Syke sieht (rosa) rot

"Ich sage dir er wird ausrasten, wenn er das zu Gesicht bekommt." Elviras dunkle Stimme klang trotz der Worte ziemlich gleichgültig. Die Bardame hatte es sich auf einem der Hocker bequem gemacht, die vor ihrem Arbeitsplatz aufgereiht waren. Ein Arm entspannt auf dem Holz abgelegt hielt sie in der anderen Hand eine Zigarettenspitze. Immer wieder zog sie genüsslich daran und ließ den Rauch sanft entweichen. Einmal im Monat hatten sie geschlossen um wichtige Reparaturen durchzuführen, alles einmal gründlich zu reinigen und manchmal auch um neue Möbel oder andere Einrichtungsgegenstände aufzustellen. Überall im Haus wurde eifrig gearbeitet und die meisten Mitarbeiter genossen ihren freien Tag, hingen nutzlos herum oder waren ausgegangen.
"Kleines, ich sage es dir noch einmal ganz langsam", begann Elvira erneut, "die ganze Arbeit die du dir gerade machst ist völlig umsonst. Er wird das niemals zulassen und alles sofort wieder abreißen. Hör auf mich!" Sie erhielt keine Antwort stattdessen tauchten in der Bar immer mehr Männer mit Kisten auf. Der ganze Raum stand bereits damit voll und aus dem ein oder anderen quoll der Inhalt hervor. Ein Meer aus rosarotem Stoff, Luftballons, Blumen und anderen Dekorationsgegenständen in der gleichen Farbe, verwandelte den normalerweise so geschmackvoll eingerichteten Mittelpunkt des Crossroads in ein absolutes Chaos. Mittendrin konnte man einen blonden Schopf ausmachen und immer wieder ein freudiges Quietschen vernehmen. Thea war in ihrem Element und nicht zu bremsen, während Elvira nur schwer seufzen konnte. "Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. So sagt man doch oder?" gab Thea grinsend zurück.

Zwei Wochen zuvor.

Die  warmen Frühlingstage der letzten Zeit hatten den Garten und die Umgebung des Crossroads in ein wahres Farbenparadies verwandelt. Die verschiedenen Bäume, Büsche und Pflanzen die das Haus umgaben, begannen zu blühen und einen Duft nach Frühling und Wärme zu verströmen. Nach dem ungewöhnlich harten Winter im Königreich erwachte die Natur nun und damit hellte sich auch die Stimmung bei den meisten Angestellten des Etablissements auf. Vor allem Thea war nicht mehr aufzuhalten, denn es war ihr erster Frühling den sie hier erleben durfte. Syke betrachtete das Ganze mit einem Blick der eher nach Todesfall in der Familie aussah als nach Frühlingserwachen. Von seinem Aussichtspunkt in einem der Erker in der dritten Etage blickte er in den Garten und musste mit ansehen wie das junge blonde Mädchen barfuß im Gras herumhüpfte. Die Stirn in Falten gelegt, ließ er die Hand über die Innentasche seines Gehrocks gleiten in dem er sein Messer aufzubewahren pflegte.  Auch aus dieser Entfernung würde er sie mit Sicherheit locker treffen und der Sache ein Ende machen. Allerdings wäre es völlige Zeitverschwendung, dass hatten sie ja alles schon durch. Nichts und niemand konnte sie töten und vertreiben ließ sie sich auch nicht.
Vor einer Stunde war er vor ihr in sein Büro geflüchtet und hatte sofort von innen abgeschlossen. Der Raum war klein und eng, aber alles war besser als erneut Diskussionen über dieses furchtbare Fest zu führen das Thea unbedingt feiern wollte: Das Fest der Herzen. Allein bei dem Gedanken drehte es Syke den Magen um. Niemals hatten sie diesen Tag gefeiert und er würde dieses Jahr nicht damit anfangen. Thea hatte gut argumentiert, dass musste er grummelnd eingestehen. Natürlich war es gerade für das Bordell eigentlich ein absolut passendes Thema, aber das wollte er nicht zugestehen.
An diesem Tag, so hatte Syke es gehört, der scheinbar willkürlich durch den König an einem Frühlingstag festgelegt wurde, drehte sich im Land alles um die Liebe. Dem Mythos zufolge, soll einer der früheren Herrscher dieses Fest zu Ehren seiner großen Liebe und Ehefrau beschlossen haben. An diesem einen Tag und manchmal für ein paar Tage danach, werden die Häuser und Straßen festlich geschmückt, meistens in irgendwelchen hässlichen Rottönen. Die Frauen bekommen Geschenke und wahrscheinlich das einzige Mal im Jahr etwas mehr als eine schnelle Nummer auf dem Küchentisch. Doch er hasste es, tiefer brennender Hass. Außerdem war er hier schließlich der Boss und traf die Entscheidung. Kein Fest der Liebe auf dem Gelände des Crossroads. Ende.

