Unzertrennlich

„Ich schaffe das alleine“, giftete ich und versuchte mich weiterhin von James zu befreien.
„Ich glaube nicht, dass du es gegen Patton schaffst“, meinte er ehrlich und hielt meine Handgelenke fest. James schien es endgültig satt zu haben von mir blutig gekratzt zu werden. Wenn ich keinen Tunnelblick und eine Mordswut im Bauch gehabt hätte, dann hätte es mir unsagbar leid getan, dass ich ihm jetzt auch noch wehtat.
„Ich denke da aber anders“, konterte ich und knurrte.
Doch ich spürte, wie ich langsam zur Ruhe kam. Vielleicht lag es daran, dass ich tief im Innern genau wusste, dass James Recht hatte. Unerwarteterweise ließ James mich los und stellte sich vor mich.
Er war sich wohl ganz sicher, dass ich mich nicht sofort auf Patton stürzen würde.
„Was…“, fing ich an, aber er unterbrach mich.
„Hör mir zu, Holly“, meinte er energisch und schaute mich todernst an. „Du bleibst hier stehen, während ich mich darum kümmere, dass Patton den Weg frei macht.“ Darauf wusste ich nichts zu erwidern.
„Hast du mich verstanden?“, fragte er mich gereizt. Wahrscheinlich war er angespannt, weil wir bereits mehr Zeit verloren hatten, als erwartet. Geistesabwesend nickte ich. Ich konnte nicht erklären, warum ich ihm plötzlich zustimmte.
„Gut“, murmelte er. Dann wandte er sich ab und schritt auf seinen blonden Ex-Kollegen zu.
„Ich sage es dir jetzt zum letzten Mal: geh uns aus dem Weg“, spuckte er Patton entgegen. Der Killer grinste bloß unentwegt und machte keinerlei Anstalten sich in Bewegung zu setzen. Panisch sah ich die Beiden an. Sie standen sich gegenüber und belauerten sich wie zwei Tiger, die kurz davor waren aufeinander loszustürmen, um sich zu bekämpften. Und bei diesem Kampf konnte es nur einen Gewinner geben.
Diese Situation überforderte mich völlig. Wie angewurzelt stand ich auf einer Stelle und traute mich nicht meinen Blick abzuwenden. Ich vermied es sogar zu blinzeln.
Mein Atem ging flach, obwohl mein Herz in dreifacher Geschwindigkeit schlug. Jeden Moment erwartete ich, dass James, schwerverletzt und schwach, auf Patton losging und dieser James schneller in die Realität zurückholen würde, als mir lieb war.
Meine Muskeln spannten sich immer weiter an, bis ich das Gefühl hatte, dass sie bald zerrissen.
Und dann passierte es. James rannte los und schlug Patton mit einer Faust ins Gesicht. Dies war jedoch nicht schwer gewesen, denn der Killer hatte sich nicht bewegt und den Schlag abgeblockt. Das Einzige, was er tat, war James frech anzugrinsen.
„Du hattest schon mal mehr Kraft, Kleiner, dass muss ich zugeben“, spottete er und verwuschelte mit einer seiner großen Hände James´ Haare. Mich erinnerte dieser Anblick an einen Vater, der seinen Sohn liebkoste.
An James´ Stirn trat eine Ader hervor, die zu pochen begann. Man konnte ihm eindeutig ansehen, dass bei ihm bald die Sicherungen durchbrannten und er außer Kontrolle geriet. Ich hatte furchtbare Angst, denn ich hatte keine Ahnung, wie es weiterging.
Die Antwort bekam ich abrupt. Pattons Grinsen fror ein, bevor er mit seinem Handballen mit voller Wucht gegen James´ demolierte Rippen stieß. Ich hörte ein merkwürdiges Knirschen.
James` Knie knickten sofort ein und er schrie laut auf. Sein Schrei klingelte mir noch in den Ohren, als Patton ihm in den Magen trat. Ich musste mitansehen, wie mein Freund zu Boden stürzte und sich vor Schmerz krümmte. Ich hatte geahnt, dass dies geschehen würde. Nichtsdestotrotz schockierte mich die Grausamkeit, mit der Patton James quälte und übel zurichtete. Das konnte ich nicht zulassen. Ich löste mich aus meiner Starre und ging zu den Beiden herüber.
„Hey! HEY!!!“, rief ich Patton zu, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Mein Einsatz zeigte Erfolg, denn der Killer ließ von James ab und schaute mich lüstern an.
„Ich habe dich ja ganz vergessen, meine Schöne, dass tut mir leid. Ich bin untröstlich“, sagte er entschuldigend und fasste sich ans Herz.
„Aber jetzt gehört meine Aufmerksamkeit nur dir. Versprochen.“
Er stieg über den am Boden liegenden James und kam mit großen Schritten auf mich zu. Seine eisblauen Augen blitzten gefährlich. Das war ein unverkennbares Zeichen dafür, dass ich mich in Acht nehmen; dass ich aufpassen musste. Als er einen halben Meter von mir entfernt war, stoppte er und beugte seinen Oberkörper nach vorne, nahe an meine Haare heran. Dann schloss er die Augen und inhalierte meinen Duft.
„Kaum zu glauben, wie gut du riechst, Süße“, schwärmte er und überwand die letzten Zentimeter, die uns trennten. Der beißende Gestank von James´ Blut, das überall an seinen Klamotten haftete, brannte mir in der Nase. Mir wurde schlecht.
„Also, Süße“, er legte den Kopf schräg, „warum hast du mich gerufen?“ Er stemmte die Hände in die Hüften und wartete gespannt auf meine Antwort.
„Ich will…ich will mir einen Kuss von dir abholen“, würgte ich hervor. Ich musste mich zwingen diesen Satz auszusprechen. Niemals hätte ich gedacht, dass ich so etwas tun; dass ich freiwillig den Mörder meiner Mom küssen würde, aber ich tat es aus einem ehrenhaften Grund. Ich tat es, um ihn von James fernzuhalten und ihm somit weitere Schmerzen zu ersparen.
Alles in mir sträubte sich, als er verschmitzt lächelte, einen Arm um mich legte und mich an seinen verschwitzten, muskulösen Körper presste.
„Gute Entscheidung, Süße“, hauchte er und nahm mein Gesicht in seine Hände. Normalerweise mochte ich diese Geste, aber das vor mir war nicht James, sondern ein sadistischer, brutaler Mistkerl. Hart schluckte ich, als er sich aufgrund seiner Körpergröße tief zu mir herunterbeugte und seine trockenen Lippen auf meine presste. Am Liebsten hätte ich mich an Ort und Stelle übergeben, doch das war unmöglich, weil mir Patton gerade seine Zunge in den Hals steckte.
