Teil I - Prolog

Mein Leben hatte sich auf einen Schlag verändert. Immer wieder trugen mich meine Füße dorthin, wo ich eigentlich nicht sein wollte. Jedes Mal, wenn ich mich in der Gegend befand, wurde mein Körper wie von seidenen Fäden gelenkt, sodass ich keinerlei Kontrolle darüber hatte, was ich tat oder tun würde. Eigentlich könnte ich ins Haus hineingehen, doch das hatte ich lange nicht mehr getan. Meine Schlüssel hielt ich noch bei mir, genauso wie ich mir den Eingabecode für die Garage noch gemerkt hatte. So, als sei alles wie früher - was leider überhaupt nicht der Fall war. Oft erinnerte ich mich an den Tag zurück, als ich, in tiefer Nacht, die Haustür aufgesperrt hatte, wobei ich sorgfältig darauf geachtet habe, nicht zu viel mit dem Schlüssel zu klappern. Ich war ins Haus eingetreten, genauso wie früher. Doch alle Zimmer waren verlassen, es lag Staub in der Luft, und es war kalt. Eisig kalt. Genauso kalt wie in der Nacht, als sich mein ganzes Leben verändert hatte. Ich versuchte, nicht an den Abend zurückzudenken, als mein Lebenslauf eine dramatische und schmerzhafte Wendung nahm. Der Abend, an dem mir die drei Menschen, die mir am nächsten gestanden und am meisten bedeutet hatten, aus dem Leben gerissen wurden. Aus meinem unsinnigen, beschissenen Leben. Ich weiß noch ganz genau, dass damals alle Emotionen über mich hereingebrochen waren: Wut, Trauer, Schmerz, Angst, sogar für einen kleinen Augenblick Erleichterung. Erleichterung, dass ich es ihnen endlich gesagt hatte. Wut, weil sie nicht so darauf reagiert hatten, wie ich gehofft hatte. Angst, weil ich nicht wusste wohin. Trauer, weil ich mir sicher war, sie für immer verloren zu haben. Schmerz, als ich sah, wie das Auto vom Lastwagen herumgerissen und durch die Luft geschleudert wurde.
Meine Mutter, mein Vater und mein ein Jahr jüngerer Bruder waren mir alle auf einmal genommen worden, und das nur, weil ich mich in dem dämlichen Cafe nicht hatte benehmen können. Hätte ich nicht so herumgeschrien, ihnen Vorwürfe gemacht. Wäre ich nicht so egoistisch gewesen. Nicht so dumm und weggelaufen. Wäre ich nur mit ihnen in unser verdammte Auto gestiegen! Mit ihnen nach Hause gefahren. Dann wären sie jetzt wahrscheinlich noch hier, wir würden lachend auf den Sofas herumlümmeln und uns irgendwelche idiotische Sendungen im Fernsehen ansehen, nur um uns die Zeit zu vertreiben. Alles, was passiert war, war meine Schuld. Es ging alles auf mein Konto, das wusste ich auch. Und das war auch der Grund, weshalb ich nicht bei meiner Familie bleiben konnte. Ich hatte ihnen schon genügend Schmerzen zugefügt, da brauchten sie mich nicht noch als jammernde Last auf ihren Schultern herumzutragen. Es war besser so. Sie waren ohne mich besser dran.
Nicht mal zur Beerdigung war ich aufgetaucht. Nicht einmal das Grab hatte ich besucht – das Risiko, dass eines meiner anderen Familienmitglieder da sei, war zu groß, und ich wollte nichts aufs Spiel setzen. Vielleicht war es besser, meine restliche Familie im Glauben zu lassen, ich sei tot. Das war besser für alle Beteiligten. Der Tod meines Bruders und meiner Eltern lag gerade mal eine Woche zurück, doch es fühlte sich an wie Monate, wenn nicht sogar Jahre. Mein Leben war seitdem nicht besser geworden - im Gegenteil. So merkwürdig es auch klingen mag, aber ich lebte im Wald. Hier, wo ich großgezogen worden war, existierten keine gefährlichen Tiere, weshalb ich mir auch keine Sorgen machen musste. Natürlich war ich bereits dem ein oder anderen Fuchs, Wildschwein oder Dachs begegnet, doch meistens hauten die ab, bevor ich in ihre Nähe kommen konnte. Waschen tat ich an einer Quelle, wo ich mir sicher war, dass das Wasser sauber war, sodass ich nicht krank wurde. Natürlich kamen mir immer wieder Fragen in den Kopf: was, wenn ich doch krank wurde? Was machte ich, wenn ich meine Tage hatte? Ich hatte keine Ahnung, wie ich es bis jetzt ausgehalten hatte – es war ziemlich kalt und ich hatte nur wenig Verpflegung mitgenommen, sodass die vergangenen sieben Tage mehr als nur unangenehm vorübergegangen waren. Mein Handy konnte ich auch nicht mehr nutzen, schließlich gab es im Wald nirgends Stecker. Und es war auch zu riskant, denn mithilfe technischer Mittel hätte die Polizei es bestimmt geschafft, mich zu orten. Somit war ich relativ einsam, aber das nahm ich als Strafe für das auf, was ich getan hatte. Ich verdiente es nicht, glücklich zu sein. Wäre ich doch nur mutig genug, mich auf der Stelle, jetzt sofort, umzubringen! Dann würden sie irgendwann meine Leiche finden, ob verstümmelt oder nicht. Es kümmerte mich nicht mehr! Mein Leben war Dreck. Womit hatte ich das verdient? War ich wirklich ein derartig schlechter Mensch, dass ich kein schönes Leben verdient hatte? Und das alles nur, weil ich lesbisch war.

