Keine Wolke trübte den blauen Himmel, von dem die Sonne herablachte. Nach mehreren Monaten wechselhaften Wetters war nun endlich der Sommer angekommen und brachte neben Sonnenschein auch eine drückende Hitze mit sich. Obwohl viele Menschen das Wetter genossen und ihre Häuser verließen, stöhnten doch die meisten und sehnten sich nach etwas Abkühlung, ganz egal welcher Art. Die Konsequenz war ein rapides Ansteigen der Umsatzzahlen der Cafés, Eisdielen und Schwimmbäder, die rasch ihr Niveau aus dem Vorjahr erreichten, wo der Sommer eher kühl und regnerisch ausgefallen war. Wer sich entschloss daheim zu bleiben, sorgte entweder mit einer Klimaanlage, einem Ventilator oder mehreren geöffneten Fenstern für etwas Erfrischung in den eigenen vier Wänden. Manche fläzten sich sogar auch faul auf dem Sofa oder dem Bett, um jede anstrengende Bewegung zu vermeiden, die unweigerlich in starken Schweißausbrüchen enden würde.

Dieses Verhalten traf eigentlich auch auf Melanie zu, die gerade vom Einkauf zurückkam. Sie genoss die Kühle des Hauseingangs, den sie gerade betreten hatte. Gierig sog sie die kühle Luft ein und wedelte mit ihren Händen vor ihrem Gesicht herum um etwas davon auf ihrem durchgeschwitzten Hals zu verteilen. Als ihr blick auf die schweren Einkaufstüten fiel, überlegte sie, ob sie an diesem Tag nicht eine Ausnahme machte und einfach den Aufzug anstatt der Treppen benutzte. Die Verlockung war schon sehr groß und eigentlich könnte sie sich ja auch etwas gönnen.

Energisch schüttelte sie den Kopf. Nein, keine Ausnahmen, keine Erleichterungen. Es gab ein Ziel, das sie erreichen wollte und das würde sie auch schaffen. Sie musste nur stark bleiben! Mit einem Ruck hob sie die vollbepackten, schweren Tüten hoch und erklomm tapfer die Treppen, bis sie ihre Wohnung im vierten Stock erreichte. Schwer schnaufend lehnte Melanie sich an die Tür und wartete bis die bunten Punkte, die vor ihren Augen tanzten, verschwanden und sich ihr Herzschlag wieder beruhigte. Erst dann schloss sie die Tür auf und betrat ihre Wohnung.

Nachdem die Einkäufe eingeräumt waren, schälte sie sich aus den nassgeschwitzten Klamotten und ging unter die Dusche. Sie hasste den Sommer. Nicht nur, dass er jede Bewegung nahezu unmöglich machte, nein es war auch jene Zeit im Jahr, wo die Modelabels immer körperbetonte Kleidung auf den Markt brachten. Kleidung, die Melanie nicht tragen konnte und auch nicht wollte. Sie schämte sich eh schon für ihre Figur und musste ihr Umfeld nicht noch unnötig mit der Nase darauf stoßen. Aber das würde sich ja alles bald ändern.

Nach dem Duschen zog sie sich ein einfaches Sommerkleid über und ging in die Küche. Clara wollte noch vorbei kommen und Melanie hatte ihr versprochen etwas zu kochen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie nicht trödeln durfte, wenn das Essen rechtzeitig auf dem Tisch sein sollte. Clara würde zwar Verständnis zeigen, wenn sie noch nicht fertig gewesen wäre, aber Melanie hätte es sich nie verziehen. Zu groß war die Angst ihre beste Freundin zu enttäuschen und zu groß die Angst, dass die Enttäuschung zum Zerbrechen der Freundschaft führen könnte. Das war eine Schreckliche Vorstellung für sie, denn außer Clara gab es für sie niemanden.

Es klingelte genau in dem Moment als sie fertig war. Ein leichtes Lächeln flog über Melanies Lippen. Clara besaß ein gewisses Talent für Pünktlichkeit, das sie sehr schätzte und um das sie ihre Freundin auch ein bisschen beneidete. Melanie wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab, öffnete die Wohnungstür und ließ ihren Gast eintreten.

Wie so oft musterte sie ihre beste Freundin unauffällig beim Eintreten. Ihr glattes, blondes Haar reichte ihr bis zu den Schultern und war zu einem kunstvollen Zopf geflochten, während die leichte Sommerkleidung sich sanft an ihren schlanken Körper schmiegte. Ebenso wie Melanie konnte sie mit der modernen Mode wenig anfangen, aber dennoch trug sie anscheinend immer die richtige Kleidung um sich in Szene zu setzen. Dabei wirkte sie keinesfalls auffällig, aber es war deutlich zu erkennen, dass Clara sich nicht scheute gewisse Körperregionen stärker zu betonen als ihre Freundin. Nicht zum ersten Mal fragte sich Melanie im Stillen, warum Clara immer noch solo war. So einer wunderschönen Frau konnte schließlich kein Mann widerstehen.