Diese fleischige, große Zunge, die sich in meinem Mund bewegte, fühlte sich widerwärtig an.
Krampfhaft versuchte ich an etwas anderes zu denken. Ich schloss die Augen und James tauchte vor mir auf. Ich sah, wie er blutüberströmt auf dem Boden lag und mich hilfesuchend anstarrte. Seine grauen Augen waren leer. Dieses Bild wirkte so unglaubliche echt…Moment… Ich stoppte meinen Gedankengang.
Das Bild war echt. James lag nur wenige Meter von mir entfernt. Schwer verletzt. Ich hatte die Chance Patton außer Gefecht zu setzen. Ich dachte nicht lange nach.
Mit meinem rechten Bein nahm ich Schwung und rammte ihm mein Knie zwischen die Beine. Keine Sekunde später hörte er auf mich zu küssen und wich zurück. Er schlug seine Hände vor die schmerzende Stelle und biss die Zähne aufeinander. Sogleich hastete ich zu James, welcher sich bereits mühsam aufgesetzt hatte. Ich brauchte nur in sein Gesicht zu sehen, um zu wissen, dass er den Kuss zwischen Patton und mir mitangesehen hatte. Ich achtete nicht auf seine erschrockene und traurige Miene. Stattdessen half ich ihm eilig beim Aufstehen.
Seine Knie schlotterten, als er auf seinen Füßen stand. Die schon vorher verletzten Rippen sahen nach Pattons Stoß nun noch merkwürdiger; noch ungesünder aus. James´ Atemzüge waren dermaßen kurz und flach, dass es so wirkte, als würde er überhaupt nicht atmen. Ich wusste nicht, ob es am Licht lag, aber ich hatte den Eindruck, dass sich sein Gesicht leicht bläulich verfärbt hatte. Meine Sorgen um ihn brachten mich beinahe um den Verstand.
„Lass uns verschwinden, James“, sagte ich hysterisch. Er nickte bloß und setzte sich in Bewegung. Ich folgte ihm, aber erst, als ich nach hinten zu Patton gesehen hatte. Dieser stand mit gekrümmten Rücken unter dem Kronleuchter und nuschelte etwas Unverständliches. Doch urplötzlich schnellte sein Kopf zu mir. Seine blauen Augen schienen vor Hass zu explodieren.
„Lauf so weit weg wie nur du kannst, Süße. Ich liebe es zu jagen und wenn ich dich in die Finger kriege, dann werde ich dir zeigen, was richtige Schmerzen sind“, drohte er. Augenblicklich lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ich hoffte inständig, dass ich ihm niemals wieder über den Weg lief. Ich atmete tief durch, öffnete mit einem Ruck die schwere Eingangstür und trat mit James in die Freiheit.
Kaum waren wir draußen, da wurden wir von der Dunkelheit verschluckt. Es war bitterkalt und es lagen mindestens 15 Zentimeter Schnee. Das Wetter war für uns beide die reinste Hölle, denn keiner von uns trug eine Jacke.
James hatte es dabei noch schlimmer getroffen, da sein Oberkörper entblößt war. Es würde nicht einfach sein, sich durch den Schnee zu kämpfen und in einer mir völlig fremden Umgebung Hilfe zu finden, aber dies war mir tausendmal lieber, als mich von durchgeknallten Killern quälen zu lassen.
Schweigend machten wir uns auf den Weg. Das größte Problem war das fehlende Licht.
Im Umkreis entdeckte ich nicht eine einzige Straßenlaterne. Lag das Haus gar nicht in der Stadt? Ich wurde panisch, denn ich wusste nicht, wo wir langgehen sollten. Fragend sah ich hoch zu James. Er war bestimmt schon einmal im Haus von Ophelia gewesen, sonst hätte er ja nicht gewusst, dass er im Flur links abbiegen musste, um zur Eingangshalle zu gelangen.
James erwiderte meinen Blick nicht. Ich fragte mich, ob er bloß nicht bemerkte, dass ich ihn ansah oder er mich ignorierte. Viel Zeit zum Nachdenken blieb mir nicht, denn James ging weiter und zog mich hinter sich her. Mit seinen Beinen schob er so viel Schnee zur Seite, wie möglich und bahnte uns einen Weg durch die Schneemassen.
Ich klammerte mich förmlich an seinen Arm, aus Angst, dass ich ihn verlieren und dann umherirren würde. Je länger ich mich draußen aufhielt, desto kälter wurde mir. Ich bekam eine Gänsehaut und meine Zähne klammerten. Dennoch versuchte ich irgendetwas in der Dunkelheit zu erkennen, an dem ich mich orientieren konnte. Wenn ich mich anstrengte, dann konnte ich unklare Umrisse von hohen Bäumen ausmachen.
„James?“, sprach ich ihn mit leiser Stimme an. Er reagierte nicht. Ich war mir nicht sicher, ob ich ein weiteres Mal das Wort an ihn richten sollte.
Plötzlich trat das Gespräch mit James jedoch in den Hintergrund, als er ohne Vorwarnung zusammenbrach und im Schnee liegen blieb. Sofort ließ ich mich neben ihn fallen. Ich bekam eine Heidenangst, als ich eine dunkle Flüssigkeit sah, die im Schnee versickerte.
Das war eindeutig Blut. Hektisch drehte ich ihn auf den Rücken, da er momentan auf der Seite lag.
Wie eine Wahnsinnige betrachtete ich seinen Körper, um herauszufinden, woher das Blut stammte. Mein Herz setzte aus, als mir auffiel, dass Blut aus seinem Mund lief.
„NEIN. NEIN. NEIN!!!“, kreischte ich ohrenbetäubend laut und wischte ihm mit meiner rechten Hand das Blut weg. Aber kaum hatte ich es entfernt, da kam gleich wieder neues Blut nach. Das Blut aus seinem Mund war ein Zeichen; ein schreckliches Zeichen für James´ miserablen Gesundheitszustand.
Wenn jemand Blut spuckte, bedeutete das dann nicht, dass ein Organ verletzt war? Das hatte ich zumindest mal von meinem Biologielehrer gehört. Bei diesem Gedanken riss ich meine Augen weit auf. Was nun? Ich hatte keine Ahnung, was man in solch einer Situation zu tun hatte. Ich wünschte mir nichts mehr, als ein Handy mit dem ich einen Krankenwagen rufen konnte.
Ich verfluchte die Killer, die mir mein Handy entwendet hatten.