Wie bereits erwähnt, alles fing in dieser regnerischen Oktobernacht an. Wir, das heißt mein Bruder Ben, meine Eltern und ich, saßen in einem Café in unserem bescheidenen Dorf, und eigentlich war es auch toll. Wir lachten, mein Vater erzählte Witze, und wie immer machten wir uns darüber lustig, dass Ben immer rot anlief, wenn er versuchte, sein Lachen zu unterdrücken. Zwar war er bereits sechzehn, und dennoch erinnerte er mich jedes Mal an das kleine, rosa Wesen das mich aus dem Kinderbettchen aus anlachte. Damals hatte ich gedacht, dass mein Leben perfekt sein würde, denn wie konnte diesem niedlichen Jungen etwas passieren? Ich war seine große Schwester und kümmerte mich so gut es ging um ihn. Bei der Erinnerung stiegen mir Tränen in die Augen und ich musste meinen Blick von unserem leeren Haus abwenden, um nicht laut in Tränen auszubrechen. Meine zum Teil eingerissenen Nägel bohrten sich schmerzhaft in meine kalten Handflächen, doch ich ignorierte den stechenden Schmerz. Vielleicht war das auch etwas, das ich verdiente. Wobei körperliche Schmerzen definitiv besser auszuhalten waren als seelische.
Eine kalte Brise wirbelte einige Blätter auf der Straße auf und eine Gänsehaut überkam mich. Ich fror und verschränkte schützend beide Arme vor meiner Brust. So konnte es nicht weitergehen. Ich brauchte unbedingt eine Decke, wenn ich nicht einen qualvollen Erfrierungstod erleiden wollte. Ich atmete kaum hörbar aus und straffte die Schultern. Entschlossenen Schrittes ging ich auf die Haustür zu, welche ich mit zittrigen Fingern aufsperrte. Fünf Tage war ich hier nicht mehr aufgetaucht, jedenfalls war ich in der Zeit nicht ins Haus gegangen. Zu viele Erinnerungen.

