Unruhiger Schlaf

Shane hatte Schwierigkeiten einzuschlafen. Dabei fühlte er sich erschlagen und war zutiefst erschöpft. Und doch hielt sein aufgewühlter Geist ihn wach. Er hatte sich auf die Seite gedreht, dem Mädchen den Rücken zugekehrt. Ihre Geschichte hatte ihn verstört und in erdrückender Stille zurückgelassen. Loyalität, scheinbar blinder Gehorsam und ein ausgeprägter, geradezu aufmerksamkeitsheischender Ehrgeiz, hatten sie zu einer kaltblütigen Mörderin werden lassen. Doch Shane hatte den Eindruck, dass noch viel mehr dahinter steckte. Auf ihn wirkte sie enorm unter Druck gesetzt, etwas beweisen zu müssen – weniger sich selbst, als vielmehr diesem kranken Typen, der junge Menschen dazu trieb, sich gegenseitig umzubringen. Sie alle folgten ihm bereitwillig. Allen voran Corey, die ohne zu hinterfragen dem Befehl folgte, alle ihre Kameraden, mit denen sie aufgewachsen war, abzuschlachten. Gehirnwäsche!

Doch im Gegensatz zu den anderen, schien die junge Frau neben ihm, trotz seines ersten Eindruckes und allem was sie ihm erzählt hatte, nicht völlig übergeschnappt zu sein. Zwar hatte sie ihn angriffen, hingegen ihres feindseligen Verhaltens, aber nicht gleich getötet. Denn sie konnte nicht sicher sein, wer er war, ob er eine Gefahr für sie darstellte und ob er in ihren Auftrag mit eingeschlossen war. Sie wollte es erst herausfinden. Sich Gewissheit über ihn verschaffen. Obwohl sie wusste, dass ihr an diesem Ort nur Feinde auflauerten sollten, die sie allesamt auszuschalten hatte.

Sie hätte ihn mit Leichtigkeit bei ihrer ersten Begegnung umbringen könnte. Shane hatte nicht bemerkt, wie sie sich an ihn herangepirscht hatte. Aber das Mädchen hatte darauf verzichtet. Und im Verlauf der folgenden Stunden sogar das Leben gerettet, als die anderen im Begriff waren ihn umzubringen. Hätte Corey denselben Befehl erhalten, hätte sie ihn dann auch noch verschont? Er zweifelte daran. Andererseits hätte sie ihn auch in vorauseilendem Gehorsam ausschalten können, als sie aus zweiter Hand von dem Auftrag erfahren hatte.

Shane schwirrte der Schädel. Doch er hatte sich dafür entschieden ihr zu vertrauen und bis her hatte er es nicht bereut. Außerdem hatte er das Gefühl, dass sie sein Vertrauen inzwischen erwiderte. Noch vor wenigen Stunden, hatte sie es vor Argwohn und kaum ausgehalten, so dicht neben ihm zu liegen. Er hatte sie von sich aus vor feindlichen Blicken abgeschirmt und sie war ihm voller Furcht vor Verrat und in Ungewissheit über seine Person und seine Rolle gänzlich ausgeliefert gewesen. Doch sie hat seinen Schutz angenommen.

Inzwischen war es fast anders herum. Das Mädchen könnte jederzeit entscheiden, dass er ihr an Klotz am Bein war und einfach zurück oder in eine Falle tappen lassen. Shane war stark und ein guter Kämpfer, doch er machte sich keine Illusionen. Allein würde eh keinen Stich gegen auch nur einen dieser sich noch in Ausbildung begriffenen Krieger sehen.

Er atmete tief durch und zwang sein Herz und seinen Kopf zur Ruhe. Für heute Nacht war alles gut. Sie hatten einen Unterschlupf und obwohl der Boden hart und die Nacht kühl war, wärmte ihn die Nähe des Mädchens. Sie waren zunächst in Sicherheit. Die Finsternis und die Wildnis schützte sie und im Notfall verließ er sich auf Coreys scharfe Ohren. Sie hatte ihn mitgenommen und alles erzählt, was im Moment wichtig war. Warum sollte sie ihn jetzt verraten? Langsam kehrte Ruhe in seinen Gedanken ein und er überließ sich dem Schlaf.

