständlich ist es klar“, entgegnete Harbek feindselig und warf entgeistert die Hände in die Luft.

Alice verdrehte auf Grund seines Sarkasmus die Augen und seufzte tief.

„Der Fluch der Krone?“, versuchte sie erneut seinen Verstand anzuregen.

„Keedas Märchen über die Sache mit dem rechtmäßigen Herrscher?“, fragte er verständnislos und runzelte die Stirn, während er sich an Keedas Worte zu erinnern versuchte. Er hatte ihr zugehört und ihre Worte hatten bei ihm eine Gänsehaut verursacht, doch fand er keine Verbindung zwischen Alice Verhalten, Keedas Ausraster in Neverembers Thronsaal … Neverember …

„Oh...“, sagte er schließlich und biss sich auf die Lippe, „Das ganze nur weil ihr glaubt Neverember sei nicht der rechtmäßige Herrscher? Na und? Dann ist er eben nicht von blauem Blut, doch Not hat weder Gesetz, Glauben oder König und die Menschen Neverwinters sind in Not. Das letzte worüber sie sich Gedanken machen ist, wer auf ihrem Thron sitzt, solange er ihrer Sache dient und sie davor beschützt zu verhungern, von Untoten getötet oder von Dämonen befallen zu werden.

Neverwinter mag ein Bürgerlicher sein, doch er ist es, den die Menschen als ihren Anführer brauchen. Eure Kleinlichkeit überrascht mich.“ Verständnislos sah er von Alice, die nachdenklich auf den Boden starrte, zu Keeda, die gedankenverloren die Marmorierung des verbranntes Holzes nach fuhr.

„Du hast Recht“, murmelte Keeda und blickte von ihren rußverschmierten Händen auf, „Solange Neverember auch tatsächlich unserer Sache dient.“

„Wie meinst du das?“ hakte Harbek nach und schaute die Drow misstrauisch von unten an, „Er führt den Kampf gegen Valindra an, hat sie bereits zahllose Male zurück geschlagen und zahllose Leben gerettet.“

„Zahllose Male in vielen, vielen Jahren“, ergänzte Alice flüsternd und tauschte einen bedeutungsschweren Blick mit Keeda, „Doch wie viele sind in diesem Krieg gefallen? Sollte man ihn nicht beenden, anstatt ihn in die Länge ziehen?“

Fassungslos raufe Harbek sich seine kurzen Haare, „Was willst du schon wieder damit andeuten? Sprecht nicht in Rätseln!“

„Ich vertraue Neverember nicht, mehr noch, ich misstraue ihm und jedem seiner Worte. Jeder Atemzug den er macht, klingt in meinen Ohren nach einer Lüge und hinter jedem Lächeln, dass er so wohlwollend seinen verängstigten Bürgern schenkt, versteckt sich eine tiefe Finsternis“, antwortete Keeda düster und vermied dabei Harbeks herausfordernden Blick. Stattdessen starrte sie erneut auf die verbrannten Wände und schien mit ihren Gedanken weit fort.

„Das du ihm nicht vertraust ist nach deinem Auftritt im Thronsaal keine Überraschung, doch bedenke, wie heuchlerisch diese Worte aus dem Mund einer Drow klingen. Du willst über Vertrauen und tiefe Finsternis urteilen? Du, eine Frau deren Volk selbst Neugeborene der dunklen Göttin des Abgrunds opfert, die ihre lichten Elfenbrüder und Schwestern zu Tausenden ermordeten und versucht haben die ganze Welt mit sich in die Schatten zu ziehen?

Ich habe damals am Lagerfeuer geglaubt, einen Funken Licht in dir zu erkennen, aber ich habe mich geirrt. Einmal Drow, immer Dorw.“ Harbeks Stimme donnerte durch den Raum und hinterließ eine angespannte Stille, „Du willst erkennen können, wer der Dunkelheit verfallen ist und wer nicht?“

Alice hatte sich aufgerichtete und sich beschwichtigend zwischen ihre Gefährten gestellt, während Harbek die Hände zu Fäusten geballt wutentbrannt an ihr vorbei zu Keeda starrte.

„Ich bin keine Anhängerin Loths“, raunte Keeda und richtete sich langsam auf, die Fingerspitzen auf ihren obsidianfarbenen Wangen, „Ich habe es mir immer erfolglos gewünscht, doch an dem Tag, als ich von meinen Geschwistern gefesselt und gefoltert wurde, als man mir dieses Mal in die Haut brannte, erkannte ich, wie töricht dieser Traum war.“

Die weiß-silbernen Narben und Tätowierungen auf ihren Wangen, die das Mal des Donnerraben bildeten, schienen sich bei ihren Worten noch stärker von ihrer dunklen Haut abzuheben. Harbeks Gesicht lief vor Wut rot an, doch Alice ließ bestürzt die Hände sinken und sah Keeda aus großen Augen an.

„Was ist passiert?“, fragte sie vorsichtig, nicht sicher ob sie die Wahrheit tatsächlich hören wollte.

Keeda sah betreten zu Boden und zuckte wortlos mit den Schultern, doch Harbek schob sich unsanft an Alice vorbei und knurrte sie wütend an: „Erzähl uns weshalb du plötzlich nicht mehr den idyllischen Wunsch verspürt hast zu einem Haufen von Mördern und Teufelsanbetern zu gehören. Beweis mir, dass ich mich irre und du keine herzlose, verdorbene Bestie bist, oder sind deine Worte genau so viel wert wie die deiner Volksgenossen? “

„Ihr würdet es nicht verstehen“, flüsterte sie und zuckte abermals mit den Schultern, doch Harbek sah sie noch immer herausfordernd und wutschnaubend an, sie konnte seine Aufforderung Versuch es doch! förmlich hören.

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