Als die Tür endlich mit einem Knarren aufging, zuckte ich erschrocken zusammen. Niemand der Nachbarn sollte mich bemerken! Doch darum musste ich mir keine Sorgen machen. So wie ich die kannte, lagen die längst im Bett und schlummerten fröhlich. Ob sie wohl auch auf der Beerdigung gewesen waren? Dachten sie auch manchmal an mich? Kopfschüttelnd schloss ich die Tür hinter mir. Der Eingangsbereich war in komplette Dunkelheit getaucht, daher ging ich ins Wohnzimmer, in dem der gedämmte Schein der Straßenlaternen herrschte. Alles war noch genauso wie vorher. Zwar war es, als sei ich in eine Geisterstadt eingetaucht, doch alle Möbel standen noch am gleichen Platz. Zwar war es etwas staubig, doch das vertraute Gefühl überkam mich wieder, was jedoch gleich wieder verschwand. Hier sollte ich jetzt sein, mit meiner Familie, an einem netten Abend vor dem Fernseher oder einem Gesellschaftsspiel. Mein Blick fiel auf das Gesellschaftsspiel Die Siedler von Catan, welches wir alle geliebt hatten. Was hatten wir früher bei dem Spiel gelacht und uns amüsiert! Doch diese Zeit war endgültig vorbei. Ich hatte sie beendet. Mühsam wandte ich meinen Blick vom Spiel ab, nur damit ich ein Foto anstarrte, auf dem Ben und ich uns lächelnd umarmten. Diese Jenna auf dem Foto hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der Jenna von heute: ich wäre beinahe erschrocken, als ich mein Spiegelbild erblickte. Die Jenna auf dem Foto strahlte, ihre braunen Locken hingen ihr über die Schultern und umrahmten ein gebräuntes, von Sommersprossen geprägtes Gesicht. Ihre mit Wimperntusche geschminkten Wimpern warfen Schatten auf ihre Wangenknochen, welche in einem zarten Rotton schimmerten. Ihre Augen schienen vor Freude zu strahlen, und sie zeigte ihre weißen Zähne. Die Jenna im Spiegel sah ganz anders aus. Ihre Haare hingen wie Fetzen an ihr herab, und obwohl sie nur eine Woche weg gewesen war, sah sie aus, als hätte sie sich im Schlamm gesuhlt. Teilweise waren Strähnen von Dreck verklebt, und lose Blätter hatten sich in ihren buschigen, nun zerzausten Haaren verfangen. Ihre Zähne wollte sie gar nicht sehen, sie hatte sie nicht putzen können. Wie auch? Es war ja nicht so, als hätte sie noch schnell eine Zahnbürste eingepackt. Und ehrlich gesagt, hatte sie dazu auch keine Gedanken gehabt - ständig schwirrten andere Dinge in ihrem Kopf herum, sodass sie es glatt vergessen hatte. Ihre Augen leuchteten nicht mehr, sondern waren matt und eingefallen.
Seufzend wandte ich mich von meinem Spiegelbild ab. Ich musste dringend etwas dagegen unternehmen. Entschlossen ging ich die Treppe hoch und versuchte dabei, keine Dreckspur zu hinterlassen. Müde ging ich ins Badezimmer und sah mich um. Auch hier war noch alles wie immer. So als sei nichts geschehen. Wahrscheinlich hatten Arbeiter das Wasser bereits abgestellt, doch einen Versuch war es wert. Ich hatte Glück! Zum ersten Mal seit einer scheinbaren Ewigkeit stand Fortuna auf meiner Seite. Obwohl mir etwas unwohl bei der ganzen Sache war, ließ ich trotzdem heißes Wasser in die Badewanne einlaufen. Es war zwar in meinen Augen etwas riskant, doch das war mir egal. Wieso war ich eigentlich so besorgt? Schließlich war niemand hier, der meine Anwesenheit hätte bemerken können. Ich war allein. Mit einem Seufzer ließ ich mich ins heiße Wasser gleiten, und für einen Moment fühlte es sich an, als würden alle meine Sorgen von meinem Körper gespült werden. So als sei ich frei. Was natürlich alles andere als der Fall war. Schnell schnappte ich mir einen Lappen und tunkte ihn ins dampfende Badewasser ein. Sofort wusch ich den Schmutz von meiner Haut, wobei sich ein wenig Schlamm schon verkrustet hatte. Zum Glück ließ er sich leicht lösen. Nachdem ich auch meine Haare vom Dreck befreit hatte, trocknete ich mich rasch ab. Je schneller ich hier wegkam, desto besser. Mir wurde immer unwohler, und ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Ob aus Hunger oder Angst war mir schleierhaft, doch das kümmerte mich nicht. Ich lief schnell in mein Zimmer, um mir eine Reisetasche zu schnappen. Schnell fand ich diese und stopfte sie mit allen wichtigen Dingen voll: frische Kleidung, Zahnbürste und Zahnpasta, Bürste, Damenbinden, eine kuschelige Wolldecke, zwei Handtücher, etwas Geld, etwas Seife - wobei ich bezweifelte, dass ich sie jemals benötigen würde. Schließlich wollte ich nicht auch noch die Umwelt zerstören. Wäre doch ein toller Spruch um in meinen Grabstein eingemeißelt zu werden:

Hier liegt Jenna Kaiser, Mörderin ihrer Eltern, Mörderin ihres Bruders, Zerstörerin der Umwelt.

Vielleicht doch nicht so toll. Ich überlegte, ob ich nicht auch noch ein oder zwei Fotos mitnehmen sollte, entschied mich im Endeffekt aber dagegen. Ich schwelgte ohnehin schon zu viel in der Vergangenheit, und das konnte ich nicht gebrauchen. Nicht, wo es um mein Überleben ging. Natürlich konnte ich es mir deutlich einfacher machen, indem ich einfach zu einem Familienmitglied rannte und dem das Leben zur Hölle machen. Doch das stand nicht zur Diskussion. Niemals würde ich das freiwillig machen, und keine hundert Pferde würden mich vor die Haustür meiner Patentante zerren. Schnell sah ich noch einmal nach, ob ich auch alles eingepackt hatte. Sollte ich vielleicht mehr Geld mitnehmen? Ich wusste ja nicht, wofür ich es gebrauchen könnte. Entschlossen riss ich eine Schublade im Zimmer meines Bruders auf und zog einen jämmerlichen, zerrissenen Fünf-Euro-Schein aus seinem Portemonnaie. Naja, besser als gar nichts. Im Zimmer meiner Eltern wurde ich etwas mehr fündig, was mich enorm erleichterte. Ich entdeckte außerdem die Kreditkarten, doch die ließ ich liegen und schenkte ihnen kaum Beachtung. Selbst wenn ich die Codes kennen würde, wären sie mir wahrscheinlich kaum von Nutzen. Mit Sicherheit waren die Konten bereits gesperrt. Schnell schnappte ich mir noch ein paar Medikamente, falls es mir irgendwann schlecht gehen würde. Und egal wie negativ das Leben auch sein konnte, Vorsorge war immer noch besser als Nachsorge.

Obwohl ich mich anfangs dagegen entschieden hatte, ging ich nochmals in mein Zimmer, nahm eine Taschenlampe und leuchtete umher. Es wirkte völlig unverändert, genauso, wie ich es verlassen hatte, am Tag des Unfalls. Mein Bett war immer noch unordentlich, die Decke hing schief von der Bettkante herunter, sodass sie ein wenig auf dem Boden lag. Meine Kleider waren auf einem Stuhl zerstreut, es war ein Bücherwirrwarr auf meinem Schreibtisch. Zugegeben: ich war nie die Ordnung in Person gewesen, aber das Chaos, in dem ich jetzt lebte, war noch nie da gewesen. Die Filmposter hingen immer noch an den Wänden, genauso wie die Familienfotos. Fröhlich lächelten mich meine Eltern an, Ben, der wegen seines Geburtstagskuchens strahlte. Ich kam nicht umhin, diese kostbaren Erinnerungen einfach hierzulassen. Das konnte ich nicht übers Herz bringen. Schwermütig nahm ich die beiden Fotos und packte sie ebenfalls in meine Tasche. Zeit zu gehen, jetzt. Erneut blickte ich mich um und stellte fest, dass mein Bett einladender wirkte als sonst. Was würde es schon schaden, mich in meinem Bett niederzulassen und morgen das Haus in aller Frühe zu verlassen? Schließlich würde niemand mitten in der Nacht auftauchen. Das klang nach einem Plan. Ich zog schnell meine Kleider aus, warf sie auf den Boden und legte mich, nur in Unterwäsche bekleidet, in mein warmes, kuscheliges Bett. Mein Wecker funktionierte noch, offenbar war die Batterie noch nicht leer. Nachdem ich sichergegangen war, dass er um sechs Uhr morgens klingeln würde, fiel ich in einen tiefen, aber unruhigen Schlaf.

