"Typisch Brite"(A)

Thomas' Sicht:

Jetzt war sie weg. Für immer? Hoffentlich nicht. Die Nachricht hat mehr als weh getan. Als würde ein Teil von mir zerbrechen. Aber wie sollte der Schmerz wieder vergehen wenn jeder meiner Schritte, jede Bewegung, jeder Gedanke mich an sie erinnerte? Am liebsten wäre ich ihr nach geflogen. Nicht einmal die Proben im Theater machten mir Spaß. Seit Jane gekündigt hatte, war alles viel entspannter. Auch wenn die Proben eine Katastrophe waren. "Ahm.. Thomas! Ich hätte noch eine Frage!" Wieder einmal Mandy. "Ja?" Sie blieb nervös vor mir stehen. "Also... Ich habe ein Angebot für eine Theaterschule bekommen und ich wollte fragen, ob sie mir eine Empfehlung schreiben könnten?" Sie sprach es zögernd aus als hätte sie Angst, dass ich sie beißen würde. Ich stand vollkommen neben mir wegen der Sache mit Grace, weshalb ich nur nickte. "Danke. Ist etwas los?" "Nein. Alles ist in Ordnung. Wie alt bist du nochmal?" Die Frage kam unerwartet über meine Lippen. "20." "Würdest du mich auf die Eröffnungsfeier zum Stück begleiten?" "Gerne." Ohne ein weiteres Wort ging sie wieder. Was hatte ich da gerade getan?



Die Premiere war eine Woche später. Meine Schützlinge waren ziemlich gut. Ich empfand Stolz. Großen Stolz. "Gut gemacht, Sangster!" Ich bekam von allen Seiten großes Lob. Aber so richtig genießen konnte ich es nicht. Nicht ohne Grace. "Gehen wir?", fragte mich Mandy. Ich nickte und bot ihr meinen Arm an. Sie hängte sich ein und wir gingen den großen roten Teppich entlang. Es war nicht DER rote Teppich, aber man hatte das Gefühl, dass man auf dem echten ginge. Auf der Feier musste ich eine Rede halten. Ich bedankte mich bei allen. Ich erwähnte sogar Grace. Der Rest war wie jede Rede- eintönig und langweilig. Dann wurde getanzt. Mandy wollte unbedingt tanzen, aber ich hatte keine Lust dazu. Meine Gedanken schweiften immer zu Grace. Wir saßen an einem weißen Tisch mit Sektgläsern in den Händen. Ich trug den gleichen Anzug wie auf der Beerdigung. Ich versuchte schon zum millionsten Mal Grace zu erreichen. Als ich vom Handy aufsah, bemerkte ich, dass Mandy weg war. Ich ließ meinen Blick über die tanzende Menge schweifen. Und da sah ich sie. Mandy, mit ihrem roten Haar und dem wunderschönen, knielangen, weißen Kleid. Wunderschön. Es kam mir wie Verrat vor, das zu denken. Es tat mir leid, sie stehen gelassen zu haben. Sie tanzte genauso anmutig wie sie aussah. Nein! Ich musste an Grace denken! Doch je mehr ich mir ihr Gesicht in Erinnerung rief, desto blasser wurde ihr Bild. "Sie haben gute Arbeit geleistet!" Ein älterer Herr hatte sich auf Mandy's Platz gesetzt. "Danke." Kannte ich ihn? Er kam mir bekannt vor. "Darf ich vorstellen? Mr. John Stepperson." Der Vater von Jeremy. Er bemerkte meinen geschockten Blick. "Oh, sie kannten meinen Sohn, stimmt's?" Ich nickte langsam. "Ja. Ich kannte ihn." "Sind sie der Freund dieser Grace? Die an dem Tod meines Sohnes mitschuldig war?" Was zum...? Was redete der Alte? "Sie war nicht mitschuldig. Jeremy wollte sie umbringen, nicht umgekehrt." Mr. Stepperson ignorierte den Unterton. "Wie Sie meinen. Jeder hat seine eigene Art, die Dinge zu sehen. Wo ist sie eigentlich?" "In Norwegen." Er lachte, als wäre das ein Witz. Ich würde ihm am liebsten die Nase brechen. "Tja, so nehmen die Dinge ihren Lauf. War schön, mit Ihnen zu reden!" Er stand auf und nickte mir ein letztes Mal zu. Ich blieb wie versteinert sitzen.



"Mandy?", fragte ich sie. Sie saß an der Bar und bestellte etwas. Als ich ihren Namen nannte, sah sie auf. "Ja?" "Dürfte ich...?" Ich wies auf den Platz neben ihr. "Natürlich." Ihre Stimme klang kalt. "Ich muss mich entschuldigen. Es war nicht angemessen, dich zu ignorieren." "Ihr Briten. Immer freundlich und nett. Als lebten wir im Jahre 1900. Amerikaner würden einfach und barsch 'sorry' sagen." Mich überraschte ihre Aussage. "Aber es gefällt mir", fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu. "Wollen wir tanzen?", fragte ich. Sie nickte und ich führte sie zur Tanzfläche.


Der DJ legte eine langsame Platte ein und um uns herum tanzten Paare eng aneinander. Ohne zu Zögern kam Mandy näher und man könnte uns für ein verliebtes paar halten. Sie sah mir tief in die Augen und ich erwiderte ihren Blick. "Es ist wirklich schön hier", flüsterte ich. "Ja. Wirklich schön." Wir tanzten das ganze Lied durch. Es war schön ihre Wärme zu spüren, doch das ließ mich Grace nur noch mehr vermissen. Als das Lied nach einer schönen Ewigkeit aus war, flüsterte Mandy mir ins Ohr: "Ich würde gerne an die frische Luft gehen. Kommst du mit?" Ich nickte, auch wenn ich ein ungutes Gefühl dabei hatte.



Draußen war es schon kühler. Mandy fror unter ihrem dünnen Kleid. "Du kannst mein Sakko haben!" Ich legte es ihr über die zierlichen Schultern und sie lächelte. "Typisch Brite. Aber danke. Der Abend war sehr schön." Sie rückte etwas näher. "Ja, er war wirklich schön." Unsere Arme berührten sich. "Eigentlich wollte ich gar nicht kommen. Aber als du mich dann gefragt hast, war ich sehr froh." Ich bekam langsam Angst in welche Richtung das Gespräch verlief. "Immer wieder gerne." Sie stellte sich auf Zehenspitzen und küsste mich sanft.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media