Tage der Trauer

Diese Novelle ist Ihretwegen entstanden.
Ja genau. Ihretwegen.
Ich hatte nie vor, die Geschichte von Rafael und Roana weiterzuerzählen. Für mich waren die beiden an einem Punkt angekommen, an dem man sie getrost sich selbst überlassen konnte.
Sie, liebe Leserinnen und Leser waren jedoch anderer Meinung und gaben mir mit Zuschriften und Fragen zu verstehen, dass Sie wissen wollen, was mit den beiden weiter passiert. Auch Rafael und Roana selbst begannen mir einzuflüstern, dass noch lange nicht alles gesagt sei, was gesagt werden müsse.
Da wollte ich es ebenfalls wissen – sonst hätte ich mein laufendes Romanprojekt nicht unterbrechen und dieses Bonuskapitel schreiben können.
Trotzdem ist diese Geschichte nicht zuletzt Ihr Verdienst, liebe Leserinnen und Leser, denn ohne Ihren Anstoß und Ihre motivierenden Fragen wäre sie vermutlich nicht geschrieben worden.
Danke schön.

Die vorliegende Geschichte beginnt im November 1254, zeitlich nur wenige Tage nach dem Ende des Buches „Roana“.
Wer die Vorgeschichte nicht kennt, wird vielleicht nicht ganz so viel Spaß an der Lektüre haben. Trotzdem lässt sich „Tage der Trauer“ auch ohne Vorkenntnisse lesen. Um das Verständnis ein wenig zu erleichtern, habe ich dem Buch noch eine Personenliste mit kurzen Erläuterungen beigefügt.