*
»Jenna! Komm jetzt!«
Mit einem Seufzer erhebe ich mich von meinem Stuhl, lege mein aktuelles Lieblingsbuch auf den Schreibtisch und gehe auf Geheiß meiner Mutter nach unten, wo sie, mitsamt meinem Vater und Ben, bereits auf mich warten. Eigentlich habe ich mir, wie so oft schon, vorgenommen, ihnen zu sagen, dass ich homosexuell bin, doch nun haben sie, ohne mich vorher zu fragen, beschlossen, in ein Café zu gehen, wo wir einen netten Abend verbringen sollten. Natürlich habe ich mich gestern vehement dagegen gewehrt, schließlich habe ich andere Pläne, doch davon haben sie nichts wissen wollen. Seufzend folge ich ihnen zum Auto und lasse mich auf einen der Sitze plumpsen. Ben, welcher neben mir sitzt, wirft mir einen fragenden Blick zu, doch ich schüttele kaum merklich den Kopf. Was mir jetzt noch fehlt, ist eine Predigt meiner Mutter. Das will ich mir echt ersparen. Zum Glück scheint Ben zu glauben, es wäre eine meiner Launen, welche sowieso vorübergehen, und dafür bin ich auch relativ dankbar. Soll er glauben, was er will, solange er mich in Ruhe lässt und mich nicht bei unseren Eltern verpetzt.
Wir brauchen ungefähr zehn Minuten, bis wir bei dem Café angekommen sind, und schlechtgelaunt steige ich aus dem Auto. So habe ich mir den Abend definitiv nicht vorgestellt. Dieses Mal habe ich mich auf mein Coming-Out gut vorbereitet, wieder und wieder bin ich meinen Text gestern im Kopf durchgegangen. Zwar steht es in den Sternen, ob ich es heute wirklich getan hätte, doch ich bin deutlich besser vorbereitet gewesen als die letzten Male.
Im Cafe bestellen wir uns das Gleiche wie auch sonst immer: mein Vater ein Bier, meine Mutter einen Espresso, mein Bruder eine Cola und ich ein stinknormales Mineralwasser ohne Gas. Ich hasse diese Bläschen, die einem in der Kehle kribbeln. Nach einigen Minuten kommen wir auf diverse Gesprächsthemen, die mich trotz allem nicht interessieren: Kunst, Sport, die aktuellen Nachrichten, Urlaub. Ich pfeife auf den Urlaub. Noch nie hatte ich es gemocht, mit dem Flieger in die Lüfte zu steigen, über den Wolken zu gleiten, so hoch oben, dass sich einige Menschen frei fühlen. Doch jedes Mal, wenn wir fliegen, fühle ich mich alles andere als frei: ich kralle mich in den Sitz, schwitze am ganzen Körper und muss meine Übelkeit unterdrücken.
Plötzlich kommt ein alter Schulfreund auf mich zu, und ich bin erleichtert, dass ich nicht mehr mit meinen Eltern reden muss, sondern für einen Moment befreit bin. Meine Familie beäugt ihn mit kritischen Blicken, doch entweder bemerkt er diese nicht, oder er ignoriert sie geschickt. Sobald er wieder weg ist, lehnt sich mein Vater zu mir rüber und sagt:
»Der ist schwul, oder?«
Genervt stöhne ich auf. Jedes Mal, wenn ich jemandem zuwinke, ist die erste Frage meiner Eltern, ob dieser Jemand homosexuell ist. Doch in diesem Falle stimmt es: Michael ist tatsächlich schwul, doch mir ist das egal, weil ich ja eh lesbisch bin. Da ich nicht wirklich Lust habe, über dieses leidige Thema in der Öffentlichkeit zu reden, nicke ich nur, woraufhin mein Vater in die Hände klatscht und »Wusste ich's doch!« murmelt.
»Das spielt doch keine Rolle, oder?«, hake ich vorsichtig nach, wobei mir später bewusst wurde, dass ich diese Frage besser nicht gestellt hätte. Doch als ich diese Erkenntnis hatte, war es bereits zu spät.
»Natürlich spielt das eine Rolle!«, zischt meine Mutter. »Das ist gegen Mutter Natur!«
»Du und deine Mutter Natur«, antworte ich, bemüht um einen ruhigen Tonfall. »Es ist doch ganz egal, mit wem man zusammen ist, Hauptsache, es ist die wahre Liebe!«
Meine Eltern rümpfen ihre Nase fast gleichzeitig, woraufhin ich genervt mit den Augen rolle.