Ich verfluchte die Killer, weil sie James lebensgefährlich verletzt hatten. Ich…ich…
Vor Verzweiflung brach ich in Tränen aus. Ich musste doch etwas tun. Ich musste, er würde sonst sterben. James würde sterben. Langgezogene Seufzer entschlüpften meiner Kehle, die eher einem Erstickungsanfall glichen. Er durfte nicht sterben, aber wie sollte ich das verhindern? Wir befanden uns im Nirgendwo und kein Mensch war weit und breit zu sehen. Es war eine auswegslose Situation. Ich war im Begriff den Verstand zu verlieren, als James auf einmal die Augen aufschlug und fürchterlich anfing zu husten. Dicke Bluttropfen flogen durch die Luft und spritzen mir ins Gesicht.
„Atme ganz ruhig, James“, flehte ich ihn an, aber es kam ganz anders. James schloss seine Augen genauso schnell, wie er sie geöffnet hatte, und hörte auf zu atmen. Sein Brustkorb hob und senkte sich nicht mehr und ich konnte keine Nebelwolken in der eisigen Luft erkennen, die verraten hätten, dass er ein- und ausatmete.
„NEIIIIIIIIIINNNNNNN!!!“, schrie ich, immer und immer wieder und zwar so lange, bis keine Luft mehr in meine Lunge gelangte. James war tot. Tot. Tot…

Ein helles, gleißendes Licht drang durch meine Lider und blendete mich. Es schien, als lodere ein Feuer vor meinen Augen. Das ist das Feuer des Kamins, in dem Mickey meine Hand verbrennen will. Panisch und verängstigt schlug ich wild um mich, als mich jemand an den Schultern fasste. Das ist Mickey. Das ist Mickey. Kalter Schweiß bildete sich auf meiner Haut und brachte mich zum Zittern. Er durfte mich nicht kriegen. Er durfte es einfach nicht.
„Lass mich los“, brüllte ich und versuchte ihn zu verletzen, damit er von mir abließ.
„Beruhigen sie sich, Miss Dugan“, befahl mir plötzlich eine klare Stimme. Es war nicht Mickeys Stimme. Verwirrt, aber auch erleichtert, öffnete ich die Augen. Zuerst sah ich nichts, denn das Licht, was meine Augen traf, war unglaublich hell.
Doch dann traten Schemen aus dem Licht hervor und verwandelten sich in einen Menschen. Über mir erkannte ich den Arzt mit den braunen Haaren, der mich an Halloween behandelt hatte. Mit seinen kräftigen Händen hielt er noch immer meine Schultern fest. Ich versuchte mich an seinen Namen zu erinnern, aber mein Kopf war so voll gestopft mit Gedanken, dass ich es nicht schaffte.
„Sie sind in Sicherheit“, flüsterte er sanft und schaute mich mit seinen warmen, braunen Augen durchdringend an. „Sie sind im Krankenhaus.“
Als er das sagte, wurde ich endgültig ruhig. Mein Puls normalisierte sich und ich hörte auf zu zittern. Ich war im Krankenhaus. Hier konnte mir nichts passieren. Hier… Wie ein Blitz durchfuhr mich tierische Angst.
„James.“ Sein Name war das Einzige, was ich herausbrachte. Ich schämte mich, denn ich hatte James für zwei Minuten vergessen. Wie konnte ich nur? Dabei war er…Er war…
Weiter wagte ich nicht zu denken. Ich sah ihn blutend im Schnee liegen. Leblos? Tot?
„Ihr Freund ist auch hier. Keine Angst. Er wird momentan operiert“, klärte er mich auf. Seine Worte realisierte ich gar nicht. James war hier? Er wurde operiert? Für mich machte nichts einen Sinn. Wie waren wir ins Krankenhaus gekommen? Wie lange waren wir schon hier? War ich bewusstlos geworden? Hundert Fragen schossen mir durch den Kopf, aber keine konnte ich beantworten.
„Wie geht es ihm?“, fragte ich nach etlichen Minuten. Vorsichtig setzte ich mich auf. Erst dann fiel mir meine verbundene linke Hand auf. Meine zwei gebrochenen Finger waren geschient worden. In mir staute sich augenblicklich Wut auf.
„Viel kann ich Ihnen leider nicht sagen, Miss Dugan. Ich weiß nur, dass die Verletzungen Ihres Freundes schwerwiegend sind und er notoperiert wird“, meinte er mit ernster Miene. Im ersten Moment wusste ich nicht, wovon er redete, so sehr war ich in meinen Gedanken vertieft. Aber nun wurde mir klar, dass er meine Frage beantwortet hatte.
„Wenn Sie mehr wissen möchten, dann müssen Sie sich an den operierenden Arzt wenden, aber…“ Bevor er weitersprechen konnte, unterbrach ich ihn.
„Wann wird die Operation vorbei sein?“ Unsicher beäugte ich ihn. Ich hoffte, dass es nicht mehr all zu lange dauern würde, bis ich ihn wiedersah.
Der Arzt räusperte sich. Viel zu lange für meinen Geschmack. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er Zeit schinden wollte.
„Hören Sie, Miss Dugan…“, das fing gar nicht gut an, …der Arzt, der Ihren Freund operiert, kann Ihnen auch nicht mehr sagen, als ich. Genauer gesagt darf er Ihnen nicht mehr sagen“, offenbarte er mir in einem entschuldigenden Ton.
„Warum nicht?“, kreischte ich schrill. Ich musste doch wissen, wie es James ging. Wieso wollte dieser Mann mir nichts sagen?
„Es tut mir sehr leid, aber Sie sind kein engeres Familienmitglied.“ Seine Worte waren wie ein Schlag ins Gesicht. Kein engeres Familienmitglied? Nur, weil ich nicht mit ihm verwandt war; weil nicht dasselbe Blut durch unsere Adern floss war ich nicht dazu berechtigt zu wissen, ob es ihm gut ging oder nicht? Die Beziehung zwischen James und mir war den Ärzten völlig egal. Das machte mich nur noch wütender.
„Wir sollten warten, bis jemand von seiner Familie…“
„Ich bin seine Familie“, knurrte ich und funkelte ihn zornig an.
Der Arzt setzte ein aufmunterndes Lächeln auf und berührte mich zart am Arm.
„Ich verstehe ja, dass Sie…“
„Nein, Sie verstehen nicht.“ Ich hielt die Tränen, die in meine Augen schossen, zurück.
„Er hat niemanden außer mir. Seine Eltern sind vor vielen Jahren gestorben und jemand anderen aus seiner Familie kennt er nicht“, erklärte ich ihm mit brüchiger Stimme.
„Ich bin die Einzige, die er hat. Außerdem bin ich mit ihm verlobt. Bin ich dann nicht dazu berechtigt alles über seinen Gesundheitszustand zu erfahren?“ Ich schob meine Augenbrauen zusammen und musterte ihn. Der Arzt machte trotz meines Ausrasters ein entspanntes Gesicht. Vermutlich war er aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung an ein solches Verhalten gewöhnt und wusste, wie man mit Leuten, wie mir, umgehen musste.