Einige Stunden später hatte er sich wieder in die Höhle des Löwen begeben oder besser der Löwinnen. Als er die lange Treppe hinunterging um die ersten Gäste zu begrüßen standen sie bereits in der Tür zur Bar. Eine blond und unschuldig, die andere rothaarig mit einem verschlagenen Blick. Ohne mit den beiden zu reden wusste er bereits, dass Larxene sich auf Theas Seite geschlagen hatte. Nicht das für sie dieses Fest interessant wäre, aber sie wusste wie sehr Syke es verabscheute. Dies allein war Grund genug um das Ganze zu unterstützen. "Ich gebe nicht nach egal wie viele du auf deine Seite ziehst. Larxene mag zwar auch etwas zu sagen haben, aber ich bin hier immer noch der Geschäftsführer und ich sage NEIN, krieg das endlich in dein Spatzenhirn rein." Erst war er erfreut zu sehen, dass sie tatsächlich kurz zusammenzuckte, doch keine Sekunde später sah sie ihn angriffslustig an. "Aber alle finden, dass es eine gute Idee ist. Nur ein oder zwei Tage eine andere Dekoration, ein paar tolle Aktionen und danach ist es doch alles wieder verschwunden. Du musst auch nichts machen, dass erledige alles ich. Bitte bitte bitte Syke sag doch ja!" Die Hände zu Fäusten geballt stürmte er an den beiden Frauen vorbei. Die eine bettelnd wie ein Hündchen, die andere über alle Maßen amüsiert. "Nein verdammt, das ist mein letztes Wort." Dann war er verschwunden und Thea sah ihm enttäuscht nach. "Schätzchen. Du packst das alles falsch an", begann die Rothaarige, "ich erkläre dir wie man mit ihm umgehen muss. Hast du schon mal einen Brief gefälscht?"

So kam es das Syke zwei Tage vor dem Fest plötzlich auf das Landgut der Besitzerin des Crossroads Lady Berenike gerufen wurde. Eine Reise die mit dem Pferd gut und gerne zwei Tage dauern konnte und damit den Frauen die Möglichkeit gab ihren teuflischen Plan in die Tat umzusetzen. Den Brief zu fälschen hatte gar nicht so lange gedauert, die Vorbereitungen zu dem Fest hinter dem Rücken des mürrischen Geschäftsführers zu treffen allerdings schon. Aus irgendeinem Grund schien er einfach überall zu sein, so dass sie kreativ sein mussten. Die meisten Sachen, die sie bereits gekauft hatten, waren in Larxenes Vorbereitungsraum verstaut. Eigentlich konnte die Rothaarige selbst nichts mit dem Fest anfangen, aber sie hatte Thea irgendwie ins Herz geschlossen. Die Freudenmädchen würden an dem Tag nicht arbeiten, sondern sich von den Kunden verwöhnen lassen. Die Lustknaben unterdessen würden sich kostenlos um die Damen kümmern. Die Sonderzahlungen für diese Dienste würde der Laden aus der eigenen Kasse zahlen. Ein weiterer Grund der Syke wahrscheinlich einen Herzinfarkt bescheren würde, aber wenn alles gut ging würde er kaum etwas bemerken.