Als Corey ihn weckte, war es noch immer stockdunkel. Sie hatte die Hand nur leicht auf seine Schulter gelegt, doch er wachte sofort auf.
„Hey, ich bin’s, Corey“, wisperte sie. „Es ist alles gut. Tut mir leid, dass ich dich wecke. Es ist auch nicht mehr lange bis zum Morgengrauen, aber ich glaube, ich brauche bis dahin auch noch etwas Schlaf.“

Shane dreht sich zu ihr um. Er blinzelte ein paar Mal, in der Hoffnung, seine Augen würden sich an die Dunkelheit gewöhnen, doch viel mehr als vorher, konnte er trotzdem nicht erkennen.
„OK, klar. Bin wach.“

Corey antwortete in dem sie sich von ihm wegdrehte und es kehrte wieder Stille ein. Ihre Atemzüge beruhigten sich innerhalb von Sekunden. Wow… ist sie so schnell eingeschlafen? Muss todmüde gewesen sein

Shane hatte keine Ahnung, wie lange er geschlafen hatte. Er fühlte sich kein bisschen erholt. Doch als das Mädchen ihn berührt hatte, war er sofort in Alarmbereitschaft und sein Körper schüttete als direkte Reaktion Adrenalin aus. Es hielt ihn wach und er lauschte. Wie erwartet, war alles ruhig. In ihrem Erdloch drangen nur gedämpft die Geräusche des Windes in den Bäumen und das sanfte Blubbern des Baches.

Etwas stupste ihm gegen das Bein. Er fuhr erschrocken zusammen, als er gleich darauf noch einmal etwas gegen sein Schienbein stieß. Er setzte sich leicht auf. Nichts außer ihnen beiden hatten noch Platz im Versteck und er realisierte, dass es das Mädchen war, die ihm Schlaf zuckte.

„Autsch!“, beschwerte er sich, als sie ihm heftiger gegen das Schienbein trat. Innerhalb von Sekunden wurden die Zuckungen immer stärker. Ihre Atemzüge kamen nur noch abgehackt. Es klang fast als würde sie ersticken. Und dann begann sie um sich zuschlagen.

Leicht in Panik versetzt und in Sorge, sie könnte gerade irgendeine Art von Anfall haben, überlegte er, sie zu wecken. Doch dann rutschte er stattdessen dicht an sie heran. Er legte den Arm fest um ihren zitternden Leib und drückte ihren Rücken an seine Brust. Ihre Haare kitzelten ihn in der Nase, doch es störte ihn nicht. Während ihr Körper wie unter Peitschenhieben erschütterte, hielt er sie fest. Doch sie zappelte weiterhin, als wolle sie sich gegen die Umarmung wehren. Shane tastete sich über ihre Schulter und Oberarm zu ihrem Handgelenk vor und klemmte ihren Arm gegen ihre Brust, damit sie sich selbst und ihn nicht verletzte.

Er brachte sein Gesicht nah an ihren Kopf, bis er ihr Ohr mit der Nasenspitze berührte und flüsterte ihr, darum bemüht, besänftigend zu wirken, sanfte Worte zu.
„Schhh. Alles gut, Corey. Ich bin’s, Shane. Ich bin bei dir. Du bist sicher. Ich bin da…“

Und nach wenigen Minuten schien es zu funktionieren. Besorgt harrte er aus, bis sich ihre Atmung allmählich normalisierte und ihr Körper endlich zur Ruhe kam.

Nach einer Weile lockerte Shane seine Umarmung und entfernte sich vorsichtig wieder von ihr. Es dauerte nicht lange, bis er das Mädchen erneut neben sich erzittern spürte. Bevor sie wieder um sich schlagen konnte, rutschte er zu ihr zurück. Als er den Arm um sie legen will, merkt er, dass sie sich zu ihm umgedreht hat. Ihr Atem ging stoßweise. Und sie machte leise Geräusche. Er hielt inne, um zu lauschen. Zitternd sog sie Luft. Es hörte sich wie ein Wimmern an. Vorsichtig streckte er die Hand nach ihrem Gesicht aus. Warme Nässe begrüßte seine Fingerspitzen und ihm wurde klar, dass sie weinte. Überwältigt von Mitgefühl, schob er einen Arm unter ihren Kopf und zog das Mädchen an seine Brust. Instinktiv schlang Corey einen Arm um ihn und vergrub ihr Gesicht in seinem schmutzigen Hemd, als hätte sie nur darauf gewartet. Etwas verdutzt versteifte Shane sich, doch er war sicher, dass sie weiterhin schlief.

Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich diese Blöße gegeben hätte, wenn sie bei vollem Bewusstsein gewesen wäre. Lächelnd lehnte er das Kinn an ihre Stirn und hoffte, sein Bart würde sie nicht kratzen und wecken, doch sie rührte sich nicht und ihre bebenden Schultern kamen zum Erliegen.

Shane streichelte ihr sanft über den Kopf. Fürsorglich achtete er darauf, sich nicht in den zerzausten Haaren zu verheddern. Er wollte um jeden Preis verhindern, sie irgendwie unabsichtlich zu wecken. Er fürchtete ihre Reaktion, wenn sie sich, in inniger Umarmung mit einem immer noch wildfremden Kerl wiederfand, den sie vor nicht allzu langer Zeit noch gewillt war, für immer zum Schweigen zu bringen, sollte es die Lage erfordern. Diese Einstellung hatte sich sehr wahrscheinlich nicht zwingend mit seiner Rettung, aus den Fängen ihrer Kameraden, geändert. Davon musste er zumindest ausgehen. Trotzdem genoss er die Situation zunehmend.

Alle seine Sinne konzentrierten sich auf das Mädchen in seinen Armen, das ihm plötzlich viel zu klein und zart erschien. Alles was an diesem Tag geschehen war, kam ihm in diesem Moment unwirklich vor. Wie sollte diese zerbrechliche Gestalt in den vergangen 12 Stunden drei Menschen überwältigt und getötet haben. Wie sollte sie noch sechs weitere Personen überleben, die inzwischen wahrscheinlich zusammen und organisiert waren und es genauso auf sie abgesehen hatten. Er vergrub das Gesicht in ihrem Haar und sog tief die Luft ein. Sie roch angenehm. Schwer zu beschreiben. Irgendwie süß, aber nach eine Süße, die man an dieser Stelle nicht erwarten würde. Wie Tannennadeln, in einem Birkenwald. Wie Honig, auf einem deftigen Braten.

Coreys Atemzüge durchdrangen warm den Stoff seines Hemdes. Zufrieden mit sich, ihren wilden Anfall besänftigt und dem Mädchen die nötige Ruhe verschafft zu haben, suhlte er sich in der Wärme, die sie ausstrahlte. Er vergaß den harten Grund, auf dem sie lagen und die Frische und Feuchtigkeit, die eine Nacht im Wald mit sich bringen konnte.

Erstaunt über sich selbst, wurde Shane bewusst, dass er das Ende der Nacht in weite Ferne wünschte. Und die Tatsache, dass sein und Coreys Leben mit dem Anbruch des Tages wieder in unmittelbarer Gefahren waren, spielte dabei eine eher untergeordnete Rolle. Er fragte sich, was das für ihn bedeutete. Doch unbestreitbar war, dass es ganz und gar ungünstig war, wie willkommen ihm diese junge Frau in seinen Armen war. Ganz besonders, wenn Corey nach ihrem Erwachen noch genauso abgestoßen von ihm wäre, wie am vergangenen Morgen.

Doch er hoffte, dass sie sich im Schlaf nicht an jeden, der zufällig die Nacht neben ihr verbrachte, klammern würde, um Schutz und Trost bei einem schlechten Traum zu suchen. Würde ein so misstrauisches Mädchen überhaupt neben jemandem einschlafen können, dem sie nicht vertraute? Bestimmt nicht. Und könnte jemand sie beruhigen, bei dem sie sich nicht bis zu einem gewissen Maß sicher fühlte? Ganz sicher nicht. Und doch schlief sie, atmete gleichmäßig und warf sich nicht mehr herum.

Stattdessen klammerte sie sich wie eine Sterbende an ihn, als wäre Shane das Leben selbst. Und er hielt sie bereitwillig für den Rest der Nacht.

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