Die Geister der Toten

Dem frisch ernannten Grafen von Rodéna wurde, als er an das Tor des Klosters Konradsdorf pochte, mitgeteilt, dass seine Anwesenheit nicht erwünscht sei. Zumindest legte Rafael die Tatsache, dass die Schwester Pförtnerin ihm, kaum dass er ihr den gräflichen Siegelring gezeigt hatte, das Besucherfenster vor der Nase zuschlug, als eine solche Aufforderung aus und verließ unverrichteter Dinge das Klostergelände. Bei seinen Gefährten angekommen, nahm er seiner Gemahlin die Zügel ab und schwang sich wortlos in den Sattel seines Pferdes. Roana wendete ihren Fuchs, ohne eine Frage zu stellen; aus Ahmads pelzgefütterter Kapuze jedoch drang ein erstickter Laut. Rafael drehte sich im Sattel um. Der Sarazene starrte zum Kloster hinauf und presste die Faust zwischen die Zähne.
»Es ist nicht deine Schuld«, sagte Roana nüchtern.
»Doch!« Rafael fuhr zu ihr herum. »Es ist meine Schuld. Ich hätte diesem Plan nie zustimmen dürfen.« Er tippte sich ungeduldig an die Brust. »Du hast uns gewarnt. Aber ich war nicht imstande zu akzeptieren, dass du recht haben könntest. Ich habe dich ignoriert, weil ich dachte, du würdest dich absichtlich gegen mich stellen, um mich zum Gespött der …«
Er konnte mit einem Mal nicht weitersprechen. Mit einem Gefühl wie Würgen im Hals kehrte er ihr den Rücken zu. »Ich fürchte, das Alte Testament sagt die Wahrheit. Gott ist rachsüchtig. Und er lässt mich büßen, dass ich Gandar habe sterben lassen …«
Plötzlich lag ihre Hand auf seinem Arm. »Du musst damit aufhören«, befahl sie streng. »Gott hat nichts damit zu tun. Du selbst bist es, der sich nicht vergeben kann. Aber das musst du. Nichts von dem, was geschehen ist, lag in deiner Hand.«
Rafael dachte, dass er seiner Frau gerne etwas Versöhnliches gesagt hätte. Beschämt rang er um Worte, aber vergeblich. Schließlich schüttelte er den Kopf, schlug seinem Hengst die Fersen in die Flanken und lenkte ihn auf den Karrenweg zurück.
Es war ein frostklirrender Novembertag. Der Morgentau hatte sich in glitzernden Raureif verwandelt. Stille hüllte die Wiesen und Felder ein, einzig durchbrochen vom gelegentlichen Krächzen einer Krähe und dem dumpfen Getrappel der Pferdehufe.
Rafael erschien das Krächzen wie Gelächter. Schon den ganzen Tag hatte er das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden, von etwas Unerbittlichem und Kaltem, das nur darauf zu warten schien, dass er scheiterte. Er wandte sich im Sattel um und sah zurück auf das Kloster. Dunkelbraun und düster standen Kapelle und Nonnenhaus vor dem blassgrauen Himmel und starrten mit der gleichen Arroganz auf ihn herab, mit der die Schwester Pförtnerin seinen Status als Bote des Markgrafen von Glouburg abgetan hatte. Er ballte die Fäuste. Eine derartige Missachtung konnte er nicht dulden.
Doch dann schüttelte er den Kopf. Sich etwas vorzumachen war vertane Zeit. Er besaß den Siegelring eines toten Grafen, ohne über dessen Machtmittel zu verfügen. Einen Ring, der sich als wertlos erwiesen hatte, weil niemand ihm den geschuldeten Gehorsam entgegenbrachte. Was zur Hölle hatte Richard von Glouburg getan, um diese Ablehnung hervorzurufen?
Darüber dachte er nach.
Plötzlich störte ihn die Stille beim Nachdenken. Rafael ließ die Lider sinken. Mit geschlossenen Augen überkam ihn eine seltsame Unfähigkeit, sich Gandars Antlitz vorzustellen. Also machte er die Augen wieder auf und sah zu seiner Gemahlin hinüber. Sie musste gespürt haben, dass er sie ansah, denn sie wandte ihm ihr Gesicht zu und hob fragend eine Augenbraue.
Plötzlich war es ihm peinlich, von ihr beim Starren ertappt worden zu sein. Er versuchte finster dreinzublicken, aber es gelang ihm nicht ganz, seine Verlegenheit zu verbergen. Als er Roanas Blick sah, hob er abwehrend die Hände. »Verschone mich mit deinen Moralpredigten.«
»Wie käme ich dazu, mein Herr.«
Rafael seufzte tief. »Du denkst, ich sei ein lausiger Ersatz für Gandar, nicht wahr? Zu zögerlich in meinen Entscheidungen.«
Roana schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Du bist besonnen, nicht zögerlich.«
»Herrgott noch mal, ich bin der Sohn eines Herzogs und der Graf von Rodéna, ach ja, und Malik al Maut bin ich doch eigentlich auch noch, wie kann es mir da misslingen, uns Einlass in ein verdammtes Kloster zu verschaffen?«
»Oh, komm schon Rafael. Lass dir von einer Betschwester nicht den Tag verderben. Vermutlich hätten sie ihren eigenen König abgewiesen, einfach, weil er ein Mann ist.«
»Nein«, brummte Rafael. »Da steckt etwas anderes dahinter. Ich habe mich umgehört. Nur die Nonnen leben in Klausur. Im Haus des Abtes werden durchaus Gäste empfangen. Es wäre die Pflicht der Schwester gewesen, uns dort zu melden.«
»Du hättest Gandars Siegelring nehmen sollen«, ließ sich Ahmad vernehmen.
»Der Herzog von Rodi hat in diesem Land keinerlei Befugnisse«, sagte Rafael. »Obendrein war Gandar den Leuten hier fremd. Warum sollten sie ihm mehr Gehorsam entgegenbringen als ihrem eigenen Herrn?«
Ahmad schüttelte den Kopf. »Du würdest dich wundern …«
Darauf wusste Rafael nichts zu sagen.
Zu seiner Rechten splitterte Holz, gefolgt von einem Prasseln und Knacken. Roanas und Ahmads Köpfe wandten sich beinahe gleichzeitig dem Wald zu. Die Baumwipfel gerieten in Bewegung. Ein Schwarm Krähen stieg auf und zog krächzend davon. Für einen Moment wünschte Rafael sich nichts sehnlicher als einen Bogen, um die hämisch kichernden Gesellen vom Himmel zu holen. Was ihm vermutlich nichts als seltsame Blicke seiner Gefährten eingetragen hätte.
Der Karrenweg schlängelte sich einen Hang hinunter und machte eine Biegung, die ihn näher an die Nidder heranführte. Das Wasser floss träge zwischen reifbedeckten Steinen dahin. Niederhängende Grashalme wehten in der Strömung und zwischen den Schilfstängeln am Ufer hingen dünne Eiskrusten.
Rafael versuchte, sich einen Plan zurechtzulegen, aber davon wurde er müde. Je müder er wurde, desto klarer nahm er alles wahr, unterschied eins vom andern. Er sah, wie ihm Roana und Ahmad verstohlene Seitenblicke zuwarfen, und er sah, wie ihre Augen auswichen, sobald er zu ihnen hinsah. Sie erwarteten von ihm, dass er ihnen sagte, was zu tun war. Aber zum ersten Mal in seinem Leben wusste er es nicht.

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