»Kommt mir jetzt nicht mit dem Zeug: in der Bibel steht, dass...« Den Rest des Satzes lasse ich offen. Ich selber bin zwar katholisch, was aber nicht heißt, dass ich mit allem einverstanden bin, was in der Bibel steht.
»Ach, sei doch still«, faucht meine Mutter aufgebracht. Das ist ein wichtiger Merksatz für ein harmonisches Leben mit meiner Familie: sei still. Kritisier nicht den christlichen Glauben und du wirst ein friedliches Leben führen können. Dennoch kann ich nicht einfach den Mund halten.
»Es ist bewiesen, dass sogar Tiere homosexuell sein können«, fahre ich trotzig fort. »Und bekanntlich glauben Tiere nicht an einen Gott.«
Meine Mutter öffnet den Mund um etwas zu entgegnen, schließt ihn dann aber wieder, weil sie offenbar nicht weiß, was sie sagen soll. Triumphgefühle überkommen mich, welche allerdings sofort bei ihren nächsten Worten verpuffen.
»Homosexualität ist eine Krankheit.« Sie sagt es in einem dermaßen ruhigen Ton, dass ich ihr am liebsten an die Gurgel gegangen wäre. »Eine Krankheit, gegen die wir vorgehen müssen, um die Betroffenen zu heilen. Es ist eine Krankheit, welche tief im Gehirn festsitzt.«
Ohne es zu merken bin ich aufgesprungen und habe den Stuhl umgestoßen, welcher krachend auf den Boden fällt. Doch es kümmert mich nicht, als mich sämtliche Leute im Café anschauen.
»Halt den Mund!«, schreie ich meine Mutter an und ich bemerke, wie mir dabei Spucke aus dem Mund fliegt, doch es ist mir egal. »Halt den Mund!«
»Jenna, hör auf zu schreien!«, versucht mein Vater mich zu beruhigen, da es ihm offenbar nicht gefällt, von allen Seiten beobachtet zu werden. »Bitte.«
»Nein, Dad!«, entgegne ich mit zornesrotem Gesicht. »Sag ihr, sie soll den Mund halten!« Bei den Worten zeige ich auf meine Mutter.
»Was kümmert es dich denn, was wir über Homosexualität denken?!«, entgegnet meine Mutter, nicht weniger wütend als ich selbst es bin. »Dir kann es doch egal sein!«
»Nein, und genau das ist das Problem! Es kann mir nicht egal sein, wie auch?! Meine Eltern sind gegen Homosexualität, behaupten, es sei eine Krankheit, doch genau das kann und darf mir nicht egal sein!« Meine Stimme ist immer lauter geworden, wobei meine Mutter kreidebleich im Gesicht geworden ist.
»Jenna, bitte sag mir nicht...«
»Doch, Mom! Ich bin lesbisch, ich bin homosexuell!» Ich spucke die Wörter regelrecht hervor, und eine Totenstille macht sich im Café breit. Alle starren auf mich und meine Familie. Ich sehe zu Ben, welcher aussieht, als müsse er sich übergeben. Dieser Anblick versetzt mir einen Stich in mein Herz.
»Und wisst ihr was?«, fahre ich nun leiser fort, allerdings laut genug, dass jeder mich hören kann. »Ich bin nicht die, die eklig ist. Ihr seid die ekelhaftesten Menschen, denen ich je begegnet bin, und ich schäme mich dafür, mit euch verwandt zu sein.«
Ich warte keine Antwort ab, sondern stürme geradewegs aus dem Lokal. Sofort fängt mein Handy an zu klingeln, doch ich beachte es nicht. Wutenbrannt renne ich weiter, die Tränen fließen nur so an meinen Wangen entlang. So als würden sie hinter mir herrufen, höre ich ihre Stimmen leise an meinem Ohr, doch ich drehe mich nicht um. Ich weiß nicht mal, wohin ich gehen soll. Nach Hause? Das ist wahrscheinlich der Ort, an den sie hinfahren werden. Ich habe keine Zeit, um weiter darüber nachzudenken, als ich plötzlich ein lautes Hupen höre, gefolgt vom markerschütternden Quietschen von Autoreifen. Darauf folgt ein lauter Knall, von Blech auf Blech, und ein weiteres Krachen, das in meinen Ohren viel zu lange anhält. Wie in Trance drehe ich mich auf der Stelle um, nur um zu sehen, wie unser Auto mitsamt meinen Eltern und Ben herumgeschleudert wird, bis es schließlich von allen Seiten zertrümmert liegen bleibt. Dann ist alles still, und diese Ruhe werde ich nie in meinem Leben vergessen, als das Auto plötzlich lichterloh in Flammen aufgeht.