Rückblick Ende.

Der Tag der Feierlichkeiten war gekommen und das Crossroads empfing alle Gäste in einem völlig neuen Gewand. Von der Eingangshalle, über die Bar bis in die oberen Etagen war alles über und über mit rosaroten Dekorationen versehen. Kerzenleuchter in Herzform spendeten Licht, überall waren duftende Blumen zu finden. Eine Gruppe Streicher fiedelten romantische Musik vor sich hin, während die Kellner erlesende Kuchen und Pralinen servierten. Die Stimmung war gut, etwas weniger ausgelassen als sonst, dafür gediegener. Auch der Dresscode des Abends sah die gleichen Farben vor die in den Räumen herrschte. So waren die meisten Damen in rot oder rosa gekleidet, die Herren meistens nur mit einem farblich passenden Einsteck- oder Krawattentuch. 
Auch Thea und Larxene, die an diesem Abend die Rolle der Gastgeberinnen übernommen hatten, waren passend gekleidet. Das junge blonde Mädchen in einem unschuldigen rosa Seidentraum mit weiten Ärmeln und fließendem Material, die Dame des Hauses in einem opulenten Kleid mit schwarzer Spitze auf einem rötlichen Stoff. Es dauerte nicht lange bis sie beide von Männern geradezu umringt waren. Selbst im Außenbereich hatten sich Paare zusammengefunden, auch weil das Innere aus allen Nähten zu platzen drohte.
Die Laternen die überall in den Bäumen hingen, ließen auch hier keinen Zweifel daran, was gefeiert wurde und dies war schon von weitem zu sehen. Natürlich waren die beiden auf Nummer sicher gegangen und hatten an jeder Straße eine Wache aufgestellt. Die Kinder des nahen Ortes, waren begeistert gewesen für einige Münzen eine so einfache Aufgabe übernehmen zu können. Sie hatten nichts weiter zu tun, als Syke aufzuhalten falls er früher zurückkommen sollte als es geplant war. Doch er kam nicht und so verlief der Abend ruhig und mehr als erfolgreich für alle Beteiligten. Jedenfalls wenn man von den üblichen kleinen Eifersuchtsdramen absah. 

Als der Morgen anbrach mussten die letzten Gäste regelrecht rausgeworfen werden. In allen Ecken waren sie zu finden und selbst als die umfangreichen Aufräumarbeiten bereits begonnen hatten, entdeckte das Personal noch die ein oder anderen halb bekleideten Damen und Herren. Eigentlich waren alle müde, doch sie hatten keine Zeit zu verlieren. Noch hatte keiner ihrer Spione die Rückkehr des Geschäftsführers gemeldet, doch ihnen blieb nicht viel Zeit die Spuren der Nacht zu beseitigen. "Ich fühle mich wieder wie ein Kind, das nachts noch lange wach gewesen ist und jederzeit von seinen Eltern erwischt werden konnte", kicherte Thea leise während sie die Ballons einsammelte und aufstach um die Luft entweichen zu lassen. Larxene rollte mit den Augen. "Du bist so unschuldig, dass ist kaum zum Aushalten. Du solltest mich vielleicht mal nachts in meinen Räumen aufsuchen und ich zeige dir was man noch alles heimlich machen kann." Thea sah sie blinzelnd an und wurde knallrot als sie das anzügliche Lächeln der Älteren bemerkte. "Ich... ich... also... weißt... du, ich habe ja auch... also", stammelte sie leise. Mit einem breiten Grinsen legte Larxene ihr einen Finger auf die Lippen. "Sssh Kleine. Das ist ein Thema für später. Ich gehe schlafen kümmere dich um den Rest." Einen Augenblick war sie auch schon verschwunden und an ihre Stelle trat fast sofort ein etwas verwahrlost aussehender Junge. "Er ist auf dem Weg hierher. Hannes hält ihn noch auf, aber lange wird es nicht mehr dauern", gab er keuchend von sich. Thea wurde blass. Sie hatten keine Zeit zu verlieren irgendwas musste ihr einfallen.

