Strophe 2: "Du machst ihnen Spaß..."

Akrobat
Du machst ihnen Spaß
Den Clowns mit dem grässlichen Lachen
Akrobat
Gefundener Fraß
Sie gaffen mit offenem Rachen.

aus "Akrobat" von Heinz Rudolf Kunze

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Eine Woche später hatte ihn Conelly abgeholt und sie waren zum ersten Training gefahren.
Eigentlich war es wohl eher ein Vorturnen gewesen, denn zu seiner Überraschung waren an diesem Tag nur Neulinge unter der hohen Plane des riesigen Zeltes aktiv gewesen.
Damals hatte er geglaubt, mit seinen Hochseiltricks bestechen zu können, dabei war es nur Basishandwerk gewesen, was er zeigen konnte. Das wusste er heute nur zu genau.
Fast ein halbes Jahr hatten das Training und die Vorbereitung zu seiner ersten Show gedauert, dann war Connely zu ihm gekommen und hatte ihm einen Vertrag überreicht, der ihm eine Anstellung garantierte, solange die neue Show mit dem Namen Shadow of Moon gespielt werden würde.
Nun lief sie schon mehr als zwei Jahre und ein Ende schien nicht in Sicht. Nach Paris waren andere europäische Städte zu Spielorten geworden und schließlich hatte sie ihn nach Vancouver geführt …
Dennoch war es in Paris gewesen, woran er sich nun erinnerte.
Einer seiner ersten Auftritte, bei denen er noch naiv daran glaubte, ein Star zu sein.
Tatsächlich hatte man ihn wie den neuen Stern am Himmel des Akrobatikgeschäfts gefeiert.
Ihm, dem Newcomer, war jene Rolle übertragen worden, mit der alles in Shadow of Moon stand oder fiel.
Von den Zeitungstypen hatte ihn keiner danach gefragt, wie er zu seinen Leistungen gekommen war, niemand hatte zu hören verlangt, wie viele Stunden täglich er in den vergangenen sechs Monaten trainiert hatte.
Connely war ein Mann gewesen, der die absolut perfekte Umsetzung seiner Vorstellungen erwartete und seinen Wünschen diesbezüglich auch zweifelsfrei Gehör verschaffte.
Als Geldgeber und somit quasi Besitzer der Show wurde er von den Trainern und den Sportlern wie ein Gott verehrt.
Keine Zeit war für ein Probetraining oder ein Vorspiel zu früh oder spät, wenn der Maestro es so wollte.
Es hatte Tage gegeben, an denen Renard zwanzig Mal und öfter vom Hochseil in das schwingende Trapez gesprungen war. Zwanzig Mal, bis Connely mit Haltung, Flugbahn und Ausdruck seines Gesichts schließlich zufrieden war.
Und selbst dann hatte er noch Verbesserungsvorschläge gemacht und neue Ideen inszeniert.
Später, einen Monat vor der Premiere, offerierte ihm der Ire schließlich jene Hauptrolle, die Renard in den Künstlerhimmel der Akrobaten gehoben hatte.
Als Shadows of Moon bald darauf zu einem Erfolg geworden war, hatte Connely für die Verehrung, die man Patrice entgegen brachte, nur ein müdes Lächeln übrig gehabt.
Damals konnte sich Renard diese Haltung nicht erklären, heute wusste er mehr, viel mehr über die Kurzlebigkeit solcher Begeisterung.
Doch damals hatte er seine Fans geliebt und die Zeit mit dem jubelnden Volk genossen.

Es war an einem dieser ersten Abende gewesen, als er Celia kennen gelernt hatte.
Sie war mit einem seiner Freunde, Francois von der Sporthochschule, in der Show gewesen und sie hatten sich danach in einer der Bars am Montmartre getroffen.
Es sollte sein wie früher, hatte Renard gesagt.
Doch ganz so unbeschwert wurde es nicht.
Patrice blieb zwar unerkannt, da er ohne Kostüm und Schminke dem fliegenden Holländer in der Show kaum ähnelte, dennoch stand sein Erfolg auf eine subtile Weise zwischen ihm und seinen Freunden.
Nur Celia waren die feinen Differenzen zwischen ihm und Francois nicht aufgefallen.
Sie schwärmte offen und mit einer erfrischenden Naivität von ihren Eindrücken der Show.
Einen Abend lang ließ sie sich von Renard jedes Detail seiner Nummer schildern, lauschte seinen Erzählungen wie einem Märchen aus tausend und einer Nacht und bewunderte ihn mit einer unschuldigen Offenheit, die er genoss.
Sie hatten sich wiedergesehen und Celia war die Erste gewesen, die von ihm mehr zu hören verlangt hatte als Geschichten über Erfolge und Clamour.
Sie hatte ihm zugehört, wenn er von seinen endlosen Trainingsstunden erzählte und auch, als ihn die Missgunst und die Zurückhaltung seiner Showkollegen zu quälen begann.
Früher war seine kleine Straßentruppe auch sein Freundeskreis gewesen und Renard verstand nur schwer, dass ihn seine jetzigen Kollegen als Konkurrenten sahen.
Vielleicht war es das Eintreffen zweier russischer Trampolinspringer, die bald darauf ihre koreanischen Vorgänger ablösten, das Patrice schließlich die Augen über die Wahrheit öffnete. Im Shadow würde er keine neuen Freunde finden. Hier arbeitete jeder für sich selber und für seine Karriere.
Connely brachte diese Tatsache eines Tages auf den Punkt, als er Renard mit einem einzigen Satz auch noch die letzte Illusion nahm.
„Jeder hier weiß, dass das Shadow die Obergrenze dessen ist, was ein Artist erreichen kann. Vier oder fünf Jahre, länger wird keiner von ihnen bleiben, ohne sich körperlich und seelisch zu verschleißen. Vier oder fünf Jahre sind das Höchste der Gefühle. Die meisten von ihnen werden aber eher wieder gehen müssen, wenn ich jemanden finde, der besser ist als sie.“

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    Da ist bereits einiges zu erahnen... Mir gefällt, wie du die Stränge fädelst!

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