*

Mit einem Ruck schrak ich aus dem Schlaf. Mein Bettzeug war klitschnass, so als hätte ich einen Eimer Wasser drüber geschüttet. Doch als ich an mir herabsah, erkannte ich die Ursache: ich war schweißnass gebadet. Meine Haare klebten an meinem Nacken, meiner Stirn, meinen Wangen. Mein weißer Slip schimmerte durchsichtig und mein BH klebte unangenehm an mir. Meine Hände zitterten und mühsam versuchte ich, mich zu beruhigen. Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen und schnell hechtete ich zur Toilette, um mich dort zu übergeben. Als mein Magen sich schließlich beruhigt hatte, stand ich zitternd auf und wusch mir das Gesicht. Das dumpfe Licht der Straße erhellte den Raum etwas, sodass ich mein Spiegelbild ansehen konnte. Ich sah zwar sauberer aus als gestern Abend, dennoch hatte ich dunkle Ringe unter den Augen, welche immer noch eingefallen waren. Hier konnte ich nicht bleiben, auf keinen Fall.
Es war zwar erst vier Uhr morgens, und theoretisch hätte ich noch zwei Stunden schlafen können, doch ich bezweifelte, dass ich dazu jetzt noch in der Lage war. Also wieder ab in den Wald, und ich nahm mir fest vor, nicht mehr wiederzukommen. Nie mehr.

Doch als ich die Tasche in die Hand nehmen wollte, hielt ich inne. Was sollte ich da draußen tun? Schließlich sollte ich auch noch weiterleben, und mich nicht zu Tode langweilen. Ewig rumsitzen konnte ich ja auch nicht. Entschlossen schnappte ich mir ein Buch aus meinem Bücherregal, ohne richtig darauf zu achten, welches ich mir nahm. Ich stopfte es kurzerhand in die Tasche zwischen die Decke und die Tücher, dann schulterte ich den Sack, welcher vertraut zwischen meinen Schulterblättern baumelte. Er war zwar schwer, aber nicht so wie erwartet. Tatsächlich war es relativ angenehm und nicht zu anstrengend.
Schnell schlüpfte ich durch die Haustür, welche ich sofort wieder hinter mir verschloss.
»Mach's gut«, murmelte ich dem Haus zu, obwohl ich ja wusste, dass es mich nicht hören konnte. Aber das war mir egal. Es kam mir wie eine Notwendigkeit vor, so als hätte es Gefühle. Ich schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich wurde ich bereits verrückt, und das erst nach einer Woche. Mit dem Rucksack, welcher im Rythmus meiner Schritte auf meinem Rücken aufschlug, ging ich in der Dunkelheit davon, ohne dass auch nur irgendjemand Notiz von mir nahm, und drehte mich nicht mehr um.

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  • Author Portrait

    Erinnert mich in den ersten Zeilen sehr an meine Kirschblüten, muss meine prota doch ein ähnliches Schicksal durchleiden. Sehr authentisch und einfühlsam beschrieben

beta
Feenstaub

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