...und dann die Frau.

Der schrecklichste Augenblick dieser Nacht war nun gekommen. Patton packte mich derb am Kragen und schleifte mich hinter sich her. Mickey folgte uns mit einer unzufriedenen Miene. Ihm gefiel es nicht, dass Navarro ihm wie einen Sklaven Befehle erteilte und herumkommandierte. Außerdem schmiss er sich an Ophelia ran.
Während mich mein Aufpasser dazu zwang die Treppe hinunterzugehen, hantierte Mickey an der Badezimmertür herum.
Ich hoffte einen kurzen Blick auf Holly erhaschen zu können, doch als Patton bemerkte, dass ich auf einer Stufe stehen geblieben war, prügelte er mich wie einen ungehorsamen Köter weiter.
Er hetzte mich regelrecht, sodass ich beinahe über meine eigenen Füße gestolpert und hingefallen wäre. Verdammter Mistkerl.
Unten angekommen roch ich im engen Flur bereits den penetranten Gestank von frischem Blut und Schießpulver. Meine Nase brannte unangenehm und ich bekam kaum noch Luft. Patton schubste mich weiter den Flur entlang, bis ins Wohnzimmer.
Dort saß Emilia gelassen auf der Couch. Auch ihre Kleidung war mit Bluttropfen übersäht, doch bei ihr konnte ich eindeutig mehr entdecken. Vor dem Fernseher befand sich der leblose Körper von Hollys Vater. Er lag auf dem Bauch. Unter dem Kopf hatte sich eine Blutlache gebildet, welche sich auf dem Fußboden ausbreitete. Seine Frau hockte direkt neben ihm und hatte ihren Oberkörper an seinen Rücken gepresst.
Eine Flut von Tränen floss still ihr Gesicht hinab und befeuchtete ihre kränklich aussehende Haut. In den blauen Augen konnte ich pure Verzweiflung, Trauer und Angst erkennen. Behutsam und zärtlich strich sie über den rechten Arm ihres toten Mannes und flüsterte leise etwas vor sich hin. Sie war mit den Nerven am Ende und stand am Rande des Wahnsinns. Es war ein erschreckender und grauenhafter Anblick.
„Hier sind wir“, flötete Patton fröhlich.
„Wo sind Navarro und Ophelia?“, keifte Emilia und schaute sich zornig um. Er zuckte mit den Achseln.
„Ich hab nicht die geringste Ahnung. Die Beiden sind vor uns runter gegangen. Vielleicht sind sie in der Küche.“ Aufgebracht hüpfte Emilia auf dem Polster herum und biss die weißen Zähne aufeinander.
„Wieso kann dieses Miststück nicht einmal das tun, was man ihr sagt?“ Ihre Stimme war nicht mehr, als ein Flüstern, dennoch schwebten ihre Worte zu uns herüber.
„Sie mag zwar ein Miststück sein, aber dafür ein sehr heißes, oder Kleiner?“ Ich zuckte leicht zusammen, als Patton mich ansprach. Natürlich hatte er so leise gesprochen, dass Emilia ihn nicht hören konnte. Angewidert sah ich zu ihm herauf. Wie konnte er es wagen mich in diesem Moment und in einem Raum, in dem sich eine Leiche befand, zu fragen, ob ich Ophelia scharf fand oder nicht?
„Ich hasse sie, sowie euch alle.“ Meine grauen Agen sprühten vor Hass und Abscheu. Zuerst war er völlig perplex, doch dann lächelte er breit.
„Reg dich ab, Kleiner. Ich weiß ja, dass du eine Freundin hast. Da willst du bestimmt nichts von anderen Frauen hören, auch wenn ihr beide nicht mal mehr eine Stunde zu leben habt.“
Nach seinen Worten fühlte ich mich nicht mehr schwach, sondern stark. Er würde nicht einfach davonkommen. Es reichte ihm nicht, dass er mich ständig Kleiner nannte, was ich auf den Tod nicht ausstehen konnte. Nein, er musste auch noch Holly angreifen.