„Ich weiß, dass Sie Angst haben und über alles informiert werden möchten“, meinte er verständnisvoll. „Am Besten ist es, wenn wir das Ende der Operation abwarten. Ich werde den Arzt dann zu Ihnen schicken. Er wird dann entscheiden, ob er Sie über den Verlauf der Operation und den Gesundheitszustand Ihres Freundes informiert.“ Unzufrieden wanderten meine Mundwinkel nach unten.
Wie diplomatisch, dachte ich ironisch. Egal, wie sehr mir auch seine Antwort missfiel, ich musste mich beugen. Damit ich mich noch mehr aufregte und verrückt machte, schob ich die Gedanken und Sorgen um James erstmal zur Seite.
„Können Sie mir wenigstens sagen, wie wir hierher gekommen sind?“ Mir war bewusst, dass ich gemein zu ihm war.
„Ein Passant hat den Krankenwagen gerufen, nachdem er Sie und Ihren Freund bewusstlos vorgefunden hat.“ Also war ich tatsächlich bewusstlos geworden, aber warum?
„Der Krankenwagen kam gerade noch rechtzeitig. Wenn Sie beide noch länger in der Kälte gelegen hätten, dann hätte es schlecht ausgesehen“, gab er offen zu. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was schlecht konkret bedeutete.
„Sie haben wirklich Glück gehabt, Miss Dugan. Bis auf zwei gebrochene Finger und einer Gehirnerschütterung geht es Ihnen gut.“ Sein Lächeln wurde ein Stückchen breiter.
Glück. Ich schnaubte verächtlich. Wenn er wüsste, was James und ich durchgemacht hatten… Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Ich bemühte mich, mich nicht weiter über ihn zu ärgern.
Als ich den Arzt wieder anschaute, war sein Lächeln verschwunden und hatte einer besorgten Miene Platz gemacht.
„Ich würde jetzt gerne wissen, was mit Ihnen und Ihrem Freund passiert ist, Miss Dugan.“ Eindringlich schaute er mir in die Augen. Obwohl ich geahnt hatte, dass diese Frage kommen würde, war ich dennoch perplex. Was sollte ich ihm sagen? Wie sollte ich ihm erklären, woher unsere Verletzungen stammten? Ich wurde nervös.
„Dazu kann ich nichts sagen“, entgegnete ich mit fester Stimme. Ich hatte beschlossen kein einziges Wort über das Vergangene zu verlieren.
„Bitte seien Sie doch vernünftig“, appellierte er, doch ich verschränkte die Arme vor der Brust und blieb stur.
„Sie können mir ruhig alles anvertrauen, auch, wenn es mit Ihrem Freund zu tun hat“, äußerte er vorsichtig seinen Verdacht. Mir blieb die Luft weg. Wie kam er dazu eine solch fadenscheinige und unverschämte Anschuldigung auszustoßen?
„Wenn Sie glauben, dass James mir wehgetan hat, dann…“, fing ich düster an und verengte die Augen zu Schlitzen.
„Ich wollte Ihrem Freund nichts unterstellen, aber nach Ihrer Krankenakte sind Sie bereits das dritte Mal in wenigen Monaten hier“, stellte er fest, wobei er meine Akte zur Hand nahm, die auf der Ablage am Fußende des Bettes lag.
Er warf einen flüchtigen Blich hinein, überflog hastig die Einträge und legte die Akte dann wieder zur Seite.
„Ich weiß das“, schnauzte ich ihn an. „James hatte damit aber nie etwas zu tun.“ Ich verschwieg lieber, dass er durch seinen Verrat seine Ex-Kollegen erst auf den Plan gerufen und uns somit tödlichen Gefahren ausgesetzt hatte.
„Ich werde Ihnen nichts sagen“, wiederholte ich. Somit war das Gespräch zwischen uns beendet. Der Arzt öffnete den Mund, schloss ihn aber schnell wieder, ohne etwas gesagt zu haben. Nach einer langen Zeit, angefüllt mit Stille, nahm er meine Akte und stellte sich ans Bettende.
„Ich werde erstmal nach anderen Patienten sehen. Dann erkundige ich mich, wie lange die Operation Ihres Verlobtem noch dauert.“ Kurz fuhr er sich durch die Haare. „Sollte sie schon beendet sein, dann schickte ich den Arzt, der ihn operiert hat, zu Ihnen.“
Dankbar nickte ich ihm zu. Ich bekam ein schlechtes Gefühl, weil ich ihn angekeift hatte.    
„Soll ich jetzt Ihre Familie reinholen?“, fragte er mich, als er eine Hand bereits um den Türknauf gelegt hatte. Ohne wirklich darüber nachzudenken, kam ein leises „Ja“ über meine Lippen.
Ich fragte mich, wie lange die Killer uns festgehalten und ich nicht Zuhause aufgetaucht war. Jamie und Olivia waren bestimmt krank vor Sorge. Der Arzt warf mir noch einen letzten Blick zu, ehe er die Tür öffnete und das Zimmer verließ.
Keine Minute später hörte ich laute, schnelle Schritte auf dem Flur. Jamie und Olivia kamen beinahe gleichzeitig hereingestürmt. Atemlos blieben sie vor meinem Bett stehen. Auf einen Schwall an Fragen brauchte ich nicht lange zu warten.
Was ist passiert? Geht es dir gut? Wo warst du? Und, und, und. Die Beiden redeten durcheinander und ihre Stimmen überschlugen sich. Irgendwann wurde mir das Stimmengewirr zu viel und ich hob eine Hand. Sie wurden augenblicklich still, als ob jemand die Stummtaste auf einer Fernbedienung gedrückt hätte.
„Eine Frage nach der Anderen“, bat ich überfordert. Olivia setzte sich auf die Bettkante und streichelte mir über den rechten Arm.
„Tut uns leid, Holly, aber wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht“, hauchte sie. Ängstlich schaute sie mich mit ihren braunen Augen an. Mein Onkel stand derweil unruhig vor dem Bett. Er trat unentwegt von einem Fuß auf den Anderen und versuchte nicht mich anzusehen.
„Was ist passiert?“, fragte mich Olivia. „Von deinem Arzt haben wir nur erfahren, dass du eine Gehirnerschütterung und zwei gebrochene Finger hast.“ Ihr sorgenvoller Blick schweifte zu meiner verbundenen Hand. Hart musste ich schlucken. Nicht schon wieder diese Frage. Innerlich stöhnte ich.
„Dazu werde ich nichts sagen.“ Ich gab ihr genau dieselbe Antwort, wie dem Arzt. Olivia schaute mich mit einer Mischung aus Unverständnis und Enttäuschung an.