Für einen kurzen Moment kam der Neid wieder. Und mit ihm auch die Bilder der Vergangenheit. Hämisches Kinderlachen drang aus einiger Entfernung an Melanies Ohr. Sie war wieder auf dem Schulhof, umringt von den Anderen, die sie Miss Piggy nannten und grunzten, während sie mit dem Finger auf sie zeigten oder sie mit Ästen in die Seite piekten. Melanie schüttelte energisch den Kopf und folgte Clara ins Esszimmer. Diese nahm inzwischen Platz und wartete auf Melanie, die das Essen aus der Küche holte.

»Wie war es heute auf der Arbeit«, fragte sie nachdem sie aufgegessen hatten.

»Soweit ganz gut, ich war heute beim Betriebsarzt.«

»Und?«

»Ich kann die Stelle haben«, begann Melanie.

»Hey das ist doch super! Freust du dich nicht?«

»Aber ich muss dringend abnehmen«, fügte Melanie hinzu.

»Oh.« Clara sah sie mitleidig an. Sie kannte Melanies Situation. Oft genug hatte sie versucht abzunehmen und war bisher jedes Mal gescheitert. Einen Moment lang herrschte Stille zwischen den beiden Freundinnen.

»Und«, begann Clara zögernd.

»Was machst du nun?«

Melanie seufzte schwer.

»Ich versuche es wieder. Mehr Bewegung, gesündere Ernährung und Sport.« Clara lächelte wieder.

»Du schaffst das, da bin ich mir sicher«, ermutigte sie sie. Melanie zuckte mit den Schultern und ging in die wieder in die Küche. Es war Zeit, für ihre Tabletten. Sie legte alle Pillen auf ein kleines Tablett, stellte noch ein kleines Döschen dazu und nahm wieder am Tisch Platz. Besorgt sah Clara ihre Freundin an. Sie wusste, dass sie nicht nur unter körperlichen sondern auch psychischen Probleme litt. Mittel gegen Bluthochdruck gemischt mit Blutverdünner und einigen anderen Medikamenten, die gewissen Nebenwirkungen vorbeugen sollten. Hinzu kamen noch Antidepressiva, da Melanie sowohl in der Schule als auch auf der Arbeit das Opfer von bösartigen Späßen einiger Mitmenschen war. Besonders als eine Arbeitskollegin herausfand, dass Melanie in ihren Gruppenleiter verliebt war. Das kleine Marzipanschwein mit dem vierblättrigen Kleeblatt und den Worten „Viel Glück“ war nur die Spitze des Eisbergs an Erniedrigungen gewesen. Insgeheim fragte sie sich ob diese Mischung aus bunten Pillen ganz gesund sei, aber Melanie vertraute den Ärzten und Clara stieß immer wieder auf taube Ohren. Inzwischen hatte sie sich an den Anblick der Packungen und Döschen gewöhnt, aber etwas war dieses Mal anders. Da stand ein kleines Döschen, dass sie bisher nicht kannte. Ehe Melanie protestieren konnte schnappte sie sich das Döschen und schüttelte es. Dabei sah sie ihre Freundin durchdringlich an.

»Was ist das«, fragte sie.

»Ein neues Präparat, das ich ausprobieren soll.«

»Soso, mal sehen«, sagte Clara während sie neugierig das Döschen musterte. Argwöhnisch zog sie die Augenbrauen hoch.

»Das sind Appetitzügler.«, stellte sie fest. Melanie nickte nur und sah aus wie ein Kind, das beim Stehlen von Süßigkeiten erwischt worden war.

»Du weißt, dass die aber Gefährlich sind oder? Verträgt dein Körper die überhaupt?«

Melanie zuckte mit den Schultern. Sie wirkte wie ein kleines Häufchen Elend, wie sie da auf dem Stuhl saß.

»Ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt ist es mir auch egal. Ich habe so viele Male versucht abzunehmen, dass ich es fast schon leid bin. Egal was ich mache, es kommt immer irgendwas, das mich in meine alte Gewohnheit zurückwirft und mich wieder auf mein bisheriges Gewicht bringt. Und ich bin es satt! Ich kann den Begriff Jojo-Effekt nicht mehr hören. Ich will nicht mehr scheitern, ich will mich verändern! Die neue Stelle ist ein Anfang und das da ist meine einzige Chance!«, sagte Melanie und deutete auf das Döschen.

Claras Blick war voller Sorge, als sie es wieder abstellte.

»Gibt es keinen anderen Weg? So was wie Autogenes Training oder Yoga?«

Resignierend schüttelte Melanie den Kopf.