Ich riss mich aus seinem Griff und wirbelte herum. Das Einzige, was Patton nun in seiner starken Hand hielt, war mein Hemdkragen, der mir bei meiner Flucht abgerissen war. Ehe er reagieren konnte, schlug ich ihm einmal mitten ins Gesicht und dann raste ich hinaus. Ich konnte kaum glauben, dass meine Kollegen, die eindeutig in der Überzahl waren, mich zum zweiten Mal entwichen ließen. Normalerweise gab es keine Möglichkeit seinem bevorstehenden Tod durch ihre Hände zu entgehen, aber heute waren sie alle unaufmerksam. Mir war egal warum. Hauptsache ich konnte Holly aus Mickeys Fängen befreien und sie hier rausschaffen.
Im Flur sah ich niemanden. In der Küche brannte Licht und dunkler Zigarettenrauch strömte aus der Tür. Es gab keinen Zweifel. Ophelia und Navarro waren tatsächlich in die Küche gegangen. Mit rasendem Herzen wandte ich mich nach rechts und betrat die Treppe.
Nach drei Stufen fühlte ich jedoch etwas Warmes um mein rechtes Fußgelenk, das mich festhielt und mit einem Ruck zurückzog. Ich verlor das Gleichgewicht und knallte ungebremst auf die harten Stufen. Ich kam zuerst mit dem Oberkörper und dann mit den Knien auf.
Die Luft blieb mir schlagartig weg und der Schmerz, vor allem in meiner Brust, war unbeschreiblich. Mir war kotzübel und schwummrig. Mein Schädel dröhnte und ließ mich keinen klaren Gedanken fassen. Vor meinen Augen wurde es schwarz. Ich blieb einfach liegen und bewegte mich keinen Zentimeter. Das war momentan wohl das Beste. Verletzt und mit benebeltem Verstand rang ich nach Atem und füllte meine Lunge mit gesundem Sauerstoff.
Viel Zeit zur Genesung war mir jedoch nicht vergönnt. Jemand packte mich an den Armen und zog mich unachtsam in die Höhe. Das war ein Fehler. Der Schmerz und die Übelkeit wurden erstaunlicherweise noch schlimmer, als zuvor. Sofort knickten meine Knie ein und ich plumpste zu Boden. Laut heulte ich auf und krümmte mich.
„Steh auf, du wertloser Hund.“ Pattons gewaltige Stimme bebete über meinen Kopf hinweg. Ich versuchte erst gar nicht, mich in Bewegung zu setzen. Ich wusste, dass mein Körper dazu nicht in der Lage war.
Wieder hatte ich die Chance Holly zu retten verpatzt und schon wieder fühlte ich mich miserabel. Wollte Gott mir damit zeigen, dass ich es nicht noch einmal versuchen sollte? Sollte ich heute Nacht wirklich sterben? War dies mein Schicksal? Weiter nachdenken konnte ich nicht, denn meine Lider flatterten und ich kippte nach hinten.

Als ich mein Bewusstsein wiedererlangte, lag ich, wie sollte es auch anders sein, unverändert auf dem harten und unbequemen Fußboden. Zwar schmerzte jeder Zentimeter meines Körpers, doch das Schwindelgefühl und die Übelkeit waren zum Glück verflogen.
Ich öffnete die Augen und starrte direkt auf eine schneeweiße Decke. Ich genoss die Ruhe und Einsamkeit in vollen Zügen. Ich schwebte in einer Art Trance, in der ich frei war von Kummer und Sorgen. Ein kleines Lächeln tauchte sogar auf meinen Lippen auf. Das Einzige, was mich jetzt nur noch glücklicher machen konnte war Holly, die neben mir lag und mich anstrahlte.
Als ich an sie dachte, fiel mir augenblicklich ein, warum ich hier lag. Ich war in ihrem Haus und wir beide standen kurz vor unserem Tod. Ich setzte mich hektisch auf, was mir meine Rippe mit einem schmerzvollen Ziehen dankte.
„Na endlich ist unsere rabiate kleine Prinzessin wach.“
Navarro saß auf der Treppe und hielt die Walther PPK in der rechten Hand. Dämlich grinste er.