„Wieso denn nicht?“ Ihre Stimme erreichte unnatürliche Frequenzen und tat mir in den Ohren weh. Bevor ich etwas sagen konnte, kam aus Jamies Kehle ein dumpfes Grollen. Erschrocken wandte sich seine Frau zu ihm um. Auch mich überraschte dieses Geräusch. Das Gesicht meines Onkels war wutverzerrt und seine Augen funkelten zornig. Wie ein wild gewordener Stier schnaubte er und scharte mit den Füßen auf dem Boden herum.
„Jamie, was…?“ Olivia brach ab, als ihr Mann völlig die Kontrolle verlor. Er lief eilig durchs Zimmer und trat und schlug gegen alles, was er finden konnte. So hatte ich meinen Onkel noch nie gesehen. Was war bloß los mit ihm?
Plötzlich hörte er mit seiner Irrfahrt auf und stellte sich wieder ans Bettende.
„Was ist denn in dich gefahren, Jamie?“, fragte Olivia und sah ihn schockiert an.
„Ich weiß ganz genau, was mit Holly passiert ist“, brachte er wutentbrannt hervor. Ich traute meinen Ohren nicht. Hatte er allen Ernstes gesagt, dass er wusste, was geschehen war?
„Dieser…dieser… Junge ist an allem Schuld!“, schrie er uns entgegen. Olivia klappte die Kinnlade herunter.
„Was redest du da?“ Es klang, als hielte Olivia ihren Mann für verrückt. Während sich Olivia keinen Reim auf seine Aussage machen konnte, war mir ganz klar was oder genauer gesagt, wen er meinte.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“, fragte ich ihn entgeistert. Nun war Olivias Verwirrung perfekt.
„Jamie glaubt, dass James Schuld daran trägt, dass ich hier bin“, klärte ich sie auf.
„Ich meine das nicht nur, es ist so.“ Sein Gesicht lief puterrot an und ich konnte einzelne Muskelstränge erkennen, die deutlich aus seiner Haut hervortraten.
„Zwei ganze Tage sitzen wir zu Hause und warten auf ein Lebenszeichen von dir.“ Seinem Tonfall konnte ich entnehmen, dass er fürchterliche Angst um mich gehabt hatte.
„Dann werden wir von einem Arzt angerufen und darüber informiert, dass du im Krankenhaus bist. Schon wieder“, betonte er.
„Und was hat das jetzt mit James zu tun?“, blaffte ich ihn an und merkte, wie mir selbst die Röte ins Gesicht stieg.
„Was das mit James zu tun hat? Er ist doch Schuld an alledem. Dieser Junge ist nicht gut für dich, Holly. Ich wusste von Anfang an, dass an ihm etwas faul ist und man ihm nicht trauen kann.“ Eifrig nickte er, als bestätige er alle seine Aussagen.  
„Was redest du denn da für einen Unsinn, Jamie?“, fragte Olivia empört und schüttelte den Kopf. Sie fand seine Hirngespinste genauso übertrieben und falsch, wie ich.
„Das ist kein Unsinn“, wehrte er sich. „Dieser Kerl soll sich gefälligst von dir fernhalten. Von mir aus kann ich ihm das auch selbst sagen.“ Er ballte seine Hände zu Fäusten und sah zwischen Olivia und mir hin und her. Er konnte oder wollte nicht verstehen, dass wir beide eine völlig andere Meinung über James hatten. Mir war es egal. Ich wollte mir nicht weiter anhören, wie Jamie meinen Freund niedermachte.
„Du hast keinen Grund dermaßen schlecht über James zu reden. Er trägt nicht die Schuld, dass ich im Krankenhaus bin. Wie auch? Er ist ebenfalls hier und wird gerade notoperiert. Ich weiß nicht einmal, ob er den heutigen Tag überlebt. Also tu mir den Gefallen und halt deinen Mund“, ratterte ich in Windeseile herunter.
Mein gesamter Körper bebte und die Tränen, die ich beim Gespräch mit dem Arzt noch hatte zurückhalten können, brachen aus mir heraus. Ich schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte.
Was war, wenn James tatsächlich im OP sterben; er niemals zu mir zurückkehren würde? Eigentlich wollte ich nicht über seinen möglichen Tod nachdenken, doch ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Verstand. Er machte, was er wollte. Er ließ Gedanken zu, die ich verabscheute und nicht ertragen konnte.
Am Liebsten wäre es mir gewesen, wenn die Beiden sofort mein Zimmer verlassen hätten. Vor allem meinen Onkel wollte ich momentan nicht in meiner Nähe haben, aber ich fühlte mich nicht dazu in der Lage sie hinauszuwerfen.
Ich hatte keine Lust auf neue Diskussionen und Streitereien. Daher schloss ich die Augen und versuchte nicht an Olivia und Jamie zu denken.
Mein Vorhaben wurde jedoch sehr schnell von Olivia zunichte gemacht, als sie mich in ihre Arme nahm und fest an ihren Körper presste.
„Es wird alles wieder gut, Holly“, flüsterte sie mir zu und strich über meine Haare.
„James wird das schon schaffen.“ Sie legte ihre Wange an meine. Ihre Wärme durchfuhr mich wie ein elektrischer Impuls und gab mir ein sicheres, geborgenes Gefühl. Ihre Worte wiederholte ich unablässig in meinem Kopf, wie eine nicht enden wollende Kassette.
Dazu sah ich Bilder von James und mir.
Ich sah, wie wir beide unter einer Feuerleiter standen, während es wie aus Eimern schüttete. Ich trug ein rotes Kleid. Er hielt mich in seinen starken Armen und schaute mich mit diesen atemberaubenden und außergewöhnlichen grauen Augen an. Unsere erste Begegnung. Der Moment, in dem ich mich unsterblich in ihn verliebt; in dem ich die Liebe meines Lebens gefunden hatte. Ein kurzer, heller Blitz und ich sah ein neues Bild vor mir.
Ich befand mich in meinem Bett in meinem alten Haus. Rücklings saß ich auf James und küsste ihn leidenschaftlich. Der Kuss brachte mein Herz zum Rasen und mir war unsagbar heiß. Blitz.
Gemeinsam lagen wir auf James´ schwarzer Ledercouch. Mein Kopf und meine rechte Hand lagen auf seiner Brust. Ich hörte jeden einzelnen Schlag und fühlte sein pochendes Herz unter meinen Fingern. Blitz.
Als Rotkäppchen verkleidet stand ich in der Aula meiner High School. James grinste mich verschmitz an. Dann nahm er meine Hand, legte einen Arm um meine Taille und fing an zu tanzen. Ich schien zu schweben, als er mich galant über das Parkett führte. Blitz.
Mein Blick war von unzähligen Tränen verklärt. Dennoch erkannte ich James, welcher vor mir kniete und mir den Ring seiner Mutter entgegenstreckte. Er machte mir einen Heiratsantrag. Er wollte mich heiraten. Er war dazu bereit sein Leben mit mir zu verbringen und ich war es auch.
