Syke und der Geist

Es war still im Raum der drei Türen, dem "Vorraum des Todes", der Raum der Entscheidungen, der Spielraum für Menschen mit Sehnsüchten, ihrem Zuhause. Larxene stand mit einem Glas Champagner am offenen Fenster. Das Wetter war genau nach ihrem Geschmack. Kühl, regnerisch mit schnell dahinrasenden Wolken. Es gab ihr das Gefühl, die Zeit würde schneller vergehen. Nicht dass Zeit für sie eine wirklich wichtige Rolle spielte. Von dem Trubel im restlichen Haus bekam sie selten etwas mit. Selbst heute, wo das Crossroads praktisch aus allen Nähten zu platzen schien, war es bei ihr still. Sie hatte keine Verwendung für die anderen Teile des Hauses. Weder für die hübschen Männer und Frauen in der oberen Etage, noch für frivole Spielchen im Casino. Manchmal allerdings langweilte sie sich, zumindest theoretisch, zu Tode.
Mit einer eleganten Handbewegung in der Luft ließ sie die Schatulle mit den Münzen aufschnappen. Noch waren einige im Umlauf, aber sie konnte spüren, dass keine von ihnen wirklich in der Nähe war. Mit einem Fingerzeig ließ sie eine der magischen Münzen herausschweben und um ihren Körper tanzen, zu einer Melodie die nur sie selbst hören konnte. Ihre Aufgaben im Crossroads waren nicht leicht zu beschreiben und sicherlich sehr wichtig, doch für das alltägliche Geschäft beinahe vernachlässigbar. Mit einem Fingerschnippen sank die Münze zurück an ihren Platz, während sie gelangweilt aber elegant durch den Raum zu tanzen begann. Wenn keine Münzträger da waren, war er weitesgehend leer, so dass sie genug Raum hatte um ihr weites Kleid aus roter Seide schwingen zu lassen. "Was mach ich mit meiner Zeit?" Nachdenklich ließ sie sich von der unhörbaren Melodie treiben. Allein zu tanzen, war nicht so angenehm wie mit einem guten Partner, aber sie liebte es. Immer wieder nippte sie dabei an ihrem Champagner bis ihr urplötzlich eine Idee kam. Breit grinsend bewegte sie sich tanzten durch den Raum zu einer versteckten Tür.
Mit einer fließenden Bewegung löste sie den Mechanismus aus und trat hindurch, wie durch Zauberhand entzündeten sich einige rote Kerzen in einem prunkvollen aber kleinen Kandelaber. Der Raum wurde nicht oft genutzt und so roch es auch. Leicht muffig, nach alten Büchern und vertrockneter Tinte. Die Wände waren von oben bis unten mit alten Folianten bestückt. Der einzige Platz der frei war, war ein alter Sekretär auf dem auf der Kerzenleuchter stand. Sie hatten oben im Haus zwar eine kleine Bibliothek, falls tatsächlich einmal ein Gast so verrückt sein wollte hier zu lesen, doch diese Bücher waren etwas Besonderes. Larxene wusste worauf sie es abgesehen hatte und wusste auch wo das Buch zu finden war. "Ich habe lange keinen Geist mehr beschworen." Ein breites Grinsen lag auf ihren blutroten Lippen und ihre Augen funkelten amüsiert. "Viel zu lange nicht mehr."

