Stropfe 4: "Die Show geht viel weiter als der Kunde begreift"

Der Abend verlischt,
der Beifall verwischt
die Verbeugung, den Schweiß und die Tränen.
Die Löwen vergessen
den Käfig beim Fressen
und schütteln den Mond aus den Mähnen.

Die Show geht viel weiter
als der Kunde begreift,
dein Kopf ist ein flüsterndes Zimmer.
Ein müder Vampir,
der sich Schminke abschleift,
und die Sonne macht alles noch schlimmer.

aus "Akrobat" von Heinz Rudolf Kunze


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Hektisch verließ Patrice das Hotel und nahm die nächste U-Bahn in die Innenstadt, bevor er begriff, dass es Sonntag war und er keine Chance auf ein neues Handy bekommen würde. Gewiss hätte er sich von jedem seiner Kollegen ein Telefon ausleihen können, doch in seiner Panik dachte er nicht daran. Niedergeschlagen, frustriert und von sich selbst enttäuscht kehrte er ins Hotel zurück. Später, bei der Probe, geschah es das erste Mal, dass er ungenau sprang und in die Fangseile fiel. Atemloses Schweigen folgte dieser Fehlleistung.
Es war schließlich Connelly, der ihn mitnahm und zur Rede stellte. Renard selber war viel zu sehr am Boden zerstört, als dass er vor einem Gesprächspartner Schweigsamkeit bewahren konnte. Das Grinsen im Gesicht des Iren, als er ihm sein Handy reichte und den Raum verließ, würde er noch lange vor seinem inneren Auge sehen.
Renard war Artist, Sportler, Akrobat und er hatte begnadet ruhige Hände. Doch als er nun den zehnstelligen Code mit der 0331 am Anfang eintippte, zitterten ihm die Finger.
„Geh ran! Geh ran!“ bat er sie in Gedanken, doch der Ruf verlor sich im Nichts. Später behauptete Patrice oft, dass es dieses Erlebnis gewesen sei, das ihm die Augen über sein derzeitiges Leben geöffnet habe, über die Nichtigkeit und die Bedeutungslosigkeit seiner so vergänglichen Kunst. Es waren diese Zweifel, die begannen, ihn Nacht für Nacht den Schlaf zu rauben.
Celia ging in den folgenden Tagen nicht ans Telefon, so oft er auch versuchte, sie zu erreichen. Der leere Ruf ins Nichts wurde zur traurigen Gewohnheit, wenn er allabendlich hoffte, sie möge endlich abheben.
Die Show lief weiter, von Erfolg zu Erfolg, seine Nummer war Routine, doch der Applaus hatte seinen Zauber verloren und war einer neuen Bitterkeit gewichen. Sie jubelten nicht ihm zu, nicht dem Patrice Renard, den er zu verkörpern wünschte. Sie bewunderten den Fliegenden Holländer, die Fantasiefigur, die der Ire Connelly mit Hilfe seines akrobatischen Könnens geschaffen hatte. Das Jolkafest kam und mit ihm zehn Tage spielfreie Zeit. Renard hielt es nicht mehr länger aus. Er bat Connelly um Urlaub, erhielt diesen schließlich auch, da der Ire durchaus verstand, dass es für die Show besser wäre, wenn der Holländer einen klaren Kopf behielt. Für einen irrsinnig hohen Preis buchte Renard sein Flugticket nach Paris und achtzehn Stunden später stand er vor der Tür zu Celias Wohnung.
Sie war zuhause und öffnete ihm.
Die Stunden, die dem Moment folgten, an dem er vor Erleichterung aufatmete, weil sie ihre Tür nicht vor ihm verschlossen hielt, veränderten den Akrobaten für immer. Es gab Dinge im Leben, die nicht für ein Spiel taugten. Seine Beziehung zu Celia, der Gedanke, ein glücklicher, liebender Mann zu sein, hatte seine Unschuld verloren. Es gelang ihm, das zu retten, was ihm wichtig war. Trotzdem verlor er mehr, als jene sinnlose Nacht wert war. Celia akzeptierte, dass ihm ein Fehler unterlaufen war, dass eine Nacht mit einer fremden Frau keine Bedeutung haben mochte, glaubte ihm auch, als er ihr erneut versicherte, dass er sie liebte. Dennoch war in ihr eine neue Vorsicht ihm gegenüber erwacht. Er konnte ihr wehtun. Das hatte sie nun verstanden.
Was am Ende blieb, waren acht intensiv gelebte Tage und Nächte, in denen sie ihrer Beziehung eine neue Tiefe gaben. Als Renard zurück zur Show flog, glaubte er mit ruhiger Gewissheit an seine Zukunft. Er hatte sich nun selbst eine Frist von zwei Jahren gesetzt, in denen er noch Shadows of Moon begleiten wollte. Danach sollte für ihn Schluss sein. Er würde sich nicht an Körper und Seele verschleißen, wie es Connelly einmal formuliert hatte.
Patrice Renard wollte ein anderes Leben, mehr als kurzlebigen Applaus und Jubel. Der Akrobat würde Trapeze und Stricke hinter sich lassen und zu seinen ursprünglichen Plänen zurückkehren. Ein Sportlehrer wollte er sein und mit Celia zusammen in Paris leben, seiner Heimat.
Zwei Jahre würden auch für Celia ausreichend sein, um ihren Abschluss zu machen, ihr Studium zu beenden. Sie würden eine gemeinsame Chance haben.

Kommentare

  • Author Portrait

    Wie schön, daß Patrice eine zweite Chance erhielt! Ich lese aber all die Konjunktive und weiß selbst, daß sich das Leben oft nicht an unsere Pläne hält...

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