Ich riss die Augen auf und war tief bestürzt, als ich nicht James vor mir sah, sondern meinen Onkel, der in Gedanken versunken vor dem Krankenbett stand. Olivias Arme waren unverändert um mich geschlungen. Es hatte sich nichts verändert, außer…
Mir fiel das blonde Mädchen ins Auge, das am Fenster stand. Es war Linda. Ich runzelte die Stirn. Seit wann war sie hier? Warum hatte ich sie nicht schon vorher bemerkt?
Fragend schaute ich Olivia an, in der Hoffnung, dass sie mir Antworten geben konnte. Sie schien zu verstehen, was ich von ihr wollte, denn sie sah flüchtig zu meiner besten Freundin herüber.
„Sie ist vor fünf Minuten gekommen“, meinte sie. „Wir haben sie angerufen, als wir wussten, dass du hier bist.“ Sie schenkte mir ein warmes Lächeln. „Sie hat sich auch große Sorgen gemacht.“
Olivia löste die Umarmung, stand auf und ging zu Linda. Diese starrte aus dem Fenster und beobachtete die neuen, dicken Schneeflocken, die auf die Erde segelten. Olivia legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. Linda zuckte kaum merklich zusammen und wandte sich vom Fenster ab. Olivia machte eine Kopfbewegung in meine Richtung. Linda verstand und eilte unverzüglich an mein Bett. Die Haut um ihre Augen war stark gerötet.
„Ich bin so erleichtert, dass es dir gut geht“, keuchte sie und hüpfte neben mich. Linda betrachtete mich so eingehend, dass ich das Gefühl bekam, das sie mich mit ihrem Blick bis auf meine Knochen durchleuchten würde. Plötzlich kam sie ein Stück näher und fing an leise mit mir zu sprechen.
„Lass mich raten…“, sagte sie und dachte gespielt nach, …James und die anderen Killer haben etwas mit der Sache zu tun.“ Sofort verwandelte sich ihre Miene in pures Eis. Bis eben hatte ich mich gefreut, dass Linda hier war, doch jetzt wünschte ich sie ganz weit weg, genau wie meinen Onkel.
„Ich werde nichts sagen, Linda“, zischte ich zurück. Ihre Reaktion war ein einfaches Achselzucken.
„Das ist bereits Antwort genug, Holly“, meinte sie altklug und belegte mich mit einem vielsagenden Blick.
„Fein“, sagte ich patzig.
„Ich glaube jetzt ist die richtige Zeit sich von James zu trennen“, platzte es auf einmal aus ihr heraus. Schockiert öffnete ich den Mund. Was hatte sie da gesagt?
„Er ist ein böser Mensch und tut dir nicht gut, Holly. Das musst du doch endlich einsehen“, belehrte sie mich. Ihre Worte und ihr Verhalten ärgerten mich. Wieso konnte sie nicht einfach aufhören mich von einer Trennung zu überzeugen?
„Linda…“, fing ich an, brach jedoch ab, als die Tür geöffnet wurde und ein Arzt mit grauem, lichten Haar eintrat. Auf seiner Nase saß eine schlichte schwarze Brille. Der Arzt kam zu meinem Bett herüber und räusperte sich. Alle Anwesenden sahen ihn erwartungsvoll an. Wahrscheinlich glaubten sie, dass es um mich ging, aber ich wusste es besser. Er war gekommen, um mich über den Ausgang von James´ Operation zu informieren. Ängstlich, gleichzeitig aber auch gespannt, schaute ich den Arzt mit großen Augen an.
„Sind Sie Miss Dugan?“, fragte er mich. Ich nickte.
„Ich bin Dr. Williams“, stellte er sich vor. „Ich habe Ihren Verlobten operiert.“ Ich achtete nicht auf die empörten und erstaunten Gesichter von Jamie, Olivia und Linda. Stattdessen nickte ich ihm ein weiteres Mal zu.
„Ich würde Sie jetzt gerne über den Verlauf der Operation informieren“, sagte er mit dröhnender Stimme.
„Darum würde ich Sie bitten den Raum kurz zu verlassen“, sagte er an die übrigen drei gewandt. Wie mechanisch setzten sie sich in Bewegungen, wobei jeder von ihnen mich mit einem undefinierbaren Blick ansah, bevor sie aus dem Zimmer verschwanden.
Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, da wurde ich hibbelig. Meine Nervosität und Angst stiegen ins Unermessliche. Hoffentlich ging es James gut. Hoffentlich lebte er noch.
„Also…“, er nahm die Akte, die er unter dem Arm trug, zur Hand. „Bevor Ihr Verlobter ins Krankenhaus eingeliefert wurde, musste er bereits im Krankenwagen wiederbelebt werden“, meinte er trocken. Wie auf Knopfdruck verfiel ich in eine Starre. Meine Muskeln verkrampften sich und für einen Augenblick hörte ich auf zu atmen.
Wiederbelebt. Dieses schreckliche Wort hallte in meinem Kopf wieder, wie ein Echo. Wiederbelebt.
„Wir haben Ihn umgehend operiert, als er im Krankenhaus eintraf“, fuhr er fort. „Er hatte sowohl einen Riss in der Leber, als auch in der Milz.“ Er schaute in die Akte. Derweil wurde mir speiübel und meine Haut schneeweiß.
„Während der Operation gab es leider ein paar Komplikationen“, gab er dann vorsichtig zu. Mir blieb das Herz stehen. Komplikationen. Schon wieder so ein grauenhaftes Wort.
„Durch den enormen Blutverlust und eine Rippe, die den linken Lungenflügel durchbohrt hat, waren wir gezwungen ihn zwei weitere Male wiederzubeleben, da seine Lunge kollabiert ist“, erklärte er und betrachtete mich mitleidig. Ich nahm den Arzt jedoch nicht wahr. Er und die Umgebung verschwammen vor meinen Augen und verwandelten sich in einen trüben, grauen Strudel, der mich in einen finsteren, furchterregenden Abgrund zog. Dieser Abgrund hielt nur Trauer, Schmerz und Qualen für mich bereit. Ich hatte das Gefühl, dass ein tödliches Gift durch meine Adern floss und meine Muskeln schmerzhaft lähmte. Die Ausmaße von James´ Verletzungen waren für mich kaum vorstellbar. Dies alles hatten seine Ex-Kollegen ihm mit bloßen Händen angetan. Gnadenlos und eiskalt hatten sie ihn gequält. Das war…
Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als ich eine große schwitzige Hand auf meiner Schultern spürte. Ich blinzelte gefühlte hundertmal, ehe ich den Arzt wieder klar vor mir erkennen konnte.
