Tanz einer scheidenden Welt

 

Wie das kurze Leben eines Tropfen flüssigen Glases, der zunächst glühend heiß von den tödlichen Schlingen des Lärms metallener Walzen eingelullt auf einem Bett flüssigen Zinns hinüberdämmert und erfriert, spannte sich auch das Himmelszeit aus matt schwarzem Pappkarton über die Felder des Nichts. Unregelmäßig ließen winzig kleine Lichtpunkte, wie von einer Nadel in die Oberfläche der Kuppel gestochen, den schon surreal anmutenden Glanz eines weit entfernten Glücks punktuell in die Dunkelheit sickern, bevor er schon bald wieder von der Nacht verschlungen wurde.

Es war, als hätte sich die Zeit von ihrem irdischen Mühsal befreit und nun nur noch die Ewigkeit als Dirigentin dieser Welt in ihrem einsamen Schicksal zurückgelassen, die so verurteilt begonnen hatte, in die letzten Räume der Realität zu sickern. So, wie klebrig grauer Beton mit schlurfend-schmatzenden Bewegungen das Erdreich in sich aufsaugt, um zu dem Fundament eines kargen Wohnblocks zu erstarren.

So kam es, dass das Himmelsgebilde so unglaublich zerbrechlich über dem Nichts thronte. Man müsste nur die Hand heben, die Fingerkuppe sanft ins Zentrum der himmelsgleichen Kuppel legen und schon würden sich abertausende von Risse über das Himmelszelt ziehen, wie sich Rost durch ein altes Eisenrohr frisst, bevor das instabile Gerüst in sich zusammenbrechen würde. Ob die Trümmer des Sternenhimmels alles unter sich begraben oder in ihrem Fall zu silbrig glitzerndem Staub zerfallen würden, der sich entweder mit seinem giftigen Schleier über die Welt legen und somit selbst die Leere töten oder eben dieser zu neuer Schönheit verhelfen könnte, war hingegen ungewiss. So ging das Verschwinden der Zeit auch mit einem scheiden der Logik, der Verabschiedung der Rationalität einher und nahm so die Regeln mit sich.

 

Doch ließ man diesen so scheinbar ausgeblichen Abdruck einer Welt nicht beiseite fallen auf der eigenen Suche nach einem neuen Gefäß der Realität, so ließ sich in Mitten des Nichts ein Wesen erkennen. Ein weißer Schatten, der Nacht zum Trotz, vollführte Bewegungen, die der weis bedachten Stärke eines Panthers glichen und dennoch fragiler waren als ein Weinglas gefüllt mit dem pochenden Herzschlag der Liebenden. Eine ewige Choreographie, deren Schritte sich nie zu wiederholen schienen und fremd waren von allem unserer Welt, gleichzeitig aber eine beinahe beängstigende Vertrautheit in das Herz des Beobachters pflanzten.

Einen Sprung nach links, machte sich das Wesen klein, dann wieder entfaltete es seine Größe. Schien manchmal zu schweben, während seine Bewegungen im nächsten Moment den tapsig-taumelnden Schritten eines Kleinkindes glichen, bevor sie wiederum den Charakter eines Raubtieres zu tragen begannen. Ein pausenloser Tanz, der seine Kraft alleinig aus der Ewigkeit zu schöpfen schien. Dabei scheinbar unbegrenzt in Raum und Dimensionen der Ewigkeit, die er durchzog.

 

Und dennoch hielt das Wesen, irgendwann – nach einem, nach zehn, nach aberbillionen von Schritten - plötzlich inne, wie auf einen Befehl, den nur es selbst vernehmen konnte und verharrte für einen Moment, bevor es sich in einem letzten Tanzschritt, dem Ende seiner für die Ewigkeit bestimmten Choreographie gen Himmel streckte und der nächtlichen Kuppel einen sanften Stoß versetzte.

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