Die Vorbereitungen hatten nicht viel Zeit in Anspruch genommen. Umso größer die eigenen Fähigkeiten waren, umso weniger unnütze Hilfsmittel waren nötig. Anfänger mussten manchmal noch komplizierte Runen und Zeichen aufmalen oder besondere Tinkturen herstellen, auf Larxenes Level allerdings war dieser Schnickschnack nicht nötig. Nichts destotrotz hatte sie sich die Zeit genommen und einen Kreis aus Kräutern um sich herum zu streuen. Manche Geister waren nicht so begeistert davon, gestört zu werden. Andere wurden sogar zudringlich. Alles schon erlebt.
Die Fenster im Raum waren alle geöffnet, die frische Nachtluft ließ ihr Kleid leicht flattern. Routiniert begann sie die Beschwörung mit gemurmelten Worten und diversen komplizierten Gesten. Mit jedem Moment dem sie sich der Trance mehr näherte, konnte sie die Gegenwart der Geister spüren. Im Crossroads waren viele von ihnen zu finden. Nicht nur Rückstände ihrer Gäste im "Vorraum des Todes" geisterten hier herum, auch das ein oder andere arme Schwein, das eine Nacht mit einem der Mädchen oder Jungen nicht überlebt hatte. Es hatte auch schon Selbstmorde und Morde im Casino gegeben. Geld war eine lausige Geliebte. Larxene wusste gar nicht genau wonach sie heute suchte. Manchmal war ihr einfach nur nach Gesellschaft, sie hatte allerdings auch schon interessante Spiele mit einigen von ihnen gehabt. Heute fiel ihr ein junger Mann auf, der ihr vage bekannt vorkam. Vorsichtig glitt sie etwas näher heran, dann wusste sie wieder woher, sie hatte ihn schon einmal zu sich geholt und erinnerte sich noch sehr lebhaft daran. Sie konnte ihren Körper selbst lachen hören, während ihre Seele auf den hübschen schwarzhaarigen Mann zuging. "Finnegan mein Lieber. Du bist ja auch mal wieder hier. Möchtest du mich begleiten?" 

In der Bar des Crossroads ging es mittlerweile schon sehr feucht fröhlich zu. Heute war eine der Nächte an denen praktisch jede Ecke mit Gästen besetzt zu sein schien und nicht nur der Alkohol, sondern auch andere berauschende Mittel von Tisch zu Tisch weiter gereicht worden. Syke hatte zwar viel zu tun, aber er konnte sich auch daran erfreuen. Er liebte, die verschwitzte Atmosphäre, die Lasterhaftigkeit solcher Nächte mehr als die langweiligen Abende mit den ewig unzufriedenen Spielverderbern. Heute Nacht hatte eine besondere Stimmung die Leute ergriffen. Selbst Menschen die Aufgrund ihres Standes selten miteinander in Berührung kamen, schienen sich heute zugetan zu sein. Erst vor wenigen Minuten hatte er einen wohlbekannten Adligen von der Frau eines ärmeren Geschäftsmannes herunterziehen müssen. Natürlich nur um ihm eines der Zimmer für einen abenteuerlichen Preis anzubieten. Ein schlechtes Gewissen musste die Frau am nächsten Morgen allerdings nicht haben, ihren Mann hatte er erst vor kurzem in den sehr talentierten Fingern von Rosalie gesehen.  Gerade als er es sich in einem der roten Samtsessel gemütlich machen wollte um dem Streichquartett zu lauschen, konnte er die Veränderung spüren. Erst war es nur das Gefühl nicht mehr allein zu sein, dann ein kalter Lufthauch. Etwas begann sich im Raum zu verändern. 

Innerhalb weniger Minuten schien die Temperatur im Raum zu sinken, bis sogar die ersten Gäste es bemerkten. Irritiert sahen sie sich um, zogen ihre Kleidung etwas fester um ihre Körper oder begannen sicher wieder richtig anzuziehen. Als nächstes begannen die Kerzen zu flackern, als wäre nun auch noch ein kühler Luftzug hinzugekommen, obwohl nicht dergleichen zu spüren war, die Kälte war einfach da. Syke sank mit geschlossenen Augen in seinen Sessel in der Nähe der Treppe und versuchte die Kraft aufzuspüren, die hier am Werk war. Eigentlich konnte der Ursprung nur bei Larxene liegen. Unter der Magie die er wahrnehmen konnte, fand er recht schnell ihre süßliche warme Spur. Allerdings war sie schwach und wurde von der Kälte überlagert, die ihm irgendwie bekannt vorkam. In diesem Moment verloschen die Kerzen vollständig und ein erschrockenes Raunen ging durch den Raum.
Der harte tiefe Ton eines Cellos durchbrach das durcheinander, gefolgt von der düsteren Melodie einer Violine. Syke fragte sich einen Moment, wie die Musiker in dieser Dunkelheit spielen konnten, bis sein Blick auf das obere Ende der Treppe fiel und jeder Tropfen Blut in seinem Körper gefror.
Im Licht eines neu entflammten Kronleuchters war eine Gestalt längst vergangener Tage erschienen. Rund um seine schlanke große Gestalt schien die Luft etwas zu flimmern. Für Syke war es als wäre die Zeit stehen geblieben. Noch immer trug die Gestalt genau die gleiche Kleidung wie damals. Die schwarzen hohen Stiefel, die nur locker geschnürt waren, die enge Lederhose und der helle lockere Gürtel. Seine Jacke aus einem verdammt teuren seltenen Tier war nur am unteren Teil zugeknöpft, so dass man die helle Haut seiner Brust und des Bauches bis zum Bauchnabel sehen konnte. Die Ärmel hochgekrempelt, die Hände in den schwarzen fingerlosen Handschuhen zu Fäusten geballt, sah Finnegan auf ihn herab. Syke konnte trotz der Entfernung jedes Detail ausmachen und es war alles wie er es in Erinnerung hatte. Der Ohrring im linken Ohr und die passende Kette mit den Kreuzen um den Hals, die schwarzen schulterlangen Haare zur rechten Seite gekämmt, die Augen kalt wie Eis. 