»Willst du nicht lieber einen Arzt um Rat bitten?«

»Das habe ich und mir wurde empfohlen etwas zu unternehmen, aber was ich genau machen soll, konnte man mir nicht sagen.«

»Wie wäre es wenn du einen Ernährungsberater aufsuchst? Es muss doch einen weiteren Weg geben ohne noch eine Pille zu nehmen!« Melanie schüttelte nur energisch den Kopf.

»Den kann ich mir nicht leisten. Außerdem: was macht eine Pille mehr schon aus?«

Um die Diskussion zu beenden öffnete sie das Döschen und nahm zwei Pillen heraus.

»Bitte denk noch mal darüber nach«, flehte Clara sie an. Aber Melanie war es egal. Sie steckte die Pillen in den Mund und spülte sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter.

»Siehst du, es ist nichts passiert«, sagte sie triumphierend. In aller Seelenruhe nahm sie auch die anderen Tabletten ein, während Clara sie traurig betrachtete.

»Nun guck doch nicht so«, begann Melanie in einem versöhnlichen Tonfall.

»Ich weiß, dass du dir Sorgen machst, aber dieses Präparat wird von Experten empfohlen und ist Testsieger diverser Magazine.«

»Meinst du, dass die nicht auf das Geld aus sind und daher die Forschung vernachlässigt haben?«

Melanie wollte lachen. Sie hatte verschiedene Ernährungsratgeber gelesen und im Internet darüber recherchiert. Es bestand keine Zweifel an der Wirksamkeit des Medikaments. Aber es blieb ihr im Halse stecken. In ihrer Brust machte sich ein brennendes Stechen bemerkbar, das sich langsam in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Auch das Atmen fiel ihr mit jedem Zug schwerer.

»Hol. Hilfe«, brachte sie röchelnd hervor.

Clara sah ihre Freundin erschrocken an und rührte sich nicht.

»Hil-fe.« Mehr konnte Melanie nicht sagen. Sie musste alle Kraft aufwenden um regelmäßig zu atmen, was mit jedem röchelnden Zug schwerer wurde. Sie mobilisierte ihre letzten Reserven, hob ihren Arm und deutete auf das Telefon.

»Ich kann nicht!« rief Clara aus und fing an zu weinen. »Ich kann nicht“, wiederholte sie flüsternd. Melanie starrte ihre beste Freundin entsetzt an. Sah sie nicht, in welcher Not sie war? Sie brauchte sie jetzt mehr denn je und wie konnte keine Hilfe holen? Das Telefon war doch nur wenige Meter entfernt. Sie wollte aufstehen, aber ihre Beine wollten nicht gehorchen. Bunte Sterne tanzten vor ihren Augen, als sie der Länge nach hinschlug. Ihr Atem ging nur noch pfeifend und das Brennen in ihrer Brust steigerte sich zusehends. Clara stand auf, umrundete langsam den Tisch, ging vor ihr in die Hocke und ergriff ihre Hand.

»Da gibt es etwas, das du wissen musst«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. Melanie wunderte sich, wie kalt sich die Hand ihrer besten Freundin anfühlte. Es war eine angenehme beruhigende Kälte.

»Mich gibt es gar nicht. Ich existiere nur in deinem Kopf.«

Melanies Verwirrung stieg zusehends. Was erzählte sie da bloß? Das stimmte doch nicht. Sie war nicht verrückt!

»Erinnerst du dich an deine Kindheit«, fragte Clara. Ja, Melanie konnte sich sehr genau an ihre Kindheit erinnern. Stets stand sie auf dem Schulhof in einer einsamen Ecke und versuchte den anderen Kindern aus dem Weg zu gehen, oder sie versteckte sich hinter dem Container, in dem sich das Hausmeisterbüro befand. Sie hasste die Schule, die Pausen waren die einzige Möglichkeit, etwas Ruhe von den Anderen zu bekommen. Es reichte schon aus, wenn sie im Unterricht immer die Grunzgeräusche ertragen musste.

»Du warst sehr einsam und hast dir nichts sehnlicher als einen Seelenverwandten gewünscht. Jemand, der dir zuhört und für dich da ist.«

Im Schwimmunterricht hatte Melanie einen roten Badeanzug getragen und ab dem Tag wurde Miss Piggy von Fleischtomate abgelöst. Danach war sie immer dem Schwimmunterricht in der Schule fern geblieben, um dieser Demütigung zu entgehen.

„Aus deiner Not heraus hast du mich erschaffen, damit du nicht ein Leben in Einsamkeit verbringen musst“, fuhr Clara fort. Melanies Sicht begann zu verschwimmen und ihre Lider wurden langsam schwer.

»Ich habe mein Bestes gegeben, dir eine gute Freundin zu sein«, hörte sie Clara sagen, deren Stimme von sehr weit weg zu kommen schien.

»Auch wenn du jetzt stirbst, bleibe ich bei dir.«

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