„Ich weiß, dass sich dies alles sehr schlimm anhört, aber ich kann sie beruhigen.“ Er lächelte.
„Ihr Verlobter hat die Operation gut überstanden. Er liegt momentan auf der Intensivstation.“ Diese Nachricht war ein himmelweiter Unterschied zu den vorangegangenen Schilderungen über die Komplikationen, die sich ereignet hatten. Es war eine erhebliche Erleichterung für mich zu wissen, dass James die Strapazen überstanden hatte und am Leben war. Der Abgrund, der mich eben noch bedroht hatte, war endgültig verschwunden und spielte keine Rolle mehr.
„Kann ich ihn sehen?“, erkundigte ich mich und starrte ihn flehend an. Er durfte nicht nein sagen. Er durfte es einfach nicht.
„Momentan würde ich davon abraten. Ihr Verlobter braucht dringend Ruhe und Schlaf, aber heute Abend werde ich noch einmal bei Ihnen vorbeikommen und bringe sie zu ihm“, vertröstete er mich in einem sanften Ton. Seine Antwort gefiel mir nicht, aber sein Angebot war besser, als nichts. Dennoch war ich mir im Klaren, dass die nächsten Stunden die reinste Hölle für mich werden würden.

Ich lag im Bett. Ungeduldig trommelte ich mit den Fingern meiner gesunden Hand auf der kratzigen Bettdecke. Um mich herum saßen Olivia und Linda. Mein Onkel hatte sich irgendwann in die Cafeteria im dritten Stock verzogen.
Ihn hatte die Nachricht, dass ich mit James verlobt war, am härtesten getroffen.
Seit der Arzt gegangen war, war überhaupt eine merkwürdige Stimmung im Raum. Linda beäugte immer wieder skeptisch meinen Verlobungsring. Dabei hatte sie vor Wut ihre Lippen aufeinander gepresst. Mich überraschte ihre Reaktion in keinster Weise, im Gegensatz zu Olivia.
Sie war die Einzige, bei der ich mir sicher gewesen war, dass sie Verständnis für mich aufbringen würde, doch Fehlanzeige. Sie schaute mich weder an, noch redete sie mit mir. Was war bloß los mit ihr? Hatte sie sich jetzt doch auf die Seite der Anderen geschlagen und stellte sich nun gegen James? Ich hätte sie gerne gefragt, was für ein Problem sie hatte, aber ich traute mich nicht. Zu groß war die Furcht vor ihrer Antwort.
Daher hing ich lieber meinen Gedanken nach, statt mit ihr; statt mit ihnen zu reden. Natürlich dachte ich einzig und alleine an James. Im Geiste wiederholte ich die Worte des Arztes.
Wiederbelebung. Blutverlust. Leberriss. Milzriss. Durchbohrte Lunge. James´ Zustand war noch immer unwirklich. Wie hart musste jemand zuschlagen oder treten, um Organe zum Reißen und Rippen zum Brechen zu bringen? Mir schauderte es, als ich mir vorstellte, wie die Killer sich um James rangen, ihn dämonisch und süffisant angrinsten und über ihn lachten, während er ihnen hilflos ausgeliefert war. Sie alle waren keine Menschen, sondern grausame Monster aus der Hölle.
„Holly?“ Erschrocken zuckte ich zusammen, als Olivias Stimme an meine Ohren drang. Verwundert sah ich sie an.
„Der Arzt ist hier“, flüsterte sie mir zu. Ihre Miene war unergründlich, aber ich hatte jetzt keine Nerven, um mich weiter mit ihrer Laune zu beschäftigen. James´ Arzt war hier, um mich abzuholen.
„Miss Dugan, ich…“ sagte er, doch ich hörte nicht zu. Blitzschnell und durch den Verband etwas unbeholfen schlug ich die Bettdecke zur Seite, schwang meine Beine über die Bettkante und stellte mich hin. Linda schaute mich sorgenvoll an.
„Ich wollte Sie zu Ihrem Verlobten bringen“, erklärte er mir mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht.
Na endlich, dachte ich erleichtert und erwiderte sein Lächeln. Ich war überglücklich. Dieser Mann würde mir meinen größten Wunsch erfüllen: James wiederzusehen.
„Ich fände es besser, wenn du nicht gehen würdest, Holly.“ Im ersten Augenblick dachte ich, dass Linda mit mir geredet hatte. Als ich mich jedoch umwandte, bemerkte ich Olivia, die kerzengerade im Zimmer stand und mich streng ansah.
„Wie bitte?“ Meine Stimme überschlug sich beinahe.
„Du solltest dich selbst erstmal erholen, bevor du James besuchen gehst“, meinte sie wie selbstverständlich.
Ich wusste, dass sie mich absichtlich hier behalten und mich auf keinen Fall zu James gehen lassen wollte.
„Du hast mir nichts zu sagen“, fauchte ich.
Dann drehte ich mich wieder um und ging auf den Arzt zu. Das ich nun sowohl Jamie, als auch Olivia angeschnauzt und verärgert hatte, war mir völlig Schnuppe.
„Wir können gehen“, sagte ich lauter, als beabsichtigt. Der Arzt nickte kaum merklich und ließ mir den Vortritt.

Wir standen vor der Tür mit der Nummer 350. Der lange, weiß gestrichene Korridor war mir bekannt, denn ich befand mich auf der Intensivstation. Erst vor wenigen Monaten war ich hier gewesen, nachdem James die Kugel aus der Schulter herausoperiert worden war. Erneut hatte ich mir mehr als gründlich die Hände gewaschen und trug einen grässlichen, dunkelgrünen Kittel.
„Sie können jetzt reingehen, Miss Dugan.“ Der Arzt hatte bereits die Hand auf die Klinke gelegt, als er innehielt. „Aber bitte verhalten Sie sich ruhig“, schärfte er mir ein.
„Das werde ich“, versprach ich ihm sofort. Daraufhin öffnete er die Tür und gemeinsam betraten wir das Zimmer.
Mein Blick fiel direkt auf das Fenster, das der Tür gegenüber lag. Die hellblauen Vorhänge waren zugezogen worden. Kaum hatte ich einen Fuß ins Zimmer gesetzt, da hörte ich ein nervtötendes, sich wiederholendes, zischendes Geräusch.
Was war das? Ich versuchte es zu ignorieren, aber es war schier unmöglich. Wieso war ich nicht taub? Für zwei Sekunden dachte ich, dass es besser wäre umzudrehen und wegzulaufen. Dann müsste ich zumindest dieses Geräusch nicht mehr ertragen.
Doch sogleich bereute ich meinen Gedanken. Ich war wegen James hier und nicht, um gleich wieder abzuhauen. Also bemühte ich mich noch einmal, das Zischen zu vergessen und ging um die Ecke, die die Sicht auf James verdeckte.