„Hoffentlich war dir dein Ohnmachtsanfall eine Lehre.“ Er strich sich die Haare aus dem Gesicht und seine Miene wurde streng.
„Du hälst uns auf, Roddick. Natürlich willst du nicht sterben, aber glaubst du wirklich, dass du uns mit deinen miesen Fluchtversuchen daran hindern könntest, unseren Auftrag auszuführen? Du kennst uns. Wir empfinden kein Mitleid, auch nicht für Kollegen.“ Er richtete sich zu voller Größe auf und schlenderte zu mir herüber. Seine Miene war kalt und erbarmungslos.
„Steh sofort auf und wehe du zickst noch ein einziges Mal rum, dann töte ich dich auf der Stelle. Mir ist es dann scheißegal, ob Jericho will, dass du deine Tussi killst. Das ist nämlich der einzige Grund, warum du noch am Leben bist.“ Zornig knurrte er mich an. Langsam stand ich auf, damit ich nicht erneut zusammenklappte.
„Du wirst noch für alles bezahlen, Henstridge, dass schwöre ich dir.“
„Aber sicher doch. Ich kann es kaum erwarten“, spottete er und fuchtelte mit der Waffe vor meinem Gesicht herum.
„Ich meins ernst.“
„Ja, ja und nun geh endlich ins Wohnzimmer. Deine Süße wartet schon.“
Erschrocken riss ich die Augen auf. Blitzschnell raste ich unter höllischen Schmerzen ins Zimmer und dort saß sie, zusammengekauert neben ihrer Mutter. Die Beiden lagen sich in den Armen und trauerten gemeinsam um den schweren Verlust. Holly war kaum wieder zu erkennen.
Ihr Gesicht war bleich und eingefallen. Ihre langen schwarzen Haare standen wild und zerzaust in alle Richtungen ab. An den nassen Stellen auf ihren Wangen und den geröteten Augen konnte ich erkennen, dass sie geweint hatte. Vor Angst und Verzweiflung zitterte ihr zierlicher Körper neben ihrer Mutter.
Wie wahnsinnig starrte sie auf die Leiche ihres geliebten Vaters. Ich wusste ganz genau, wie sie sich jetzt fühlte. Ich war im Begriff zu ihr zu eilen, um sie zu trösten, doch Navarro war direkt hinter mir und drückte mir die Waffe ins Kreuz. Augenblicklich blieb ich wie versteinert stehen.
„Du bleibst schön hier.“
Als Holly Navarros Stimme hörte, hob sie langsam, wie in Zeitlupe, den Kopf und durchbohrte mich mit einem merkwürdigen Blick. Ihre Augen schienen pure Leere zu zeigen, aber ich spürte regelrecht den Hass, die Enttäuschung und den Zorn, die hinter dem Blau steckten und bloß mir galten.
Dieser Blick schmerzte mich noch mehr, als alles andere, das ich jemals zuvor erlebt hatte. Augenblicklich ging ich in die Knie, denn Hollys Hass fühlte sich an wie eine Pistolenkugel, die sich mit einer gewaltigen Wucht mitten durch mein Herz bohrte.
Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Mickey, Patton, Emilia und Ophelia, die sich gemeinsam auf die winzige Couch gequetscht hatten und nun mit Begeisterung zusahen, was geschah. Sie erinnerten mich an Menschen aus der Antike, die im alten Rom mit Freude den brutalen Spielen im Collosseum beiwohnten.
Holly hatte wieder ihren Blick abgewandt und streichelte über den Rücken ihrer völlig apathischen Mutter. Es war ein trauriger Anblick. Ich konnte noch immer nicht glauben, was hier geschah. Verzweifelt schlug ich die Hände vors Gesicht.
Zwei Sekunden später hörte ich, wie jemand durch das Zimmer wandelte. Ich schob meine Finger auseinander und schuf so einen kleinen Spalt, durch den ich hindurchlinsen konnte. Patton kam schweren Schrittes zu Navarro und mir herüber. Sie unterhielten sich so leise, dass ich kein einziges Wort verstehen konnte.
