Unter Brücken:

Unter meiner Brücke ist es warm. Kuschelig. Einfach schön.

Sie ist mein Zufluchtsort, mein Felsvorsprung, an dem ich mich halten kann, wenn die Klippe zu steil hinab geht.
Unter meiner Brücke kann ich mich neu orientieren, mich neu ordnen, falls sich das Leben mal in eine andere Richtung dreht.

Meine schönsten Erinnerungen liegen dort verborgen, sie ist meine Schatzkammer. Gefüllt mit Momenten, Gefühlen und Sorgen.
Meine Brücke ist mein Schutz, gestützt auf zwei riesige Balken.
Und die rosten nicht, sie stürzen nicht ein. Erst irgendwann werden sie alt und zerbrechlich sein.
Wie ich.
Aber noch steht sie in all ihrer Pracht, meine Brücke, mein Ufer, an dem ich mich niederlassen kann, weil ihr so großes Dach endlos über mich wacht.

Ja, unter meiner Brücke ist es warm. Kuschelig. Einfach schön.

Unter seiner Brücke ist es kalt. Kahl. Aschgrau und schmutzig.

Sie ist ihm kein Zufluchtsort, denn an seiner Klippe gibt es keinen Halt. Sie ist nahezu glattgeschliffen. Er kann nur versuchen sich oben zu halten um nicht zu fallen.
Unter seiner Brücke findet man nichts was ihn auszeichnet. Gar nichts. Was soll man schon geben wenn man nichts hat?
Dabei würde er alles geben. Alles, nur um nicht ständig gegen diese schier endlose, massive Wand zu prallen.

Oh, wie gerne würde er seiner Brücke einen neuen Anstrich verpassen. Oder die Pfosten, die sie stützen, ölen.
Aber mit was? Er hat ja nichts. Er kann ja nichts. Er ist ja fremd. Anders.
Oh, wie gerne würde er sich unter ihrem Dach wohl fühlen. Sich in Kissen sinken lassen, anstatt auf einer Pappe zu schlafen und sein Leben zu hassen.
Oh, wie gerne hätte er auch nur Bruchteile der schönen Erinnerungen die ich habe.
Stattdessen erscheinen immer die gleichen Bilder vor seinen Augen, Krieg und Armut, wie eine riesige Narbe.

Ja; unter seiner Brücke ist es kalt. Kahl. Aschgrau und schmutzig.

Und würdet ihr an unseren Brücken vorbei laufen, an meiner und seiner. Was würdet ihr machen?
Würde auch nur einer von euch bei ihm stehen bleiben?
Ihm das bisschen Glück schenken das ihm so fehlt?
Einfach mit ihm reden, unvoreingenommen?
Ohne Vorurteile?

Ich würde es nicht.

Eltern würden Kinder in ihre Mitte nehmen, sie schützen. Nur weil die Brücke so schäbig ist. Weil so etwas nicht ihrer Ordnung entspricht.
Aber haben sie sich je auch nur Mühe gegeben den Mann und seine Taten hinter der Brücke, seiner Fassade, kennenzulernen?

Nein.

Sonst hätten sie gewusst wer der Mann ist und wer er war. Das auch er mal ein Leben hatte.
Vor dem Krieg.
Das auch er mal glücklich war.
Vor dem Krieg.
Das er nur geflüchtet ist.
Niemand der anderen weh tun würde. Sondern Jemand der allen Entgegenkommen würde. Aber sie wollen keine Hilfe von einem der anders ist. Von einem der so eine Brücke hat. Nein, sie bleiben vor Brücken stehen wie meiner.

Denn seine Brücke ist es kalt. Kahl. Aschgrau und schmutzig.

Mit mir würdet ihr reden. Über meine Fassade, meine Taten.
Allein all das farbenfrohe meiner Brücke lässt sie euch positiv schätzen.
Lässt euch nicht vorüber hetzen.
Nein, meine Brücke entspricht eurer
Ordnung.

Denn unter meiner Brücke ist es warm. Kuschelig. Einfach schön.

Und würden wir alle Farbeimer kaufen, uns vor seine Brücke setzen und sie anstreichen. Schritt für Schritt, Seite an Seite.
Würden wir ihn annehmen, wie er ist.
Dann, ja, dann säßen wir endlich unter den selben Brücken.
UNSEREN Brücken.

Kommentare

  • Author Portrait

    Schön geschrieben. Einfach nur gut. Werde dir dazu auch noch mal mehr schreiben, weil ich davon echt begeistert bin. Aber dafür brauche ich noch Zeit. ... Aber merk dir eins. Es ist echt gut geworden

beta
Feenstaub

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