Teil 4 - Drei Reihen 1/2

»Weswegen reiten wir in dieses verfluchte Land? Was fordert dieser thulenische Wolf diesmal?«
Anstatt direkt zu antworten, klangen dessen verbalen Auswürfe eher einem Knurren. Er kannte seinen Begleiter jedoch schon lange genug, um auch seinem Gebelle verständliche Laute zu entnehmen, und so setzte er sich die Worte in Gedanken so zurecht, wie er glaubte, sie seien sinngemäß. »Der Oberhexe verlangt es nach frischen Arbeitern ...« Sein Blick wurde lüstern. »... und Titten«, fügte er an. Frivolerweise fuhr seine Zunge über die Lippen, um anzuzeigen, dass er selber wohl vorhabe, an derer Hand anzulegen.
»Und diese finden wir ausgerechnet in diesem Land? In Skucia und Tostana gibt es mehr als genug davon. Die blaue Schlampe kann sich von dort so viele Titten und meinetwegen auch Schwänze besorgen, wie sie will. Was ist an diesem beschissenen Ort so besonders? Lecken und Lutschen ist und bleibt überall das gleiche.«
»Bei meinen Eiern, die Blauen zahlen gut.« Angewidert verzog er das Gesicht und rümpfte die knorrige Nase. Er grunzte wie ein verreckendes Schwein, als er aus den Tiefen seiner Eingeweide den Rotz hervorzog und seitlich ausspie. »Ich frage nicht wer oder wie viele. Münzen füllen unsere Beutel und diese unsere Bäuche.«
»Aber ...«
»Halt endlich das Maul. Hier gibt es nicht genug, von dem, was wir suchen. Das Land danach ist unser Ziel und jetzt reite.«
Broknar peitschte die Zügel und trat seinem Rappen in die Flanken.
Seinem Stellvertreter schien dessen Verhalten suspekt und vermutete mehr hinter seinen Worten, als er bereit war preiszugeben. Erst dieses verfluchte stück Land, dann die hohen Ebenen danach?
Der Wolf kam selten selbst und wenn, dann entstammten die Aufträge ausnahmslos derer ›göttlichen Herrscherin‹. Wenn dem so war, entsandte sie stets ihr oberstes Gefolge. Den blauen Hünen begleiteten unentwegt gewaltige silbrig schimmernde Wölfe und mindestens zwei Scharen bis an die Zähne Bewaffnete. Sie nannten diese Tiere Scrawt, was in der Sprache des Landes am ehesten mit Nordhund oder Eiswolf zu übersetzen war.
Vermutlich sollten sie anstatt Frischfleisch irgendwelche zusätzlichen Informationen einholen, die auf direktem Wege nicht oder nur unzureichend in Chokvals, ihrer Hauptstadt, eintrafen.
Wer weiß, was die Zukunft brachte. Er wollte schon immer einmal das Land hinter dem Land erkunden, zu welchem sie ausritten. Es hieße das dieses einst auf dem Landweg von zwei Bollwerken geschützt und flankiert wurde. Eines dieser könnte sich als heimeliges Heim herausstellen. Ein Schmunzeln stahl sich um seine Mundwinkel, winkte mit der Rechten ausladend voraus und ritt an.
Hinter ihm flatterte ihr Banner im Wind. Es zog und riss an der verzierten Standarte, welche sie vor geschlagenen vier Jahren einsam und verlassen in einem halb verschütteten Kellergewölbe der alten Grenzfestung zu Tostana und Skucia vorfanden. Einst hielten dort die Soldaten des Gefallenen ›Falken‹ Wache und bewachten den passierbaren Weg zwischen den Bergkämmen.
Ein Greifvogel in gräulichen Farben bestickt, zierte ein verschlissenes nahezu nachtschwarzes Tuch. Auch wenn es ihr einziges tragbares Banner war, fühlte sich für die Pflege dessen niemand verantwortlich. Stockflecken, Schmutz und gezogene Fäden kämpften auf diesem wehendem Stück Stoff um die Vorherrschaft. Verstörend hingegen wirkte vielmehr ein Schwert, welches versinnbildlicht in der Brust des Wappentieres steckte. Eine Charakterisierung für all jene, die noch immer an längst vergangene Zeiten festhielten und die Ächtung der Zeit erfuhren, sollten sie das Transparent erblicken.
Die einst glorreiche Epoche des Wohlstandes und Friedens war mit dem Großkönig verfallen und mit ihm seine aufrichtigen Taten.
Tauris war sich seiner gewiss. Die handverlesenen vier Scharen hinter ihm erfreuten sich über jedwede Münze und jedes Gut, welches sie erbeuteten und plünderten. Broknar sorgte für ihr leibliches Wohl und hinreichend Abwechslung. Hörig hingegen blieben sie ausschließlich ihm, weswegen er bei sämtlichen Ausritten das Gefolge eigenst auswählte. Ihr Anführer schien ein Narr.
»Folgen wir ihm auch wieder zurück oder werden wir eigenständig«, erkundigte sich ein nahender, der seine Gesichtszüge richtig zu deuten wusste.
»Wir werden sehen, mein Freund.«