Dann tauchte Patton wieder vor meinem Sichtfeld auf. Zu meinem Entsetzen hielt nun er die Walther PPK in der Hand. Ich wusste, was jetzt passieren würde, aber ich konnte nichts dagegen tun. Alles geschah so schnell.
Ophelia erhob sich ebenfalls und stöckelte zu Holly. Gewaltsam krallte sie sich mit ihren langen Fingern in das schwarze Haar und zog es kräftig nach oben.
Holly schrie wie am Spieß. Ihr gellender Schrei klingelte in meinen Ohren. Es war reinste Folter für mich. Ich nahm meine Hände vom Gesicht und sprang auf. Navarros Arme tauchten wie aus dem Nichts auf, um mich aufzuhalten, aber ich wich galant aus.
„Massey!“, brüllte er ungehalten. Ich achtete weder auf Navarros verzweifelte Rufe, noch auf Patton, der die Waffe in der Hand hielt. Ich hatte nur Augen für Holly, die von Ophelia auf brutalste Weise an ihren Haaren zur Seite geschleift wurde. Gequält jaulte sie auf und weinte vor Angst und Schmerz. Wie ein wild gewordenes Tier preschte ich laut schnaubend auf sie zu.
„Lass deinen dreckigen Hände von ihr“, zischte ich und gab ihr mit voller Wucht eine Ohrfeige. Ihr Kopf wurde nach hinten geworfen und sie lockerte ihren Griff um Hollys Haare.
Diese kroch zurück zu ihrer Mutter. Ophelias Wange war feuerrot und begann sich auch schon blau zu verfärben. Ich wollte erneut auf sie losgehen, als ich genau hinter mir einen Schuss hörte. Ein gewaltiger Schmerz warf mich nach vorne. Eine warme Flüssigkeit rann meinen Rücken hinab. Es konnte nur Blut sein. Mein linker Arm fühlte sich taub an.
Ich wollte jedoch nicht liegen bleiben und zusehen, wie Holly noch zusätzlich ihre Mutter verlor. Sicherheitshalber stemmte ich mich nur mit Hilfe meines rechten Arms in die Höhe. Das Blut lief weiter bis zu meinem Steißbein. Verdammt, Patton hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, auf mich geschossen. Nun steckte eine Kugel in meiner linken Schulter.
Erst die gebrochene Rippe und nun das. Meine Gesundheit war im Eimer. Meine Kollegen zeigten natürlich keinerlei Mitleid. Stattdessen machten sie mit ihrem Auftrag weiter, als ob nichts passiert wäre. Ophelia packte sich Holly und hielt sie fest. Ihre Wange war stark angeschwollen. In ihren Augen funkelte blinder Hass. Sie würde es mir nie verzeihen, dass ich sie ins Gesicht geschlagen hatte.
Verletzt lehnte ich mich an die Rückwand der Couch und versuchte nicht ein weiteres Mal das Bewusstsein zu verlieren.
Derweil stellte sich Patton vor Hollys Mutter und zielte mit der Mündung der Waffe auf ihre Stirn. Stumm weinte sie und schloss die Augen. Er war kurz davor abzudrücken.
Dann geschah jedoch etwas, womit keiner der Anwesenden gerechnet hatte. Holly mobilisierte ihre verbliebenen Kräfte und befreite sich aus Ophelias Fängen. Mutig stellte sie sich zwischen Patton und ihre Mutter, um sie zu beschützen. Eine edlere und selbstlosere Tat, wie diese, hatte ich noch nie gesehen. Verbittert verzog Patton sein Gesicht.
„Glaubst du wirklich, dass du die Macht hättest, mich zu stoppen?“, fragte er schroff und stieß Holly mit Leichtigkeit zur Seite. Hart prallte sie gegen die nächste Wand. Und dann, ohne weitere Verzögerungen, schoss er Hollys Mutter gnadenlos in den Kopf. Drei Sekunden hockte sie noch unverändert vor Patton, dann fiel sie vornüber und landete bloß einen halben Meter neben ihrem Mann.

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