Finn begann zu grinsen als er das sprachlose Gesicht unten sah. Er konnte spüren, wie Sykes Blick jedes Detail seines Körpers in sich aufnahm, wie die magische Kälte ihn lähmte und die Musik ihm eine Gänsehaut verpasste. Sein Auftritt war perfekt. Langsam, jeden Moment seiner Körperlichkeit auskostend, ließ er die Hände in die Hosentaschen gleiten und nahm die erste Stufe nach unten, jeder Schritt perfekt abgepasst zu der düsteren Melodie. Er wusste, dass nur Syke ihn sehen konnte und er genoss die irritierten Blicke der Gäste. Ein heiteres Grinsen, das aber seine kühlen Augen nicht erreichen konnte, legte sich auf sein Gesicht. Er hatte für einige Stunden wieder so etwas ähnliches wie einen Körper und er würde es genießen, wie vor einigen Jahren. Gerade als sein Fuß die letzte Stufe berühren wollte, konnte er die Woge an Magie fühlen. Erdig, kräftig und wie ein Erdbeben, unverkennbar Sykes Spur,  dann blieb die Zeit stehen. Alle Gäste waren eingefroren, nun war er mit Syke allein. Beinahe allein, denn Larxene hatte es sich auf der Galerie bequem gemacht um die Show zu genießen und das tat sie offensichtlich. "Du bist am Zug."
Die beiden ungleichen Männer blickten sich einfach in die Augen und schwiegen einige Zeit. Finn weil er diesen Moment auskosten wollte und Syke weil er erstmal herausfinden musste, was er überhaupt sagen wollte. Er konnte Larxenes Magie an ihm spüren und wusste sofort, wem er diesen Alptraum von einem Mann zu verdanken hatte. "Es ist lange her", bekam er geradeso krächzend heraus. "Allerdings, ich bin der kleinen Hexe wirklich dankbar, dass sie mich ausgesucht hat. Hast du mich vermisst?" Finn streckte seine Hand nach dem anderen Mann aus um ihm über die Wange zu streicheln. Verzückt sah er dabei zu, wie dieser zurückschreckte, aber ihn nicht wegschob. Mutig geworden zog Finn ihn fest an sich heran. "Es ist wunderbar einen Körper zu haben, wie wäre es mit einem Tanz?" Syke blinzelte und fand sich sofort danach in einem grotesken Tanz wieder, der sie elegant durch die Menschen führte, die er an Ort und Stelle eingefroren hatte. Sehr lange würde er den Zauber nicht für so eine große Menge aufrechterhalten können, aber er würde eher seine Gesundheit aufs Spiel setzen, als den Ruf des Ladens zu schaden. 
"Wie lange muss ich dich ertragen Finn oder muss ich dich noch einmal umbringen?" Syke gab sich alle Mühe, seine Worte hart und kühl klingen zu lassen, aber so ganz überzeugend war er dann doch nicht. Finns Hände waren überall auf seinem Körper, während sie sich im Takt der unheimlichen Musik wiegten. "Es ist nicht sehr lange, aber ich will Larxene eine gute Show bieten und danke nein, einmal zu sterben hat wirklich gereicht. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Eine Kapsel, direkt aus deinem Mund, bei einem Kuss, hinterhältiges Miststück." Skye konnte praktisch sofort die Fingernägel in seinem Rücken spüren und biss sich auf die Lippen um ihm den Schmerz nicht zu zeigen. Der Tanz ging weiter, auch wenn er das Blut auf seinem Rücken spüren konnte.