Oberhalb der Hügelkuppe, welche die alte Klippenfestung vor Blicken landeinwärts schützte, erschien ein Reiter im Schutze der Baumgrenze. Er verharrte und versuchte unscheinbar zu wirken.
Nachdem die Sonne endlich ihre wärmenden Strahlen entsandte und diesen unsäglichen Nebel vertrieb, blieb Beobachtern in höheren Lagen der Burg ein beträchtlicher Blick gewährt. Von der obersten Plattform aus erhaschte man nicht nur eine traumhafte wie weitreichende Aussicht auf das Meer, ein geübtes Auge vermochte bis zu den Ausläufern des Hains schauen.
Der Späher machte sich nicht einmal die Mühe sich verbergen zu wollen. Er saß auf dem Rücken seines Pferdes und sah hinüber auf geschäftiges Treiben.
Scheinbar wahllos standen kleine eiligst zusammengeschusterte Hütten umher. Nahe der Burg, die aufgrund ihrer stolzen Mauern auch als Festung beurteilt werden konnte, reihten sich Handwerksbetriebe und sorgfältig gezimmerte Wohnhäuser.
An der einst zerfallenen Anlage wurde emsig gebaut und wieder errichtet. Das Umland bot ausreichend Platz und Heim für viele.
Der Reiter hob einen Arm und wendete sein Pferd.
»Lange werden wir unser Vorhaben hier nicht mehr verbergen können«, stellte ein hochgewachsener mit knorrigen Muskeln bepackter Soldat fest.
Beinahe zwei Schritt bemaß seine Statur. Kräftige Muskulatur zeichnete sich unter seinem ledernen Harnisch ab. Mit seinen breiten Schultern und Oberarmen, wie ein trainierter Mann Oberschenkel, musste dieser in der Lage gewesen sein, hingegen aller Vernunft, sein eigenes Pferd zu tragen.
Er hielt die Daumen hinter seiner Gürtelschnalle geklemmt und deutete mit seinem kantigen Kinn in des Spähers Richtung.
»Kaum das die Sonne lacht, scheinen alle aus den Löchern zu kriechen«, erwiderte ein anderer und zeigte, kaum das der Erste ihnen den Rücken kehrte, mit einem beidseitig geschliffenen Dolch, nach Westen.
Ersterer schnaubte, verzog die Brauen und lehnte sich wissend mit den Handflächen gegen die erst kürzlich wieder instand gesetzte Brüstung. »Rasch, geb Veyed bescheid. Späher im vollen Galopp aus Westen.«
Ohne weiterer Aufforderung schwenkte der Zweite herum und verließ seinen Posten.

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