Weniger als eine Stunde später kam Syke wieder am Crossroads an und übergab sein Pferd einem der Stalljungen. Irgendwie war es eine komische Atmosphäre und alle wirkten etwas übernächtigt, aber sonst schien alles wie immer zu sein. Wahrscheinlich war die letzte Nacht viel zu tun gewesen. Eigentlich war es ihm auch egal. Syke wollte nur noch ein Bad und in sein eigenes Bett. Er hatte bisher nicht herausfinden können, wer ihm den Brief schickte, der ihn auf den Landsitz gelockt hatte. Erst als er dort angekommen war, hatten er und die Lady festgestellt, dass sie nichts von seinem Besuch wusste. So hatte er sich also umsonst in die Fänge seiner Chefin begeben. Andererseits konnten sie so diverse Dinge besprechen und das wiederum bedeutete, dass Lady Berenike selbst nicht so bald zu ihnen kommen würde. Ein weiterer Vorteil war außerdem gewesen, dass auf dem Landsitz das Fest der Herzen ebenfalls nicht gefeiert wurde. 
Auf dem Weg durch die Bar wurde er von einem seiner Bediensteten abgefangen und gleich zu seinem Raum eskortiert. Etwas merkwürdig kam es ihm schon vor, dass ihm nicht einmal die Möglichkeit gegeben wurde sich umzusehen. Allerdings nahm er auch wahr wie gut sie eigentlich  bereits Ordnung geschaffen hatten. Scheinbar lief nicht alles aus dem Ruder nur weil er einmal weg war. Ein beruhigender Gedanke eigentlich. Die Tür zu seinem Raum war nicht verschlossen und als er einen Vorhang aufzog um etwas Tageslicht reinzulassen sah er auch sofort warum. Einer seiner Lieblingslustknaben lag in seinem Bett nur mit einem kleinen rosaroten Tuch über den interessanten Stellen. "Guten Morgen Jack. Eine hübsche Überraschung, aber bitte wirf diesen furchtbaren Fetzen gleich weg." 

Während Jack sich um Syke kümmerte, gingen in den anderen Teilen des Crossroads die Aufräumarbeiten unbemerkt weiter und wenn sie nicht ein paar Herzchen vergessen haben, ahnt er wohl bis heute nichts.


(Hinweis der Autorin: Wer mehr über Thea erfahren möchte und warum man sie nicht los wird, dem lege ich Kapitel 3 ans Herz. "Syke und die Lücke im System")

Kommentare

  • Author Portrait

    Hey Clay. Endlich geht es weiter, wie hab ich mich gefreut. Leider nicht wie erhofft mit Syke und Finn, aber ich hoffe weiter. ;) Das Kapitel war kurzweilig und gut geschrieben, zündete aber leider nicht so gut bei mir wie die anderen. Zum Einen, da ich Thea ähnlich gut leiden kann wie Syke, zum Anderen, weil dieser so absolut gar nichts schnallt und ungewohnt naiv rüberkommt. Ich hätte mir zum Ende noch eine kleine Wende oder einen Knall gewünscht. ;) Positiv ist mir aufgefallen, dass deine Kommafehler weniger werden. Entweder weil du mehr Kommas setzt oder du hast deinen Stil etwas angepasst. ;) Bin gespannt auf Neues vom "Crossroads", von Finn und auch von den magischen Münzen. Liebe Grüße.

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media