Tagebuch eines Traumwandlers (2)

In dem Moment, als er seine Feder auf das weiße Papier legte und die Tinte anfing wie schwarzes Blut aus der Spitze zu rinnen, hörte er, wie sie sich aus dem Bett erhob und in ihre pinkfarbenen Plüsch-Pantoffeln schlüpfte. Die Geräusche ihrer Schritte, die sie bis ins Bad verfolgten, verrieten ihre Laune und als sie ins Wohnzimmer kam, wo er am Schreibtisch saß, erblickte er ihre Augenringe. Er könnte schwören, sie hatten sich in den letzten Wochen um ein Vielfaches verschlimmert. Einen Augenblick lang wartete er auf eine Reaktion ihrerseits, aber ihre Hand fuhr nur durch ihr langes braunes Haar. Sie warf es zurück und schlenderte dann in die Küche. Die Augen beider trafen sich nicht.


Zu spät bemerkte er, dass sein Blatt Papier die ganze Zeit über seiner Feder die Tinte aus der Patrone saugte, die einen dementsprechend großen, schwarzen Fleck hinterließ. Leise schimpfte er vor sich hin und probierte das ganze noch mit einem Stück Löschpapier so gut wie möglich zu retten, was aber nur sehr bedingt gelang. Er riss das Stück Papier auseinander, beförderte es sogleich in den Abfalleimer und folgte ihr in die Küche.
Blauer Dunst schwebte über dem Tisch und vermischte sich auf halbem Wege zur Decke mit dem heißen Dampf ihres Kaffees. Einen Moment lang zögerte er, dann drückte er die Taste, ließ das braune Gold in die Tasse fließen und setzte sich an die andere Seite des Tisches. Ihre Zigarette zischte leise, wenn sie daran zog.

Minuten des Schweigens vergingen und er versuchte vergeblich irgendein besonderes Merkmal in ihrem Antlitz zu erkennen, das auf die Bereitschaft für ein Gespräch hingewiesen hätte. Die Glut der Zigarette knisterte, als sie den Stummel ausdrückte. Schließlich erhob sie sich vom Tisch, schlürfte den letzten Rest ihres Kaffees, legte die Tasse in das Abwaschbecken und machte sich auf den Weg in das Badezimmer. In regelmäßigen Abständen nahm er den Klang ihres Haarsprays wahr, wie sich dieser auf ihrem langem Haar verteilte. Einen Augenblick später stand sie vor ihm, wunderschön wie sie war, und die Worte, die sie ohne jegliche Emotionen aussprach, trafen ihn wie ein Messerstich ins Herz: „Könnte später werden heute.“. „Bei mir leider auch.“, erwiderte er. Anschließend nahm sie ihre Packung Zigaretten vom Tisch, griff nach ihrem schönsten Mantel und trat mit einem leisen „Ciao.“ aus der Wohnungstür. Er stellte sich ans Fenster und wartete bis sie die Straße betrat. Vor der Tür wartete bereits der schwarze BMW.




Das neue Stück Papier konnte es kaum erwarten beschrieben zu werden, doch er fand die richtigen Worte nicht. In seinen Gedanken saß er auf der beheizbaren Lederrückbank des BMW und dennoch war es ihm unmöglich nur eine Sekunde aufhören zu zittern. Er blickte nach vorn, wo der Lenker seiner Beifahrerin die Hand in den Schoß legte und als er es verhindern wollte, hinderte ihn sein Gurt, der sich keinen Zentimeter bewegen ließ. Seine Hand wischte über das müde Gesicht, vielleicht sollte er sich noch eine Weile hinlegen, schließlich wusste er den genauen Zeitplan des Abends nie, seitdem die Veranstalter bemerkt haben, dass der Begriff „Open-End“ ihnen maximalen Gewinn einbrachte.
Er schloss also seine Augen und versuchte so gut wie möglich nicht an sie zu denken. Doch da war er bereits am Weg in den Alptraum und wünschte sich, er wäre nicht eingeschlafen.