"Du wolltest mir den Laden und alles wegnehmen Finn, ich hatte keine Wahl." Schon wieder verteidigte er seine Entscheidung von vor vier Jahren vor seinem Opfer. Damals war Larxene noch nicht bei ihnen gewesen und Finn war auf der Bildfläche erschienen, hatte ihn verführt und betrogen. Als er herausfand, dass er hinter seiner Stelle als Geschäftsführer her war, war es beinahe zu spät. Nicht nur seine Arbeit war in Gefahr, sondern auch die Kräfte welche ihnen die Münzen gewährten. Kurzentschlossen hatte er ihn in eines der Zimmer geschleift, aufs Bett geworfen und mit einem Kuss vergiftet. Syke schloss die Augen bis er spürte, dass Finn angehalten hatte. Eine Hand legte sich unter sein Kinn und wurde angehoben, als er die Augen öffnete konnte er in die leeren grauen Augen schauen, die früher einmal so angriffslustig gewesen waren. "Als ich das letzte Mal hier war, haben wir das schon diskutiert. Du kannst es nicht vergessen nicht wahr?"  "Ja du etwa?", fragte Syke verblüfft. "Och weißt du, die ersten Jahre aber ich dir sicher gegrollt , aber irgendwann wird alles doch sehr relativ irgendwie. Man hat viel Zeit nachzudenken.  Wollen wir nicht lieber einfach, da weitermachen wo wir letztes Jahr aufgehört haben?" 
Von der Galerie war ein helles weibliches Lachen zu hören. "Das Zimmer mit dem Himmelbett ist frei für euch beide und Syke mach dir keine Sorge, ich kümmere mich um deine Gäste." Noch immer fest in den Armen des Mannes gefangen, den er umgebracht hatte wusste er nicht was er wollte. Doch! Eigentlich wollte er Larxene sofort auf der Stelle jedes Haar einzeln ausreißen. Frauen denen langweilig ist, sollte man einfach nicht allein lassen. Bevor er allerdings zum Gegenschlag ausholen konnte, wurde er bereits in die oberste Etage gezogen. "Diesmal werde ich nicht so sanft sein, wie das letzte Mal?" Syke wurde bleich. "Sanft?! Ich hab fast überall aus Kratzern geblutet und war völlig unfähig zu arbeiten!" "Was sind ein paar Tage Schmerzen gegen einen unsanften Tod?", entgegnete Finn grinsend. Seufzend folgte Syke dem Geist und ergab sich in sein Schicksal. "Touché."


                                                      

Kommentare

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    Na, das war ja mal ein interessantes Kapitel! Und dazu erotisch, ohne dass direkt etwas passiert ist. ;) Hat sich gelesen wie im Flug und fühlte sich fast etwas zu kurz an. Syke hat also nicht nur eine sadistische, sondern auch eine ausgeprägte masochistische Ader. Wer hätte das gedacht? Finn macht neugierig und ich wünsch mir, dass wir ihm noch öfter begegnen. Sykes Tat war auch echt krass. Als ob es keinen anderen Weg gibt, ungeliebte Widersacher loszuwerden. Oder war er persönlich gekränkt, weil er sich hatte verführen lassen? Was mir sofort aufgefallen ist: Du hast wesentlich mehr Kommas im Text. Wie kommt es? ;P Ganz korrekt ist die Zeichensetzung noch nicht und auch ein, zwei kleine Wörter fehlen, aber du hast dich deutlich verbessert. Meinen Glückwunsch!

  • Author Portrait

    Uh, da war aber jemand ein bisschen böse xD Hoffentlich ergeht es dem armen Syke nicht allzu schlecht? ;-)

beta
Feenstaub

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