Wie angewurzelt blieb ich an Ort und Stelle stehen. Mein Körper bebte so stark, dass es aussah, als tanzte ich einen Boogie. Ich blinzelte mehrmals, da ich mir nicht sicher war, ob das Bild, das sich mir bot, nicht doch nur eine Halluzination war. Aber es war echt.
James lag starr in seinem Bett und hatte die Augen geschlossen. Durch den rechten Arm bekam er eine Infusion und dazu hing er an einem…einem…Beatmungsgerät. Daher stammte also das unentwegte Zischen. Jetzt wurde mir bewusst, dass es das Geräusch von einziehender Luft war. Gedankenverloren schlug ich eine Hand vor den Mund. Mir stockte der Atem.
James war leichenblass, dadurch traten seine blauen Venen deutlich hervor. Er sah einfach schaurig aus.
Hatte der Arzt nicht gesagt, dass es ihm gut gehen würde? Mein Kopf schnellte augenblicklich zum Arzt herüber. Vorwurfsvoll und böse funkelte ich ihn an. Wie hatte er behaupten können, dass es James gut ging, wenn er doch an einer Beatmungsmaschine hing? Was war er denn für ein Arzt?
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sehen blass aus“, fragte er mit einer Sorgenfalte auf der Stirn.
„Sie fragen mich allen Ernstes, ob alles in Ordnung ist?“ Aufgebracht schnaubte ich und verengte meine Augen zu Schlitzen. Er wirkte irritiert.
„Was…“
„Sie haben mir gesagt, dass es ihm gut geht; dass er die Operation gut überstanden hätte“, brüllte ich. Ich spürte, wie eine unglaubliche Hitze meinen Körper befiel.
„Sprechen Sie leiser, Miss Dugan“, bat er und legte einen Finger an seine Lippen. „Mir ist bewusst, dass diese Situation beängstigend und ungewohnt für Sie ist, aber ich versichere Ihnen, dass es Ihrem Verlobter gut geht“, redete er beruhigend auf mich ein.
„Aber die Maschine…“, stammelte ich.
„Die Beatmungsmaschine ist nur vorübergehend notwendig. Seine Atmung ist durch die Verletzung seiner Lunge stark eingeschränkt und erschwert. Sie dient momentan nur zur Unterstützung“, erklärte er mir in aller Seelenruhe, obwohl ich ihn angeschnauzt hatte.
„Es tut mir leid, dass ich die Fassung verloren habe“, sagte ich beschämt und klemmte mir verlegen die Haare hinter die Ohren.
„Das macht doch nichts, Miss Dugan“, erwiderte er verständnisvoll. „Ich weiß, wie schwer das für Sie sein muss.“ Und wie schwer es für mich war. James im Krankenhaus an einer Beatmungsmaschine hängen zu sehen, war für mich eine Katastrophe, wenn nicht sogar der Weltuntergang.
„Ich werde Sie nun alleine lassen“, meinte der Arzt nach minutenlangem Schweigen. Unfähig irgendetwas zu sagen oder zu tun, verharrte ich in meiner Position und antwortete ihm nicht. Ich war körperlich zwar anwesend, aber geistig war ich ganz weit weg. Ich nahm überhaupt nicht wahr, dass der Arzt das Zimmer verließ.
Wie in Trance ging ich langsam auf James zu. Ich hatte das Gefühl mich in Zeitlupe zu bewegen. Ich schnappte mir einen Stuhl, der für Besucher bereit gestellt wurde und setzte mich nahe ans Bett heran.
Das Geräusch der Maschine war unerträglich. Ich spielte mit dem Gedanken mir die Ohren zuzuhalten, doch ich ließ es. Panisch blickte ich James an. Ihn schwach und halbtot vor mir zu sehen, war eine Qual für mich. Die Schmerzen in meinem Herz trieben mir die Tränen in die Augen. Es schien, als zerre jemand daran und versuchte, es zu zerreißen.
Ich hob meine rechte Hand und wollte ihn anfassen, aber mitten in der Bewegung hielt ich abrupt inne. Meine Hand zitterte, als ich sie wieder zurückzog. Ich konnte ihn nicht berühren, zu groß war meine Angst, dass ich ihn verletzen oder gar töten könnte. Vielleicht war meine Angst übertrieben, aber ich wollte kein Risiko eingehen.
Ich verstand zu wenig von Medizin, um zu wissen, was ich im Ungang mit James tun durfte und was nicht.
Also saß ich auf dem unbequemen Plastikstuhl und sah ihn an. Ich beobachtete seinen Brustkorb, der sich dank der Beatmungsmaschine regelmäßig hob und senkte. Seine Lider bewegten sich leicht, sodass ich glaubte, dass James jeden Moment die Augen aufschlug. Wie gebannt starrte ich ihn an und hoffte, dass er bald sein Bewusstsein wiedererlangte.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich bereits bei James war, als ich aus den Augenwinkeln bemerkte, dass die Tür geöffnet wurde und der Arzt eintrat. Im Schlepptau hatte er Jamie und Olivia, die im Flur warteten.
Neugierig versuchten sie einen Blick ins Zimmer, genauer gesagt auf James, zu erhaschen. Ich ignorierte sie und konzentrierte mich nur auf meinen Freund.
„Miss Dugan?“ Die barsche Stimme des Arztes vibrierte förmlich in meinen Ohren. Ich reagierte nicht.
„Miss Dugan“, sagte er eindringlich und legte eine Hand auf meine Schulter.
„Sie müssen jetzt leider gehen. Sowohl Ihr Verlobter, als auch Sie brauchen unbedingt Ruhe.“ Ich schnaubte. Was er sagte interessierte mich nicht. Ich würde nicht gehen. Ich würde bei James bleiben.
„Bitte komm jetzt mit uns, Holly“, schaltete Olivia sich plötzlich ein. „Du solltest noch etwas schlafen.“ Ich bewegte mich keinen Zentimeter. Mir fiel im Traum nicht ein, James zu verlassen.
„Holly!“, brüllte mein Onkel erbost. Jamies miese Laune hatte mir gerade noch gefehlt. Wieso mischte er sich auch in alles ein? Wieso mischten sich alle beide ein?
Auf einmal sah ich, wie mein Onkel durch das Zimmer auf mich zugeschritten kam. Ich meinte, dass seine Gesichtszüge für eine Sekunde entgleisten, als er James schwerverletzt im Bett liegen sah.
„Wir gehen“, meinte er bestimmt und packte mich grob an den Oberarmen.
„NEIN“, kreischte ich aggressiv und schlug wie wild um mich. „Ich gehe hier nicht weg. Ich bleibe bei James. Ich kann ihn nicht alleine lassen. ER BRAUCHT MICH!“

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