Gefesselt auf der Rückbank musste er zusehen, wie der Fahrer seine Hand in ihren Rock gleiten ließ und sie ihre Sitzlehne immer mehr nach hinten verstellte. Der Kopf des Fahrers drehte sich zu ihm und hinter seiner Sonnenbrille sah er feine Funken in den gierigen Augen des Mannes. Zufrieden grinste dieser und blickte wieder auf die Straße, um dann auf einem einsamen Parkplatz am Waldrand anzuhalten. Der Beifahrersitz war nun fast in der Liegeposition und sie fing an die Knöpfe ihrer Bluse nacheinander zu öffnen. Seine zweite Hand fuhr an ihrem nackten Oberkörper entlang, wanderte zu ihrer Wirbelsäule und löste mit einem Griff die Spannung ihres Busenhalters. Seine Lippen berührten nun ihre Brust und hie und da ließ er seine gespaltene Zunge, die der einer Schlange glich, langsam um ihre erregten Nippel kreisen, was sie mit einem intensiven Aufstöhnen erwiderte. Ihre Hände griffen nach seinem breiten Ledergürtel. Die Spannung, die auf diesem Gürtel lag, war unverkennbar und als er sich löste und sie den Reißverschluss herunterzog, kam ein monströses Stück zum Vorschein. Er versuchte sich zu lösen und zu schreien, doch seine Arme hatten keine Kraft und sein Rachen keine Stimme. Sie fragte ihn ob er es auf der Rückbank machen möchte und der Blick des Unbekannten traf ihn erneut. Seine muskulösen Hände lösten den Gurt der Rückbank, öffneten eine der hinteren Türen und beförderten ihn ins Äußere, wo statt hartem Boden eine Grube wartete, in der ein mächtiges Feuer loderte. Der Fahrer sah noch zu, wie der Körper binnen Sekunden zu Asche verbrannte, bevor der er sich ihr wieder zuwandte und dort weitermachte, wo sie aufgehört hatten.


Schweißgetränkt fand er sich im Bett wieder. Sein Blick flog auf die Uhr an der Wand und da bemerkte er, wie lange er geschlafen hatte. Er warf ein Blick auf sein Handy und fand 18 Anrufe in Abwesenheit und 3 SMS. - „Alter wo bist du?“, „Schau doch auf dein Handy, du Penner!“, „Bist du grad am wichsen, oder was treibst du so lang...verdammte Scheiße!?!?“ - In weniger als 10 Minuten zog er sich an und packte seine Sachen in seinen Transporter. Mit weit überhöhter Geschwindigkeit raste er durch die Stadt zum Veranstaltungsort und schaffte es gerade noch zum Sound-Check. Die Mitglieder der Band glotzten ihn an, stellten aber keine weiteren Fragen. Man sah ihm seine Erschöpfung an.

Nachdem sie zwei Nummern angespielt hatten, verzogen sie sich in den Backstage-Bereich wo sie eine gut aussehende junge Dame mit reichlich Drinks und kleinen Snacks versorgte.
„Du hast es ja gerade noch geschafft, Alter....“ sagte der Drummer der Band, „Wasn los? Wieder Stress mit der Alten?“ fügte der Bassist hinzu.
Sein Schweigen ersparte ihm die Antwort. Die Band hatte ihn ja schon oft ziemlich fertig erlebt, doch der Anblick, den sie gerade vernahmen, ließ noch Schlimmeres vermuten.
„Wie lange spielen wir heute?“, fragte er. Die Blicke wanderten umher, als ob jeder Einzelne in diesem Moment Angst hatte etwas Falsches zu sagen. „Naja, angekündigt sind wir für 22:30, die Setlist plus Zugaben und danach noch der Autogrammstand. Haben also noch eine lange Nacht vor uns, Freunde!“ erwiderte der Gitarrist, der sich verpflichtet fühlte, auch mal ans Wort zu kommen und hob seine Flasche um mit den anderen anzustoßen.
Langsam geriet der Traum in Vergessenheit und seine Stimmung hob sich mit jeder einzelnen Sekunde. Kurz vor ihrem Auftritt fing er an sich aufzuwärmen, er ging nochmal die Texte jedes einzelnen Liedes durch und sang einige Tonleitern auf und ab. Dann wurden sie mit großem Applaus auf die Bühne gebeten. Sie waren als „Special Guests“ angekündigt worden, doch Insider wussten, dass sie es waren, die gleich die Bühnen rocken würden.


Als sie die Bühne betraten, staunten sie, wie viele Leute zu ihrem Konzert gekommen waren. Jeder von ihnen ging auf seinen Platz, der Gitarrist und der Bassist stimmten noch schnell ihre Instrumente und aus den Boxen vernahm man ein lautes „Check! Check!“. Er war überwältigt. Gleich würden sie einen Auftritt abliefern, den keiner mehr so schnell vergaß.

Jemand wird von der Mitte Richtung Ausgang gezerrt und als er deutlicher hinsieht, sieht er sie und den Fahrer des schwarzen BMW.
Er ruft ihren Namen durch das Mikrofon, doch da ist sie schon bei der Tür hinaus.
Die Zuschauer jubeln und rechnen mit einem neuen Lied. Der Applaus wird immer lauter und die Menschenmenge kann es kaum noch erwarten. Die Lichter gehen aus und man vernimmt den Auftakt des Schlagzeugers...

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    Sehr schön, dein Stil gefällt mir! Eine richtige Musiker Geschuchte. Freu mich auf mehr!

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